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Philippinen: Frauenpower gegen Armut und Katastrophen

Lachende Frauen in einer Versammlung

Versammlung einer Selbsthilfegruppe auf den Philippinen

Unsere philippinischen Partner setzen sich seit zehn Jahren dafür ein, dass Frauen ein neues, starkes Selbstbewusstsein bekommen. Denn das befähigt nicht nur die Familie, sondern ganze Dörfer und Kommunen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Vor allem nach dem verheerenden Taifun Haiyan 2013 bemüht sich unsere Partnerorganisation SIKAT in der Region Guiuan darum, Selbsthilfegruppen für Frauen zu gründen. Sie sind eine Art Plattform, auf der Ideen entstehen, Träume verwirklicht und Strategien entwickelt werden. Unsere Korrespondentin Jenifer Girke war dort und hat sich umgesehen.

Das wirkliche Überleben begann danach

Es war der 8. November 2013. Die meisten Bewohner in der philippinischen Provinz Guiuan waren zu Hause, auf See zum Fischen oder in der Schule. Viele hatten die Warnungen nicht ernst genug genommen, schließlich sind sie heftige Naturkatastrophen gewohnt. Doch “Haiyan”, oder “Yolanda”, wie ihn die Einheimischen nennen, war anders. Er war stärker, grausamer und brutaler. Der Taifun zerstörte mit einer Geschwindigkeit von 379 km/h alles, was seiner Wucht nicht standhalten konnte. Richelles Zuhause hielt auch nicht stand: “Evakuiert?”, fragt die 33-Jährige mit einem ironischen Lächeln, “Nein, wir wurden hier nicht weggebracht, wir wurden auch nicht gerettet. Wir blieben einfach zu Hause.” Richelle, ihr Mann und die vier Kinder überlebten den Taifun, aber das wirkliche Überleben begann danach: “Nach dem Taifun hatten wir nichts mehr – kein Essen, kein Zuhause, keine Kleidung. Ich wusste wochenlang nicht, was ich meinen Kindern zu essen geben sollte. Selbst wenn wir Geld gehabt hätten, gab es nichts zum Kaufen.”

Zwei bunte Auslegerboote, eines davon aufgebockt, das andere im Wasser

Der Taifun Haiyan hat vielfach die getroffen, die ohnehin schon wenig hatten. Nicht nur der Fischfang lag danach brach.

Hilfe für entferntere Inseln

Viele lokale Hilfsorganisationen konzentrierten sich in den ersten Tagen nach Haiyan auf die Festland-Gebiete rund um die Stadt Tacloban. Sozialarbeiter berichten sogar davon, dass sich einige Nichtregierungsorganisationen weigerten, entsprechende Hilfe auf entferntere Inseln zu bringen – zu groß sei das Risiko eines nächsten Taifuns. Doch einen Plan zur Umsiedlung gab und gibt es nicht, bis heute, mit der Begründung, es fehle das Geld. Die Folge: Gebiete wie die Inseln Victory Island oder Camparang, auf der auch Richelle lebt, wurden sich selbst überlassen.

Wir sind mit unserer Partnerorganisation SIKAT schon jahrelang in der Provinz Guiuan im Einsatz. Neben Soforthilfe und Sicherstellung einer grundsätzlichen Versorgung ist es ein großes Anliegen, Menschen wie Richelle eine langfristige Perspektive zu geben, damit sie sich selbst eine Zukunft aufbauen können. Auch wenn Geld eine entscheidende Notwendigkeit ist, brauchen diese Menschen zunächst etwas anderes: Glauben an sich selbst und neuen Mut. Ohne Selbstbewusstsein und einen guten Plan, von dem die Betroffenen selbst überzeugt sind, nützen Geldspenden nur bedingt etwas. “Wir wollen in die Zukunft dieser Menschen investieren. Sie sollen nicht abhängig von dem Geld anderer sein, sondern sich befähigen, eigenes Geld zu verdienen”, erklärt der philippinische Kindernothilfe-Mitarbeiter Ken Cacao, der für die Region Samar zuständig ist.

Drei Frauen sind über die Kassenbücher einer Selbsthilfegruppe gebeugt

Eine Selbsthilfegruppe führt Buch über die Ersparnisse

„Pagkakaisa“ bei den Frauen schaffen

Die erste Selbsthilfegruppe (SHG) gründete die Kindernothilfe in der Kommune San Juan südwestlich von Manila. Sie trägt  den Namen “Pagkakaisa”, das bedeutet “Einigkeit”. Genau das ist das Ziel: Einigkeit schaffen, in der Familie, dem Dorf, der Kommune. Die Kindernothilfe-Koordinatorin auf den Philippinen, Daryl Leyesa, ist von dem Konzept überzeugt: “Es ist ein sehr effektiver Ansatz, der auf Stärkung der Menschenrechte basiert und sich stets nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen vor Ort richtet.” Nach zehn Jahren ist sehr deutlich, dass dieses Konzept erfolgreich hilft, den Beteiligten eine neue, hoffnungsvolle Perspektive zu geben: “Die SHGs  richten sich an die Ärmsten unserer Gesellschaft und zeigen ihnen, wie sie sich selbst stärken und damit aus der Armut befreien können”, so Leyesa.

Nach Haiyan richtete SIKAT sein Augenmerk verstärkt auf die Regionen, in denen viele Bürger durch die Katastrophe ihre Existenz verloren hatten. Hier brauchte es dringend ein neues Bewusstsein für Katastrophenschutz, eine bewusste Wahrnehmung der eigenen Verantwortung, aber auch der eigenen Fähigkeiten, mit der Gefahr von Taifunen und ähnlichen Geschehnissen umzugehen. Das ist es, was vor allem Ken Cacao in seiner täglichen Arbeit in diesen Gebieten antreibt. Er kümmert sich seit dem Taifun um die am stärksten betroffenen Gemeinden und besucht regelmäßig die Treffen der SHGs: “In allererster Linie geht es uns hier um die Stärkung der Gemeinschaft. Wenn diese Frauen lernen und verstehen, wie viel sie in ihrer eigenen Hand haben, dann entwickelt sich ein ganz neues Selbstbewusstsein und das stärkt das ganze Dorf. Ein gestärktes Dorf kann nicht nur Probleme wie Armut besser bekämpfen, sondern auch effektiver mit Naturkatastrophen umgehen. Das ist überlebenswichtig.”

eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Ausdruck für das neue Bewusstsein für Katastrophenschutz: eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Dass man sich bei diesem Appell zunächst an Frauen richtet, ist eine logische Schlussfolgerung der gesellschaftlichen Situation, denn Frauen werden auf den Philippinen nach wie vor als minderwertige Bürger angesehen, deren Fähigkeiten stets auf innerfamiliäre Aufgaben reduziert werden. Deswegen sind es die Frauen, die oft unentdecktes Potenzial haben, aber nicht den Glauben daran, es auch nutzen zu können.

Richelles Schritt in eine positive Zukunft

So auch Richelle. Mit diesem neu geschöpften Antrieb hat sie sich  ein kleines Geschäft zu Hause aufgebaut: “Ich habe vier Kinder zu Hause, also kann ich nicht weit wegfahren, um zu arbeiten. Aber dann dachte ich mir, wenn ich nicht zur Arbeit kann, hole ich mir die Arbeit eben nach Hause.” Einmal im Monat kauft die Familienmutter Benzin auf dem Festland ein, füllt es zu Hause in kleine Plastikflaschen und verkauft es an die Fischer auf ihrer Insel. Das Startkapital dafür konnte sich Richelle aus dem Fond der Selbsthilfegruppe leihen. Man merkt, dass dieses Gefühl von ‘Ich kann auch etwas!’ noch ganz neu ist. Aber eines ist sicher: Es steht den Frauen richtig gut!

Richelle, einer der Frauen aus Guiuan, die in einer Selbsthilfegruppe aktiv und erfolgreich sind

Richelle konnte sich dank ihrer Selbsthilfegruppe ein kleines Geschäft zu Hause aufbauen

Südafrika: 28 Jahre nach dem Ende der Apartheid

Vor 28 Jahren beendete der damalige Präsident de Klerk mit seiner Rede die Apartheid in Südafrika. Von da an sollte die Trennung nach ethnischen Gruppen aufgehoben sein. Anlässlich des Jahrestages haben wir mit unserem Länderkoordinator in Südafrika, Phil Donnell, über die Zeit während und nach der Apartheid gesprochen. 

