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Peru: Für eine Kindheit ohne Gewalt

Die neuen Vorstände der Kindernothilfe – Vorsitzende Katrin Weidemann und Finanz- und Verwaltungsvorstand Jürgen Borchardt – lernen ihre ersten Kindernothilfe-Projekte in Lateinamerika kennen. Katrin Weidemann berichtet in unserem Blog über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

11.03.2015

Der Kontrast könnte größer nicht sein. Unser kleines Hotel im Stadtviertel „Miraflores“  liegt umgeben von palmenbeschatteten Villen, Strandcafés und schicken Boutiquen.  Moderne, in weiß gehaltene Hochhäuser ragen in den oft grau bewölkten Himmel von Lima, ihre gläsernen Balkone sind zum Pazifik ausgerichtet, um möglichst viel von dem grandiosen Blick in die Appartments zu ziehen. Der kontinuierliche Wirtschaftsaufschwung, den Peru in den zurückliegenden Jahren vor allem dank des Bergbaus erlebte, hier ist er deutlich sichtbar.

Unser Fahrzeug reiht sich in den dichten morgendlichen Verkehr Richtung Norden ein. Langsam durchqueren wir die Stadt, in der sich auf einer Fläche knapp größer als das Saarland gut 10 Millionen  Menschen drängen. Nach einer knappen Stunde Fahrtzeit landen wir in einer anderen Welt: Wir sind in der Wüste. Nichts erinnert hier, im Distrikt Ventanilla, an den großstädtischen Reichtum Limas. Auf staubigen Sandpisten fahren wir durch die flirrende Hitze, vorbei an mit Bastmatten umwickelten Schlafplätzen, erdfarbenen Hütten aus luftgetrockneten Ziegeln und mit Steinen beschwerten Wellblechdächern.

Knapp 400.000 Menschen leben in Ventanilla, erzählt Ada, die hier seit 16 Jahren für den Kindernothilfe-Partner Kusi Warma arbeitet. In Pachacútec, einem der am schnellsten wachsenden Stadtteile an der Nordperipherie dieser Riesenstadt, ist die Lebenssituation der Kinder besonders schwierig. 180.000 Menschen hausen hier, ein Drittel davon sind unter 18 Jahren. Mehr als  70 Prozent der Bewohner haben keinen Zugang zu Trinkwasser. Vor manchen Unterkünften stehen deshalb riesige Plastiktonnen, in denen die Nachbarn das Wasser, das sie von Tanklastern kaufen, sammeln.  44 Prozent der Einwohner Parachútecs haben keine Elektrizitätsversorgung, 74 Prozent keine Abwasserleitungen.  In dem kleinen Kusi Warma Büro haben uns Ada, Gloria, Susanna, Sara und Michel diese Zahlen vorgestellt. Als Lehrerin,  Erziehungswissenschaftlerin, Sozialarbeiterin und Psychologe  begegnet ihnen die Armut in Pachacútec jeden Tag.  Und sie begegnen dieser Armut mit einem Projekt der Kindernothilfe.  5.000 Eltern und Lehrer in Pachacútec, das ist ihr Ziel, sollen bis Ende des Projektzeitraums um die Rechte ihrer Kinder wissen und sich dafür einsetzen.

Wie das konkret aussieht, erleben wir als erstes im Kinderzentrum. Dieses mit seinem fröhlichen bunten Wandbild leicht erkennbare Haus liegt zwischen Marktbuden und Unterkünften auf einer hügeligen Sandstraße in Pachacútecs Sektor C. Im rechten Teil des Hauses treffen sich gerade Mütter mit  ihren Kleinkindern von 0 bis 3 Jahren.  Um frühkindliche Stimulierung geht es da: im Kreis auf einer Matte sitzend wird jedes Kind mit seinem Namen und einem Begrüßungsritual willkommen geheißen, es wird gesungen, gestreichelt und geklatscht. Die Kleinen sind kräftig mit Rasseln und Trommeln dabei, krabbeln bunten Schaumstoffbällen nach oder üben sich mit weichen Stoffwürfeln als Turmbauer. Ein bis zweimal pro Woche treffen sie sich zu dieser spielerischen Frühförderung. Für die Eltern gibt es daneben immer wieder Informations-Angebote: zu Ernährung, zu Gesundheit, zu frühkindlicher Erziehung oder zum Kindesschutz.

 

Nebenan, im linken Hausteil, warten einige ehrenamtliche Mitarbeiterinnen gerade auf die größeren Kinder. An drei Tagen pro Woche werden sie künftig die Betreuung der Gruppe der 3- bis 6-Jährigen und die der 7- bis 12-Jährigen übernehmen. Ein Jahr lang haben sie sich mit den Mitarbeitern von Kusi Warma darauf vorbereitet, haben eigenes Material entwickelt, sich Techniken angeeignet, um 60 Klein- und Schulkinder zu fördern und zu fordern.  Und ihnen vorzuleben, wie man gewaltlos miteinander umgeht. Gewalt ist in dieser rauen Umgebung ein drängendes Thema. Den Gesetzen Perus folgend ist „die Ausübung leichter physischer Gewalt durch Eltern“  immer noch erlaubt.  Darum versuchen die Mitarbeitenden von Kusi Warma neben der konkreten Elternarbeit, auch durch Netzwerkarbeit mit anderen Organisationen, durch Arbeit mit der Polizei und mit den kommunalen Behörden Kindesschutzstrukturen aufzubauen.

Auch in den Schulen. In einer von ihnen treffen wir Lorena. Sie ist 15 Jahre alt und Mitglied im Kinderrechtsrat einer kombinierten Grund- und Sekundarschule mit insgesamt 18.00 Schülern. „Por una infancia sin violencia“ steht über der Tür des kleinen Raums, den sich der Kinderrechtsrat mit der Schülermitverwaltung teilt.  Für eine Kindheit ohne Gewalt, dafür setzt sich Lorena bereits im zweiten Jahr ein.  Eng gedrängt sitzen wir Besucher und das Kusi Warma Team zusammen mit den Schülervertretern in dem Zimmerchen, da erscheint auch der Schuldirektor. Er sei zum ersten Mal überhaupt in diesem Raum, bekennt er freimütig. Aber natürlich unterstütze er die Sache der Jugendlichen. Die stellvertretende Schülersprecherin, qua Amt mit einer breiten, himmelblauen Schärpe quer über die Brust geschmückt, rutscht unruhig auf ihrem Stuhl.  Aber Lorena lässt sich nicht beirren. Klar und selbstbewusst beantwortet sie unsre Fragen. Welche Kinderrechtsverletzungen ihr an der Schule denn am häufigsten begegnen? Das größte Problem, meint sie, ist der Rassismus und die Diskriminierung von Kindern mit dunklerer Hautfarbe, den Indigenas. Sie werden oft benachteiligt, lächerlich gemacht und mit Spottnamen versehen. Aber auch Gewalt sei ein großes Thema, fährt sie fort. Schläge wären häufig,  sexuelle Übergriffe kämen immer wieder vor, und sehr oft verbale Gewalt, Erniedrigung. „Bullying nennen wir das an der Schule,“ berichtet Lorena.  „Das hindert uns daran, selbstbewusst zu wachsen, uns zu verteidigen.“ Viele Einzelgespräche führe sie jede Woche mit Opfern an ihrer Schule. Sie suche dann auch das Gespräch mit dem „Angreifer“, erkläre ihm, was seine Bemerkungen bei dem Mitschüler alles auslösen. „Manchmal war es das dann schon.“ Die nächste Instanz sei sonst der Vertrauenslehrer, an den sie sich wenden könne. Er würde die gravierenderen Fälle weiterverfolgen.

