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Swasiland: Auch nach dem Ende der Dürre hungern Menschen

Ende Juli besuchte Enock Dlamini, Direktor unserer swasiländischen Partnerorganisation ACAT, unsere Geschäftsstelle und berichtete über die aktuelle Situation nach der Dürre.

„Die verheerende Dürre vom vergangenen Jahr wurde durch den Zyklon Dineo im Februar gemildert, aber noch immer hungern Menschen“, berichtete Enock Dlamini. „Die Regierung hat ihre Soforthilfe Ende Juni gestoppt – wir aber kümmern uns nach wie vor um Kinder. Bei der Notversorgung mit Lebensmitteln werden die Belange der Kinder oft vergessen. So bekommen Familien z. B. als Soforthilfe einen Sack Mais. Sie essen dann tagelang nur Mais – das führt aber bei Kindern zu Mangelerscheinungen.“

ACAT hat in den Dürregebieten kleine Nachbarschaftskindergärten, sogenannte Neighbourhood Care Points (NCPs), mit Mais, Bohnen und Öl versorgt. Sie werden von Freiwilligen aus der Ortsgemeinde betrieben. 3.000 Kinder, meist Aidswaisen, konnte ACAT auf diese Weise mit einer Mahlzeit am Tag versorgen. Frauen aus der Umgebung bereiten hier abwechselnd das Essen zu, ehrenamtlich. „Für viele Waisen sind sie ein Mutterersatz, denn sie geben ihnen Essen und Liebe“, so Enock Dlamini. „Die Unterstützung der NCPs werden wir fortführen. Die bedürftigen Familien, die wir während der Dürrekatastrophe betreut haben, konnten wir mit den Entwicklungsprogrammen von ACAT vernetzen, so dass sie jetzt die Chance haben, aus der Armut herauszukommen.“

Der Mais in der Badewanne

Um die Lebensmittelknappheit vor allem in den niedrig gelegenen Landesteilen zu stoppen, leitet ACAT die Menschen an, kleine Gärten anzulegen. „Das geht selbst in der Stadt!“ Enock Dlamini zeigte Fotos von einer alten Badewanne, in der meterhoher Mais wächst, und von Autoreifen gefüllt mit Erde, die als Gemüsebeet dienen. Dunkelgrüne Regentonnen aus Plastik oder selbst gemauerte aus Beton fangen das Regenwasser auf, Abwässer vom Kochen eignen sich ebenfalls zum Bewässern.

Die Wetterprognosen für Swasiland machen Mut – Enock Dlamini: „Es soll besser werden als im vergangenen Jahr.“

Volontäre als Aidsaufklärer

Swasiland hat weltweit die höchste HIV-Infektionsrate (28,8 Prozent der 1,3 Millionen Einwohner), und die Menschen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von gerade mal 49 Jahren. „Ich frage einen Jugendlichen nie: Lebst du bei einen Eltern?“, sagte Enock Dlamini. „Die Gefahr ist groß, dass die Eltern des Jugendlichen tot sind und er weinend zusammenbricht.“ ACAT schult freiwillige Helfer, die von Dorf zu Dorf gehen, die Bevölkerung über die Krankheit aufklären und zeigen, wie sie Erkrankte und ihre Angehörigen betreuen können.

Mehr zu unserer Arbeit in Swasiland

„Die Kindernothilfe ist mir ein Herzensanliegen“

Von Gunhild Aiyub, Kindernothilfe-Redakteurin

Lüder Lüers gehört zu den letzten Zeitzeugen der Kindernothilfe-Gründung. Er hat mit unterschrieben, als der Verein ins Leben gerufen wurde. Damals ahnte er noch nicht, dass dies sein ganzes Leben umkrempeln würde. Aus der ehrenamtlichen Vorstandsarbeit wurde schließlich ein mehrjähriger 24-Stunden-Job in Indien. Lüder Lüers hat die frühen Jahre der Kindernothilfe entscheidend mit geprägt. Mit 90 Jahren blickt er zurück.

Auf dem Tisch stapeln sich Fotoalben mit Erinnerungen – manche noch schwarzweiß, teils etwas unscharf, andere in verblichenen Farbtönen. Exotische handgeschnitzte Figuren auf Regalen und in Schränken, Gemälde von fremdländischen Menschen und Landschaften an den Wänden erzählen von einer tiefen Verbundenheit ihres Besitzers vor allem mit der indischen Kultur. Lüder Lüers, Gründungsmitglied der Kindernothilfe und langjähriges Vorstandsmitglied, sitzt in seinem gemütlichen Wohnzimmer und erzählt von früher. Wie alles begann, mit der Kindernothilfe und der Arbeit in Indien. „Als 1959 von Duisburg aus die ersten fünf Patenschaften für Kinder in Indien vermittelt wurden, hatte ich mein eigenes Büro für Gartenbau und Landschaftsplanung und keine Ahnung, dass ich einmal etwas mit diesen Kindern zu tun haben würde.“

Patenschaftsvermittlung am Küchentisch

Die Patenschaften vermittelte damals ein anderer Duisburger, Karl Bornmann. Aufgrund seiner Hunger-Erfahrungen im 2. Weltkrieg wollte er Kindern in Indien helfen. „Aktion Hungernde“ nannte er seine ehrenamtliche Initiative. Die Zahl der Patenschaften wuchs, immer mehr Menschen in Duisburg wollten helfen. Die Arbeit in der Bornmannschen Wohnung uferte aus: Briefe, Berichte und Werbeblätter mussten verfasst und Geld verwaltet werden. Seine Kinder schwirrten per Fahrrad durch die Stadt, um die Post zu verteilen. Es war abzusehen, dass sich dringend etwas ändern musste.