Interview: Sophie Rutter, Foto: Frank Peterschröder

Mädchen in einem Projekt in Durban, Südafrika. (Quelle: Frank Peterschröder)

Welche Auswirkungen hatte die Apartheid auf die Projekte der Kindernothilfe?

Die Apartheid wirkte sich in den 1980er Jahren auf verschiedene Weisen auf die Projekte unserer Partner aus. Beispielsweise das Recht auf Meinungsfreiheit und die Freiheit, entscheiden zu können, wo man leben und arbeiten möchte, wurden uns verwehrt. Projekte wurden gebremst, da es nicht immer möglich war, Geld von internationalen Spendern und Organisationen zu bekommen. Auch die Hilfe der Regierung für Projekte mit schwarzen Kindern war sehr eingeschränkt, wenn überhaupt existent. Das Sozialsystem, das wir heute kennen und uns, aber insbesondere die Ärmsten der Ärmsten, heute unterstützt, gab es damals leider nicht. Um die Projekte umzusetzen, mussten wir auf die Hilfe und Spenden der Gemeinschaft setzen, denn andere finanzielle Hilfen blieben während dieser Zeit oft aus.

Welche Auswirkungen hatte die offizielle Beendigung der Apartheid in den 1990er Jahren?

Für Südafrika bedeutete die Demokratie, dass die vorherigen Restriktionen aufgehoben wurden und es mehr Freiheiten für alle benachteiligte Gruppen gab. Wir als Kindernothilfe hatten durch die Beendigung auch mehr Möglichkeiten, inländische und ausländische Spendengelder für unsere Projekte zu gewinnen. Bis in die späten 1990er Jahren ermöglichte ein von der Regierung neu erstelltes Sozialsystem es uns, Millionen von benachteiligten Haushalten zu unterstützen und viele unserer Projekte umzusetzen. Einigen Projekten ist es nun möglich, mit anderen Nichtregierungsorganisationen und verschiedenen Regierungsabteilungen zusammen zu arbeiten. Somit kann eine größere Reichweite erreicht werden.

Spüren Sie die Apartheid noch heute? 

Ja, leider schon. Viele der sozial- und wirtschaftspolitischen Ausmaße der Apartheid sind heute noch von unseren Partnern und der Bevölkerung zu spüren.

Aus sozialer Sicht ist die Trennung nach ethnischen Gruppen immer noch dadurch bemerkbar, dass viele Menschen noch wie zur Zeit der Apartheid leben – nämlich geographisch getrennt voneinander. Nur wenige schwarze Südafrikaner haben den Aufstieg geschafft und können sich Grundstücke in hauptsächlich weißen Wohngebieten leisten. Viele Schulen, besonders in den ländlichen und halb-ländlichen Gebieten, werden nur von der gleichen ethnischen Gruppe besucht.

Wirtschaftlich gesehen gibt es auch noch große Probleme wie Armut und Arbeitslosigkeit, die insbesondere die schwarzen Südafrikaner betreffen. Obwohl viele NGOs und die Regierung schon über 20 Jahre an dieser Ungleichheit arbeiten, gibt es für die Südafrikaner kaum Veränderungen. Das Gleiche gilt für die weißen Südafrikaner, denn sie können ihr Leben immer noch im gehobenen Lebensstil genießen. Diese Diskriminierung motiviert aber die Partner vor Ort, weiterhin daran zu arbeiten, dass die heutigen Familien nicht mehr unter den früheren Umständen leiden müssen.

Leider kann die benachteiligte Bevölkerungsgruppe nicht auf die Hilfe aller Politiker zählen, denn vielen werden Korruption und andere Machenschaften vorgeworfen. Diese Zustände gab es auch schon während der Apartheid.

Obwohl die Apartheid in Südafrika nicht mehr existieren sollte, kann man leider immer noch die Diskriminierung und Trennung im Alltag spüren. Aber man kann durchaus eine Veränderung im Land erkennen, auch wenn nicht so viele, wie gewünscht. Es könnte noch einige Jahre dauern, bis die Ungleichheit im Land nicht mehr zu spüren ist.

Philippinen/Indonesien: Melinda, Marester und Andik

Unsere Korrespondentin Jenifer Girke war 2017 für uns in Indonesien und auf den Philippinen und hat viele interessante und starke Persönlichkeiten kennengelernt. Vor Ort hat sie wertvolle Eindrücke gewonnen und erfahren, wie unsere lokalen Partner die Lebenssituation der Menschen verbessern konnten. Die bewegenden Lebensgeschichten von Melinda, Marester von den Philippinen und Andik aus Indonesien haben wir in den vergangenen Wochen auf unseren Social Media-Kanälen vorgestellt. Hier sind alle drei Geschichten im Überblick.

Melinda: Der Traum vom eigenen Geschäft 

Melinda lebt in Guiuan/Eastern Samar auf den Philippinen, einer Provinz geprägt von Armut und regelmäßig wütenden Naturkatastrophen. Zuhause sorgt sie für ihren Mann und ihre zwei erwachsenen Söhne. Alle drei Männer sind arbeitslos und sie ist somit die Einzige, die den Lebensunterhalt bestreitet. Jede Woche trifft sich die 45-Jährige mit anderen Frauen zu einer von unserer Partnerorganisation Sikat Ngo initiierten Selbsthilfegruppe. Hier entstehen Ideen, wie die Frauen Geld verdienen und die Grundversorgung ihrer Kinder sicherstellen können. Ein grundlegendes Mittel der Selbsthilfegruppen (SHG) ist der Aufbau eines eigenen Fonds. So zahlen die Mitglieder einen kleinen Beitrag (z.B. 10 Peso = 17 Cent) in eine Kasse ein.  Aus dieser können sie sich dann einen Kredit auszahlen lassen, wenn beispielsweise Schulmaterialien oder Medikamente finanziert werden müssen. Damit sie wöchentlich Geld einzahlen kann, verkauft Melinda selbstgebackene Kokosnuss-Pfannkuchen. Langfristig hat sie allerdings etwas viel Größeres vor: „Ich spare, um Kapital für einen eigenen kleinen Laden zu sammeln.“ So möchte sie Schritt für Schritt den Weg in eine sichere Zukunft gehen. Denn die Familienmutter hat sich dazu entschlossen, für sich und ihre Männer zu kämpfen.

Marester: Durch die Selbsthilfegruppe gestärkt

Während des Treffens ihrer Selbsthilfegruppe erzählt Marester, wie gut ihr die Gemeinschaft tut. Hilfe aus der Gruppe anzunehmen, fällt den Frauen leichter, als sich von Außenstehenden oder einer Bank abhängig zu machen. Durch den gruppeneigenen Sozialfond hat jedes Mitglied die Möglichkeit, Geld zu leihen. Maresters Freundin konnte zum Beispiel zur Geburt ihres Kindes ins Krankenhaus gehen und so ihr Baby retten. Doch für die Frauen geht es nicht nur um finanzielle Hilfe: „Wir reden zuerst über unsere Probleme, dann diskutieren wir, wie viel Geld wir brauchen. Wir hören einander zu, trösten uns und bauen Beziehungen auf. Dadurch ist der Druck nicht so groß wie bei einer Bank, der es nur ums Geschäft geht. Und unsere Zinsen sind viel niedriger.“

Nach der Sitzung verrät mir die 34-Jährige außerdem, wie sehr die Selbsthilfegruppe ihr Leben verändert hat: „Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden. Früher dachte ich, meine einzige Aufgabe im Leben bestünde darin, zu Hause zu sein, meinem Mann zu gehorchen, Kinder zu kriegen und zu kochen. Doch in der Gruppe habe ich gelernt, welche Rechte ich als Frau und Mutter habe. Ich habe angefangen soziale Kontakte zu knüpfen, mich zu öffnen und nicht immer zu allem ‚Ja‘ zu sagen.“ Ihr Mann hat diese Veränderung natürlich wahrgenommen und wollte ihr zunächst verbieten weiterhin zu den Treffen zu gehen. Doch er sah auch, dass das Finanzsystem der Frauen Früchte trägt und so seiner Familie hilft. Wenn das Wetter zu stürmisch zum Fischen ist, er mit leerem Fangnetz nach Hause kommt und weder etwas zum Verkaufen noch etwas zu Essen für die vierköpfige Familie hat, leiht sich seine Frau aus dem SHG-Fond Geld – früher mussten sie in solchen Zeiten hungern. Ihr plötzliches Selbstbewusstsein beeindruckte ihren Mann und auch er fing bald an, neben der Arbeit den Kontakt zu anderen zu suchen, anstatt sich nach Feierabend zu Hause zu verkriechen. „Er machte es mir nach, weil er sah, dass es mir besser ging. Heute sind wir beide viel entspannter und ich bin eine glücklichere Mutter und Ehepartnerin. Vor allem aber bin ich eine selbstständige, starke Frau. Und genau das sollen meine Töchter von mir lernen.“