Wie schmerzhaft es ist, Ziel von Angriffen zu sein, hat sie auch schon am eigenen Leib erfahren. Häme, Beleidigungen und grobe Attacken habe sie schon erlebt, weil sie sich im Kinderrat engagiert. Dass sie trotzdem noch dabei ist, verdankt sie den Mitarbeitern von Kusi Warma, die ihr helfen, sie stützen und kontinuierlich weiter schulen.

Es wird schon Abend, als wir uns aus Pachacútec wieder auf den Rückweg nach Lima machen. Pachacútec, den Namen haben sich die ersten Bewohner dieses Stadtteils in der Wüste vor 15 Jahren selbst gewählt. Sie zogen hierher auf der verzweifelten Suche nach einem Stück Land, wo sie leben konnten, besetzten die Abhänge der Sandhügel.  Der Name des Inkakönigs Pachacútec schien ihnen damals wie eine Verheißung. „Er war ein starker König“, erzählt mir eine Mutter beim Abschied. Im Lauf seiner Regierungszeit machte er sich einen Namen als einer der tapfersten und weisesten Inka-Herrscher überhaupt. Reformfreudig organisierte er die politische und wirtschaftliche Struktur des Landes um und sicherte durch die neue Methode des Ackerbaus auf Terrassen die Ernährung der Bevölkerung nachhaltig. „Der, der die Welt verändert“ bedeutet sein Name auf Quechua. Es ist eine Verheißung, die sich für die Menschen in Pachacútec in vielen kleinen Schritten auch im Jahr 2015 noch realisiert.  Besonders für die Kinder.

Bolivien: “Reden ist besser als schlagen!”

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Die neuen Vorstände der Kindernothilfe – Vorsitzende Katrin Weidemann und Finanz- und Verwaltungsvorstand Jürgen Borchardt – lernen ihre ersten Kindernothilfe-Projekte in Lateinamerika kennen. Katrin Weidemann berichtet in unserem Blog über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

Fundacion La Paz (7.3.2015)

Casandra ist aufgeregt. Zwei Stunden hat sie vor dem Büro des Kindernothilfe-Partners Fundacion La Paz auf uns gewartet, jetzt will sie uns ihr Reich zeigen. Kassandra ist 16, und seit einem Jahr kommt sie beinah jeden Nachmittag hierher in das Jugendzentrum „Villa Copacabana”.  Bei einem Workshop in der Schule lernte sie die Arbeit der Stiftung kennen. Das, worum es ging,  gefiel ihr: ein Leben ohne Gewalt, ja, davon träumt sie auch.  Gewalt, sie ist in La Paz, wie überall in Bolivien, allgegenwärtig: in der Familie, in der Schule, auf der Straße.  Mit ihrer Mutter wohnt Casandra am Osthang von La Paz, wo 90 Prozent der Bewohner mit ihren Hütten in Hanglagen der ständigen Gefahr von Erdrutschen ausgesetzt sind. Die hohe Gewaltbereitschaft  in den Familien hat viel mit den beengten Wohnverhältnissen zu tun, aber auch mit der mangelnden Bildung vieler Menschen, die hier wohnen, mit zu hohem Alkoholkonsum und dem „machismo”, der traditionellen Vormachtstellung der Männer.  Auch unter Jugendlichen selbst ist Gewalt weit verbreitet.  In über 70 Prozent der vorehelichen Beziehungen, belegen Statistiken, kommt es zu körperlichen Misshandlungen und physischer Gewalt.

Casandra ist “Anti-Gewalt-Helferin”

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien.  Foto: Jürgen Schübelin

Casandra wollte etwas dagegen tun. Nach dem Workshop-Besuch vor einem Jahr ließ sie sich zur „Anti-Gewalt-Helferin” ausbilden.  Hier im Jugendzentrum fand sie einen geschützten Raum, um anderen unbelastet zu begegnen, um neue Verhaltensmuster auszuprobieren.

Stolz  führt sie uns in einen mit Papierblumen und Girlanden geschmückten kleinen Raum. Hier wird das selbstgebastelte Material aufbewahrt, mit dem sie und andere Helfer mittlerweile selbst zu Einsätzen  in Kindertagesstätten und Schulen gehen. „Was heißt es, eine Frau zu sein” steht auf einer Blechbüchse, daneben liegt das Pendant für Männer.  In der Büchse stecken laminierte Karten mit Beispielantworten. Sie sind oft Türöffner bei Rollenspielen und Diskussionsrunden unter den Jugendlichen. Auf einem großen Pappwürfel ist auf jeder der sechs Seiten eine Situation beschrieben,  in der es zu Gewalt kommt. Beim gemeinsamen Spielen wird in der Gruppe überlegt, welche Lösungsvorschläge es dafür gibt.

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift. Foto: Jürgen Schübelin

Während ich noch in dem riesigen Märchenbuch blättere,  in dem Casandra eine Beispielgeschichte von friedlichem, gelungenem Zusammenleben erzählt hat,  öffnet sich am Ende des Raums eine schmale Tür. Hinter einer verdunkelten Glasscheibe befindet sich ein winziges Aufnahmestudio.  Ursprünglich sollten die Jugendlichen hier nur kurze Spots aufnehmen können für den lokalen Radiosender. Aber Casandra und die anderen Gruppenmitglieder wollten mehr.  Mit Energie und Hartnäckigkeit haben sie sich mittlerweile einen festen wöchentlichen Radiosendeplatz gesichert. Dafür wählen sie Musik aus, führen Interviews oder organisieren Diskussionsrunden auf dem Marktplatz.  Schnell zeigt uns Casandra noch den Rohentwurf für die nächste Jugendzeitschrift,  die sie als Kommunikatorin der Gruppe mit herausgibt, dann geht´s in das Nachbarhaus des Jugendzentrums.

Die “Veränderungsagenten”

Die Breakdancer mit ihren Botschaften

Die Breakdancer mit ihren Botschaften. Foto: Jürgen Schübelin

Hier warten schon andere „Veränderungs-
agenten”, wie sie sich nennen.  Ihre Spezialität ist Breakdance. Während ihrer akrobatischen Vorstellung hält es uns kaum auf dem Stuhl, klatschend stehen wir im Kreis und bekommen so am Ende der Tänze die Appelle  der Jugendlichen, auf große grüne Tafeln geschrieben, direkt vor Augen gehalten: „Mach nicht mit bei Gewalt!”  „ Reden ist besser als schlagen!” „Wer nein sagt, meint auch nein”.  Ich kann mir gut vorstellen, wie diese Performance bei Schulbesuchen begeistert und andere Jugendliche ins Gespräch zieht.

