Uni-Lernstoff Kindernothilfe

Architekturstudenten in Chile beschäftigen sich mit dem Wiederaufbauprogramm der Kindernothilfe in Haiti

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide - fertigstellt im Oktober 2013.

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide – fertigstellt im Oktober 2013.

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Ungewöhnlicher Lehrstoff: Die Studierenden am Institut für Architektur an der Universität von Valparaíso beschäftigten sich am 14. November im Rahmen einer Gastvorlesung mit den Kindernothilfe-Lernerfahrungen beim Wiederaufbau- bzw. dem Neubau von Schulen, die bei der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti zerstört worden waren. Unter der Überschrift „Humanitäre Krisen und Architektur“ ging es bei der Festveranstaltung zum 60. Jubiläum des Instituts für Architektur an der Universität von Valparaíso im vollbesetzten Audimax der Fakultät für Architektur in Playa Ancha um die ganz unterschiedlichen Strategien, Prozesse, technischen und logistischen Herausforderungen – etwa bei der Neuerrichtung sehr großer Schulen wie der École Saint-François de Sales in Rivière Froide bei Carrefour (1.400 Kinder) oder dem Collège Véréna in Delmás (1.600 Kinder) – im Vergleich mit dem ganz anders organisierten Wiederaufbauprogramm für die sechs bei dem Erdbeben zerstörten Schulen in den extrem unzugänglichen Gebirgsdörfern südlich von Carrefour.

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Die engen Bezüge zu Chile waren von Anfang an ein besonderes Merkmal dieses anspruchsvollen Wiederaufbauprogramms gewesen: Mit dem jungen chilenischen Architekten Alvaro Arriagada aus Santiago de Chile hatte die Kindernothilfe einen engagierten Experten für erdbebensicheres Bauen gefunden, der sich mit viel Enthusiasmus auf den Kindernothilfe-Ansatz einließ, Kinder und Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, aber auch die Menschen in den Communities rund um die jeweiligen Projekte, ganz intensiv in die Planungen und die Umsetzung der insgesamt 13 zwischen 2010 und 2016 realisierten Bauvorhaben einzubeziehen. Und mit einem Geologenteam der Universidad de Chile, das im Auftrag der Kindernothilfe die komplexen geomorphologischen Untersuchungen vornahm, die den Fundament-Ausschachtungen für die Saint-François de Sales-Schule der Kleinen Schwestern in Rivière Froide vorgeschaltet werden mussten, gab es dann auch noch einen zweiten professionellen Bezug in das Andenland.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle - auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle – auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Wie wichtig gerade in Humanitären Krisen- und Extremsituationen – wie nach dem verheerenden Erdbeben 2010 in Haiti, bei dem (so der heutige Forschungsstand) wohl um die 316.000 Menschen ums Leben gekommen waren, aber auch bei Katastrophen, wie sie die Menschen in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas in den zurückliegenden Jahren in schneller Abfolge erlebt hatten – ein rechtsbasierter Arbeitsansatz ist, also die konsequente Einbeziehung und Mitwirkung der mit dem jeweiligen Projekt in Verbindung stehenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, aber auch der Aspekt des inklusiven Bauens (der Berücksichtigung der Rechte von Kindern mit Behinderungen), war eines der Kernthemen dieser Uni-Veranstaltung in Playa Ancha. In den internationalen Konventionen, die sich mit Regeln für Humanitäre Hilfe-Einsätze beschäftigen, müssten – so eine der Forderungen aus der anschließenden Diskussion mit den Studierenden – das bedingungslose (Menschen)-Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung noch viel pointierter und konsequenter herausgearbeitet werden, um entsprechend der Prinzipien des do-no-harm-Ansatzes (der Forderung, dass Humanitäre Hilfe-Interventionen „keinen Schaden anrichten“ bzw. dank einer konfliktsensiblen Planung und Durchführung zumindest nicht zur Vergrößerung von entstandenen Problemen und Notsituationen beitragen) zu arbeiten. Für ihr eigenes Curriculum bei der Ausbildung zu Architektinnen und Architekten wünschten sich die Studierenden der Universidad de Valparaíso eine viel intensivere Beschäftigung mit all den Fragen rund um Architektur und Menschenrechte.

Das Kindernothilfe-Engagement nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti war der bislang größte humanitäre Einsatz in der Kindernothilfe-Geschichte gewesen. Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince sowie in das Lehrerfortbildungs- und das Selbsthilfe-Gruppen-Programm der Kindernothilfe in dem Karbikstaat. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet. Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase nach dem Erdbeben im Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschul-Traktes des Collège Véréna in Delmás.

Tags: , , , , , , , , , , ,

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.