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Uganda: Die Stimme der Frauen hat Gewicht

Ein Treffen der Umbrella-Federation im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Foto: James Ongu

Ein Treffen der Umbrella-Federation im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Foto: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht zurzeit Projekte in Uganda. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Mittwoch, 27.04.2016

Es ist Regenzeit, und in dem Distriktstädtchen Mbale im Nordosten Ugandas erlebe ich sie besonders intensiv. Schwere Wolken hängen tief über den Häusern,  alle paar Stunden schütten sie gewaltige Fluten auf die Erde. Auf den Feldern in der Region herrscht Hochbetrieb: Rindergespanne ziehen tiefe Furchen in den satten Ackerboden,  auf jedem noch so kleinen Stückchen Land sind Frauen mit Spitzhacke am Jäten.  Wer unterwegs vom Regen überrascht wird, sucht sich möglichst schnell einen trockenen Unterstand  oder macht es wie die Schulkinder und pflückt sich von der nächsten Bananenstaude ein großes Blatt als Regenschirm.

Einen Regenschirm der besonderen Art besuche ich heute. Drei Kindernothilfe-Partner, die im Mbale Distrikt in unterschiedlichen Regionen Projekte betreuen, haben sich 2012 zu einer „Umbrella Federation“ zusammengeschlossen. In diesem Verbund arbeiten jetzt 46 delegierte Frauen aus 23 Selbsthilfegruppen-Clustern zusammen, die insgesamt 374 Selbsthilfegruppen (SHG) vertreten.  „Wir sprechen für mehr als 7.000 Frauen“, erklärt die Präsidentin der Federation bei unserem Treffen im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Der Saal wurde ihnen für den heutigen Besuch vom Distriktkommissar zur Verfügung gestellt.

Die Delegierten haben zum Teil mehrere Stunden Anreise hinter sich, dennoch folgen sie den Ausführungen ihrer Präsidentin aufmerksam, unterstützen manche Erklärung mit Applaus oder zustimmendem Gelächter.  In den vier Jahren seit Gründung der Federation haben sie schon einiges erreicht, erfahre ich. So haben sie mittlerweile ein tragfähiges Netzwerk geknüpft, in dem die Regierungsstellen im Distrikt, in den Subdistrikten und genauso Polizei, Krankenhäuser und Schulen  eingebunden sind. Ihre Schulungen, in denen sie die Teilnehmer für Frauen- und Kinderrechte sensibilisieren, bewirkten unter anderem, dass vorher nur für Jungen zugängliche Schulen auch für Mädchen geöffnet wurden. Impfkampagnen,  überregionale Aktionstage wie der „Uganda Human Rights Day“, Kampagnen gegen Kinderarbeit, Bewässerungsprojekte, Errichtung neuer Gesundheitszentren, eine Sekundarschulgründung – die Liste ihrer bisherigen Erfolge ist lang.

Die Präsidentin der Federation wurde sogar schon von Präsident Museveni empfangen. Foto: James Ongu

Die Präsidentin der Federation wurde sogar schon von Präsident Museveni empfangen. Foto: James Ongu

Mindestens genauso lang ist aber auch die Aufzählung der Herausforderungen:

Rund eine Million Waisen leben in Uganda. Entweder haben sie durch HIV und Aids einen oder beide Elternteile verloren, oder der langanhaltende Bürgerkrieg im Norden des Landes hat sie ihnen genommen. Im Mbale Distrikt ist vor allem die Zahl der Aidswaisen dramatisch hoch.  Sie sind bei den mehr als 11.000 Kindern aus den SHGs noch gar nicht mitgezählt. Aber die Federation-Frauen haben sie im Blick und im Herzen, organisieren Strukturen, wie die Gemeinden diese Kinder aufnehmen, schützen und stärken können.  Im Mai werden sie vier neue Cluster-Organisationen gründen und ihnen dann bei der Gründung neuer Selbsthilfegruppen unter die Arme greifen. Und gleichzeitig werden sie ihre Lobby- und Advocacyarbeit verstärken. Sie wissen: Ihre Stimme hat Gewicht, im Distrikt und auch national. Selbst der gerade erst für seine fünfte Amtszeit wiedergewählte Staatspräsident Museveni hat die Federation-Präsidentin schon empfangen.  „Wenn es hilft, würde ich auch wieder nach Kampala gehen“, erklärt die selbstbewusst. Ich glaube ihr sofort, dass sie für mehr staatliche Unterstützung auch diese Reise auf sich nehmen würde – obwohl sie in ihrem Dorf neben den eigenen Kindern noch eine ganze Reihe von bei sich aufgenommenen Waisenkindern zu versorgen hat. Und ich bin mir sicher, dass sie  empfangen werden würde. Die starken Frauen aus Mbale lässt auch ein Regierungschef nicht im Regen stehen.

Was macht Frauen in Uganda glücklich?

Katrin Weidemann bei einer Frauengruppe in Uganda. Foto: James Ongu

Fotos: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht zurzeit Projekte in Uganda. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Sonntag, 24.04.2016

Während meine Familie im winterlich kalten Deutschland friert (eine Freundin postet dazu: „Der kleine November möchte aus dem April abgeholt werden.“) fliege ich zu Projektbesuchen nach Uganda. James, unser Länderkoordinator, erwartet mich am Flughafen Entebbe. Für die 40 Kilometer Strecke von hier bis ins Stadtzentrum Kampala brauche er tagsüber durch die chronisch verstopften Straßen mindestens zwei Stunden, meint er. Jetzt, kurz vor Mitternacht, schaffen wir es in 30 Minuten in die Stadt. Die Sicherheitshinweise an der Hotelzufahrt sind eindeutig: „No firearms allowed beyond this point“ steht an der Schranke über dem Bild einer durchgestrichenen Pistole. Es wird tatsächlich eine ruhige Nacht.

Dienstag, 26.04.2016

Die Frage ist beliebt: Was macht dich glücklich? Auf Facebook erfahre ich, dass es Laura glücklich macht, dass der Pandabär auf Isländisch Bambusbjörn heißt.  In einem mitgebrachten Magazin entdecke ich die Bilder einiger Prominenter, die sich mit ihrem Lieblingsgegenstand fotografieren lassen, von der Massage-Fußbank über Opas Wecker bis zum Porzellanspiegelei. Diese Dinge machten sie glücklich.