Zum Abschluss will uns auch Alexander noch etwas zeigen.  Er hat sich als Anti-Gewalt-Helfer aufs Sprayen spezialisiert, seine Leidenschaft sind Graffitis. An drei Schulen hat er im letzten halben Jahr mit dem Fundacion-Team zuerst bei Schul-Workshops mitgeholfen. Mit Lehrern, Eltern und den Schülerinnen und Schülern ging es dabei jeweils zwei Tage lang um Themen wie Frühschwangerschaften, Umgang mit Alkohol, aber auch um alltägliche Gewalt Mädchen und Frauen gegenüber.  Am Ende der Workshops hat Alexander dann mit den Schülern ein Motiv entwickelt und damit in einer gemeinsamen Sprüh-Aktion die Außenmauer der Schule gestaltet.  „Für jeden verlassenen Macho gibt es drei glückliche Frauen”, lese ich auf der ersten Mauer und muss lachen über das dazugehörige Bild eines verdutzt blickenden „Superman” neben drei fröhlich sich umarmenden Mädchen.  Die Aufschrift auf einer anderen Schulmauer lautet: „Das größte Verbrechen ist es, wenn du schweigst bei einem Verbrechen.” Casandra, Alexander und all die anderen Jugendlichen aus der Villa Copacabana,  sie haben das verinnerlicht und nutzen ihre Stimme – sie schweigen nicht.

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen. Foto: Jürgen Schübelin

 

Bolivien: Sorojchi-Pillen gegen die Höhenkrankheit

La Paz. Foto: Jürgen Schübelin

La Paz. Foto: Jürgen Schübelin

La Paz (5.3.2015)

Die Anreise nach La Paz ist mühsam:  Der Teilflug von Quito nach Lima hat sechs Stunden Verspätung, in Lima schaffen wir es nachts um vier wenigstens für drei Stunden ins Flughafenhotel. Meine Mitreisenden, beide heißen Jürgen, haben Mühe, der Dame an der Rezeption zu erklären, dass sie kein Doppelzimmer teilen wollen, weil Jürgen nicht ihr gemeinsamer Familienname ist und, nein, sie nicht miteinander verheiratet sind.  Am nächsten Mittag landen wir schließlich auf dem bolivianischen Flughafen von El Alto, der Höhe, in den Hochanden. Es ist der weltweit höchstgelegene zivile Flughafen auf gut 4.200 Metern.

Benedicto, der Kindernothilfe-Büroleiter in Bolivien, empfängt uns fröhlich und versorgt uns ein bisschen weiter unten in La Paz auf ungefähr 3.800 m erst einmal mit Mate-Tee. Schon oft hat er bei Gästen erlebt, dass ihnen schier der Schädel platzt in der dünnen Höhenluft.  Also trinken wir jetzt Mate-Tee, und ungefragt verteilt Benedicto Sorojchi-Pillen. Die gibt es hier in jeder Apotheke, Sorojchi-Pillen für vier Bolivianos das Stück, kaum 50 Cent. Eine gute Investition. Sorojchi heißt in dieser Gegend die Höhenkrankheit.  Etwas langsamer als üblich laufen wir durch die Straßen, schnaufen auf den Treppenabsätzen einmal mehr. Zwei Tage, heißt es, geht das so, dann soll sich der Körper an die Höhe gewöhnt haben.

Mit Bildung und Aufklärung gegen das Restavèk-System

Restavek-Mädchen in Port-au-Prince, Foto: Jakob Studnar

Arme haitianische Familien vom Land geben ihre Kinder an „Gast“-Familien in der Stadt, in dem Glauben, dass sie dort für Mithilfe im Haushalt Unterkunft, Essen und Schulbildung bekommen. Diese Kinder nennt man “Restavèks”, aus französisch „rester avec”, „bei jemandem bleiben”. In Wirklichkeit schuften die Kinder oft unter sklavenähnlichen Bedingungen, zur Schule gehen die wenigsten.

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zu den Maßnahmen, die die Kindernothilfe  für die Restavèk-Kinder  und die Beendigung dieser Tradition seit Jahren ergreift.

Die Ausbeutung von Restavèk-Kindern ist in der haitianischen Gesellschaft tief verankert – wie kann man sie jemals beenden?
Nur mit ganz langem Atem. Es muss massiven internationalen Druck auf die politisch Verantwortlichen in Haiti – und die Reichen und Mächtigen in diesem Land – geben, damit sie diese skandalöse Kinderrechtsverletzung nicht länger als “kulturelles Phänomen”, das es angeblich schon immer gegeben hat, abtun. Wir haben mit unseren haitianischen Partnern Aufklärungsmaterial produziert und Radiospots geschaltet, um die Bevölkerung darüber aufzuklären, dass diese ausbeuterische Kinderarbeit ein Verstoß gegen die Kinderrechte ist. Mit Unterstützung der Europäischen Union haben wir vor allem mit Lehrern gearbeitet – sie müssen bereit sein, diesen Kindern alternative Bildungsmöglichkeiten anzubieten, beispielsweise spezielle Förderklassen, in denen sie ihre Defizite aufholen können. Eine externe Evaluierung bestätigt, dass unsere Maßnahmen gefruchtet haben. Die haitianische Regierung griff das Thema in einer Plakatkampagne auf, UN-Gremien und internationale Organisationen beschäftigen sich immer wieder mit der Problematik. Letztlich wird aber nur eine Verringerung der Armut, eine Verbesserung der Lebensbedingungen und der Bildungsmöglichkeiten das Problem wirklich an der Wurzel packen können.

Hat das Erdbeben 2010 diese ausbeuterische Kinderarbeit begünstigt?
Es ist schwierig, empirisch belastbare Zahlen über die Kinder, die Opfer dieses Restavèk-Systems sind, zu bekommen. In den Publikationen schwanken die Angaben ganz erheblich, zum Teil ist von bis zu 300.000 restavèk-Kindern die Rede. Wir haben nach dem Erdbeben festgestellt, dass viele Kinder, die ihre Eltern und andere Angehörige verloren haben, von sich aus in den Notlagern nach Familien suchten, bei denen sie unterkommen konnten und denen sie dafür ihre unentgeltliche Arbeitskraft anbieten mussten. Mit anderen Worten: Das Erdbeben hat vermutliche Tausende von Kindern erst zu Restavèks gemacht – aus blanker Not, einfach, um überleben zu können.

Derzeit lassen wir gemeinsam mit anderen internationalen und nationalen Kinderrechtsorganisationen in Haiti sozialwissenschaftlich untersuchen, wie sich das Restavèk-System weiterentwickelt hat. Von den Ergebnissen erhoffen wir uns wichtige Hinweise für die Kindernothilfe-Strategie rund um dieses Thema. Das Engagement für die Rechte gerade dieser Kinder ist eine der großen Herausforderungen in der Kindernothilfe-Länderstrategie für Haiti.

Wie viele Restavèk-Kinder nehmen Bildungsangebote der Kindernothilfe in Anspruch?
Das können wir recht präzise sagen: Unser Partner Mouvement vin plis Moun (MvM) erreicht in fünf Armenviertel-Stadtteilen von Port-au-Prince fast 1.600 Restavèk-Kinder mit seinen Kursen und alternativen Unterrichtsangeboten. In der kleinen, von uns nach dem Erdbeben wieder aufgebauten Schule von Wharf Jérémie werden weitere 260 Kinder unterrichtet, und in dem Projekt Tokyo besuchen 120 Restavèk-Kinder Spezialklassen und machen dort auch einen handwerklichen Berufseinstieg – etwa indem sie lernen, Flip-Flops für den örtlichen Markt zu produzieren. Wenn man dann noch die Kinder hinzurechnet, die über eine Förderklasse im Collège Véréna unterstützt werden, kommen wir auf über 2.000 Mädchen und Jungen.