Andik: Früher lebte er für Drogen, heute lebt er für die Kinder

Als Andik ein Teenager war, begannen seine Freunde Drogen zu nehmen. Wer nicht mitmachte galt als Feigling und wurde ausgelacht. Andik wollte dazugehören und probierte es aus: „Es fing harmlos an mit Kleber und Zigaretten, aber dann machte ich immer weiter – mit Pillen, Crystal Meth und schließlich Heroin.“ Andik führte ein Doppelleben: Er ging zur Schule, machte seinen Abschluss, fing an zu studieren und lebte bei seinen Eltern. Niemand merkte, dass er längst von den Drogen abhängig war. Während des Studiums fing er an zu dealen und die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Er brach daraufhin sein Studium ab und verlor sich in seinen Exzessen: „Irgendwann lag ich auf der Straße und dachte: Ok, das war es jetzt, ich werde hier sterben mit meiner Flasche und einer Nadel im Arm.“ Bis sein Freund Roni ihm von einem Training erzählte, das ihn unterstützen würde, sein Drogenproblem in den Griff zu bekommen. Jeder, der teilnimmt, werde bezahlt. „Ich war natürlich sofort dabei. Das Training interessierte mich nicht, aber ich brauchte Geld für meine Drogen.“ Nach dem ersten Training folgten weitere  und Andik wurde eingeladen, in Schulen über den Missbrauch von Drogen zu reden: „Die Wahrheit aber sah so aus: Ich erzählte den Kindern wie schlecht Drogen sind und fünf Minuten später setzte ich mir selbst den nächsten Schuss.“ Ein amerikanischer Unicef-Mitarbeiter, David, bemerkte, wie ernst  es um Andik stand. Er erzählte ihm von  einem neuen Auftrag in einem anderen Teil des Landes, der aber gut bezahlt werden würde. Der damals 29-Jährige sagte sofort zu: „Doch als ich dort ankam, wurden mir meine Kleidung und mein Handy abgenommen. Das war kein Auftrag. Das war ein Rehabilitationscenter! Mein Freund David trickste mich aus und rettete mir damit das Leben.“ In der Einrichtung wurde nicht nur Andiks Körper entgiftet, auch seine Einstellung veränderte sich – nach eineinhalb Jahren war er clean und schloss seine Therapie erfolgreich ab.

Dann hatte David tatsächlich ein Jobangebot für seinen Freund: „Ich fing an, in diesem Rehabilitationscenter Abhängige zu beraten und betreute verschiedene Entzugsprogramme.“ Dort hat er seine Frau kennengelernt, die in dem Center ein Praktikum absolvierte. „Mit unserer Verlobung traf ich die Entscheidung, eine andere Richtung einzuschlagen. Drogen waren über 15 Jahre lang Teil meines Lebens gewesen und ich war es leid, mich mit den Problemen zu beschäftigen, die sie in den Leben von Menschen anrichten. Zuerst in meinem eigenen, dann in denen derjenigen, die ich betreute. Außerdem verlor ich so viele Freunde wegen der Drogen – Roni und viele andere starben, die meisten von ihnen an HIV.“ Andik kündigte und war auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, bei der er weiterhin anderen helfen und seine Geschichte als Zeugnis einsetzen konnte. Er bewarb sich bei KDM und kann sich noch ganz genau an sein Vorstellungsgespräch erinnern: „Ich sagte ihnen sofort, dass ich zwar keine Ahnung von Straßenkindern habe, aber die Leidenschaft zu helfen und dass ich etwas Neues lernen will. Sie gaben mir eine Chance – das war für mich der Beginn eines neuen Lebens.“

Heute ist Andik 42 Jahre alt, glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und einen Job, der ihn Tag für Tag mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. „Ich sehe in diesen Kindern mich selbst. Hätte mir damals jemand gesagt, wie schlecht Drogen sind und wie schnell sie dein gesamtes Leben zerstören, wäre mein Leben vermutlich anders verlaufen. Doch jetzt kann ich diese Person für die Kinder sein. Ich bin die Stütze, die ich selbst nicht hatte. Das macht mich sehr glücklich.“

„Morgens lernen, nachts betteln“: Straßenkinder in Jakarta

Indonesien boomt. Aber in Jakarta leiden tausende Mädchen und Jungen. Sie leben auf der Straße – freiwillig oder gezwungen, auf jeden Fall aber gefährdet und im Stich gelassen. Unsere Partnerorganisation KDM kümmert sich seit 1972 um diese Mädchen und Jungen. Dieser Beitrag stammt von unserer Korrespondentin Jenifer Girke, einer freien Journalistin aus Berlin, die eine Woche lang unsere Partnerorganisation in Jakarta begleitet hat.

Maruli hat als kleiner Junge seine Familie verloren und ist auf der Straße aufgewachsen. Doch dann bekam er die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Heute ist er ein selbstbewusster junger Mann.

Maruli hat als kleiner Junge seine Familie verloren und ist auf der Straße aufgewachsen. Doch dann bekam er die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Heute ist er ein selbstbewusster junger Mann.

Maruli verliert seine Familie

Marulis Vater hatte einen kleinen Marktstand in Jakarta. Er und sein Bruder gingen regelmäßig mit, mussten um Geld betteln, Menschen bestehlen oder stundenlang für Passanten singen. Eines Tages verlief sich Maruli im Trubel des Markttreibens. Er irrte stundenlang umher, weinte, geriet in Panik und schrie nach seinem Vater. Doch er fand ihn nicht. Nie weder. Das war das letzte Mal in Marulis Leben, dass er seine Familie gesehen hatte. Als „heimatloses, verlorenes Straßenkind“ zog er für Jahre von Stadtteil zu Stadtteil, lebte bei fremden Leuten „zu Hause“ oder mit anderen Jungs in den Gassen, bis er schließlich bei unserer Partnerorganisation Kampus Diakonia Modern (KDM) landete.

Obwohl er dort alles hatte, was er brauchte, lief er fünf Mal davon, um bei seinen Freunden auf der Straße zu sein. „Bei KDM wurde mir immer bewusst, dass ich keine Familie habe. Die meisten Kinder dort kamen aus schlechten Familien, aber sie kannten ihre Eltern wenigstens noch und wussten, wo sie wohnen.“ Maruli aber kann sich bis heute nicht einmal an den Namen seiner Eltern erinnern. Als Teenager war er oft frustriert darüber. Umso mehr bedeutet es dem 20-Jährigen zu wissen, wo er heute hingehört.

Endlich ein Zuhause

Maruli ist erfolgreicher Absolvent aller drei indonesischen Schulabschlüsse. Wer das schafft, hat Aussicht auf attraktive Arbeitsstellen oder kann sich an Universitäten bewerben. Maruli ist seit einem Jahr fest in einem Café angestellt. Hier arbeitet der 20-Jährige nicht nur, für ihn ist das Café sein Leben: „Elise und Jo, die Inhaber des Cafés sind keine gewöhnlichen Chefs. Ich wohne bei ihnen, wir kochen, essen, leben gemeinsam, sie kümmern sich um mich und ich baue das Café mit ihnen auf. Sie sind meine Familie geworden.“ Heute hat Maruli endlich eine Familie, die ihn liebt und die er nie wieder vergessen wird. „Hier werde ich sicherlich nicht weglaufen“, sagt er schmunzelnd.