Und hier im Osten Ugandas? In Abarilela besuche ich eine Selbsthilfegruppe und frage die Frauen, die sich unter einem großen Mangobaum treffen,  was sie glücklich macht. Sie erzählen mir, wie sich ihr Leben durch die Gruppe verändert hat – und was sie daran glücklich macht:

  • Sonja: Mein Aluminium-Kochtopf macht mich glücklich! Den habe ich mir geleistet vom Verkauf der Tomaten aus meinem Hausgarten.  Die selbstgebrannten Tontöpfe sind immer so schnell kaputtgegangen, ich habe früher manchmal nur auf Scherben gekocht.
  • Lisa: Dass ich hier vor euch aufrecht stehe und mich traue, etwas mit fester Stimme zu sagen und euch in die Augen zu schauen!
  • Grace:  Dass jetzt jedes Haus im Dorf eine eigene Latrine hat – vorher gab es nur zwei Latrinen für alle zusammen. Das haben wir als Gruppe geschafft! Und wir haben jetzt eine Müllgrube.
  • Anett: Wir helfen uns reihum dabei, das Unkraut auf unseren Feldern zu jäten. Alleine war das früher kaum zu schaffen, das ist viel zu viel. Zusammenzuarbeiten und das Ergebnis zu sehen macht mich stolz und glücklich. Und meinen Rücken kann ich jetzt abends noch aufrichten.
  • Margaret: Es macht mich glücklich, dass ich für meine Kinder Schulgeld zahlen kann. Mein Mann ist im vergangenen Jahr gestorben. Von der Gruppe bekam ich ein Darlehen für meine Geschäftsidee, Brot zu backen und zu verkaufen. Jetzt kann ich meine Kinder in die Schule schicken.
  • Joyce: Ich habe jetzt eine Matratze! Jede von uns hat durch die Ersparnisse der Gruppe eine eigene Matratze bekommen!
  • Lois: Winni aus unserer Gruppe hat in einem Kurs gelernt, einen Energiesparofen aus Lehm zu bauen. Sie hat für jede von uns so einen Ofen gebaut, auch für die Nachbarinnen. Es sind schon über fünfzig solche Öfen in unserem Dorf. Ich koche jetzt nicht mehr auf drei Steinen, sondern auf meinem Lehmofen. Es macht mich jeden Tag glücklich, dass ich damit nur noch die Hälfte an Feuerholz brauche und deshalb weniger Holz sammeln und schleppen muss.
  • Anna: Ich bin die älteste hier in der Gruppe. Die anderen Frauen haben für mich eine Rundhütte gebaut und mit Gras gedeckt. Und sie helfen mir bei der Arbeit auf dem Feld. Ich schlafe im Trockenen, habe zu essen und habe Freundinnen: Das macht mich glücklich.
Katrin Weidemann bei einer Frauengruppe in Uganda. Foto: James Ongu

Foto: James Ongu

Malawi: Blaue Türen, orange Eimer

Quelle: Christoph Dehn

Foto: Christoph Dehn

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, besucht zurzeit Projekte unserer Partner in Lilongwe, Malawi

26.04.2016

Eigentlich gibt es an der Kuchipala Primary School im Herzen von Malawi nichts. Es gibt keine Stühle und keine Tische für die Kinder und für die Lehrer kein Pult. In den Fenstern gibt es kein Glas. Von den zwei Kurbelradios für die Unterrichtssendungen ist eins kaputt. Natürlich gibt es keinen Strom. Es gibt auch kein Lehrerzimmer und keine Schulbibliothek. Der Direktor benutzt den winzigen Abstellraum als Büro. Es gibt acht Klassenräume, die vor vielen Jahren sicher einmal für alle Kinder gereicht haben. Aber jetzt werden hier 1.400 Mädchen und Jungen von 10 Lehrerinnen und 9 Lehrern in acht Klassenstufen unterrichtet.

Foto: Christoph Dehn

Foto: Christoph Dehn

Allein in der ersten Stufe gibt es 245 Kinder. Da muss der Unterricht für viele Kinder draußen im Freien unter einem der im Moment prächtig blühenden Bäume stattfinden. Wenn es regnet oder später im Jahr zu kalt wird, fällt die Schule aus. Auch die Lehrer haben nicht immer Lust auf Schule; der Direktor sagt, zu Unterrichtsbeginn um 7:30 Uhr ist meist die Hälfte von ihnen da.

Vor vier Jahren, berichtet der Direktor, war mal eine Kommission des Bildungsministeriums da, um zu prüfen, ob die Schule nicht Bänke und Tische bekommen müsste. Aber die Kommission stellte fest, dass die Klassenzimmer keine Türen haben. Viel zu unsicher, das Mobiliar könnte entwendet werden, die Klassenzimmer blieben leer. Inzwischen gibt es Türen, aber die Gelegenheit ist verpasst.

Nur 19 Kinder in der letzten Klasse

Und dann gibt es noch das andere Problem: in der ersten Klasse sind 245 Kinder angemeldet. Die letzte, die achte Klasse, besuchen nur noch 19 Jugendliche. Sicher gibt es in Malawi ein hohes Bevölkerungswachstum, jedes Jahr kommen mehr Kindern ins Schulalter als im Vorjahr. Aber dieser Schwund hat andere Gründe. Bildung hat auf dem Dorf wenig Wert. Noch weniger bedeutet Bildung, wenn das Essen knapp wird. Malawi hat zwei schlechte Ernten hinter sich. Zuerst fiel die Ernte im Frühjahr 2015 dürftig aus, dann gab es im vergangenen Jahr Überschwemmungen in einigen Gebieten und große Trockenheit in anderen, sodass auch die Ernte in diesem Frühjahr nicht über das Jahr reichen wird. Da werden die Kinder gebraucht, um das Überleben der Familie zu sichern. An den beiden wöchentlichen Markttagen müssen Kinder beim Verkauf helfen und gegen ein etwas Kleingeld Kunden die Taschen tragen. Aber nicht nur El Niño spielt eine Rolle. Manche Mädchen werden verheiratet oder schwanger, lange bevor sie die 8. Klasse abgeschlossen haben. Auch der frühe Tod von Eltern durch Aids reißt Kinder aus der Schule.

Toiletten ohne Türen

Die Kindernothilfe-Partnerorganisation Word Alive Commission for Relief and Development (WACRAD) hat sich zum Ziel gesetzt, alle Kinder im Schulalter in ihrem Projektgebiet in die Schule und bis zum Abschluss zu bringen. Keine leichte Aufgabe. Aber es gibt Hoffnung. Auf Anregung von WACRAD ist an der Kuchipala Primary School ein Kinderrechtsclub entstanden. Ich treffe die Clubmitglieder in einem leeren Klassenzimmer. Die Schülerinnen und Schüler breiten bunte Tücher auf den Boden, um sich zu setzen, wie sie es vom Unterricht gewohnt sind. Bei einem Training von WACRAD haben sie gelernt, was Kinderrechte sind. Jetzt helfen sie mit, die Rechte Wirklichkeit werden zu lassen. Ich frage nach: Was heißt das denn? Mit Begeisterung erzählen sie, wie sie in einer Umfrage mit ihrem Vorschlagsbriefkasten herausgefunden haben, was das größte Problem an der Schule ist: Es gibt keine Mädchentoiletten. Ja, Toiletten gibt es schon, die stehen ein paar Dutzend Meter neben der Schule. Aber die haben keine Türen, und der Schulweg führt direkt daran vorbei. Andauernd sehen Leute in die Toiletten. Klar, dass die Mädchen schon deswegen manchmal nicht in die Schule gehen.