Bekommen Restavèk-Kinder von ihren Arbeitgebern ohne Probleme die Erlaubnis, die Bildungsangebote der Kindernothilfe zu besuchen?
Pastor Luckner von unserem Partner MOCOSAD zieht in Wharf Jérémie zum Beispiel von Hütte zu Hütte, um die Familien davon zu überzeugen, dass es auch in ihrem Interesse ist, dass die Kinder zur Schule gehen und nicht nur 13 oder 14 Stunden am Tag arbeiten. Er nutzt auch seine Predigten an den Sonntagen in der Kirche, um den Leuten ins Gewissen zu reden. Ganz wichtig ist es, die Familien, die selbst vielfach unter extremer Armut leben, nicht als Feinde zu sehen, sondern – so merkwürdig das in unseren Ohren auch klingen mag – als Partner, um die brutalen Kinderrechtsverletzungen zu beenden. Das bedeutet auch, dass ganz viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, damit diese Kinder nicht mehr ständig geschlagen werden.

Unserem Partner MvM ist es gelungen, die Arbeitgeberfamilien auch immer wieder bei Veranstaltungen einzubeziehen, ihnen das Gefühl zu geben, ernst genommen zu werden. MvM informiert sie darüber, was in den Kursen mit den Kindern geschieht, und will sie dazu zu bringen, stolz zu sein, wenn die Mädchen und Jungen im Unterricht oder beim Herstellen von Kunsthandwerksarbeiten erfolgreich sind. Aber uns ist bei alledem natürlich klar, dass es hier überhaupt keinen Anlass gibt, irgendetwas zu idealisieren oder schönzureden. Trotzdem wird sich die Situation nicht in der Konfrontation mit den Familien verbessern lassen, sondern nur im graduellen Wecken von Einsicht und Verantwortungsbewusstsein.

Verbessert Bildung die Zukunftschancen der Restavèk-Kinder?
Ohne Lesen und Schreiben – und vielleicht noch wichtiger – ohne Rechnen zu können, haben alle diese Kinder nicht den Hauch einer Chance, angemessen für ihr eigenes Auskommen sorgen zu können. In der Regel endet die Zeit als Restavèk ja dadurch, dass die Mädchen und Jungen von ihren “Arbeitgebern” irgendwann einfach weggeschickt werden, weil sie angeblich zu viel essen – oder zu “rebellisch” geworden seien… Da die Kinder ja in all den Jahren zuvor nie für ihre Arbeit bezahlt wurden, stehen sie in dieser Situation mit leeren Händen da. Kontakte zu ihrer Herkunftsfamilie bestehen in aller Regel seit langem nicht mehr. Die Zeit im Projekt, in der Schule, im besten Fall einige Zeugnisse und Belege für den Unterrichtsbesuch, aber vor allem das, was sie sich in diesen Jahren an Selbstbewusstsein und Über-Lebens-Fähigkeiten angeeignet haben, ist alles, was ihnen bleibt. Damit machen sie sich auf die Suche nach einer Arbeitsmöglichkeit – ganz oft im Straßenhandel, eventuell in einem Laden, als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle oder im Hafen, oft auch als Kassierer in einem tap-tap, einem Sammeltaxi. Gegenüber Jugendlichen, die nie zur Schule gegangen sind, sind sie bei dieser Arbeitssuche klar im Vorteil.

Äthiopien: Ein Stock als Hochzeitsgeschenk

Diesen Stock erhalten Frauen im äthiopischen Oromiyya als Symbol für die Verteidigung ihrer Rechte und zur Bewahrung ihrer Ehre zur Hochzeit. Fotos: Karl Pfahler

Diesen Stock erhalten Frauen als Symbol für die Verteidigung ihrer Rechte und zur Bewahrung ihrer Ehre zur Hochzeit. Fotos: Karl Pfahler

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht Projekte in Äthiopien und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

4. Dezember 2014

Ein letztes Mal rolle ich meinen Koffer zum Auto. In drei Stunden geht unser Flieger zurück nach Deutschland. Der Besuch beim Präsidenten der Mekane-Yesus Kirche, mit über sechs Millionen Mitgliedern einer der großen Kirchen Äthiopiens, genauso wie das Abschiedsessen mit Vertretern unserer 17 Partner des Selbsthilfegruppen-Konsortiums liegen hinter uns.

Das Einchecken des Gepäcks am Flughafen wird heute etwas schwieriger. Denn der Stock muss mit. Vor über einer Woche bekam ich ihn von einer Selbsthilfe-Frauengruppe geschenkt, seitdem begleitete er mich auf meiner Reise quer durch Äthiopien. „Das ist der women-empowerment-stick“, erklärte mir die Sprecherin der Gruppe bei der Übergabe. „Jede Oromia-Frau, die heiratet, bekommt bei der Hochzeit so einen Stock von ihrer Mutter mit auf den Weg. Er ist ein Zeichen für die Kraft, die in ihr steckt, und ein Zeichen des Segens, der auf ihr ruht. Wenn sie damit ihr Elternhaus verlässt, soll der Stock sie daran erinnern: Ich kann alles.“

Der Stock soll einen besonderen Platz in meinem Duisburger Büro finden, nehme ich mir vor. Denn er erinnert mich an die Kraft und die Stärke der Frauen hier in Äthiopien. Frauen, deren Leben sich früher rein auf den eigenen Haushalt beschränkte. „Die Selbsthilfe-Gruppe hat für mich die Tür der Küche geöffnet“, erzählte mir eine Frau in Hawassa. Und ich erinnere mich an eine Frau im nördlichen Debre Birhan, die lange Jahre nie ihr Haus verließ – außer wenn sie an einer Beerdigung teilnahm. Die Gruppen, zu denen unsere Partnerorganisationen sie einluden, änderten das. Erstmals trafen sie sich außerhalb der eigenen vier Wände. Tauschten sich über eigene Wünsche und Vorstellungen aus. Bekamen Schulungen und Unterstützung. Schmiedeten Pläne für sich und ihre Kinder. Und konnten viele davon dank des Sparmodells, das sie in der Gruppe kennenlernten, auch umsetzen. Aufrecht und selbstbewusst, so habe ich viele der Frauen in den Selbsthilfegruppen kennengelernt. So aufrecht, stark und doch auch flexibel wie der Stock, den ich jetzt mitnehme. Ich hoffe, die Fluggesellschaft findet einen Weg, ihn mitzutransportieren. Mein Kollege Karl Pfahler hat es da deutlich leichter. Auch er bekam von der Frauengruppe ein Geschenk. Ein echtes Männergeschenk, wie sie versicherten. Die genaue Bedeutung dieses ca. 30 cm langen Teils mit lederartigen Fortsätzen habe ich nicht ganz verstanden. Aber als Fliegenwedel kann man es sicher gut verwenden.

Die Frauen in den Selbsthilfegruppen: so aufrecht, stark und doch auch flexibel wie der Stock.