Maruli in der Küche des Cafés Dulce, in dem er nicht nur Arbeit, sondern auch eine Familie gefunden hat

Maruli in der Küche des Cafés Dulce, in dem er nicht nur Arbeit, sondern auch eine Familie gefunden hat

Es geht ums Überleben

Maruli ist nur ein Schicksal von vielen. Mittlerweile hat sich die Situation der Straßenkinder allerdings geändert. Die Stadt Jakarta startete mit Unterstützung von KDM und anderen Organisationen mehrere Kampagnen wie etwa „Stop giving money“ („Hört auf, Geld zu geben“). Damit soll verhindert werden, dass Eltern ihre bettelnden Kinder als lukrative Verdienstquelle ansehen. Trotzdem leben immer noch viele Mädchen und Jungen auf der Straße – teils auch, weil sie es zuhause nicht mehr aushalten. Dass Straßenkinder zum Alltag gehören, ist vor allem ein kulturelles Problem.

„Es gibt hier in Jakarta eine Reihe von Einrichtungen, die es dulden, wenn Kinder auf die Straße gehen, solange sie auch zur Schule gehen“, schimpft Sotar Sinaga, der 2009 als junger Lehrer zu KDM kam und heute unsere Partnerorganisation leitet. „Morgens lernen, nachts betteln! KDM macht da nicht mit – die Straße ist und bleibt lebensgefährlich. Es geht um das Überleben und um die Zukunft dieser Kinder!“

Fußball als Türöffner

Die Aufgaben- und Wirkungsbereiche von Nichtregierungsorganisationen in Jakarta ändern sich. Momentan erreicht KDM fast 400 Straßenkinder in der indonesischen Hauptstadt, hauptsächlich durch die Bildungseinrichtung, Workshops und Sportprojekte wie Fußballspielen. Statistisch gesehen sinkt zwar die Zahl der Straßenkinder in Jakarta, doch dafür steigt sie in umliegenden Städten, die sich direkt an die Metropole anschließen, etwa Bekasi oder Bogor. Diese Orte wachsen, die Bevölkerung steigt, der soziale Druck und neu entstehende Infrastrukturen schaffen die Bedingungen dafür, dass sich das Problem lediglich verlagert.

Auch die Strategien, wie man Straßenkinder anspricht und ihr Vertrauen gewinnt, müssen stets neu überdacht werden. Das Angebot einer Dusche oder einer warmen Mahlzeit reicht oft nicht mehr aus: „Das, was jeder liebt, ist Fußball. Letztlich sind das Kinder, die Spaß haben wollen. Mit unseren Coaches und Fußballprojekten erreichen wir die meisten von ihnen,“ erklärt Sinaga. Das merkt man auch, wenn man mit KDM-Kindern spricht: Mehr als jeder zweite Junge hat den Traum, einmal Fußballspieler zu werden. „Das ist zwar toll, aber sie könnten sich auch wünschen, Arzt, Richter oder Manager zu werden. Das kennen sie aber nicht. Sie kennen nur die Straße und durch unsere Arbeit auch Fußball. Das zeigt, wie wenig sich die Kinder zutrauen.“

Selbstvertrauen lernen

Genau das ist ein zentraler Baustein bei KDM. Hier lernen die Kinder vor allem eines kennen: sich selbst – und alle Gaben, Interessen und Fähigkeiten, die sie haben. Viele der Schützlinge erzählen, wie überrascht sie waren, als sie das erste Mal ein Bild gezeichnet haben und es gar nicht so schlecht aussah oder als sie ihren ersten Kuchen gebacken haben, der sogar richtig lecker schmeckte. In der Küche zu arbeiten, in einem Restaurant oder Café, ist nicht banal oder eine niedere Beschäftigung, wie oft behauptet wird.

Sotar Sinaga, der Leiter unseres Projektpartners, freut sich, dass es für Maruli wieder eine Zukunft gibt.

Sotar Sinaga, der Leiter unseres Projektpartners, freut sich, dass es für Maruli wieder eine Zukunft gibt.

„Du kannst beim Backen nicht das Ei vor dem Zucker mit dem Mehl vermischen und du solltest genau die Zeit im Blick haben und wissen, wie lange dein Kuchen oder Braten schon im Ofen ist“, betont Sinaga. „In der Küche lernen unsere Kinder ganz wichtige Grundlagen ihres Verhaltens: Geduld, Genauigkeit, Verantwortung, Konzentration. Und am Ende sind sie total stolz, weil sie ein Erfolgserlebnis haben – das sie sogar essen und genießen können“.

Die Eltern ins Boot holen

Das Wissen aus ihrer langjährigen Arbeit möchte KDM mit anderen Organisationen teilen. Die Mitarbeiter reisen dafür zu über zehn verschiedenen Inseln in ganz Indonesien, um dort über Kindesmissbrauch und Kindesschutz zu sprechen. Ein Problem, mit dem sie dabei immer wieder konfrontiert werden, ist die Uneinsichtigkeit der Eltern. Viele Eltern betrachten eine strenge Erziehung als Teil ihrer Kultur. Sie schlagen und misshandeln ihre Kinder, ohne sich irgendeiner Schuld bewusst zu sein. Die meisten kämen niemals auf die Idee, ihre Kinder zur Schule zu schicken – dort können sie ja kein Geld verdienen.

Um sich für das Thema stark zu machen, schickte KDM einen ihrer Schützlinge, die sechzehnjährige Nanda, als Repräsentantin zum Gipfel der zehn einflussreichsten Nationen Südostasiens (ASEAN) auf die Philippinen. „Ich habe denen ganz klar gesagt, dass das Problem die Eltern sind. Und dass sie härter arbeiten müssen, dass sie überhaupt arbeiten müssen, denn dann können sie Geld verdienen und sich um die Familie kümmern, die sie ja auch selbst gegründet haben, und wir Kinder müssten nicht mehr auf die Straße“, sagt der Teenager mit kräftiger Stimme und Überzeugung.

Swasiland: Auch nach dem Ende der Dürre hungern Menschen

Ende Juli besuchte Enock Dlamini, Direktor unserer swasiländischen Partnerorganisation ACAT, unsere Geschäftsstelle und berichtete über die aktuelle Situation nach der Dürre.

„Die verheerende Dürre vom vergangenen Jahr wurde durch den Zyklon Dineo im Februar gemildert, aber noch immer hungern Menschen“, berichtete Enock Dlamini. „Die Regierung hat ihre Soforthilfe Ende Juni gestoppt – wir aber kümmern uns nach wie vor um Kinder. Bei der Notversorgung mit Lebensmitteln werden die Belange der Kinder oft vergessen. So bekommen Familien z. B. als Soforthilfe einen Sack Mais. Sie essen dann tagelang nur Mais – das führt aber bei Kindern zu Mangelerscheinungen.“

ACAT hat in den Dürregebieten kleine Nachbarschaftskindergärten, sogenannte Neighbourhood Care Points (NCPs), mit Mais, Bohnen und Öl versorgt. Sie werden von Freiwilligen aus der Ortsgemeinde betrieben. 3.000 Kinder, meist Aidswaisen, konnte ACAT auf diese Weise mit einer Mahlzeit am Tag versorgen. Frauen aus der Umgebung bereiten hier abwechselnd das Essen zu, ehrenamtlich. „Für viele Waisen sind sie ein Mutterersatz, denn sie geben ihnen Essen und Liebe“, so Enock Dlamini. „Die Unterstützung der NCPs werden wir fortführen. Die bedürftigen Familien, die wir während der Dürrekatastrophe betreut haben, konnten wir mit den Entwicklungsprogrammen von ACAT vernetzen, so dass sie jetzt die Chance haben, aus der Armut herauszukommen.“

Der Mais in der Badewanne

Um die Lebensmittelknappheit vor allem in den niedrig gelegenen Landesteilen zu stoppen, leitet ACAT die Menschen an, kleine Gärten anzulegen. „Das geht selbst in der Stadt!“ Enock Dlamini zeigte Fotos von einer alten Badewanne, in der meterhoher Mais wächst, und von Autoreifen gefüllt mit Erde, die als Gemüsebeet dienen. Dunkelgrüne Regentonnen aus Plastik oder selbst gemauerte aus Beton fangen das Regenwasser auf, Abwässer vom Kochen eignen sich ebenfalls zum Bewässern.