Kinder packen ihre Probleme selbst an

Foto: Christoph Dehn

Foto: Christoph Dehn

Aber was tun? Da kam ein Sportwettkampf wie gerufen. Der Kinderrechteclub macht den 2. Platz und gewann 80.000 Kwacha, etwa 100 Euro. Das war der Grundstock für den Bau von zwei Mädchentoiletten mit richtigen blauen Türen. Die Schule gab Ziegel dazu, Eltern halfen mit, und nun gibt es einen wichtigen Grund weniger für die Mädchen, die Schule abzubrechen. Das Geld reichte dann sogar noch, um große rote Eimer mit Wasserhähnen zu kaufen. Mit Brunnenwasser gefüllt, können die Kinder sie gut gebrauchen: zum Trinken beim Unterricht, zum Reinigen auf den Toiletten.

Vielleicht gibt es an der Kuchipala Primary School doch etwas sehr Wichtiges. Dort gibt es Kinder, die mit ein wenig Unterstützung angefangen haben, ihre Situation genau anzusehen und am Maßstab der Kinderrechte zu prüfen. Und sie nehmen beherzt in die Hand, was sie verändern können.

Somaliland: Ein ungewöhnlicher Hochzeitsschmaus

Katrin Weidemann besucht die engagierten Frauen einer Selbsthilfegruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann besucht die engagierten Frauen einer Selbsthilfegruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht Projekte in Somaliland und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Mittwoch, 24. Februar 2016, nachmittags

Der Nachmittag führt uns in die Wüste. Anfangs durch den dicken Stadtverkehr Hargeisas, dann durch Vororte mit Wellblechhütten und zusammengeflickten Zelten.  Unser Allradauto durchquert mühelos ausgetrocknete Flussbette, in denen sich statt Wasser alte Plastikflaschen, Kanister und anderer Unrat sammeln. In den Dornenbüschen am Ufer haben sich Mülltüten verfangen und leuchten wie bunte Blüten zwischen den staubigen Ästen.  Auf den letzten Kilometern über weiche Sandpisten begegnet uns nur ab und an eine Kamelherde.

Ein Treffen einer Frauen-Selbsthilfegruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

„Dalsan“ – grünes Land –  haben die Frauen ihre Gruppe genannt. (Quelle: Karl Pfahler)

Dann erreichen wir die Frauen. Auf Matten sitzen die Mitglieder der Selbsthilfegruppe im Kreis, das spärliche Gestrüpp um sie herum gibt keinen Schatten, aber bietet wenigstens etwas Schutz gegen den leichten Wind, der die Sandkörner durch die Luft wirbelt. „Dalsan“ steht auf dem großen Plakat in ihrer Mitte, und darunter sehe ich das Bild eines üppig grünenden Baums, der seiner Umgebung reichen Schatten spendet. Dalsan, grünes Land, haben die Frauen ihre Gruppe getauft und damit ihren wöchentlichen Treffen ein Motto und ihrer Arbeit ein Ziel gegeben. Sie, die in der steinig kargen Landschaft am Rande der Wüste leben, wünschen sich ein Leben wie auf grünem Land: ein Leben, das Frucht bringt, in dem sich – auch im übertragenen Sinn – ertragreich ackern lässt, das aber auch Zeiten kennt, die dem Ausruhen im kühlen Schatten eines schützenden Baums gleichen.

Der Schatz in der Blechkiste

Die Geldkiste der Frauengruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Die Geldkassette der Frauengruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Dass sie selbst etwas in ihrem Leben verändern können, das vermochten sich die Frauen bei der Gründung ihrer Gruppe im November 2014 nicht vorstellen. „Wir hier können doch nichts erreichen.“ Jede Woche einen Sparbetrag zurücklegen? Sich gegenseitig davon Darlehen als Anschubfinanzierung für ein eigenes kleines Geschäftsmodell geben? Nein, erinnert sich Fatuma, die von Anfang an dabei ist, wir dachten, das Geld sehen wir nie wieder. Was, wenn eine mit dem ganzen Geld weggeht? „It´s impossible!“ Sie schüttelt nachträglich noch den Kopf, wenn sie daran zurückdenkt. 3.000 Somali-Shillings, umgerechnet ein halber US-Dollar, war der Betrag, den jede von ihnen dennoch wöchentlich in die große Blechkiste legte, trotz mancher Skepsis. „Now we understand“, lacht Fatuma und zeigt in die Runde.

Zum dritten Mal hat jede der Frauen mittlerweile die Möglichkeit, ein Darlehen aus der Gruppenkasse für drei Monate abzurufen. Zwei von ihnen haben mit ihrem Darlehen einen kleinen Laden eröffnet, eine ist jetzt als „milkwoman“ unterwegs, andere verkaufen Salz oder Wasser, kochen Tee in einem Kiosk oder handeln mit Weihrauch. Über vier Millionen Somali-Shillings haben sie bereits als Gesamtkapital angesammelt, die Blechbüchse mit den Einlagen hüten sie im rollierenden System. Neben ihrem Wirtschaftskapital bestücken sie auch noch einen Extratopf für „social savings“. Damit unterstützen sie einzelne Frauen in schwierigen Lagen: bei Krankheit, um Arztkosten und Medizin zu bezahlen, nach einer Geburt oder wenn es einen Todesfall in einer Familie gibt.

Auch für ihre Kinder „grünt“ das Leben mittlerweile

Die Frauen haben Ideen und die Power, Veränderungen in ihrem Umfeld zu bewirken. (Quelle: Karl Pfahler)

Die Frauen haben Ideen und die Power, Veränderungen in ihrem Umfeld zu bewirken. (Quelle: Karl Pfahler)

Ihre Situation hat sich deutlich verbessert, seit ihre Mütter in der Selbsthilfegruppe sind. Fatuma kann – anders als früher – mittlerweile drei ihrer fünf Kinder zur Schule schicken, die jüngsten sind noch zu klein. Auch die anderen Frauen finanzieren mit ihren Einnahmen den Schulbesuch ihrer Kinder: Uniformen, Hefte, Stifte und den Bustransport zur Schule – bei acht oder zehn Kindern keine unerheblichen Ausgaben! Und natürlich profitieren die Kinder von dem, was ihre Mütter im begleitenden Training in der Gruppe zu Themen wie Hygiene, Gesundheit oder Ernährung lernen: So steht auf vielen Speiseplänen mittlerweile regelmäßig auch Milch und Obst.