Die Frauen in den Selbsthilfegruppen: so aufrecht, stark und doch auch flexibel wie der Stock.

 

 

 

 

Honduras: Hilfe gegen die Hungersnot

Judy Müller-Goldenstedt, Mittelamerika-Referentin der Kindernothilfe, ist gerade von einem Projektbesuch in Honduras zurückgekehrt. Sie war auch in der Region unterwegs, die seit Wochen von einer schweren Hungerkatastrophe betroffen ist. Jürgen Schüberlin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, befragte sie zu ihren Eindrücken.

Frau Müller-Goldenstedt, wo genau in Honduras sind Sie in den vergangenen Tagen mit den Folgen dieser humanitären Krise, unter der mehrere Hunderttausend Menschen leiden, in Berührung gekommen?

Judy Müller-Goldenstedt: Dr. Elmer Villeda, der Leiter des Kindernothilfe-Büros in Tegucigalpa, und ich waren im Departamento Valle, im Südwesten des Landes, unterwegs – und zwar in den Gemeinden Candelaria und El Trapiche, wo die Ernteausfälle wirklich verheerende Folgen hatten.

Wie muss man sich die Lage in den Gebieten konkret vorstellen?

Judy Müller-Goldenstedt: Das ist eine Landschaft, in der es tagsüber bis zu 50 Grad heiß wird. Bereits seit mehreren Jahren fällt hier immer weniger Regen und es kommt zu Ernteausfällen – dadurch verschlechtert sich die Ernährungssituation. Die Armut zwingt die Kleinbauernfamilien, den Baumbestand immer weiter abzuholzen, um Brennmaterial zum Kochen zu haben. Die Folgen sind dramatisch: Es gibt praktisch kaum mehr Schatten, um Felder und Böden vor der Sonne zu schützen. Die Erde heizt sich auf, alles trocknet aus, die Ernteerträge brechen ein.

Haben die Menschen denn keine Vorräte, um diese Trockenperiode zu überbrücken?

Judy Müller-Goldenstedt: Genau das ist das Problem: Nein, alle Vorräte sind aufgebraucht. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft in dieser Zone ist eigentlich darauf ausgerichtet, dass zweimal im Jahr gesät und geerntet werden kann. Aber die Mais-Ernte im Mai fiel so katastrophal aus, dass einfach nichts übrig blieb. Und dann gibt es dieses benachteiligende und problematische Pacht-System, das den Kleinbauern keine Chance lässt: Die Großgrundbesitzer, denen das Land gehört, verlangen von den Bauern, den Pachtzins für die kleinen Parzellen im Voraus zu entrichten. Erst danach darf ausgesät werden. Und auch von der Ernte muss ein Teil der Maispflanzen an die Eigentümer abgeliefert werden. Wer die Pacht nicht bezahlen kann, weil die vorausgegangene Ernte so kümmerlich ausgefallen ist, verliert das Land und hat keine Möglichkeit mehr, eine neue Aussaat auszubringen. All diesen Familien bleibt dann nicht anderes übrig, als sich als Tagelöhner zu verdingen. Die Krux ist: Für die Meisten gibt es in dieser Situation überhaupt keine Arbeit mehr. Vor allem Jugendliche – aber auch immer mehr Kinder – machen sich in dieser verzweifelten Lage auf den Weg entweder in die großen Städte oder gleich in den Norden und versuchen sich auf den gefährlichen Schlepperrouten irgendwie in die USA durchzuschlagen.

Soforthilfe für die Hungernden

Soforthilfe für die Hungernden

Gibt es irgendeine Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

Judy Müller-Goldenstedt: Das Nothilfe-Projekt, mit dem die Kindernothilfe seit Mitte November drei ihrer honduranischen Partnern unterstützt, will es den betroffenen Kleinbauernfamilien ermöglichen, die Wochen bis zum Jahresende durchzustehen – in Erwartung der dann hoffentlich etwas besser ausfallenden zweiten Ernte. Unser Partner Vecinos Honduras, der seit vielen Jahren in dieser Zone engagiert ist und Kleinbauernfamilien dabei berät, ihre Anbaumethoden zu diversifizieren – beispielsweise durch das Anpflanzen von Mango-Bäumen, die Produktion von Früchten und verschiedenen Gemüse-Sorten -, arbeitet aber auch intensiv mit den Gemeindeorganisationen, den sogenannten patronatos, daran, die Wasserversorgung zu verbessern.

Wie genau muss man sich das vorstellen?

Judy Müller-Goldenstedt: Wir haben bei unserem Besuch in den Dörfern gesehen, wie im Rahmen dieses Projektes von den mitwirkenden Familien die zum Teil bis zu 25 Jahre alten Gemeindebrunnen ausgebessert sowie Wasserstellen und Zisternen gesäubert und neu eingefasst werden. Es geht dabei auch immer um die Verbesserung der Qualität des zur Verfügung stehenden Trinkwassers. Die Lebensmittel-Unterstützung im Rahmen dieses Humanitäre-Hilfe-Projektes gibt es nur für die, die mit Hand anlegen. Vecinos Honduras verschenkt nicht einfach Nahrung, sondern motiviert die Familien, sich in eigener Sache zu organisieren: Wir haben Gruppen von Erwachsenen kennengelernt, die beispielsweise die Wege und Zufahrtsmöglichkeiten zu den Dörfern ausbessern, Gestrüpp zurückschneiden, um besser durchzukommen und so die Dürre-Hilfe-Kampagne zu unterstützen. Für alle, die hier mitarbeiten, gibt es Unterstützung.

Sie haben die Folgen dieser Ernährungskrise und die strukturellen Probleme im Zusammenhang mit diesem perfiden Pacht-System beschrieben. Wie haben Sie die Situation der Kinder in Candelaria und El Trapiche erlebt?

Judy Müller-Goldenstedt: Der Hunger und die Mangelernährung, aber auch die gravierenden Probleme im Zusammenhang mit der Trinkwasserversorgung beeinträchtigen die Gesundheit der Kinder massiv! Hinzu kommt, dass die meisten Hütten der Kleinbauernfamilien, die oft nur aus einem einzigen Raum mit Lehmboden bestehen, über keine Toiletten und Latrinen verfügen. Zum Austreten muss man hinters Haus in die Büsche. Diese Situation sorgt für hygienische Probleme, führt schnell zu gefährlichen Durchfallerkrankungen und bildet eine latente Gefahr vor allem für die Kinder. Hinzu kamen in den zurückliegenden Wochen zahlreiche Infektionsfälle mit dem Chikungunya-Virus, das ja vor allem für Menschen mit einem ohnedies geschwächten Immunsystem gefährlich ist.

Und was ist mit dem honduranischen Staat? Ich welcher Form stehen Behörden und öffentliche Katastrophen-Schutz-Einrichtungen den Menschen in den Gemeinden, die Sie besucht haben, während dieser Krise bei?

Judy Müller-Goldenstedt: In Candelaria und El Trapiche ist bislang keinerlei Hilfe von einer staatlichen Institution eingetroffen. Teilweise wurde in einigen Städten Lebensmittel verteilt, aber die Kleinbauernfamilien auf dem Land, die die Unterstützung am dringendsten benötigen würden, gingen bislang völlig leer aus. Die Menschen registrieren das und fühlen sich von den Politikern und der öffentlichen Verwaltung völlig im Stich gelassen.