Die Wetterprognosen für Swasiland machen Mut – Enock Dlamini: „Es soll besser werden als im vergangenen Jahr.“

Volontäre als Aidsaufklärer

Swasiland hat weltweit die höchste HIV-Infektionsrate (28,8 Prozent der 1,3 Millionen Einwohner), und die Menschen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von gerade mal 49 Jahren. „Ich frage einen Jugendlichen nie: Lebst du bei einen Eltern?“, sagte Enock Dlamini. „Die Gefahr ist groß, dass die Eltern des Jugendlichen tot sind und er weinend zusammenbricht.“ ACAT schult freiwillige Helfer, die von Dorf zu Dorf gehen, die Bevölkerung über die Krankheit aufklären und zeigen, wie sie Erkrankte und ihre Angehörigen betreuen können.

Mehr zu unserer Arbeit in Swasiland

„Die Kindernothilfe ist mir ein Herzensanliegen“

Von Gunhild Aiyub, Kindernothilfe-Redakteurin

Lüder Lüers gehört zu den letzten Zeitzeugen der Kindernothilfe-Gründung. Er hat mit unterschrieben, als der Verein ins Leben gerufen wurde. Damals ahnte er noch nicht, dass dies sein ganzes Leben umkrempeln würde. Aus der ehrenamtlichen Vorstandsarbeit wurde schließlich ein mehrjähriger 24-Stunden-Job in Indien. Lüder Lüers hat die frühen Jahre der Kindernothilfe entscheidend mit geprägt. Mit 90 Jahren blickt er zurück.

Auf dem Tisch stapeln sich Fotoalben mit Erinnerungen – manche noch schwarzweiß, teils etwas unscharf, andere in verblichenen Farbtönen. Exotische handgeschnitzte Figuren auf Regalen und in Schränken, Gemälde von fremdländischen Menschen und Landschaften an den Wänden erzählen von einer tiefen Verbundenheit ihres Besitzers vor allem mit der indischen Kultur. Lüder Lüers, Gründungsmitglied der Kindernothilfe und langjähriges Vorstandsmitglied, sitzt in seinem gemütlichen Wohnzimmer und erzählt von früher. Wie alles begann, mit der Kindernothilfe und der Arbeit in Indien. „Als 1959 von Duisburg aus die ersten fünf Patenschaften für Kinder in Indien vermittelt wurden, hatte ich mein eigenes Büro für Gartenbau und Landschaftsplanung und keine Ahnung, dass ich einmal etwas mit diesen Kindern zu tun haben würde.“

Patenschaftsvermittlung am Küchentisch

Die Patenschaften vermittelte damals ein anderer Duisburger, Karl Bornmann. Aufgrund seiner Hunger-Erfahrungen im 2. Weltkrieg wollte er Kindern in Indien helfen. „Aktion Hungernde“ nannte er seine ehrenamtliche Initiative. Die Zahl der Patenschaften wuchs, immer mehr Menschen in Duisburg wollten helfen. Die Arbeit in der Bornmannschen Wohnung uferte aus: Briefe, Berichte und Werbeblätter mussten verfasst und Geld verwaltet werden. Seine Kinder schwirrten per Fahrrad durch die Stadt, um die Post zu verteilen. Es war abzusehen, dass sich dringend etwas ändern musste.

„Im Juni 1960 war ich zum Abendessen bei einem Freund eingeladen“, erinnert sich Lüder Lüers. „Während er die Kinder zu Bett brachte und seine Frau in der Küche Bratkartoffeln machte, saß ich im Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag ein Prospekt von der Aktion Hungernde, in der für Patenschaften geworben wurde. Auf dem Titelblatt standen die Worte aus dem Matthäus-Evangelium, die auch die Kindernothilfe später als Leitworte gewählt hat: ‚Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan‘. Das hat mich direkt angesprochen; meine Familie war im Krieg aus dem Osten geflüchtet und hatte alles Hab und Gut verloren. Ich besuchte Karl Bornmann, und am Ende war ich nicht nur Pate, sondern auch noch Übersetzer. Nach und nach wurde ich immer mehr in die Arbeit eingebunden.“

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Die Gründung der Kindernothilfe

Die Arbeit der Aktion Hungernde weitete sich über Duisburg hinaus aus. Am 7. Januar 1961 verankerten Karl Bornmann, Lüder Lüers und vier weitere Herren ihre Tätigkeiten in einem größeren organisatorischen Rahmen: Sie gründeten den Verein „Kindernothilfe“. Lüers zeigt auf eines der Schwarzweiß-Fotos, die er auf dem Tisch ausgebreitet hat: Sechs ernste, in dunkle Anzüge und Krawatten gekleidete Männer, bis auf Lüers alle älteren Datums, blicken nachdenklich auf die Gründungsurkunde. „Im November 1962 wurde ich in den Vorstand der Kindernothilfe gewählt – ehrenamtlich, wie alle anderen auch. Die Sitzungen von Beirat und Vorstand fanden in Privatwohnungen statt. Es gab noch kein Büro, geschweige denn eine Geschäftsstelle. Die erste hauptamtliche Mitarbeiterin, Edith Brangs, hatte ihren Arbeitsplatz im Dachgeschoss der Druckerei Brendow in Ruhrort.“

„Wer geht denn jetzt nach Indien?“

Anfang 1963 beschloss der Kindernothilfe-Vorstand, dass es an der Zeit sei, in Indien nachschauen, ob die Gelder auch richtig eingesetzt wurden. Inzwischen verwaltete die Kindernothilfe 820 Patenschaften, davon 85 Prozent in Indien. Die beiden Vorstandsmitglieder Lüder Lüers und Adolf Kölle reisten sechs Wochen durch das Land. Vieles, was die Männer zu sehen bekamen, bewegte sie sehr. Manches, besonders die fachliche Ausbildung der Leiter und Mitarbeiter der Schülerwohnheime, in denen die Patenkinder untergebracht waren, war oft nicht überzeugend. „Nach unserer Rückkehr fragten wir uns im Vorstand: Wer geht denn jetzt nach Indien und ändert dort was? Irgendwann schauten alle mich an“, lacht Lüers. „Ich hatte mir die Frage auch schon gestellt, und ich sagte ja.“

Die Kindernothilfe war finanziell nicht in der Lage, einen Mitarbeiter nach Indien zu schicken und dort zu unterstützen. Lüers wurde schließlich über die Organisation „Dienste in Übersee“ als Entwicklungshelfer ausgesandt, um in einem ländlichen Entwicklungszentrum in Deenabandupuram Bewässerungsprojekte durchzuführen. In seiner Freizeit sollte er die Kindernothilfe-Projekte betreuen.

Alles hinzuschmeißen und für Jahre ins Ausland zu gehen, war damals noch ein größeres Wagnis als heute. Doch Lüers‘ Familie und Freunde reagierten positiv. Und auch Karl Bornmanns Tochter Ruth war nicht abgeschreckt, als Lüders Lüers ihr einen Heiratsantrag machte mit der wenig verlockenden Aussicht, mehrere Jahre in einem abgelegen ländlichen Gebiet leben zu müssen. Am 11. Juli 1965 reiste das Ehepaar nach Deenabandupuram, wo es sechs Jahre lang blieb. „Das war nicht einfach für meine junge Frau“, gibt Lüers zu. „Wir wohnten 120 Kilometer nordwestlich von Madras, in einem winzigen Dorf. Der nächste Ort war sieben Kilometer entfernt, wir mussten die Post jeden Tag mit dem Fahrrad dort abholen, es gab keine Zustellung bis zu uns.“

Büroarbeit bei 45 Grad im Schatten ohne Klimaanlage

Lüers reiste sehr viel herum. Er musste im Umkreis von 500 Kilometern 150 Bewässerungsbrunnen bauen. Darüber hinaus war er ständig auf Achse, um die Kindernothilfe-Projekte zu besuchen. „Anfangs ist meine Frau mit mir gefahren, bis sie schwanger wurde. Auch unser zweiter Sohn ist in Indien geboren. Unser Ältester sprach schon mit vier Jahren Tamil, Englisch und Deutsch. Er hat oft für mich übersetzt.“ 1967 eröffnete Lüers auf Bitten der Kindernothilfe in einem Raum seiner Wohnung ein Büro für die stetig wachsende Arbeit des Hilfswerks. „Unsere Mitarbeiter hatten ganz kleine Schreibtische, auf denen nur eine Schreibmaschine Platz hatte. Abends räumten sie die Tische an die Wand und rollten ihre Schlafmatten aus. Schlimm wurde es im Sommer. Wenn man bei 45 Grad im Schatten unter einem Ziegeldach sitzt, ohne Klimaanlage und Ventilatoren, dann läuft einem buchstäblich das Wasser den ganzen Körper herunter.“