Auf der To-do-Liste weit oben: der Bau von besseren Häusern. (Quelle: Karl Pfahler)

Auf der To-do-Liste weit oben: der Bau von besseren Häusern. (Quelle: Karl Pfahler)

Was die Frauen seit November 2014 bereits geschafft haben, ist beeindruckend. Und ihre Pläne für die Zukunft sind nicht minder ehrgeizig. Zugang zu Wasser, steht auf ihrer Liste ganz oben: Das muss bis jetzt von weit entfernt herangeschafft werden. Den Bau besserer Häuser wollen sie in Angriff nehmen: Manche sind in Wellblechhütten untergebracht, die bei der immensen Hitze tagsüber kaum zu betreten sind. Auch die lang versprochene Straße zu ihrer Siedlung soll endlich gebaut werden. Als ihren Beitrag, um dieses Großprojekt für ihr Dorf endlich zu realisieren, hat die Gruppe umgerechnet 8.000 US-Dollar gesammelt. Und weil es weit und breit keine Sekundarschule für ihre Kinder gibt,  hat die Gruppe zwei Frauen abgesandt in die Regionalvertretung der Selbsthilfegruppen: Dort, auf der Clusterlevel-Ebene (CLA), sollen sich Frauen wie Fatuma stark machen, dass die Regierung tätig wird.

Frauen mischen die Regionalregierung auf

Beim Treffen mit den CLA-Vertreterinnen später am Nachmittag treffen wir Fatuma wieder. Sie braucht beide Hände, um aufzuzeigen, welche Aufgaben alle vor ihnen liegen. Da ist eben der Schulbau. Ein medizinisches Training für die Frauen wollen sie organisieren, damit sie sich und ihre Familien bei kleineren Verletzungen und Krankheiten besser versorgen können. Und einen richtigen Arzt brauchen sie in der Region für die schlimmeren Leiden. Auch Angebote für ihre Söhne, ein Handwerk zu lernen, fehlen bisher. „Die sitzen jetzt nur zu Hause und haben nichts zu tun.“  Einen Termin bei der Regionalregierung haben sie schon vereinbart. Und in die Ministerien nach Hargeisa sei es ja auch nicht so weit, meint Fatuma und reckt ihr Kinn energisch nach vorn.

Ich bin beeindruckt von ihrer Energie und ihrem Tatendrang. Und traue mich, sie schließlich auch nach ihrem Mann zu fragen. Was der denn von ihrem Engagement hält? Fatuma gluckst und stößt ihre Nachbarin mit dem Ellbogen an. Beide brechen in lautes Gelächter aus. „Unsere Männer waren anfangs SEHR skeptisch“, bringen sie schließlich heraus. „Als wir die ersten Male zur Selbsthilfegruppe gingen, waren sie nicht einverstanden. Was macht ihr da, fragte mein Mann. Warum bringst du da Geld hin?“ Mittlerweile, und jetzt schwillt ihr Gelächter noch mehr an, mittlerweile wäre es ihr Mann, der sie jede Woche erinnert, ja nicht ihre Gruppe zu versäumen. „Er sieht, dass die Kinder neue Kleider haben. Er bekommt besseres Essen. Das gefällt den Männern!“

Das kostbarste Essen im ganzen Land

Feierlich wird das Gefäß mit dem kostbaren Inhalt ausgepackt. (Quelle: Karl Pfahler)

Feierlich wird das Gefäß mit dem kostbaren Inhalt ausgepackt. (Quelle: Karl Pfahler)

Dass bei aller Arbeit und allem Engagement auch die Frauen zu feiern verstehen, das zeigen sie uns zum Abschluss unseres Besuchs. Tanzend und singend haben sich gut 200 Frauen aus den acht in der CLA zusammengeschlossenen Gruppen vor dem Gemeindecenter versammelt. Ihr auf- und abschwellende Gesang wird immer wieder unterbrochen durch lautes Trillern und viel Gelächter, es herrscht Volksfestcharakter. Als Ehrengast darf ich auf der schattigen Veranda des Zentrums Platz nehmen. Während mir ein Deutschlandfähnchen in die Hand gedrückt wird, mit dem ich der Menge bitte fröhlich zurückwinken möge, bringen zwei Frauen die großartige Überraschung für uns Besucher: ein in weiße Tücher gewickeltes, mit roter Schnur mehrfach umwickelt und verknotetes, trommelförmiges Teil, die Hero.

Der Schleier, der darüber liegt, soll zeigen: Hier handelt es sich um eine Braut. Und tatsächlich, wird mir erklärt, ist das, was sich im Inneren des Behältnisses befindet, das kostbarste und beste Essen, das in ganz Somaliland zu finden ist. Es wird speziell für Hochzeiten hergestellt, und ein Löffel davon würde genügen, dem Bräutigam Kraft für eine lange Nacht zu geben.

In diesem Gefäß befindet sich der Hochzeitsschmaus. (Quelle: Karl Pfahler)

In dieser „Hero“ befindet sich der Hochzeitsschmaus. (Quelle: Karl Pfahler)

Zusammen mit einem Mitarbeiter unserer lokalen Partnerorganisation darf ich das Paket öffnen und zuerst einmal Knoten für Knoten der roten Schnur lösen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das bei Hochzeiten eine erste gemeinsame Aufgabe für das junge Paar ist (und hoffe, dass meine Mitwirkung an der Auswickelaktion nicht als Zustimmung verstanden wird, dass ich dem jungen Mann neben mir nun auf immer und ewig verbunden bin). Als der letzte Knoten gelöst und das weiße Tuch entfernt ist, kommt ein mit Leder und Muscheln verzierter Korb zum Vorschein. Auch der wird geöffnet und gibt den Blick frei auf eine Haube, die von ihrer Farbe und Zusammensetzung an Kamel-Dung erinnert. In Wirklichkeit ist sie aber eine feste Dattelmasse, die den kostbaren Inhalt luftdicht verschließt. Der junge Mann neben mir zückt ein Messer und schneidet mit wenigen Schnitten die Spitze der Haube ab.  Jetzt kann ich ins Innere sehen: Dort schwimmen in einem See von lokaler Butter kleine Teile von gedörrtem Kamelfleisch.