Kindernothilfe-Partnerorganisation mit Judy Müller-Goldenstedt (2. Reihe, 2. v.r.)

Kindernothilfe-Partnerorganisation mit Judy Müller-Goldenstedt (2. Reihe, 2. v.r.)

Die Kindernothilfe startete ihre Hilfskampagne für die von der Dürrekrise am meisten betroffenen Regionen in Honduras Mitte November. Wie schnell wird es möglich sein, erste Ergebnisse und Wirkungen zu belegen?

Judy Müller-Goldenstedt: Sehr schnell. Die Ausbesserung der Brunnen und Zisternen hat bereits begonnen – unter engagierter Beteiligung der Familien aus den Gemeinden. Das vor Ort mitzuerleben, war für uns bei dem Besuch in Candelaria und El Trapiche wirklich sehr beeindruckend. Und die Verteilung der Lebensmittelrationen, mit denen die Zeit bis zur Ernte am Jahresende überbrückt werden soll, ist ebenfalls schon im November angelaufen. Mir sagten die Leute immer wieder, wie dankbar sie der Kindernothilfe seien, dass wir so schnell und entschlossen reagiert hätten. Uns allen ist natürlich klar, dass es eine solche Krise, die sich in einem Land abspielt, das ohnedies kaum in unseren Medien vorkommt – und wenn, dann nur im Zusammenhang mit furchtbaren Gewaltverbrechen –, sehr schwer hat, die dringend notwendige internationale Aufmerksamkeit zu erreichen. Trotzdem müssen wir zusammen mit unseren honduranischen Partnern und den Familien aus Candelaria, El Trapiche und allen anderen betroffenen Gemeinden darum kämpfen, diese schweren Monate zu überstehen und dürfen die Menschen, die für sich und ihre Kinder so dringend auf eine bessere Zukunft hoffen, nicht im Stich lassen.

Bitte unterstützen Sie unsere Projektarbeit mit eine Spende. Herzlichen Dank!

Spendenmöglichkeit

Äthiopien: Die Schafe brachten die Wende

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht Projekte in Äthiopien und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

2. Dezember 2014 

Besuch bei Familien im nördlichen Hochland Äthiopiens. Fotos: Karl Pfahler

Besuch bei Familien im nördlichen Hochland Äthiopiens. Fotos: Karl Pfahler

Das ist die Schafskälte“, meinte meine Mutter früher, wenn Mitte Juni ein plötzlicher Kälterückfall uns zwang,, die Sommerkleider noch einmal durch lange Hosen und dicke Strickjacken zu ersetzen.  Daran muss ich denken, als wir uns morgens um sechs aus dem noch nächtlich ruhigen Addis Adeba in das nördliche Hochland Äthiopiens aufmachen. „Da wird es sehr kalt“, hatte uns Teshalech, unsere Kindernothilfe Länderkoordinatorin und Begleiterin für diesen Tag,, vorgewarnt. Auf über 3.000 m kämpft sich das Geländefahrzeug vorwärts, taucht immer wieder ein in tiefhängende, regenschwere Wolken. Immer seltener werden die Dörfer, dafür fällt unser Blick nach jeder Kurve auf schmale, sorgsam in steilen Terrassen bebaute Felder. Unsere Partner der Orthodoxen Kirche Äthiopiens wollen uns hier in der abgelegenen Mojjana Region,  in der die armutsbedingte Bedürftigkeit extrem hoch ist, einige gemeinsame Projekte vorstellen.

Reifenpanne auf dem Weg in die Berge.

Reifenpanne auf dem Weg in die Berge.

Wir erreichen das Dorf Tarma Ber, eine unscheinbare Ansammlung von Häusern und Hütten, nach vier Stunden Fahrt, inklusive Reifenpanne und kurzem Frühstücksstopp. Der Projektleiter bittet uns zuerst in sein  Büro. Es liegt in einem Innenhof hinter hohen Stapeln Brennholz, als Schutz vor Kühen eingezäunten Baumsetzlingen und Körben mit Baumaterial.

Präsentation des Projekts

Einführung in die Projektarbeit

Während der Regen auf das Wellblechdach trommelt und die windschiefe Tür in den Angeln quietscht, präsentiert er uns tatsächlich mit Notebook und Beamer die Ziele und Zielgruppen des Projekts. So irreal mir die Situation vorkommt, so überzeugend finde ich die Inhalte. Es geht hier um die Ärmsten der Armen. Die meisten Familien im Dorf verdienen nicht genug, um ihr Überleben zu sichern. Sie besitzen kein oder zu wenig Land, das sie ernähren könnte, als Taglöhner oder als Holzsammler werden sie so schlecht bezahlt, dass Unter- und Fehlernährung weit verbreitet sind. „Ernährungssicherheit“ lese ich als Hauptziel auf der Wand.  Und schon geht´s weiter. Aufgrund der großen Armut der Familien sind auch ihre Kinder gezwungen, zum Einkommen der Familie beizutragen. Für Schule bleibt da keine Zeit.  Mehr als 42 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. „Zugang zu Schulbildung“,  lese ich als zweiten Schwerpunkt.Zehn Folien und einige Nachfragen weiter machen wir uns auf den Weg. Gern will ich mit einigen Betroffenen sprechen, wie sich ihre Situation durch unser Projekt tatsächlich geändert hat.

Die Projektinhalte und -ziele sind überzeugend.

Die Projektinhalte und -ziele sind überzeugend.

Jetzt stehen wir vor der Hütte von Girmachew und seiner Mutter. Girmachew ist neun Jahre alt, wegen ihm sind wir hier. Als achtes Kind einer alleinerziehenden Mutter gehört er zu den sogenannten „verletzlichen Kindern“, die unsere Partner in Tarma Ber identifiziert haben. Ein beißender Wind pfeift uns um die Ohren. Während ich gegen die Kälte den halben Inhalt meines Reisekoffers in mehreren Lagen gleichzeitig übereinander trage, steht Girmachew kurzärmlig vor uns und beäugt uns neugierig. Seine Mutter erzählt uns, wie sie vor zwei Jahren in eine der „Funktionsgruppen“ des Projekts eingeladen wurde. Zu siebt haben sie sich dort getroffen, um mit dem Projektbegleiter zu beraten, wie sie ihre Situation verbessern könnten. Dann erhielt sie als Startkapital zwei Schafe. So begann ihre kleine Zucht. Sie deutet über den Hof vor ihrer Hütte. Dort tummeln sich mittlerweile fünf Schafe. Ja, erklärt sie, die Schafe brachten die Wende. Das erstgeborene Lamm habe sie gemästet und dann verkauft. Die nächsten Lämmer habe sie behalten. Außer einem Lamm. Das habe sie  –  als Teil der Projektidee – an eine andere bedürftige Familie weiterverschenkt. In der Gruppe hat sie währenddessen auch eingeübt, jede Woche selbst kleinste Beträge anzusparen. Vieles hat sie dort in der Gruppe gelernt, über richtige Ernährung, über sauberes Trinkwasser und Gesundheitsvorsorge. Und darüber, wie wichtig der Schulbesuch für ihre Kinder ist.