„Im Juni 1960 war ich zum Abendessen bei einem Freund eingeladen“, erinnert sich Lüder Lüers. „Während er die Kinder zu Bett brachte und seine Frau in der Küche Bratkartoffeln machte, saß ich im Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag ein Prospekt von der Aktion Hungernde, in der für Patenschaften geworben wurde. Auf dem Titelblatt standen die Worte aus dem Matthäus-Evangelium, die auch die Kindernothilfe später als Leitworte gewählt hat: ‚Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan‘. Das hat mich direkt angesprochen; meine Familie war im Krieg aus dem Osten geflüchtet und hatte alles Hab und Gut verloren. Ich besuchte Karl Bornmann, und am Ende war ich nicht nur Pate, sondern auch noch Übersetzer. Nach und nach wurde ich immer mehr in die Arbeit eingebunden.“

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Die Gründung der Kindernothilfe

Die Arbeit der Aktion Hungernde weitete sich über Duisburg hinaus aus. Am 7. Januar 1961 verankerten Karl Bornmann, Lüder Lüers und vier weitere Herren ihre Tätigkeiten in einem größeren organisatorischen Rahmen: Sie gründeten den Verein „Kindernothilfe“. Lüers zeigt auf eines der Schwarzweiß-Fotos, die er auf dem Tisch ausgebreitet hat: Sechs ernste, in dunkle Anzüge und Krawatten gekleidete Männer, bis auf Lüers alle älteren Datums, blicken nachdenklich auf die Gründungsurkunde. „Im November 1962 wurde ich in den Vorstand der Kindernothilfe gewählt – ehrenamtlich, wie alle anderen auch. Die Sitzungen von Beirat und Vorstand fanden in Privatwohnungen statt. Es gab noch kein Büro, geschweige denn eine Geschäftsstelle. Die erste hauptamtliche Mitarbeiterin, Edith Brangs, hatte ihren Arbeitsplatz im Dachgeschoss der Druckerei Brendow in Ruhrort.“

„Wer geht denn jetzt nach Indien?“

Anfang 1963 beschloss der Kindernothilfe-Vorstand, dass es an der Zeit sei, in Indien nachschauen, ob die Gelder auch richtig eingesetzt wurden. Inzwischen verwaltete die Kindernothilfe 820 Patenschaften, davon 85 Prozent in Indien. Die beiden Vorstandsmitglieder Lüder Lüers und Adolf Kölle reisten sechs Wochen durch das Land. Vieles, was die Männer zu sehen bekamen, bewegte sie sehr. Manches, besonders die fachliche Ausbildung der Leiter und Mitarbeiter der Schülerwohnheime, in denen die Patenkinder untergebracht waren, war oft nicht überzeugend. „Nach unserer Rückkehr fragten wir uns im Vorstand: Wer geht denn jetzt nach Indien und ändert dort was? Irgendwann schauten alle mich an“, lacht Lüers. „Ich hatte mir die Frage auch schon gestellt, und ich sagte ja.“

Die Kindernothilfe war finanziell nicht in der Lage, einen Mitarbeiter nach Indien zu schicken und dort zu unterstützen. Lüers wurde schließlich über die Organisation „Dienste in Übersee“ als Entwicklungshelfer ausgesandt, um in einem ländlichen Entwicklungszentrum in Deenabandupuram Bewässerungsprojekte durchzuführen. In seiner Freizeit sollte er die Kindernothilfe-Projekte betreuen.

Alles hinzuschmeißen und für Jahre ins Ausland zu gehen, war damals noch ein größeres Wagnis als heute. Doch Lüers‘ Familie und Freunde reagierten positiv. Und auch Karl Bornmanns Tochter Ruth war nicht abgeschreckt, als Lüders Lüers ihr einen Heiratsantrag machte mit der wenig verlockenden Aussicht, mehrere Jahre in einem abgelegen ländlichen Gebiet leben zu müssen. Am 11. Juli 1965 reiste das Ehepaar nach Deenabandupuram, wo es sechs Jahre lang blieb. „Das war nicht einfach für meine junge Frau“, gibt Lüers zu. „Wir wohnten 120 Kilometer nordwestlich von Madras, in einem winzigen Dorf. Der nächste Ort war sieben Kilometer entfernt, wir mussten die Post jeden Tag mit dem Fahrrad dort abholen, es gab keine Zustellung bis zu uns.“

Büroarbeit bei 45 Grad im Schatten ohne Klimaanlage

Lüers reiste sehr viel herum. Er musste im Umkreis von 500 Kilometern 150 Bewässerungsbrunnen bauen. Darüber hinaus war er ständig auf Achse, um die Kindernothilfe-Projekte zu besuchen. „Anfangs ist meine Frau mit mir gefahren, bis sie schwanger wurde. Auch unser zweiter Sohn ist in Indien geboren. Unser Ältester sprach schon mit vier Jahren Tamil, Englisch und Deutsch. Er hat oft für mich übersetzt.“ 1967 eröffnete Lüers auf Bitten der Kindernothilfe in einem Raum seiner Wohnung ein Büro für die stetig wachsende Arbeit des Hilfswerks. „Unsere Mitarbeiter hatten ganz kleine Schreibtische, auf denen nur eine Schreibmaschine Platz hatte. Abends räumten sie die Tische an die Wand und rollten ihre Schlafmatten aus. Schlimm wurde es im Sommer. Wenn man bei 45 Grad im Schatten unter einem Ziegeldach sitzt, ohne Klimaanlage und Ventilatoren, dann läuft einem buchstäblich das Wasser den ganzen Körper herunter.“

Die Kindernothilfe nahm immer mehr Schülerwohnheime in ihr Hilfsprogramm auf. 1969 wurde ihre erste Partnerorganisation gegründet: „Church of South India – Council for Child Care“, Lüers wurde ihr Exekutiv-Sekretär. Das Problem mit den inkompetenten Heimleitungen löste er gemeinsam mit dem neuen Partner: Es wurden Fachdozenten berufen, um alle Leiter und Mitarbeiter in einer zweijährigen Ausbildung zu qualifizieren. Während der 90-Jährige erzählt, Schönes und Schwieriges, Daten, Namen, Orte nennt, als wäre es erst gestern gewesen, hört man eines immer wieder heraus: Er fühlte sich von Gott in diese Aufgabe berufen. Er, der aus einer nazitreuen Familie stammte, war irgendwann ausgebrochen aus dieser kranken Ideologie. Er war Christ geworden und hatte nur noch den Wunsch gehabt, sich für Jesus einzusetzen. Zum Beispiel, indem er dafür sorgte, dass indische  Kinder der Kastenlosen versorgt wurden mit Kleidung, Nahrung, Bildung und einem Dach über dem Kopf. „Und wenn es Probleme gab, hat Gott mir zum richtigen Zeitpunkt Menschen in den Weg gestellt hat, die wir brauchten.“
Lüder Lüers in einem Projekt für gehörgeschädigte Jungen