Alles in Butter – nicht nur im Hochzeitsschmaus

Eine Delikatesse: Eine Masse aus Datteln umhüllt in Butter schwimmendes Kamelfleisch. (Quelle: Karl Pfahler)

Eine Delikatesse: Eine Masse aus Datteln umhüllt in Butter schwimmendes Kamelfleisch. (Quelle: Karl Pfahler)

Auch wenn mir keine Hochzeitsnacht bevorsteht, bin ich bereit, davon zu probieren. Aber, da bin ich mir mit meinen Nachbarn einig: ein Löffel genügt ja. Ein Jahr lang, wird mir erklärt, hält das Hochzeitsessen unter der Dattelmasse. So wie es im Korb verpackt ist, kann es gut z.B. auf einem Kamel befestigt und mit auf Reisen genommen werden. Und wenn die rechte Braut gefunden ist, dann zückt der Bräutigam das Messer. Es ist angesichts der FGM-Thematik ein verstörendes Bild, das sich plötzlich hier im Festmahl widerspiegelt. Denn angesichts der Infibulation der Frauen ist es traditionell tatsächlich erste Aufgabe des Ehemanns in der Hochzeitsnacht, ein Messer zu gebrauchen.

Es wird schon dunkel, als wir das Fest der Frauen verlassen. Ich kann ihr Trillern und ihr Lachen noch lange hören. Mit Vergnügen haben sie den Inhalt der Hero unter sich aufgeteilt. Zumindest für heute, anlässlich unseres Besuchs, konnten sie es genießen. Heute war auch für sie beim Öffnen der Hero alles in Butter.

Somaliland: Besuch im einzigen Zentrum für sexuelle Gewalt

Ein Mädchen hält sich die Hände vors Gesicht. (Quelle: Frank Peterschröder)

Mehr als 280 Kinder suchten im vergangenen Jahr Hilfe und Schutz im Zentrum. (Quelle: Frank Peterschröder)

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht Projekte in Somaliland und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Mittwoch, 24. Februar 2016, mittags

Mittags im Baahi-Koob-Center. Es  ist das erste Zentrum in Somaliland, in dem Opfer sexueller Gewalt Hilfe erfahren. Seine Gründung 2008 war nicht unumstritten, die Notwendigkeit wurde von vielen infrage gestellt. Erst der grausame Tod eines sechs Monate alten Mädchens als Folge einer Vergewaltigung führte dazu, dass Baahi-Koob seine Arbeit aufnehmen konnte, „angedockt“ an die gynäkologische Klinik des staatlichen Krankenhauses Hargeisa. Die Sozialarbeiter des Zentrums arbeiten hier Hand in Hand mit dem medizinischen Personal der Klinik – ein unschätzbarer Vorteil, um die Hemmschwelle für Opfer so niedrig wie möglich zu halten und ihnen zusätzliche Wege zu ersparen. Die Mädchen und Jungen, Frauen und Männer erhalten in dem  „One-Stop-Center“ unter einem Dach medizinische Hilfe, psychologische Betreuung und auch Rechtsbeistand. Allein vier Polizistinnen und vier Polizisten stehen dafür im Schichtbetrieb zur Verfügung, um Ermittlungen aufzunehmen. So soll den Opfern rasch und effektiv bei der Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse  geholfen werden.

Mit Asher, der Koordinatorin des Projekts, sitzen wir in dem winzigen Büro, das gleichzeitig Beratungsraum ist. Fünf Personen arbeiten normalerweise hier und an dem zusätzlichen Schreibtisch im Vorraum. In dem Moment, wo eine oder einer von ihnen ein Gespräch mit einem Opfer führt, gehen die anderen nach draußen auf die Gänge des Hospitals und warten dort. Das kann manchmal lang dauern.

567 Personen waren es im Jahr 2015, die bei Baahi-Koob Schutz, Hilfe und Beratung gesucht haben, die Hälfte von ihnen war jünger als 15. Für neue Räume gibt es zwar schon ein Grundstück, aber für den Bau fehlen die Mittel.  Der Direktor des Krankenhauses zeigt uns das Modell des Krankenhausneubaus, der die bisherigen alten Gebäude ersetzen soll. Ein fester Platz für Baahi-Koob ist dafür bisher nicht vorgesehen. Vielleicht, überlegt er laut, bei der neuen Notaufnahme? Asher und ich sehen uns wortlos an: Mit „vielleichts“ lässt sich verletzten und traumatisierten Kindern nicht helfen. Es liegt noch viel Arbeit vor uns, um die Zukunft des Baahi-Koob Zentrum zu sichern.

Somaliland: „FGM ist kriminell“, sagen Regierungsvertreter

Katrin Weidemann bei Somalilands First Lady (links). (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann mit Projektvertretern bei Somalilands First Lady Amira Silanyo. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht Projekte in Somaliland und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Mittwoch, 24. Februar 2016

Vormittags stehen im Stundentakt Gespräche mit Regierungsvertretern in der Hauptstadt Hargeisa auf dem Plan. Um 8 Uhr empfängt uns die Ministerin für Umwelt, Sukri Haji Ismail. Ihr ist die Arbeit der Kindernothilfe gut vertraut – vor Jahrzehnten hat sie die Organisation „Candlelight“ gegründet, mit der wir hier seit 2011 zusammenarbeiten.

Um 9 Uhr beim Minister für Arbeit und Soziales, Ali Mahmoud Ahmed. Er ist erst seit zwei Monaten im Amt, unser Gespräch muss von Englisch auf Somali übersetzt werden. Dafür kommt auch der Vizepräsident Somalilands, Abdi Dahir Amoud, dazu. Unser Bericht, wie sich die Lebensbedingungen der Ärmsten der Armen durch Selbsthilfegruppen verbessern, trifft auf offene Ohren. Und natürlich diskutieren wir auch hier, wie bei jedem unserer Gespräche, über FGM, die in Somaliland so weit verbreitete Genitalverstümmelung. Ja, stimmen unsere Gesprächspartner zu: FGM sei eine kriminelle Handlung. Aber bevor das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das künftig für die nötige Rechtssicherheit sorgt, braucht es dort eine grundsätzliche Einigung. Noch gibt es heftige Diskussionen zwischen den Befürwortern eines Komplettverbots (Null-Toleranz) und den Vertretern  der Fraktion, die eine abgeschwächte Form der Beschneidung zulassen wollen.

Nein zur weiblichen Genitalverstümmelung. (Quelle: Jörg Lilchtenberg)

Nein zur weiblichen Genitalverstümmelung. (Quelle: Jörg Lichtenberg)

Bei der „pharaonischen Beschneidung“ wird die sogenannte Infibulation durchgeführt, die auf brutale Weise dafür sorgt, dass nur noch eine kleine Öffnung für Urin und Sekret erhalten bleibt. Bei der sogenannten Sunna-Form der Beschneidung wird die Klitoris beschnitten, ohne eine komplette Infibulation anzuwenden. Ein Gesetz, das lediglich die drastischste Form der Verstümmelung verbietet, hätte wohl auch jetzt schon gute Chancen auf eine Mehrheit im Parlament. Es birgt aber die Gefahr, dass es dann weiterhin zu einer Akzeptanz der Sunna-Form kommt. Um ein Null-Toleranz-Gesetz zu erreichen, wie es all die Frauengruppen fordern, die wir in den letzten Tagen besucht haben, braucht es noch Zeit und viele Gespräche.