Girmachew freut sich, dass es seiner Familie jetzt gut geht.

Girmachew freut sich, dass es seiner Familie jetzt gut geht.

Das ist Girmachews Stichwort. Ja,  sagt er und tritt ein paar Schritte vor, er gehe jetzt in die Schule, jeden Tag. Nur heute sei er daheimgeblieben, weil er doch die Gäste begrüßen wollte. Und ihnen danken wollte für das, was das Leben seiner Mutter, seiner Geschwister und auch sein eigenes verändert hat. Er läuft zu den Schafen und nimmt das kleinste auf den Arm. Danke, sagt Girmachew ernst und sieht uns an. Ganz fest drückt er dabei das Lämmchen an sich. Vielleicht vor Dankbarkeit, vielleicht aber auch einfach wegen der Schafskälte.

Äthiopien: Genug Platz in der winzigen Herberge

Starke Frauen setzen in Äthiopien Zeichen der Hoffnung. Fotos: Karl Pfahler

Starke Frauen setzen in Äthiopien Zeichen der Hoffnung. Fotos: Karl Pfahler

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, ist zu ihrem ersten Projektbesuch in Äthiopien angekommen und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

29. November 2014

Weihnachtsmarkt in München. Foto: privat

Weihnachtsmarkt in München. Foto: privat

Am Sonntag ist 1. Advent. Mein Mann schickt mir Fotos auf mein Smartphone vom Stand des Kindernothilfe Arbeitskreises aus der Münchner Fußgängerzone. Gestrickte Trachtenjacken, und gefaltete Papierengel hängen da vor grünen Tannenzweigen, in geflochtenen Körben liegen rote Adventssäckchen, gefüllt mit Kerzen, duftenden Lebkuchen und adventlichen Geschichten. Wie weit entfernt mir das vorkommt!

Ich klappe mein Handy zu und betrete einen weiteren Compound, ein von der Straße durch eine Mauer abgetrenntes Gelände. Hier drängen sich flache Bauten um bizarr geformte Höfe. Vor einer der Türen bleibt Sinafikish, unsere Begleiterin, stehen. „Dürfen wir eintreten?“, ruft sie.„Tanastaling“ begrüßt uns die Bewohnerin, Guten Tag, kommt rein. Im Inneren empfängt uns schummrige Dämmerung, nur durch die geöffnete Tür fällt Tageslicht in den kleinen Raum. Wir nehmen Platz auf dreibeinigen Holzhockern an der Wand,  an zwei Nägeln über uns hängen mit Kleidungsstücken gefüllte Plastiktüten. Neben der Haustür erkenne ich ein Gestell mit einem Wassergefäß, einen Teller, ein Säckchen Mehl. Der verbeulte Kasten am Fußende des Bettes hat entfernte Ähnlichkeit mit einem Kühlschrank.  Die Bewohnerin des Zimmers sitzt uns gegenüber auf dem Bett. Hinter ihr trennt ein Vorhang die zweite Betthälfte ab. Und dann erzählt sie uns ihre Geschichte. Zwei eigene Kinder hat sie,  zu denen sie zusätzlich zwei Waisenkinder bei sich aufgenommen hat. Fünf und sechs Jahre alt sind die, die Kinder ihrer verstorbenen Schwester. Gerade sehe ich mich nochmal in dem Zimmerchen um und versuche mir vorzustellen, wie diese Frau mit vier Kindern in dem einzigen Bett Platz findet, da erzählt sie schon weiter. Es sind, berichtet sie, insgesamt drei Familien, die in diesem Raum wohnen. Ich meine, ich habe mich verhört und frage nochmal bei Sinafikish nach: drei Familien? Ja. Sie, die alleinerziehende Mutter mit den vier Kindern. Dann gibt es noch eine Freundin mit ihrer Tochter, die bei ihr wohnt. Und, jetzt überzieht ein Lächeln ihr Gesicht: vor kurzem sei noch ein junges Waisenmädchen zu ihr gekommen. Sie war hochschwanger, verängstigt,  und hatte nirgends einen Platz , keine Herberge. Sie ahnte wohl, dass diese Frau mit ihrer Lebenserfahrung, die wusste, wie schwer das Leben einer alleinerziehenden Mutter ist,  sie nicht allein lassen würde.  Sie wurde nicht enttäuscht. Was sie in diesem Zimmer fand, war  Hilfe bei der Geburt ihres Kindes. Einen Platz, an dem sie willkommen war. Mitmenschlichkeit.

Plötzlich bewegt sich der Vorhang hinter der Frau. Sie zieht ihn ein Stück weit zur Seite, so dass wir einen Blick auf das Bett werfen können. Dort liegt, in eine rosa Decke gewickelt, das Baby! Vor einem Monat und genau fünfzehn Tagen kam es hier auf die Welt. Selig schlummert es zwischen zwei Kissen, nur ab und zu öffnen und schließen sich die winzigen Hände. Ich bin gerührt. Welchen Frieden dieses Kind ausstrahlt. Welch großes Herz wir in diesem kleinen Raum gefunden haben.

Die Herbergsmutter sieht ihr Engagement für diese junge Familie übrigens als persönlichen Gewinn für sich selbst. Sie fühle sich geehrt, erklärt sie, dass die junge Mutter sich in ihrer Not an sie wandte. Das sei doch ein großer Vertrauensbeweis, dass eine fremde junge Frau ausgerechnet sie als Beraterin und Helferin auswählte. Das zeigt ihr, dass sie selbst viel zu geben hat. Es ist die Geschichte dieses Babys und seiner Mutter, die es hier, mitten im Slum von Hawassa, für mich Advent werden lässt.

Bevor wir gehen, will ich doch noch wissen, wie sie denn den Lebensunterhalt für sich und all die Kinder bestreitet? Flink steht sie auf und öffnet die Tür des verbeulten Kastens. Es ist tatsächlich ein Kühlschrank. Sie zeigt uns einen Klumpen in Plastikfolie gewickelte Butter. Das ist ihr Geschäftsmodell: Mit einem Kleinstkredit ihrer Selbsthilfegruppe kauft sie im  ländlichen Umland Butter, transportiert sie im Minibus in die Stadt und verkauft sie hier in kleinen Portionen weiter. Zusammen mit dem Verkauf von selbstgebackenem Injera-Fladenbrot erwirtschaftet sie so ein Einkommen, das ihr erlaubt, eine Tochter in die Schule zu schicken und die andere zusammen mit ihrer Nichte und dem Neffen in den Kindergarten. Das Darlehen von 2.000 Birr zahlt sie stückchenweise an die Gruppe zurück. Und schafft es daneben, alle zwei Wochen weitere fünf Birr anzusparen. Für die Miete kommt sie momentan alleine auf. Aber, freut sie sich, der Hausbesitzer ist ein guter Mann. Üblich in diesem Compound sei eine Zimmermiete von 500 Birr.  Sie darf hier wohnen für den Spezialpreis von nur 300 Birr pro Monat. Das sind umgerechnet 12 Euro.