Immer die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt getroffen

Sein Buchhalter in Deenabandupuram erkrankte an Tuberkulose, und Lüers traf Hunderte Kilometer entfernt einen ihm bekannten Missionar, der nach einer neuen Aufgabe suchte und Buchprüfer war. Ein Presseartikel über das gehörgeschädigte Kindernothilfe-Patenkind von Ministerpräsident Johannes Rau führte dazu, dass der Rektor des Rheinisch-Westfälischen-Berufskollegs, eine der besten Berufsschulen für Hörgeschädigte in Deutschland, zwölf Jahre lang seinen Urlaub in Indien verbrachte und in den Spezialprojekten Lehrer für hörgeschädigte Kinder ausbildete. Einmal traf Lüers zufällig die englische Missionarin Gertrud Hughes, die seit 30 Jahren in Indien arbeitete. Beide waren tief betroffen über die vielen bettelnden, poliogeschädigten Kindern. „Uns wurde schlagartig klar: Wir müssen etwas tun, damit sie eine Schulausbildung bekommen. So ist das erste Polio-Heim in Kanchipuram entstanden. Das sprach sich sehr schnell rum, so dass wir Ende 1990 zwölf solcher Heime in verschiedenen Gebieten Südindiens hatten.“

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Nach sechs Jahren in Deenabandupuram blieben Lüers und seine Familie noch eineinhalb Jahre in Bangalore, wo er, finanziert von Dienste in Übersee, vollzeitlich für den indischen Kindernothilfe-Partner tätig war. Im Frühjahr 1973 kehrten sie nach Deutschland zurück. Die Kindernothilfe hatte inzwischen ihre eigene Geschäftsstelle in Duisburg-Buchholz bezogen, Projekte in weiteren Ländern waren hinzugekommen, die Zahl der Patenkinder belief sich auf rund 14.600. Lüder Lüers wurde stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Er knüpfte Kontakte zu Partnern in anderen Ländern und sorgte dafür, dass neue Projekte aufgenommen und die Arbeit immer weiter qualifiziert wurden. Ende Oktober 1991 ging er in Rente. Wenn man einen Verein gegründet und viele Jahre begleitet hat, hat man sicherlich ein ganz besonderes Verhältnis zu der Arbeit. Aber Lüers stellt klar: „Das ist nicht meine Kindernothilfe. Sie ist mir ein Herzensanliegen, aber sie hat das Recht und muss sich auch anders entwickeln als zu meiner Zeit.“

Erfolgreiche Patenschaften

Die Spuren vieler ehemaliger Patenkinder verfolgt er bis heute. Mit Stolz erzählt er die Geschichten, was aus diesem und jenem Kind geworden ist. Vor Jahren hat er wochenlang Indien und Äthiopien bereist und diese Geschichten aufgeschrieben. „Ein Mädchen aus einem Heim in Indien ist heute Ausbilderin für Krankenschwestern in London und finanziert ihre ganze Familie. Andere sind Dozenten und Professoren, Ärztinnen, Pfarrer, IT-Experten, Tischler, Schneiderinnen geworden. Sie können sich und ihre Familien ernähren und helfen jetzt ihrerseits vielen anderen Menschen. Ich wünsche der Kindernothilfe, dass sie ihrer Berufung treu bleibt und Not leidende Kinder und ihre Familien stark macht, damit sie ihre gottgegebene, menschengerechte Zukunft finden und die Hilfe, die sie selbst bekommen haben, weitergeben können.“

 

Haiti: Die Kinder können wieder lachen

Zweieinhalb Monate nach Hurrikan Matthew erreichen uns gute Nachrichten aus Artinbonite in Haiti. Die Kinder in unseren Schutzzentren leben auf – und die Dorfbewohner sind begeistert. Unsere Partnerorganisation Amurt berichtet:

Rund 1.200 Kinder erreichen wir jeden Tag in unseren sechs Kinderschutzzentren, nur am Sonntag machen wir Pause.  In den Dörfern Coridon, Point des Mangles, Magazen, Las Caohn, Savannes Naje und Gran Savan kommt das Betreuungsangebot gut an. Diese ländliche Region wurden besonders schlimm von dem Unwetter betroffen.

Platz haben die Kinderschutzzentren in den örtlichen Schulen gefunden, die wir gemeinsam wieder hergerichtet haben. Hier können die Kinder spielen, musizieren, tanzen und Sport treiben. Außerdem spielen wir gemeinsam Theater und erzählen Geschichten. Ab Januar wollen wir sogar Yoga anbieten.

Ein Platz zum Fröhlichsein: Kinderschutzzentren in dem Teil Haitis, den Hurrikan Matthew besonders verheert hat

Ein Platz zum Fröhlichsein: Kinderschutzzentren in dem Teil Haitis, den Hurrikan Matthew besonders verheert hat

Das Essen für die Kinder kommt von lokalen Händlern und Bauern. Das Trinkwasser bringen Lastwagen herbei, aufbewahrt wird es in großen Plastiktanks. In drei  der Dörfer errichten wir nahe den Kinderschutzzentren insgesamt sechs öffentliche Toiletten, die auch von den Dorfbewohnern genutzt werden können – vorher gab es überhaupt keine Sanitätseinrichtungen dieser Art.

Die Betreuer kommen alle aus den Ortschaften selbst. Sie werden von uns zweimal im Monat geschult und kontinuierlich begleitet. Alle Betreuer zeigen großen Einsatz und leisten wirklich gute Arbeit.