Zum Abschluss des Vormittags sind wir schließlich noch bei der First Lady des Landes, Amira Silanyo, angekündigt, einer beeindruckenden Frau, die sich auf vielfältige Weise für die Rechte der Mädchen und Frauen ihres Landes starkmacht.

Somaliland: Ein Stück vom Glück

Katrin Weidemann trifft Ladenbesitzerin Nasib und ihren Sohn. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann trifft Ladenbesitzerin Nasib und ihren Sohn. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht Projekte in Somaliland und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Montag, 22. Februar 2016

Sie heißt Nasib, das bedeutet Glück. Stolz begrüßt sie uns vor ihrem kleinen Laden in dem Camp nahe der Stadt Burao. Ja, erzählt sie strahlend, sie sei wirklich glücklich. Dafür habe sie viele Gründe. Fünf davon stehen um sie herum: ihre Töchter und Söhne, die sie zur fünffachen Mutter machen. Welch ein Glück! Und das – sie zeigt mit ausholender Armbewegung auf die Hütte aus Holz und Wellblech, in der ich grob gezimmerte Regale mit Sodaflaschen, Seifenkartons und Zuckersäckchen erkennen kann – das sei ihr eigener Laden. Ein Glück!

Ein Ansporn für andere Frauen

Nasib ist ein Vorbild für andere junge Frauen. (Quelle: Karl Pfahler)

Nasib ist ein Vorbild für andere junge Frauen. (Quelle: Karl Pfahler)

Ich frage nach: Wie sie es denn geschafft habe, hier inmitten eines Camps für Binnenflüchtlinge mitten in Somaliland ihr eigenes erfolgreiches Geschäft aufzubauen? Sie lacht und holt ein Schulheft aus einer Kiste unter der Ladentheke. Das, zeigt sie selbstbewusst auf die eng beschriebenen Seiten mit den langen Zahlenreihen, das ist meine Buchhaltung. „Ich kann jetzt lesen und schreiben, und sogar auch rechnen!“. In einem Kurs unserer Partnerorganisation CCBRS habe sie das gelernt, zusammen mit 50 anderen Frauen. Sechs solche Alphabetisierungskurse finden jetzt gerade wieder statt, jeweils ein halbes Jahr lang. Im Schichtbetrieb treffen sich Mädchen und Frauen dort in einem schlichten Klassenzimmer. Das liegt günstigerweise schräg gegenüber von Nasibs Laden. Günstig für Nasib, die den Schülerinnen nach dem Unterricht Zucker oder Seife verkaufen kann. Und günstig für die Frauen: denn Nasib mit ihrem kleinen Laden ist ihnen Vorbild und Ansporn.

Dass sie für andere Vorbild ist, das war nicht immer so. Früher, berichtet Nasib, dachten die Menschen oft, sie sei blind und stumm. Wenn sie beispielsweise auf dem Markt etwas kaufen wollte, aber nicht wusste, was es kostet. „Ich wusste nie, ob mir jemand zu viel Geld abnimmt. Ich konnte die Preise ja nicht lesen. Und ob das Wechselgeld stimmte, konnte ich auch nicht erkennen. Jetzt ist das anders. Ich habe Augen und ich habe einen Mund. Und ich kann lesen und schreiben und mit den Leuten handeln!“

Nasib wirbt im Camp erfolgreich für ein Leben ohne FGM

Vielen Mädchen im Camp wird FGM erspart bleiben, haben sich ihre Mütter und Großmütter geschworen. (Quelle: Karl Pfahler)

Vielen Mädchen im Camp wird FGM erspart bleiben, haben sich ihre Mütter und Großmütter geschworen. (Quelle: Karl Pfahler)

Und Nasib tut noch mehr: sie ist aktives Mitglied einer Anti- FGM-Gruppe. FGM, diese drei Buchstaben stehen für die Qual der grausamen Genitalverstümmelung, unter der fast 98 Prozent aller Frauen in Somaliland leiden: „Female Genital Mutilation“ (FGM). Mit den Frauen aus ihrem Alphabetisierungskurs konnte sie damals erstmals Worte finden für das Leid, das viele von ihnen durch diese archaische Tradition erlitten haben. Mittlerweile macht Nasib Hausbesuche und organisiert selbst Informationsveranstaltungen zu dem Thema. Viele Frauen im Camp sind sich mit ihr bereits einig: Ihren Töchtern und Enkelinnen soll dieses Schicksal künftig erspart bleiben. Dass ein Großteil der Ehemänner ihre Frauen in dieser Absicht unterstützen, liegt auch am örtlichen Imam. Er bestätigte ihnen, dass die weibliche Genitalverstümmelung keinerlei Wurzel im Koran hat, sondern dort im Gegenteil die körperliche Unversehrtheit des Menschen, der „in schönster Gestaltung geschaffen“ sei, betont wird.

Nasibs Mann flüchtete nach Europa

Ob ihr Mann das auch so sehe, frage ich Nasib. Energisch nimmt sie ihr jüngstes Kind auf den Arm und wendet sich mir wieder zu. „Mein Mann ist nach Europa geflüchtet“, erklärt sie. „Er ist jetzt in Malta.“ Ich bin erst einmal verblüfft. Die Flüchtlinge hier im Camp, gut einen Kilometer vor der Stadt Burao, wohnen teilweise schon 20 Jahre lang hier: vertrieben aus dem Süden Somalias, geflohen aus vom Bürgerkrieg zerstörten Orten, flüchtend vor Gewalt, vor Dürre und Hunger. Manche haben sich mit dem Leben als „internal displaced persons“ im Camp arrangiert. Nasibs Mann konnte es nicht.

Ob sie ihm denn nach Europa folgen wolle, frage ich Nasib? Sie schüttelt den Kopf. Ihr Leben sei hier. Ihr Leben und das ihrer Kinder. Das Leben der Frauen und Männer der Anti-FGM-Gruppe. Sie hätten eine Menge Aufgaben hier. Und dank der Kurse von CCBRS und der Kindernothilfe auch die Fähigkeiten, sie zu meistern. Sie findet es hier in Somaliland, ihr Glück.