Die Kindernothilfe nahm immer mehr Schülerwohnheime in ihr Hilfsprogramm auf. 1969 wurde ihre erste Partnerorganisation gegründet: „Church of South India – Council for Child Care“, Lüers wurde ihr Exekutiv-Sekretär. Das Problem mit den inkompetenten Heimleitungen löste er gemeinsam mit dem neuen Partner: Es wurden Fachdozenten berufen, um alle Leiter und Mitarbeiter in einer zweijährigen Ausbildung zu qualifizieren. Während der 90-Jährige erzählt, Schönes und Schwieriges, Daten, Namen, Orte nennt, als wäre es erst gestern gewesen, hört man eines immer wieder heraus: Er fühlte sich von Gott in diese Aufgabe berufen. Er, der aus einer nazitreuen Familie stammte, war irgendwann ausgebrochen aus dieser kranken Ideologie. Er war Christ geworden und hatte nur noch den Wunsch gehabt, sich für Jesus einzusetzen. Zum Beispiel, indem er dafür sorgte, dass indische  Kinder der Kastenlosen versorgt wurden mit Kleidung, Nahrung, Bildung und einem Dach über dem Kopf. „Und wenn es Probleme gab, hat Gott mir zum richtigen Zeitpunkt Menschen in den Weg gestellt hat, die wir brauchten.“
Lüder Lüers in einem Projekt für gehörgeschädigte Jungen

Immer die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt getroffen

Sein Buchhalter in Deenabandupuram erkrankte an Tuberkulose, und Lüers traf Hunderte Kilometer entfernt einen ihm bekannten Missionar, der nach einer neuen Aufgabe suchte und Buchprüfer war. Ein Presseartikel über das gehörgeschädigte Kindernothilfe-Patenkind von Ministerpräsident Johannes Rau führte dazu, dass der Rektor des Rheinisch-Westfälischen-Berufskollegs, eine der besten Berufsschulen für Hörgeschädigte in Deutschland, zwölf Jahre lang seinen Urlaub in Indien verbrachte und in den Spezialprojekten Lehrer für hörgeschädigte Kinder ausbildete. Einmal traf Lüers zufällig die englische Missionarin Gertrud Hughes, die seit 30 Jahren in Indien arbeitete. Beide waren tief betroffen über die vielen bettelnden, poliogeschädigten Kindern. „Uns wurde schlagartig klar: Wir müssen etwas tun, damit sie eine Schulausbildung bekommen. So ist das erste Polio-Heim in Kanchipuram entstanden. Das sprach sich sehr schnell rum, so dass wir Ende 1990 zwölf solcher Heime in verschiedenen Gebieten Südindiens hatten.“

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Nach sechs Jahren in Deenabandupuram blieben Lüers und seine Familie noch eineinhalb Jahre in Bangalore, wo er, finanziert von Dienste in Übersee, vollzeitlich für den indischen Kindernothilfe-Partner tätig war. Im Frühjahr 1973 kehrten sie nach Deutschland zurück. Die Kindernothilfe hatte inzwischen ihre eigene Geschäftsstelle in Duisburg-Buchholz bezogen, Projekte in weiteren Ländern waren hinzugekommen, die Zahl der Patenkinder belief sich auf rund 14.600. Lüder Lüers wurde stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Er knüpfte Kontakte zu Partnern in anderen Ländern und sorgte dafür, dass neue Projekte aufgenommen und die Arbeit immer weiter qualifiziert wurden. Ende Oktober 1991 ging er in Rente. Wenn man einen Verein gegründet und viele Jahre begleitet hat, hat man sicherlich ein ganz besonderes Verhältnis zu der Arbeit. Aber Lüers stellt klar: „Das ist nicht meine Kindernothilfe. Sie ist mir ein Herzensanliegen, aber sie hat das Recht und muss sich auch anders entwickeln als zu meiner Zeit.“

Erfolgreiche Patenschaften

Die Spuren vieler ehemaliger Patenkinder verfolgt er bis heute. Mit Stolz erzählt er die Geschichten, was aus diesem und jenem Kind geworden ist. Vor Jahren hat er wochenlang Indien und Äthiopien bereist und diese Geschichten aufgeschrieben. „Ein Mädchen aus einem Heim in Indien ist heute Ausbilderin für Krankenschwestern in London und finanziert ihre ganze Familie. Andere sind Dozenten und Professoren, Ärztinnen, Pfarrer, IT-Experten, Tischler, Schneiderinnen geworden. Sie können sich und ihre Familien ernähren und helfen jetzt ihrerseits vielen anderen Menschen. Ich wünsche der Kindernothilfe, dass sie ihrer Berufung treu bleibt und Not leidende Kinder und ihre Familien stark macht, damit sie ihre gottgegebene, menschengerechte Zukunft finden und die Hilfe, die sie selbst bekommen haben, weitergeben können.“

 

Haiti: Die Kinder können wieder lachen

Zweieinhalb Monate nach Hurrikan Matthew erreichen uns gute Nachrichten aus Artinbonite in Haiti. Die Kinder in unseren Schutzzentren leben auf – und die Dorfbewohner sind begeistert. Unsere Partnerorganisation Amurt berichtet:

Rund 1.200 Kinder erreichen wir jeden Tag in unseren sechs Kinderschutzzentren, nur am Sonntag machen wir Pause.  In den Dörfern Coridon, Point des Mangles, Magazen, Las Caohn, Savannes Naje und Gran Savan kommt das Betreuungsangebot gut an. Diese ländliche Region wurden besonders schlimm von dem Unwetter betroffen.

Platz haben die Kinderschutzzentren in den örtlichen Schulen gefunden, die wir gemeinsam wieder hergerichtet haben. Hier können die Kinder spielen, musizieren, tanzen und Sport treiben. Außerdem spielen wir gemeinsam Theater und erzählen Geschichten. Ab Januar wollen wir sogar Yoga anbieten.

Ein Platz zum Fröhlichsein: Kinderschutzzentren in dem Teil Haitis, den Hurrikan Matthew besonders verheert hat

Ein Platz zum Fröhlichsein: Kinderschutzzentren in dem Teil Haitis, den Hurrikan Matthew besonders verheert hat

Das Essen für die Kinder kommt von lokalen Händlern und Bauern. Das Trinkwasser bringen Lastwagen herbei, aufbewahrt wird es in großen Plastiktanks. In drei  der Dörfer errichten wir nahe den Kinderschutzzentren insgesamt sechs öffentliche Toiletten, die auch von den Dorfbewohnern genutzt werden können – vorher gab es überhaupt keine Sanitätseinrichtungen dieser Art.

Die Betreuer kommen alle aus den Ortschaften selbst. Sie werden von uns zweimal im Monat geschult und kontinuierlich begleitet. Alle Betreuer zeigen großen Einsatz und leisten wirklich gute Arbeit.

Die Dorfgemeinschaften sind ausgesprochen begeistert von dem Angebot der Kinderschutzzentren. Allen ist klar, wie gut der Einfluss auf die psycho-soziale Entwicklung der Kinder ist. In Befragungen der Kinder und ihrer Eltern konnten wir große Fortschritte seit der Katastrophe feststellen: Die Kinder sind merklich gesünder und fröhlicher. Sie spielen und singen Lieder, die sie im Schutzzentrum gelernt haben. Auch Lehrer und Schuldirektoren betonen den positiven Effekt der Nachmittagsbetreuung im Projekt.

Wir sind sehr zufrieden mit den bisherigen Erfolgen. Gemeinsam haben wir viel erreicht, auch dank der Spenden aus Deutschland. Das macht uns zuversichtlich, dass wir mit unserer weiteren Arbeit dauerhaft viel erreichen können.

Alice im Wunderland als Kinder-Musical

Das Kinder-Musical "Alice im Wunderland": jetzt in Berlin in 22 Weihnachtsaufführungen zu sehen

Das Kinder-Musical „Alice im Wunderland“: jetzt in Berlin in 22 Weihnachtsaufführungen zu sehen

Die „Action!Kidz – Kinder gegen Kinderarbeit“ und das Kinder-Musical-Theater Berlin machen gemeinsame Sache: Zwischen dem 9. und 28. Dezember sind die Action!Kidz bei einigen Aufführungen von Alice im Wunderland in der Urania Berlin dabei und informieren die Musical-Besucher darüber, was man gegen ausbeuterische Kinderarbeit tun kann.