Die Dorfgemeinschaften sind ausgesprochen begeistert von dem Angebot der Kinderschutzzentren. Allen ist klar, wie gut der Einfluss auf die psycho-soziale Entwicklung der Kinder ist. In Befragungen der Kinder und ihrer Eltern konnten wir große Fortschritte seit der Katastrophe feststellen: Die Kinder sind merklich gesünder und fröhlicher. Sie spielen und singen Lieder, die sie im Schutzzentrum gelernt haben. Auch Lehrer und Schuldirektoren betonen den positiven Effekt der Nachmittagsbetreuung im Projekt.

Wir sind sehr zufrieden mit den bisherigen Erfolgen. Gemeinsam haben wir viel erreicht, auch dank der Spenden aus Deutschland. Das macht uns zuversichtlich, dass wir mit unserer weiteren Arbeit dauerhaft viel erreichen können.

Alice im Wunderland als Kinder-Musical

Das Kinder-Musical "Alice im Wunderland": jetzt in Berlin in 22 Weihnachtsaufführungen zu sehen

Das Kinder-Musical „Alice im Wunderland“: jetzt in Berlin in 22 Weihnachtsaufführungen zu sehen

Die „Action!Kidz – Kinder gegen Kinderarbeit“ und das Kinder-Musical-Theater Berlin machen gemeinsame Sache: Zwischen dem 9. und 28. Dezember sind die Action!Kidz bei einigen Aufführungen von Alice im Wunderland in der Urania Berlin dabei und informieren die Musical-Besucher darüber, was man gegen ausbeuterische Kinderarbeit tun kann.

Und was passiert im Musical selbst? Mit der Premiere von „Alice im Wunderland“ entführt das Kinder-Musical-Theater Berlin Kinder und Erwachsene in eine musikalische Zauberwelt. Über 120 Kinder und Jugendliche besingen und ertanzen diese Wunderwelt in ihrer 11. Produktion.

Worum geht es? Das weiße Kaninchen führt Alice in das sagenhafte Wunderland, um den von der roten Königin unterdrückten Bewohnern zu helfen. Aber das Kaninchen muss sich etwas Außergewöhnliches  einfallen lassen, um Alice zu sich zu holen: Es programmiert dafür ihr Smartphone.

Ihr Smartphone? Ja, und es gibt noch viele weitere wunderbare Helfer in diesem modern erzählten Märchen. Mehr erfahrt ihr unter www.kinder-musical-theater-berlin.de.

Haiti: Matthew und die vergessenen Orte

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut. (Alle Fotos: J. Schübelin)

(Anse-Rouge, Coridon – Nordwest-Haiti, 17.-19.10.2016) In jeder Katastrophe gibt es sie: die vergessenen Orte. Meistens Dörfer, manchmal ganze Landstriche. Keine Journalisten schaffen es bis hierher. Keine Fernsehkameras dokumentieren das Leid der Menschen. Niemand berichtet nach außen, was geschehen ist, und keine internationalen Helfer finden den Weg, geschweige denn irgendwelche Vertreter der eigenen Regierung.

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zurzeit in Haiti

Coridon ist so ein vergessener Ort. Ein Fischerdorf an der öden, kahlen Küste im Norden des Department Artibonite. Vor der Hurrikan Matthew-Katastrophe war dieser Landstrich die ärmste Region Haitis. Und jetzt? Jetzt ist sie die vergessendste. Die Menschen von Coridon und den ebenso heimgesuchten Nachbardörfern bis hinauf nach Anse-Rouge haben das unsägliche Pech, dass Matthew an der Südküste Haitis in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober den dramatischeren Auftritt hingelegt hat, die Küstenorte dort mit unglaublicher Wucht regelrecht zerfetzte. Seither ist das, was es an ohnehin sehr bescheidener internationaler und nationaler Aufmerksamkeit gibt – oder gerade noch gibt –, auf diesen Teil Haitis, den Süden, fokussiert.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Im Nordwesten, in Coridon, war es nicht der Wind. Hier tobten meterhohe Brecher und der Regen. Tagelanger extremer Starkregen, so wie er sich nur an den Rändern gewaltiger Hurrikan-Systeme bilden kann. Zuerst zerstörten die Meereswellen die Häuser und Hütten der Menschen entlang der Küstenlinie, dann kamen aus den Bergen die Schlamm- und Geröllmassen, riesige Mengen an Wasser: „Es war so laut wie Donner“, sagt Madame Claudine, „wir dachten alle, jetzt werden wir ins Meer geschwemmt.“

Mais, Bohnen, Gemüse wurden wie mit einem Hochdruckreiniger weggeschwemmt

Niemand hier an dieser Küste hat so etwas schon einmal erlebt. Keine der vorausgegangenen Hurrikan-Katastrophen war so verheerend wie diesmal Matthew.

Die gewaltigen Regenmengen zerstörten zuerst die Felder und die Gärten der Kleinbauern an den Berghängen, wuschen die dünne Erdkrume mit allem darauf Gepflanztem – Mais, Bohnen und ein bisschen Gemüse – wie unter einem Hochdruckreiniger weg. Unten im Tal vernichteten die Schlamm- und Wassermassen dann innerhalb von wenigen Stunden das, was die Menschen aus Coridon in Generationen aufgebaut hatten: ihre Salinen.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Drei Viertel des Salzes, das in Haiti konsumiert wird, kam aus diesen Salinen. Achtzig Prozent der Menschen in diesem Landstrich lebten von der Salzerzeugung. Produziert wurde nach einer archaischen, jahrtausendealten Methode, bei der jede Familie ein eigenes Salzbecken bewirtschaftet, dort das eingeleitete Meerwasser verdunsten lässt und dann die Salzkristalle aberntet. Knochenarbeit bei sengender Hitze.

Die Salinen von Coridon sind Geschichte

Auf googlemaps gibt es die Salinen von Coridon immer noch. Aus dem All sehen sie vergrößert aus wie ein kunstvoll ineinander gefügtes Mosaik – mit Steinchen in vielen verschiedenen Farben. Aber dieses Bild ist Geschichte.

http://www.maplandia.com/haiti/artibonite/coridon

 Matthew hat diese gesamte Salinen-Landschaft in eine trostlose, graue und braune Einöde verwandelt. Die kleinen Deiche, die die verschiedenen Becken voneinander trennten, sind zerstört, die Salinen unter Tonnen von Schlamm und Wasser begraben.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

 

Die Fischer aus dem Dorf hat es nicht weniger hart getroffen. Die meisten ihrer Boote wurden durch die meterhohen Wellen beschädigt oder ganz zerstört, Netze, Reusen, Segel vernichtet.