Somaliland: Mauern und Stacheldraht

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht Projekte in Somaliland und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Sonntag, 21. Februar 2016

Die Anreise zieht sich: eine Nacht im Flugzeug nach Addis Abeba, zwei Stunden Warten auf den Anschlussflug (mit grandiosem Sonnenaufgang und grandiosem äthiopischen Kaffee) und schließlich der Weiterflug nach Hargeisa. Hier, in der Hauptstadt der selbsternannten Republik Somaliland, will ich Projekte unserer Partner am Horn von Afrika besuchen. Vor den ersten offiziellen Gesprächen noch schnell ins Hotel – „schnell“ zieht sich aber auch. Ein Hochsicherheitsgefängnis dürfte leichter zu betreten sein, als unsere Unterkunft für diese Nacht: Unser Wagen muss auf dem Weg zur Hoteleinfahrt einen Zickzack-Parcours durch quergestellte Betonmauern absolvieren, wird von unten und oben nach Sprengstoff durchsucht, in (für Männer und Frauen getrennten) Sicherheitsschleusen öffnen Wächter und Wächterinnen jeden Koffer, nehmen jedes Kleidungsstück einzeln heraus und durchsuchen es sorgfältig. Im Inneren der Hotelanlage ist jeder Apartmentblock noch einmal extra mit Mauern und Stacheldraht umbaut, Wachtürme und rund um die Uhr durch das Gelände patroullierende Wächter verweisen auf die angespannte Sicherheitslage. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Somaliland. 

Katrin Weidemann und Afrika-Referatsleiter Dr. Karl Pfahler mit Kindernothilfe-Partner in Somaliland. (Quelle: Kindernothilfe-Partner)

Katrin Weidemann und Afrika-Referatsleiter Dr. Karl Pfahler mit dem Kindernothilfe-Partner in Somaliland. (Quelle: Kindernothilfe-Partner)

Die Mitarbeiter unserer Partnerorganisationen leben hier. „Ich bin nach dem Krieg wieder hierher in meine Heimat zurückgekommen“ erzählt Abib. Vier Jahre lang war er Ende der 80er Jahre im benachbarten Äthiopien im Exil. Nur ein paar Ziegen konnte er damals mitnehmen, die retteten ihm in den ersten Monaten in der Fremde das Leben. „Ohne die Ziegen wäre ich verhungert“, erzählt er im Rückblick. Nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung Somalilands 1991 kehrte er nach Hargeisa zurück. Heute leitet er von hier aus eine große Entwicklungsorganisation, die mit den Dorfgemeinschaften in den ländlichen Gebieten zu Katastrophenvorsorge und Gesundheitsthemen arbeitet.

Ich bin gespannt darauf, diese Woche einige der Projekte mit ihm zusammen zu besuchen.

Von der Theorie in die Praxis – ehemalige Kindernothilfe-Praktikantin besucht Projekt in Peru

Fiona Rosner in einem Kindernothilfe-Projekt in Peru. Foto: privat

Fiona Rosner in einem Kindernothilfe-Projekt in Peru. Foto: privat

Von Fiona Rosner (zurzeit Peru)

Direkt im Anschluss an mein dreimonatiges Praktikum in der Kindernothilfe-Geschäftsstelle in Duisburg hatte ich nun die Möglichkeit, den langjährigen peruanischen Kindernothilfe-Partner Aynimundo und seine verschiedenen Arbeitsbereiche direkt vor Ort und in Aktion in Lima kennenzulernen. Das war für mich eine ganz besondere Erfahrung, nachdem ich mich während der vorausgegangenen Monate im Referat Lateinamerika intensiv mit den strategischen und operativen Zielen der Kindernothilfe in Lateinamerika – u. a. zu den Themen Bildung und Inklusion – auseinandergesetzt hatte und nun in Peru unmittelbar miterleben konnte, wie diese vor Ort umgesetzt werden.

Lima – Die fast zehn Millionen Einwohner zählende Hauptstadt Perus ist die mit Abstand größte Stadt dieses geographisch zur Andenregion gehörenden Landes. In dem riesigen Ballungsgebiet, das mitten in der Wüste liegt, wohnen – vor allem in den Armenvierteln an der Peripherie – Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte oft auf engem Raum zusammen. Sie teilen ihre Häuser, ihre Sorgen und ihr Glück. Trotz der eher kargen Landschaft und des Wassermangels sind Energie und Lebenslust an jeder Straßenecke zu spüren. Lima wirkt auf mich als eine ganz junge und sehr lebende Stadt.

Armenviertel von Lima. Foto: Kindernothilfe

Armenviertel von Lima. Foto: Kindernothilfe

Von dem Alltag auf der Straße sind jedoch ganz oft Menschen mit Behinderungen ausgeschlossen. Es mangelt an der nötigen Infrastruktur, an Therapie- und Behandlungsangeboten, an Bildungseinrichtungen und ausgebildeten Lehrern – aber vor allem an Perspektiven für ein selbstbestimmten und eigenständigen Leben. Deshalb spielt sich das Leben von Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen bislang nur zu einem sehr geringen Teil im öffentlichen Raum ab – sie sind ganz oft einfach nicht sichtbar.

Vor 15 Jahren: Neue Hoffnung für die Armenviertel

Die Kindernothilfe-Partnerorgansation Aynimundo wurde vor 15 Jahren von Architekten gegründet. Die Gründungsidee des engagierten Teams war es damals, in einigen Peripherie-Stadtteilen von Lima dazu beizutragen, die öffentliche Infrastruktur zu verbessern und nachhaltiger zu gestalten: Einerseits sollte dafür die Umwelt sinnvoll genutzt und geschützt werden, andererseits sollten alle Menschen die Möglichkeit erhalten, sich frei zu bewegen – also auch Kinder und Jugendliche mit Behinderung.

Therapie mit Kindern mit Behinderungen. Foto: Kindernothilfe

Therapie mit Kindern mit Behinderungen. Foto: Kindernothilfe

Im Lauf der Jahre hat die Organisation ihr Engagement auf weitere Arbeitsbereiche ausgedehnt. Bei meinem Besuch im Aynimundo-Büro im Stadtteil San Juan de Miraflores konnte ich einen davon kennenlernen: Im Erdgeschoss des Büros wurden Räumlichkeiten geschaffen, in denen Therapeuten verschiedener Fachrichtungen Behandlungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen aus den Armenvierteln San Juan de Miraflores und Villa María del Triunfo anbieten. Bei den Therapiestunden ist immer mindestens ein Elternteil anwesend, um die Arbeit mit den Kindern mit zu unterstützen und sich beispielsweise physiotherapeutische Basiskenntnisse anzueignen und die Scheu zu verlieren, mit den Kindern die erlernten Übungen auch zu Hause anzuwenden. Die Therapieeinheiten bei Aynimundo sind die mitwirkenden Familien immer auch eine wichtige Möglichkeit, um sich beraten zu lassen und Erfahrungen mit den Therapeuten auszutauschen. Für die Familien ist diese (Lebens)-Beratung eine besonders wertvolle Unterstützung, da Menschen mit Behinderungen ansonsten weitestgehend vom peruanischen Gesundheits- und Sozialsystem ausgeschlossen sind.