Und was passiert im Musical selbst? Mit der Premiere von „Alice im Wunderland“ entführt das Kinder-Musical-Theater Berlin Kinder und Erwachsene in eine musikalische Zauberwelt. Über 120 Kinder und Jugendliche besingen und ertanzen diese Wunderwelt in ihrer 11. Produktion.

Worum geht es? Das weiße Kaninchen führt Alice in das sagenhafte Wunderland, um den von der roten Königin unterdrückten Bewohnern zu helfen. Aber das Kaninchen muss sich etwas Außergewöhnliches  einfallen lassen, um Alice zu sich zu holen: Es programmiert dafür ihr Smartphone.

Ihr Smartphone? Ja, und es gibt noch viele weitere wunderbare Helfer in diesem modern erzählten Märchen. Mehr erfahrt ihr unter www.kinder-musical-theater-berlin.de.

Haiti: Matthew und die vergessenen Orte

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut. (Alle Fotos: J. Schübelin)

(Anse-Rouge, Coridon – Nordwest-Haiti, 17.-19.10.2016) In jeder Katastrophe gibt es sie: die vergessenen Orte. Meistens Dörfer, manchmal ganze Landstriche. Keine Journalisten schaffen es bis hierher. Keine Fernsehkameras dokumentieren das Leid der Menschen. Niemand berichtet nach außen, was geschehen ist, und keine internationalen Helfer finden den Weg, geschweige denn irgendwelche Vertreter der eigenen Regierung.

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zurzeit in Haiti

Coridon ist so ein vergessener Ort. Ein Fischerdorf an der öden, kahlen Küste im Norden des Department Artibonite. Vor der Hurrikan Matthew-Katastrophe war dieser Landstrich die ärmste Region Haitis. Und jetzt? Jetzt ist sie die vergessendste. Die Menschen von Coridon und den ebenso heimgesuchten Nachbardörfern bis hinauf nach Anse-Rouge haben das unsägliche Pech, dass Matthew an der Südküste Haitis in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober den dramatischeren Auftritt hingelegt hat, die Küstenorte dort mit unglaublicher Wucht regelrecht zerfetzte. Seither ist das, was es an ohnehin sehr bescheidener internationaler und nationaler Aufmerksamkeit gibt – oder gerade noch gibt –, auf diesen Teil Haitis, den Süden, fokussiert.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Im Nordwesten, in Coridon, war es nicht der Wind. Hier tobten meterhohe Brecher und der Regen. Tagelanger extremer Starkregen, so wie er sich nur an den Rändern gewaltiger Hurrikan-Systeme bilden kann. Zuerst zerstörten die Meereswellen die Häuser und Hütten der Menschen entlang der Küstenlinie, dann kamen aus den Bergen die Schlamm- und Geröllmassen, riesige Mengen an Wasser: „Es war so laut wie Donner“, sagt Madame Claudine, „wir dachten alle, jetzt werden wir ins Meer geschwemmt.“

Mais, Bohnen, Gemüse wurden wie mit einem Hochdruckreiniger weggeschwemmt

Niemand hier an dieser Küste hat so etwas schon einmal erlebt. Keine der vorausgegangenen Hurrikan-Katastrophen war so verheerend wie diesmal Matthew.

Die gewaltigen Regenmengen zerstörten zuerst die Felder und die Gärten der Kleinbauern an den Berghängen, wuschen die dünne Erdkrume mit allem darauf Gepflanztem – Mais, Bohnen und ein bisschen Gemüse – wie unter einem Hochdruckreiniger weg. Unten im Tal vernichteten die Schlamm- und Wassermassen dann innerhalb von wenigen Stunden das, was die Menschen aus Coridon in Generationen aufgebaut hatten: ihre Salinen.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Drei Viertel des Salzes, das in Haiti konsumiert wird, kam aus diesen Salinen. Achtzig Prozent der Menschen in diesem Landstrich lebten von der Salzerzeugung. Produziert wurde nach einer archaischen, jahrtausendealten Methode, bei der jede Familie ein eigenes Salzbecken bewirtschaftet, dort das eingeleitete Meerwasser verdunsten lässt und dann die Salzkristalle aberntet. Knochenarbeit bei sengender Hitze.

Die Salinen von Coridon sind Geschichte

Auf googlemaps gibt es die Salinen von Coridon immer noch. Aus dem All sehen sie vergrößert aus wie ein kunstvoll ineinander gefügtes Mosaik – mit Steinchen in vielen verschiedenen Farben. Aber dieses Bild ist Geschichte.

http://www.maplandia.com/haiti/artibonite/coridon

 Matthew hat diese gesamte Salinen-Landschaft in eine trostlose, graue und braune Einöde verwandelt. Die kleinen Deiche, die die verschiedenen Becken voneinander trennten, sind zerstört, die Salinen unter Tonnen von Schlamm und Wasser begraben.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

 

Die Fischer aus dem Dorf hat es nicht weniger hart getroffen. Die meisten ihrer Boote wurden durch die meterhohen Wellen beschädigt oder ganz zerstört, Netze, Reusen, Segel vernichtet.

Die ersten Menschen sterben an Cholera

Aber das größte Problem für die Menschen in Coridon und seine Nachbardörfer ist seit zwei Wochen das fehlende Trinkwasser. Eine Wasserleitung aus den Bergen, im Rahmen eines anderen Humanitäre-Hilfe-Projektes gebaut, wurde einfach weggerissen. Jetzt versuchen sich die Menschen dadurch zu helfen, dass sie mit aneinandergefügten Wellblechresten etwas Regenwasser auffangen. Fast jede Nacht hat es in der zurückliegenden Woche extrem stark geregnet. Noch immer steht das Wasser im ganzen Dorf. Drei Personen seien an der Küste von Artibonite in den vergangenen Tagen an Cholera gestorben, berichtet ein Polizist aus Anse-Rouge. Überprüfen lässt sich das nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Und, als wäre dieses Panorama noch nicht apokalyptisch genug, das Karibische Meer hat sich im Golf de la Gonâve in der Hurrikan Matthew-Nacht bitterlich an den Menschen gerächt und Tonnen von erbärmlich stinkendem Müll, vor allem Plastikflaschen und Styroporreste, auf den Strand zurückgeworfen.

Überall auf der Welt entwickeln die Überlebenden unterschiedliche Formen, um mit derartigen Katastrophen umzugehen. In Coridon wollen sie alle fotografiert werden. Jede Familie vor ihrem zerstörten Haus, mit den Kindern, den beschädigten Boote, den vernichteten Salinen. Als ob die Kamera irgendetwas wiedergutmachen könnte. Aber vielleicht ist es einfach die Hoffnung, dass die Welt außerhalb doch davon erfährt, was hier geschehen ist.

Hilfe zuerst für die Kinder

Lenoix, der Agraringenieur der Kindernothilfe-Partnerorganisation AMURT, hat es geschafft, inmitten des Chaos eine Gemeindeversammlung einzuberufen. Behutsam erläutert er, wie die Kinderzentren, die child friendly spaces, mit denen AMURT in dieser Woche startet, funktionieren werden. Er erklärt, wie sehr es darauf ankommt, dass alle Familien mithelfen, zuerst die Kinder versorgen zu können. Mit den Kindern anzufangen, darin sind sich alle Teilnehmer der Versammlung einig, das ist ganz wichtig, aber dann müssten auch die alten Menschen, die schwangeren Mütter und die Frauen, die den ganz kleinen Babys noch die Brust geben, drankommen. Lenoix versichert der Runde, dass AMURT ihren Rat beherzigen werde.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar - die Kinder werden zuerst versorgt.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar – die Kinder werden zuerst versorgt.

Mit den Frauen aus den Kindernothilfe-Selbsthilfegruppen (groupes d’entraide) hat er bereits gesprochen. Sie, die ebenfalls alles verloren haben, werden die Zubereitung der Mahlzeiten für die Kinder übernehmen und für ihre Arbeit bezahlt werden – cash for work nennt sich dieses Prinzip, durch das es möglich sein wird, die betroffenen Familien mit etwas Barmitteln auszustatten.