Die ersten Menschen sterben an Cholera

Aber das größte Problem für die Menschen in Coridon und seine Nachbardörfer ist seit zwei Wochen das fehlende Trinkwasser. Eine Wasserleitung aus den Bergen, im Rahmen eines anderen Humanitäre-Hilfe-Projektes gebaut, wurde einfach weggerissen. Jetzt versuchen sich die Menschen dadurch zu helfen, dass sie mit aneinandergefügten Wellblechresten etwas Regenwasser auffangen. Fast jede Nacht hat es in der zurückliegenden Woche extrem stark geregnet. Noch immer steht das Wasser im ganzen Dorf. Drei Personen seien an der Küste von Artibonite in den vergangenen Tagen an Cholera gestorben, berichtet ein Polizist aus Anse-Rouge. Überprüfen lässt sich das nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Und, als wäre dieses Panorama noch nicht apokalyptisch genug, das Karibische Meer hat sich im Golf de la Gonâve in der Hurrikan Matthew-Nacht bitterlich an den Menschen gerächt und Tonnen von erbärmlich stinkendem Müll, vor allem Plastikflaschen und Styroporreste, auf den Strand zurückgeworfen.

Überall auf der Welt entwickeln die Überlebenden unterschiedliche Formen, um mit derartigen Katastrophen umzugehen. In Coridon wollen sie alle fotografiert werden. Jede Familie vor ihrem zerstörten Haus, mit den Kindern, den beschädigten Boote, den vernichteten Salinen. Als ob die Kamera irgendetwas wiedergutmachen könnte. Aber vielleicht ist es einfach die Hoffnung, dass die Welt außerhalb doch davon erfährt, was hier geschehen ist.

Hilfe zuerst für die Kinder

Lenoix, der Agraringenieur der Kindernothilfe-Partnerorganisation AMURT, hat es geschafft, inmitten des Chaos eine Gemeindeversammlung einzuberufen. Behutsam erläutert er, wie die Kinderzentren, die child friendly spaces, mit denen AMURT in dieser Woche startet, funktionieren werden. Er erklärt, wie sehr es darauf ankommt, dass alle Familien mithelfen, zuerst die Kinder versorgen zu können. Mit den Kindern anzufangen, darin sind sich alle Teilnehmer der Versammlung einig, das ist ganz wichtig, aber dann müssten auch die alten Menschen, die schwangeren Mütter und die Frauen, die den ganz kleinen Babys noch die Brust geben, drankommen. Lenoix versichert der Runde, dass AMURT ihren Rat beherzigen werde.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar - die Kinder werden zuerst versorgt.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar – die Kinder werden zuerst versorgt.

Mit den Frauen aus den Kindernothilfe-Selbsthilfegruppen (groupes d’entraide) hat er bereits gesprochen. Sie, die ebenfalls alles verloren haben, werden die Zubereitung der Mahlzeiten für die Kinder übernehmen und für ihre Arbeit bezahlt werden – cash for work nennt sich dieses Prinzip, durch das es möglich sein wird, die betroffenen Familien mit etwas Barmitteln auszustatten.

Chance für eine bessere Salzproduktion

Die allergrößte Herausforderung besteht jedoch darin, mitzuhelfen, so schnell wie irgend möglich die Salzproduktion wieder in Gang zu bringen, die Salinenbecken vom Schlamm und Regenwasser zu befreien und die Trenndeiche wieder aufzubauen. „Vielleicht haben wir ja eine Chance“, sagt Demeter Russafov, der Haiti-Landesdirektor von AMURT, „inmitten dieser Katastrophe einige der Familien davon zu überzeugen, die Salzfelder diesmal anders anzulegen, mehrere, miteinander verbundene Becken gemeinsam zu bewirtschaften und dadurch Salz in besserer Qualität zu erzeugen.“ Demeters Enthusiasmus steckt an, einige interessierte Familien hat er bereits gefunden.

Für Madame Claudine vor ihrem zerstörten Haus am Strand gibt es noch eine andere Priorität: „Helft mir bitte“, sagt sie beim Abschied, „wieder ein Dach zu haben, unter dem meine Kinder und ich schlafen können.“

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.

„Die Leidenschaft, für Kinder zu arbeiten – das verbindet uns!“

Projektreise Südafrika: Austausch zwischen deutschen und südafrikanischen Ehrenamtlichen bei DurbanVon Niklas Alof, Referat Bildung und Öffentlichkeitsarbeit, zurzeit mit Kindernothilfe-Ehrenamtlichen auf Projektbesuch in Südafrika

Es ist der dritte Projektbesuch unserer Reise. Wir sind in unserem kleinen Bus auf dem Weg in eine ländliche Region namens Umbumbulu, ca. 45 Kilometer außerhalb von Durban. Es regnet und ist erstaunlich kalt, auch machen sich die vielen Eindrücke der letzten Tage bemerkbar, die auf uns eingeprasselt sind.