Arbeit mit Stadtteilschulen in Armenvierteln

Aber ich habe auch noch einen weiteren Bereich der Aynimundo-Kooperation mit Kindernothilfe kennengelernt – die Arbeit mit verschiedenen kommunalen Stadtteilschulen in den Armenvierteln von San Juan de Miraflores. Aynimundo arbeitet in diesen Schulen vor allem mit dem Schulleitungen und dem Lehrerkollegium zusammen. Ziel ist es, alternative Bildungsansätze zu vermitteln – ein Thema dabei ist immer auch Inklusion, jedoch in einem weitergehenden Sinne. Sowohl die Schwierigkeiten, vor allem aber auch die besonderen Fähigkeiten und Interessen der Kinder sollen im Unterricht berücksichtigt werden.

Schülerinnen einer Stadtteilschule. Foto: Fiona Rosner

Schülerinnen einer Stadtteilschule. Foto: Fiona Rosner

Während meines Besuchs einer Schulklasse habe ich eine besondere Methode, die das Aynimundo-Team bei der Arbeit mit Kindergruppen anwendet, kennengelernt: den sogenannten „restorativen Kreis“. Diese Methode dient dazu, zwischen den Kindern und den Lehrerinnen und Lehrern Vertrauen und gegenseitigen Respekt zu schaffen. Alle Anwesenden setzen sich im Kreis zusammen und haben die Möglichkeit zu sprechen, Gedanken und Gefühle mitzuteilen, während die anderen aufmerksam zuhören. Bei meinem Besuch ging es um das Thema Familie. Durch die gemeinsamen Gespräche lernen die Kinder sich und die Erwachsenen besser kennen. Sie entwickeln Vertrauen und Verständnis füreinander und dadurch auch Wege zu einem besseren Umgang miteinander.

Der restorative Kreis wurde auch in einem weiteren Projekt mit Kindern verschiedener Altersklassen genutzt, das ich im Anschluss besucht habe. Gemeinsam haben wir alle Wände eines Klassenraums mit bunten Farben völlig neu gestaltet. Es war deutlich zu spüren, wie viel Freude die Kinder am Malen und den bunten Farben hatten. Im Anschluss sind wir wieder im Kreis zusammengekommen. Gemeinsam haben die Kinder überlegt, was besonders gut funktioniert hat und was sie beim nächsten Mal anders machen würden. Da der restorative Kreis nicht auf Bestrafung, sondern auf gegenseitigem Verständnis beruht, waren die Kinder sehr offen und gaben reflektierte Antworten. Besonders beeindruckt hat mich, dass die Kinder selbst erkannt haben, wie knapp das Wasser in ihrem Viertel ist und dass sie es in Zukunft besser schützen wollen.

Aynimundo fördert das Potenzial der Kinder. Foto: Kindernothilfe

Aynimundo fördert das Potenzial der Kinder. Foto: Kindernothilfe

Mein Besuch bei Aynimundo hat mir erneut gezeigt, wie viel Potenzial in Kindern steckt. Wenn wir sie in ihren Rechten, Interessen und Fähigkeiten stärken, dann können sie ganz entscheidend Einfluss auf die Entwicklung unserer Umwelt und das Zusammenleben innerhalb der Gemeinschaft nehmen.

„Keine politischen Fortschritte seit dem Regierungswechsel in Honduras“

Treffen zwischen der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und dem Direktor der Kindernothilfe in Honduras

Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Tegucigalpa (03.12.2015) – Das Problem der extremen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche stand am 2. Dezember im Mittelpunkt eines Fachgesprächs zwischen der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und langjährigen österreichischen Nationalratsabgeordneten, Ulrike Lunacek, und dem Direktor der Kindernothilfe in Honduras, Dr. Elmer Villeda. Auch die unverändert prekäre Kinderrechtssituation in Honduras und die Enttäuschung über das Ausbleiben der versprochenen politischen Reformen standen auf der Agenda.

Ulrike Lunacek. Foto: Wikimedia Commons

Ulrike Lunacek. Foto: Wikimedia Commons

Ulrike Lunacek hält sich zurzeit im Rahmen einer Delegationsreise von Europa-Parlamentariern in Honduras auf. Sie ließ sich von Elmer Villeda über das Engagement der Kindernothilfe und ihrer Projektpartner für einen besseren Schutz von Kindern vor Gewalt und für das Sichtbarmachen von Kinderrechtsthemen innerhalb der politischen Agenda und öffentlichen Wahrnehmung informieren. Ein wichtiges Thema des Gespräches bildete auch der Austausch über die Anstrengungen des Kindernothilfe-Partners COIPPRODEN, an dem sogenannten UPR-Verfahren (Universal Periodic Review) mitzuwirken, also dem regelmäßigen Überprüfen der Menschenrechtssituation in einem Land durch die UN-Mitgliedsstaaten. Die entsprechenden Beratungen über die Lage in Honduras hatten Mitte dieses Jahres in Genf stattgefunden.

Noch immer führt das kleine mittelamerikanische Land mit jährlich 90 Morden pro 100.000 Einwohner die weltweite Statistik von Gewaltopfern an – und zählt mit nur vier Prozent aller Straftaten, die überhaupt vor Gericht landen, zu den Staaten mit den am wenigsten funktionierenden Rechtssystemen. „Wir sind als Europäische Parlamentarier desillusioniert darüber, dass es in Honduras praktisch überhaupt keine politischen Fortschritte seit dem Regierungswechsel vom Januar 2014 gegeben hat“, erklärte die Grünen-Politikerin und Europa-Abgeordnete in einem Fernsehinterview. Ulrike Lunacek hatte Ende 2013 bereits die EU-Wahlbeobachter-Mission in Honduras geleitet. Bei ihren Gesprächen mit honduranischen Abgeordneten und Regierungsvertretern drängte sie seitdem immer wieder auf die Umsetzung der zugesicherten Wahlrechts-Reform und auf eine bessere Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Lösung der dringendsten politischen Probleme des zweitärmsten Landes in Lateinamerika.

Die Kindernothilfe ist seit 1981 in Honduras engagiert. Zurzeit fördert  sie bei einem jährlichen Programmvolumen von 914.000 Euro rund 15.300 Kinder und Jugendliche in zehn Projekten. Der thematische Schwerpunkt der Kindernothilfe-Arbeit liegt auf Programmen zur Gewaltprävention, auf der Hilfe für Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind, sowie auf ländlichen Gemeinwesen-Entwicklungsprojekten.

Weiterführende Informationen:

Honduras: Unión Europea presiona para acelerar reformas electorales

UPR-Verfahren: „Für Menschenrechte ist kein Weg zu weit“