Äthiopien: Der Kindheitstraum von einem eigenen Salon wurde wahr

Hirut ist 18 Jahre alt und hat schon ihren eigenen Friseursalon. Fotos: Karl Pfahler

Hirut ist 18 Jahre alt und hat schon ihren eigenen Friseursalon. Fotos: Karl Pfahler

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, ist zu ihrem ersten Projektbesuch in Äthiopien angekommen und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

28. November 2014 (Fortsetzung)

Hirut ist 18 Jahre alt. Sie reicht mir grade bis zur Schulter, von weitem könnte man sie für ein Kind halten. Dennoch hat sie in ihrem bisherigen Leben schon mehr erreicht als manch ausgewachsener Mittdreißiger. Mit 14 musste sie die Schule verlassen. Ihre Eltern, beide Taglöhner, konnten sie weder mit Stiften, Heften, Büchern noch einer Schuluniform versorgen, geschweige denn für ausreichende Ernährung sorgen. „Schon als Kind wollte ich gerne einen Beautysalon haben“ erzählt sie. Dieser  Traum schien mit dem Schulabbruch unerfüllbar geworden, ihr drohte ein Schicksal in absoluter Armut als Tagelöhnerin. In dieser Situation kam vor vier Jahren unser Kindernothilfe Partner von der Mekane Yesus Kirche auf sie zu.

Werbeplakat für den Salon

Werbeplakat für den Salon

Hirut wurde ausgewählt für einen Platz in einem gemeindebasierten Handwerkstraining. Ein halbes Jahr lang lernte sie bei einer Friseurin die ersten Grundlagen, vom Haarewaschen über Flechten bis hin zum Schneiden.  Begleitet wurde sie von Projektmitarbeitern, die sie auch nach den sechs Monaten unterstützten, eine Anstellung zu finden, sie anhielten, von ihrem Verdienst Rücklagen zu bilden, ein eigenes Geschäftsmodell zu entwickeln. Zwei Jahre lang arbeitete sie als Angestellte, lernte und sparte weiter. Spezialisierte sich schließlich ein weiteres Jahr auf die traditionelle Haarflechtkunst. Und verwirklichte dann tatsächlich ihren Kindheitstraum. Stolz präsentiert sie  uns heute ihren eigenen kleinen Salon. Es ist ein mit Planen überdachter Holzanbau an einer Hausmauer, zwei Plakate mit Flechtmodellen schmücken die Plastikwände, fünf Holzstühle gruppieren sich locker um einen kleinen Holzkohleofen, der  gerade einen Kessel mit Wasser erwärmt. Eine Kundin hat bereits an dem einzigen Waschbecken Platz genommen. Routiniert und sorgfältig shampooniert Hirut die dunklen Locken, während sie uns von ihren weiteren Plänen erzählt.

Ja, den Traum vom eigenen Laden hat sie sich erfüllt, sogar zwei Angestellte kann sie finanzieren. Und ihre Schwester und deren siebenjährige Tochter wohnen seit kurzem bei ihr und werden mit von ihr unterstützt. Ob sie denn jetzt zufrieden sei? frage ich sie. Sie lacht mit blitzenden Augen. Natürlich hat sie noch weitere Ziele! In zwei Jahren  will sie einen größeren Laden mit besserer Ausstattung und noch mehr Kundenplätzen haben. So energiegeladen und zielgerichtet wie sie davon berichtet bin ich mir sicher: Sie schafft das.

Äthiopien: Wenn der See stirbt, stirbt die Stadt

Umweltverschmutzung im Hawassa-See. Fotos: Karl Pfahler

Umweltverschmutzung im Hawassa-See. Fotos: Karl Pfahler

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, ist zu ihrem ersten Projektbesuch in Äthiopien angekommen und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

28. November 2014 (Fortsetzung)

Ich stehe am Ufer des Hawassa Sees. Über uns kreisen riesige Marabus, die auf Abfälle vom Fischmarkt gleich nebenan warten. Direkt vor unseren Füßen schwimmen Plastikflaschen und Styroporteilchen auf der Wasseroberfläche. Zehn Meter neben uns wäscht sich freizügig ein Mann, sein dreirädriges Lastenauto steht frisch geputzt hinter ihm. Warum wir hier sind? Der See, erklärt Mulugeta, der Leiter unserer Partnerorganisation vor Ort, bedeutet für die gleichnamige Stadt an seinem Ufer das Leben. Wenn der See stirbt, stirbt die Stadt. Und der See, das will er uns zeigen, ist gefährdet.  Der Unrat, den wir hier sehen, ist nur ein Teil des Problems. Giftige Industrieabwässer reduzieren die Fischbestände, die Verlandung ufernaher Regionen schluckt immer größere Flächen.

Baumschule unseres Partners am Hawassa-See

Baumschule unseres Partners am Hawassa-See

Wir gehen hundert Meter weiter. Hier ist der Strand sorgfältig gesäubert, ein Torbogen lädt uns in eine grün umrankte Anlage ein. Die Jugendorganisation unseres Partners hat hier ein besonderes Umweltschutzprojekt gestartet. Auf kleinen Terrassen können Gäste aus der Stadt, aber auch Besucher aus den Dörfern des Umlands im Schatten bunt blühender Pflanzen und gepflegter Bäume Kaffee trinken. Das Hauptangebot besteht aber aus regelmäßig stattfindenden Workshops, die über Umweltschutzmaßnahmen informieren. Welche Erfahrungen gibt es mit den kommunalen Filter-Kläranlagen, die sich zwei Grundstücke weiter befinden? Wie stoppe ich Bodenerosion in trockenen Regionen? Welche Pflanzen sind als Wasserspeicher geeignet? Anschauungsmaterial bietet das Projekt gleich hinter dem Hauptgebäude. Dort haben die Jugendlichen unter Anleitung eines erfahrenen Gärtners eine Baumschule begonnen. Sie zieht Besucher von weit aus der Region an.

Initiative für ein grünes Äthiopien

Initiative für ein grünes Äthiopien, an der unser Partner Jeccdo beteiligt ist

„Da kommt schon mal eine ganze Gemeindedelegation mit 20 Personen und verbringt einen Nachmittag bei uns“, freut sich Awash, der Leiter der Anlage. Sie kaufen Pflanzen, schicken ihre Leute zu Schulungen, tauschen sich mit anderen Kommunen aus. 22 Jugendliche haben mittlerweile eine Anstellung in dem Projekt gefunden. 14 Jugendgruppen, die in ähnlichen Umweltschutz-Projekten engagiert sind und dabei ihr eigenes Einkommen erwirtschaften können, wurden schon gegründet. Ich bin begeistert: Diese Jugendlichen pflanzen nicht nur Samen in die Erde, sondern auch die Idee des Umweltschutzes in die Köpfe vieler Menschen.

Für die Besichtigung des großen Baumpflanzprojekts auf einem nahegelegenen Berg haben wir leider keine Zeit mehr. Aber von einem besonderen Erfolg dieses Arbeitszweigs will Mulugeta auf dem Rückweg zu unserem Wagen doch noch berichten: Auf kommunaler Ebene ist es ihm selbst gelungen, alle den See betreffenden Interessengruppen zusammenzubringen. Die Vertreter von Stadt, Kommunen, Industrie, Universität und andere zusammenzubringen, das hat es in dieser Form wohl noch nicht gegeben. Es zeigt, dass nicht nur Mulugeta erkannt hat: Wenn der See stirbt, sterben die Menschen.