Die Stimmung ist nicht mehr ganz so euphorisch wie an den Tagen zuvor. Besonders die große Ungleichheit, die einem in Südafrika begegnet, geht vielen von uns wirklich nah. Einerseits sieht man prachtvolle Straßenzüge und Villen, hat eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur und bestaunt tolle Landschaften. Andererseits kommt man innerhalb weniger Minuten, weniger Kilometer in Gebiete, die man zwar aus Berichten und Bildern kennt, deren reale Existenz aber überwältigend ist. Die Armut und Ausgrenzung, die die Menschen in den Townships und den ländlichen Regionen erfahren ist, krass. Manche leben in kleinen vom Staat finanzierten Steinhäusern, andere bauen sich aus Wellblech und anderen Behelfsmitteln kleine Hütten. Es gibt manchmal Strom über Solaranlagen, Toiletten sind teilweise auch zu erkennen. Es sind Dixi-Klos oder selbstgebaute Hütten.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir bei einer kleinen Schule an; ein Mitarbeiter des Kindernothilfe-Partners Sinani empfängt uns und führt uns in einen Raum, in dem eine 15-köpfige Gruppe von ehrenamtlichen Community Childcare Workers (vergleichbar mit Jugendarbeitern) auf uns wartet. Langsam treten wir ein, die sprachlichen und kulturellen Hürden lassen sich nicht leugnen, alle sind etwas schüchtern und warten ab. Wir setzen uns in einen großen Kreis, begrüßen einander und stellen uns vor. Alles wirkt leicht steif und zurückhaltend. Nach ein paar offiziellen Worten der Begrüßung von beiden Seiten können Fragen gestellt werden. Jetzt wird die Runde lebhaft – von unserer Seite kommen viele Fragen: Welche Hauptprobleme begegnen euch bei der Arbeit mit den Kindern? Wie kommt ihr mit den Eltern in Kontakt, wie kooperieren diese? Wie viele Haushalte werden von Kindern geführt? Wie vereinbart ihr eure ehrenamtliche Arbeit mit euren anderen Jobs und Aufgaben?

Projektreise Südafrika: gelegenheit zum intensiven Austausch mit südafrikanischen Ehrenamtlichen

Gelegenheit zum intensiven Austausch mit südafrikanischen Ehrenamtlichen

Die Erfahrungen der ehrenamtlichen Mitarbeiter beeindrucken und machen betroffen

Die Gewalterfahrungen der Kinder sind so vielfältig, dass man sie kaum aufzählen kann, hören wir aus den Antworten. „Gewalt in der Familie und der Großfamilie, in der direkten Umgebung, es gibt sehr gefährdete Kinder in den Communities, viele wurden durch HIV und Aids zu Waisen“, zählen die Jugendarbeiter auf. Aids und seine Folgen sind ein riesiges Arbeitsfeld für die freiwilligen Mitarbeiter. „Ich machte einen Hausbesuch bei einer Familie“, berichtet eine Ehrenamtliche, „und treffe dort auf 15 Waisenkinder, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte.“ In diesem Gebiet werden schätzungsweise nahezu ein Drittel der Haushalte von Kindern geführt. Eine unvorstellbare Zahl! Viele der Kinder haben – auch aufgrund ihrer kulturellen Erziehung – nicht gelernt, ihre Gewalt- und Verlusterfahrungen zu verarbeiten. Manche können durch die Jugendarbeiter erstmals eine enge Beziehung aufbauen und über ihre Trauer und Probleme sprechen. Dabei gehen die Sinani-Ehrenamtlichen sehr vorsichtig vor. Keines der Kinder soll dadurch stigmatisiert werden, dass es sich öffnet und seine Probleme aufzeigt. Auch soll diese Offenheit nicht zu Konflikten mit den Eltern führen. So besuchen die Jugendarbeiter auch immer wieder die Eltern, berichten von ihrer Arbeit, versuchen sie zu überzeugen.

Die Eltern begegnen den Ehrenamtlichen anfangs mit großer Skepsis. Es erfordert Offenheit und Mut, dem eigenen Kind zu mehr Freiheit und Selbstbewusstsein zu verhelfen. „Aber“, so berichten sie, „der nachhaltige Erfolg überzeugt dann doch viele von ihnen. Die Kinder werden besser in der Schule, entwickeln sich gut, blühen auf. Auch bekommen sie durch die Betreuung eine Mahlzeit – nicht zuletzt eine gute Art, Eltern zu überzeugen.“

Die Sinani-Jugendarbeiter verbinden ihre ehrenamtliche Arbeit mit all ihren anderen Jobs, ihrer eigen Familie, ihren eigenen Aufgaben. Sie sagen, dass sie sich Schlupflöcher suchen, in denen sie ihre Arbeit machen können, sei es auch ein Samstag.

Die Kinder haben viel Spaß und sind blühen auf.

Die Kinder haben viel Spaß und sind blühen auf.

Tausende Kilometer voneinander entfernt und doch eine gemeinsame Vision

Eine Mitarbeiterin spricht aus, was alle Anwesenden verbindet: „Man braucht Leidenschaft, um sich für hilfsbedürftige Kinder einzusetzen. Das ist kein einfacher Job – es ist eine Aufgabe, die Leben verändern kann!“ Ein toller Moment für alle, die hier zusammensitzen, denn wir sehen, wir leben zwar Tausende von Kilometern voneinander entfernt und doch haben wir die gemeinsame Vision: Lasst uns Kinder zu ihren Rechten verhelfen!

Die Stimmung ist mittlerweile viel lockerer, es entsteht ein reger Austausch. Auch wir können berichten, welche Arbeit in Deutschland ehrenamtlich geleistet wird. Wie wir immer wieder Menschen davon überzeugen wollen, sich für andere einzusetzen. Wie wir immer wieder Menschen bewegen möchten, über ihren eigenen Tellerrand zu schauen. Das verbindet, und es ist toll zu wissen, dass es diese Verbindung quer über die halbe Erdkugel gibt.

Die Kindernothilfe-Ehrenamtlichen bei ihrem Projektbesuch.

Die Kindernothilfe-Ehrenamtlichen bei ihrem Projektbesuch.

Es werden nun fleißig Selfies und Fotos jeder Art gemacht. Wir stehen zusammen, unterhalten uns irgendwie auf Englisch, Zulu und Deutsch, manche übersetzen. Ein toller Spirit macht sich breit! Dafür sind wir da. Wir wollen direkt erleben, wie die Arbeit vor Ort läuft. Wir wollen sehen, welche Menschen dahinter stecken. Und das passiert ganz wunderbar an diesem kalten und regnerischen Tag in der Nähe von Durban: Wir verstehen einander, wir stärken und motivieren uns. Für Kinder. Weltweit.