Chance für eine bessere Salzproduktion

Die allergrößte Herausforderung besteht jedoch darin, mitzuhelfen, so schnell wie irgend möglich die Salzproduktion wieder in Gang zu bringen, die Salinenbecken vom Schlamm und Regenwasser zu befreien und die Trenndeiche wieder aufzubauen. „Vielleicht haben wir ja eine Chance“, sagt Demeter Russafov, der Haiti-Landesdirektor von AMURT, „inmitten dieser Katastrophe einige der Familien davon zu überzeugen, die Salzfelder diesmal anders anzulegen, mehrere, miteinander verbundene Becken gemeinsam zu bewirtschaften und dadurch Salz in besserer Qualität zu erzeugen.“ Demeters Enthusiasmus steckt an, einige interessierte Familien hat er bereits gefunden.

Für Madame Claudine vor ihrem zerstörten Haus am Strand gibt es noch eine andere Priorität: „Helft mir bitte“, sagt sie beim Abschied, „wieder ein Dach zu haben, unter dem meine Kinder und ich schlafen können.“

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.

„Die Leidenschaft, für Kinder zu arbeiten – das verbindet uns!“

Projektreise Südafrika: Austausch zwischen deutschen und südafrikanischen Ehrenamtlichen bei DurbanVon Niklas Alof, Referat Bildung und Öffentlichkeitsarbeit, zurzeit mit Kindernothilfe-Ehrenamtlichen auf Projektbesuch in Südafrika

Es ist der dritte Projektbesuch unserer Reise. Wir sind in unserem kleinen Bus auf dem Weg in eine ländliche Region namens Umbumbulu, ca. 45 Kilometer außerhalb von Durban. Es regnet und ist erstaunlich kalt, auch machen sich die vielen Eindrücke der letzten Tage bemerkbar, die auf uns eingeprasselt sind.

Die Stimmung ist nicht mehr ganz so euphorisch wie an den Tagen zuvor. Besonders die große Ungleichheit, die einem in Südafrika begegnet, geht vielen von uns wirklich nah. Einerseits sieht man prachtvolle Straßenzüge und Villen, hat eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur und bestaunt tolle Landschaften. Andererseits kommt man innerhalb weniger Minuten, weniger Kilometer in Gebiete, die man zwar aus Berichten und Bildern kennt, deren reale Existenz aber überwältigend ist. Die Armut und Ausgrenzung, die die Menschen in den Townships und den ländlichen Regionen erfahren ist, krass. Manche leben in kleinen vom Staat finanzierten Steinhäusern, andere bauen sich aus Wellblech und anderen Behelfsmitteln kleine Hütten. Es gibt manchmal Strom über Solaranlagen, Toiletten sind teilweise auch zu erkennen. Es sind Dixi-Klos oder selbstgebaute Hütten.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir bei einer kleinen Schule an; ein Mitarbeiter des Kindernothilfe-Partners Sinani empfängt uns und führt uns in einen Raum, in dem eine 15-köpfige Gruppe von ehrenamtlichen Community Childcare Workers (vergleichbar mit Jugendarbeitern) auf uns wartet. Langsam treten wir ein, die sprachlichen und kulturellen Hürden lassen sich nicht leugnen, alle sind etwas schüchtern und warten ab. Wir setzen uns in einen großen Kreis, begrüßen einander und stellen uns vor. Alles wirkt leicht steif und zurückhaltend. Nach ein paar offiziellen Worten der Begrüßung von beiden Seiten können Fragen gestellt werden. Jetzt wird die Runde lebhaft – von unserer Seite kommen viele Fragen: Welche Hauptprobleme begegnen euch bei der Arbeit mit den Kindern? Wie kommt ihr mit den Eltern in Kontakt, wie kooperieren diese? Wie viele Haushalte werden von Kindern geführt? Wie vereinbart ihr eure ehrenamtliche Arbeit mit euren anderen Jobs und Aufgaben?

Projektreise Südafrika: gelegenheit zum intensiven Austausch mit südafrikanischen Ehrenamtlichen

Gelegenheit zum intensiven Austausch mit südafrikanischen Ehrenamtlichen

Die Erfahrungen der ehrenamtlichen Mitarbeiter beeindrucken und machen betroffen

Die Gewalterfahrungen der Kinder sind so vielfältig, dass man sie kaum aufzählen kann, hören wir aus den Antworten. „Gewalt in der Familie und der Großfamilie, in der direkten Umgebung, es gibt sehr gefährdete Kinder in den Communities, viele wurden durch HIV und Aids zu Waisen“, zählen die Jugendarbeiter auf. Aids und seine Folgen sind ein riesiges Arbeitsfeld für die freiwilligen Mitarbeiter. „Ich machte einen Hausbesuch bei einer Familie“, berichtet eine Ehrenamtliche, „und treffe dort auf 15 Waisenkinder, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte.“ In diesem Gebiet werden schätzungsweise nahezu ein Drittel der Haushalte von Kindern geführt. Eine unvorstellbare Zahl! Viele der Kinder haben – auch aufgrund ihrer kulturellen Erziehung – nicht gelernt, ihre Gewalt- und Verlusterfahrungen zu verarbeiten. Manche können durch die Jugendarbeiter erstmals eine enge Beziehung aufbauen und über ihre Trauer und Probleme sprechen. Dabei gehen die Sinani-Ehrenamtlichen sehr vorsichtig vor. Keines der Kinder soll dadurch stigmatisiert werden, dass es sich öffnet und seine Probleme aufzeigt. Auch soll diese Offenheit nicht zu Konflikten mit den Eltern führen. So besuchen die Jugendarbeiter auch immer wieder die Eltern, berichten von ihrer Arbeit, versuchen sie zu überzeugen.

Die Eltern begegnen den Ehrenamtlichen anfangs mit großer Skepsis. Es erfordert Offenheit und Mut, dem eigenen Kind zu mehr Freiheit und Selbstbewusstsein zu verhelfen. „Aber“, so berichten sie, „der nachhaltige Erfolg überzeugt dann doch viele von ihnen. Die Kinder werden besser in der Schule, entwickeln sich gut, blühen auf. Auch bekommen sie durch die Betreuung eine Mahlzeit – nicht zuletzt eine gute Art, Eltern zu überzeugen.“

Die Sinani-Jugendarbeiter verbinden ihre ehrenamtliche Arbeit mit all ihren anderen Jobs, ihrer eigen Familie, ihren eigenen Aufgaben. Sie sagen, dass sie sich Schlupflöcher suchen, in denen sie ihre Arbeit machen können, sei es auch ein Samstag.

Die Kinder haben viel Spaß und sind blühen auf.

Die Kinder haben viel Spaß und sind blühen auf.

Tausende Kilometer voneinander entfernt und doch eine gemeinsame Vision

Eine Mitarbeiterin spricht aus, was alle Anwesenden verbindet: „Man braucht Leidenschaft, um sich für hilfsbedürftige Kinder einzusetzen. Das ist kein einfacher Job – es ist eine Aufgabe, die Leben verändern kann!“ Ein toller Moment für alle, die hier zusammensitzen, denn wir sehen, wir leben zwar Tausende von Kilometern voneinander entfernt und doch haben wir die gemeinsame Vision: Lasst uns Kinder zu ihren Rechten verhelfen!

Die Stimmung ist mittlerweile viel lockerer, es entsteht ein reger Austausch. Auch wir können berichten, welche Arbeit in Deutschland ehrenamtlich geleistet wird. Wie wir immer wieder Menschen davon überzeugen wollen, sich für andere einzusetzen. Wie wir immer wieder Menschen bewegen möchten, über ihren eigenen Tellerrand zu schauen. Das verbindet, und es ist toll zu wissen, dass es diese Verbindung quer über die halbe Erdkugel gibt.

Die Kindernothilfe-Ehrenamtlichen bei ihrem Projektbesuch.

Die Kindernothilfe-Ehrenamtlichen bei ihrem Projektbesuch.

Es werden nun fleißig Selfies und Fotos jeder Art gemacht. Wir stehen zusammen, unterhalten uns irgendwie auf Englisch, Zulu und Deutsch, manche übersetzen. Ein toller Spirit macht sich breit! Dafür sind wir da. Wir wollen direkt erleben, wie die Arbeit vor Ort läuft. Wir wollen sehen, welche Menschen dahinter stecken. Und das passiert ganz wunderbar an diesem kalten und regnerischen Tag in der Nähe von Durban: Wir verstehen einander, wir stärken und motivieren uns. Für Kinder. Weltweit.