Nepal Stories VI: Phönix aus der Asche

Ein Haufen Schutt und Asche. Viel mehr war von der Setidevi Sharada Sekundarschule nach den Erdbeben im letzten Jahr nicht übrig. Jetzt steht die Schule wieder – und natürlich hat sie sich nicht von selbst aus den Trümmern erhoben, wie ein Phönix aus der Asche. Unser Partner AMURT hat da kräftig mitgemischt…

Nepal: Im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt. Trotzdem hat die Übergangsschule in Lamo Sanghu ihren Zweck erfüllt.

Im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt. Trotzdem hat die Übergangsschule in Lamo Sanghu ihren Zweck erfüllt.

Die Erdbeben, die Nepal im April und Mai letzten Jahres erschütterten, waren ein Schock für die Kinder und alle anderen Menschen der Region. Die Infrastruktur war zerstört, kaum eine Schule stand noch. Und nur langsam kam die Bildung in den Dörfern des Bergstaates wieder in Fahrt.

Im Falle der Setidevi-Schule in Lamo Sanghu gab es für die vielen Schüler zunächst einmal bloß behelfsmäßige Lernstätten: Einfache Wellblechhütten oder auch Zelte, in denen das Lernen oft schwerfiel. „Im Sommer war es viel zu heiß“, erinnert sich Sonu Pahari, eine Viertklässlerin. „Und in der Monsunzeit hat es ständig reingeregnet – doch am schlimmsten war der Winter: Da sind wir alle zu Eiszapfen gefroren.“

Sicher lernen – und Schulessen gibt es auch!

Für unseren Partner AMURT war klar, dass die Kinder endlich wieder eine richtige Schule brauchten. Auf dem Gelände mussten zuerst die Trümmer der zwei alten Schulgebäude weggeschafft werden – AMURT baute von Grund auf neu. Bis April diesen Jahres dauerten die Bauarbeiten, dann konnte die neue Schule eröffnet werden.

Nepal: Das neue Schulgebäude ist hier in der Bibliothek sogar mit Teppichboden ausgestattet - damit die Kinder nicht mehr frieren müssen.

Das neue Schulgebäude ist hier in der Bibliothek sogar mit Teppichboden ausgestattet – damit die Kinder nicht mehr frieren müssen.

„Endlich kann ich wieder in einer sicheren Umgebung lernen – ganz ohne Angst!“, sagt Sonu Pahari dazu. Das stimmt: Die neu errichtete Schule ist weitaus stabiler als ihr Vorgänger, der dem Erdbeben zum Opfer fiel. Und gemütlicher ist es auch geworden: AMURT liefert tägliches Schulessen für die über 300 Schulkinder, stattete die Räume der unteren Schulklassen mit Teppichen aus – und auch Taschen und jede Menge Papier gab es für die Kinder.

„AMURT hat uns geholfen, aus Schutt und Asche wiederaufzustehen“, sagt Schulleiter Basu GC dankbar. „Nun liegt es an uns, auch in Sachen Bildung zurück zu alter Stärke zu finden.“

Der ganze Stolz des Dorfes: die neue Schule in Lamo Sanghu in Nepal

Der ganze Stolz des Dorfes: die neue Schule in Lamo Sanghu in Nepal

Nepal Stories V: Volkstheater mit Lerneffekt

Mehr als Schauspiel: Straßentheater als Appell an die Zuschauer

Mehr als Schauspiel: Straßentheater als Appell an die Zuschauer

Plötzlich wird die Straße zur Bühne. Die Menschen bleiben stehen, sind wie gebannt – und kommen dabei ins Grübeln. Was sie so fesselt, sind Geschichten aus ihrem Alltag. „Als würde ich einem Nachbarn beim Streit mit seiner Frau zugucken“, sagt eine Zuschauerin staunend. Die Schauspieler sind Künstler, aber auch Schüler. Ermuntert und bei ihren Aufführungen begleitet hat sie unser Partner AMURT.

Zwanzig Schulkinder der Setidevi-Sekundarschule in Pangretar begeistern die Dorfbewohner seit einigen Monaten immer wieder mit ihren selbstgeschriebenen Stücken. Im ihrem neuen Theaterstück geht es um eine ganz normale Familie. Der Sohn darf die Schule besuchen, die Tochter muss im Haushalt helfen und wird viel zu früh verheiratet. Da sie keine Mitgift hat, wird sie von ihrer Schwiegermutter terrorisiert. Als sie schließlich ein Kind bekommt, stirbt sie bei der Geburt.

Schüler bei einer Theateraufführung im Dorf Pangretar: „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden!"

Schüler bei einer Theateraufführung im Dorf Pangretar: „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden!“

Die tragische Geschichte lässt die Zuschauer bei der Aufführung Mitte Juni tief beeindruckt zurück. „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden“, findet etwa Bipana Roka, eine Achtklässlerin. „Keine Schule, jung heiraten und dann auch noch geschlagen werden – das geht nicht!“ Tatsächlich hat das Theaterstück auch lustige Momente und regt so gleichermaßen zum Lachen und Weinen an – vor allem aber zum Denken. Schließlich sind im Dorf und auch unter den Eltern und Kindern der Setidevi-Schule viele der angesprochenen Probleme noch immer an der Tagesordnung. Das Kinderrechte-Komitee der Schule, das das Stück aufführt, will genau das ändern.

Missstände anprangern

Ebenfalls im Juni verwandelte eine Gruppe von Künstlern den zentralen Markt von Khadichour in ein Straßentheater. An die 300 Menschen sahen ganze zwei Stunden lang gebannt dabei zu, wie dort auf der „Bühne“ eine Familie auseinanderfiel.

Menschentraube um die Freilichtbühne: Straßentheater in Khadichour/Nepal

Menschentraube um die Freilichtbühne: Straßentheater in Khadichour/Nepal

Der alkoholsüchtige Vater macht seiner Frau das Leben zur Hölle. Der einzige Sohn ist dem Kartenspiel verfallen. Eine der Töchter fällt im Internet einem Menschenhändler zum Opfer, die andere wird in der Familie ihres Ehemannes derart schlecht behandelt, dass sie sich das Leben nehmen will. Zum Glück rettet sie die Polizei und die Familie kommt wieder zusammen.

Die Sitte der Mitgift vergiftet das Leben vieler junger Frauen: Szene aus einem Straßentheaterstück

Die Sitte der Mitgift vergiftet das Leben vieler junger Frauen: Szene aus einem Straßentheaterstück

Bus verpasst

Einer der Zuschauer, der bis zum Ende ausharrt, ist Arjun Oli. Er kommt gerade aus der Hauptstadt Kathmandu zurück und ist eigentlich nur auf der Durchreise. Doch die ungewöhnlich große Menschenmenge auf dem Khadichour-Basar weckt seine Neugier. Oli stieg aus dem Bus aus, sieht, dass ein Theaterstück auf dem Platz aufgeführt wird – und verpasst seinen Bus nach Hause.

„Ich habe einiges gelernt beim Zuschauen“, sagt er hinterher. „Ein neuer Bus kommt bestimmt – aber eine solche Gelegenheit zum Lernen kommt nicht so oft.“

Großer Zuschauerandrang: Was die Menschen so fasziniert, sind Alltagseschichten

Großer Zuschauerandrang: Was die Menschen so fasziniert, sind Alltagseschichten

Nepal Stories IV: Die Leseratten von Tekanpur

Neu eingerichtete Schulbibliothek wiederaufgebauten Schule in Nepal

Neu eingerichtete Schulbibliothek wiederaufgebauten Schule in Nepal

In Deutschland schwer vorstellbar: Wenn an der wiedererrichteten Kalika-Sekundarschule im nepalesischen Tekanpur morgens die Schulglocken läuten, sind viele Kinder schon längst in der schuleigenen Bibliothek und lesen. Freiwillig!

Selbst Bhakta Dhoj Bohara von der Schulbehörde wundert sich jeden Tag aufs Neue über die Büchervernarrtheit der Schüler. „Die Kinder streifen nicht mehr ziellos umher“, sagt er glücklich. „Sie lernen und konzentrieren sich jetzt viel besser.“ Tatsächlich ist es für die Kinder in Tekanpur wichtig, endlich wieder eine Anlaufstelle zu haben – und eine Beschäftigung fernab der harten Realität.

Nach den Erdbeben im April und Mai letzten Jahres waren Bücher in Nepal nämlich erst mal zweitrangig. Schulen und Wohnhäuser waren zerstört – es ging ums Überleben. Doch mit Hilfe unseres Partners AMURT kehren nun wieder Bildung und Freizeit ins Leben der Kinder zurück.

An der Kalika-Sekundarschule hat AMURT nicht nur den Wiederaufbau der Schule in die Wege geleitet, sondern auch die Bibliothek errichtet, die es in dieser Form vor dem Erdbeben gar nicht gab. AMURT lieferte Gedichtbände und bunt illustrierte Geschichten, dazu englische und nepalesische Wörterbücher und viele andere Lernmaterialien. Für die passende Wohlfühlatmosphäre sorgen rote Teppiche, etliche Sitzkissen, vier Rundtische und zwei große Bücherregale.

In jeder Pause beliebter Treffpunkt: Die Bibliothek ist der beliebteste Ort in der Schule von Tekanpur in Nepal

In jeder Pause beliebter Treffpunkt: Die Bibliothek ist der beliebteste Ort in der Schule von Tekanpur in Nepal

Und der Plan scheint aufzugehen. Seit der Eröffnung der Bibliothek vor einigen Monaten haben sich die Gewohnheiten der Schüler vollkommen verändert – gerade, wenn es um ihre Freizeit geht. „In der Pause spielen wir eigentlich gar nicht mehr“, sagt einer der Schüler. „Wir essen extra schnell, um in die Bibliothek zu kommen.“

Nepal Stories III: Es werde Licht!

Wie man Kerzen zieht, haben diese Frauen aus Nepal kürzlich gelernt. Nun tragen sie damit zum Familieneinkommen bei.Wenn Binda Bohara und die sechs anderen Frauen aus ihrer Selbsthilfegruppe Kerzen ziehen, hat das auch Symbolcharakter: Aus flüssigem Wachs entsteht eine feste Form, die Wärme, Geborgenheit und Licht spendet. Feste Formen und Geborgenheit – das alles stürzte in Nepal bei den Erdbeben im April und Mai letzten Jahres zusammen. Doch im Dorf Tekanpur, in dem Binda wohnt, bauen sich viele Bewohner langsam ein neues Leben auf – mit Hilfe unseres Partners AMURT.

Binda Bohara ist eine von ihnen. Die Erdbebenkatastrophe hat sie und ihre Familie hart getroffen. Jetzt nahm sie mit einigen anderen Frauen des Dorfes an einem AMURT-Workshop zur Kerzenherstellung teil. Die Frauen waren begeistert: „Mit den Kerzen lässt sich gutes Geld verdienen“, sagt Binda. „Aber auch zuhause kann ich sie super gebrauchen, um es uns endlich wieder gemütlich zu machen.“

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

AMURT lieferte den Frauen eine Maschine, acht Kilogramm Wachs sowie Fäden und Zwirn – um den Rest kümmern die Frauen sich seither selbst. Schon wenige Wochen nach dem Workshop schlossen sie sich zusammen und machten aus dem neu erlernten Handwerk ein Gewerbe. Die Kerzen verkauften sie auf den Märkten der Umgebung und verdienten innerhalb von zwei Wochen rund 3.000 Rupien (etwa 25 Euro). Vom Gewinn wollen die Frauen nun mehr Wachs und Fäden anschaffen, um ihr Kerzengeschäft voranzutreiben.

So langsam nimmt das Leben in Nepal wieder Form an. Binda und die anderen Frauen haben an Selbstbewusstsein gewonnen. Durch ihr Zusatzeinkommen tragen sie dazu bei, dass ihre Kinder mit vollem Magen ins Bett gehen –  bei Kerzenschein, versteht sich.

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

Der gemeinsame Erfolg macht selbstbewusst: Ein einfacher Kerzen-Workshop hat die Perspektiven der Frauen deutlich verbessert.