Chile: Kreativ, frech und unglaublich mutig – Hunderttausende Schüler und Studenten demonstrieren für das Recht auf Bildung

In Chile demonstrieren Hunderttausende Schüler und Studenten gegen das dortige Bildungssystem. Jürgen Schübelin, unser Referatsleiter für Lateinamerika, ist derzeit in der Hauptstadt Santiage de Chile. In seinem Bericht über die Proteste erklärt er auch, was Arbeit der Kindernothilfe und ihrer Partner mit der Bewegung zu tun hat.

Lang – lang – kurz, kurz, kurz: Das durch Mark und Bein gehende Stakkato der Trommeln, Töpfe, Trillerpfeifen und Autohupen ist so etwas wie die Hymne dieses Proteststurms, der Chile seit drei Monaten in Atem hält. Mit demselben legendären Kampfruf „Y va a caer!“ („Und er wird stürzen“) hatte sich die Mehrheit der Chilenen damals im Oktober 1988 Mut gemacht, um in einem Plebiszit das verhasste Pinochet-Regime zu besiegen. Jetzt nutzen die Kinder und Jugendlichen aus einer Generation, die die Terrorherrschaft der Militärs selbst nie erlebt hat, die fünf emblematischen Silben, um das unter der Diktatur installierte neoliberale Schul- und Bildungssystem in seinen Grundfesten zu erschüttern. Und mit ihm gleich die ganze rechtskonservative Regierung unter dem Unternehmer und Dollar-Milliardär Sebastian Piñera.

Kampf gegen ein kommerzialisiertes Schul- und Bildungssystem
Über 150.000 Schüler und Studenten, unterstützt von Eltern, Lehrern, Hochschulprofessoren und Sympathisanten, zogen allein am 9. August in einem Sternmarsch durch Santiago. Im ganzen Land waren es weitere Hunderttausend. Vermutlich deutlich über eine halbe Million junger Menschen hat sich in Chile während der zurückliegenden Tage an den unterschiedlichsten Aktionen zum Einfordern des Grundrechts auf Bildung beteiligt; unter ihnen Mädchen und Jungen aus zahlreichen von der Kindernothilfe unterstützten Projekten samt ihrer Teams aus Erziehern, Sozialarbeitern und Pädagogen. Seit den Kundgebungen vor dem Plebiszit 1988 gegen Pinochet erlebte das Land keine vergleichbaren Protestaktionen mehr.

Der Kampf gilt einem durch und durch kommerzialisierten Schul- und Bildungssystem, das sich zu einem der lukrativsten Wirtschaftszweige des Andenlands entwickelt hat. In Chile bezahlen Eltern vom Kindergartenalter an aberwitzige Summen, um ihren Kindern eine angeblich privilegierte Bildung zu ermöglichen. Private Sekundarschulen verlangen umgerechnet 750 Euro oder mehr an Schulgeld pro Monat – dreimal soviel wie der gesetzliche Mindestlohn. Nach dem Abi pauken jährlich Zehntausende Schüler in teuren, privaten Akademien, um sich auf die Hochschulzulassungs-Prüfung PSU vorzubereiten. Wer danach studieren möchte und nicht aus einer wirklich wohlhabenden Familie stammt, kann das nur mit Hilfe von Krediten bewerkstelligen. Der Schuldenberg zum Studienende beläuft sich je nach Fach und Uni auf bis zu 40 Millionen Pesos, 60.000 Euro. Ein Albtraum und Mühlstein für jeden Berufseinsteiger.

Studiengebühren haben sich seit 2005 verdoppelt
Die konservative Tageszeitung „El Mercurio“ hat errechnet, dass sich die Studiengebühren an chilenischen Unis seit 2005 bis Mitte 2011 schlicht verdoppelt haben, während die Durchschnittseinkommen im Land im gleichen Zeitraum höchstens um 30 bis 35 Prozent gestiegen sind. Obwohl Universitäten und Privatschulen laut Gesetz eigentlich keine Gewinne erwirtschaften dürften, funktionieren die allseits bekannten Mechanismen zur Abzocke der Studierenden so simpel wie infam: Ganz oft sind die Eigentümer der zahlreichen Privatunis im Land gleichzeitig die Besitzer von Bau- oder Immobilienfirmen, die für die Miete oder Pacht der Gebäude und Infrastruktur der Hochschule völlig überzogenen Preise verlangen – und über eigens gegründete Dienstleistungs- und Service-Betriebe für Gebäudereinigung, Verwaltung, Mensa-Betrieb und windige Berateraufträge Rechnungen jenseits aller Marktbedingungen stellen. Und das alles ganz legal. Zahlreiche Politiker aus allen Lagern sind als Miteigentümer an dem Milliarden-Geschäft rund um die privaten chilenischen Sekundarschulen und Universitäten beteiligt.

An den Studienkrediten, für die höhere Zinsen verlangt werden als beispielsweise für Hypothekendarlehen, verdient die gesamte chilenische Finanzbranche. Das Geschäft läuft so geschmiert, dass seit Jahren sogar Kaufhausketten Jugendlichen Kredite anbieten, um die Studiengebühren zu finanzieren. Und selbst dort, wo sich der Staat über seine nationale Entwicklungsgesellschaft CORFO für die Darlehen an ausgewählte Studierende verbürgt, verdienen die Banken kräftigt über Gebühren und Zinsen mit. Am Ende sind es ganz oft die Eltern der Hochschulabsolventen, denen nichts anderen übrig bleibt, als bis zum Lebensende mitzuhelfen, die Schuldenlast ihrer Kinder abzutragen.

Bildung als Strategie zur Überwindung von Armut
Chile zeichnete sich in Lateinamerika bis Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts durch ein vorbildliches öffentliches Bildungssystem aus, in das der Staat erhebliche Ressourcen investierte. Seit den Zeiten der sozialreformerischen Regierung unter Pedro Aguirre Cerda (1938 – 1941) und der Verleihung des Literaturnobelpreis 1945 an eine Dorfschullehrerin, Gabriela Mistral, war es so etwas wie nationaler Konsens, dass das Engagement für Schulen und Bildung die wichtigste Strategie zur Überwindung von Armut und extremer Armut darstellt.

Die sogenannten neoliberalen Reformen des Pinochet-Regimes beendeten diese Politik mit einem Schlag: Die Entscheidungen, die öffentlichen Schulen an die Kommunen zu übergeben und gleichzeitig die entsprechenden Budgetmittel drastisch zurückzufahren sowie den Markt für Hunderte von Privatunis zu öffnen – und seien sie akademisch noch so schmalbrüstig aufgestellt –, veränderten das Gesicht der chilenischen Gesellschaft mehr als alle anderen Zäsuren, die die Militärs dem Land aufzwangen. Da es in Chile keinen kommunalen Finanzausgleich wie in Deutschland gibt, verkam das nunmehr kommunale Bildungssystem fast überall im Land in kürzester Zeit zu einer kümmerlichen Ansammlung von Rest-Schulen für Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen, extrem prekär ausgestattet, mit überforderten Lehrern und viel zu großen Klassen. Wer – wie auch immer – über die Möglichkeit verfügt, seinen Kindern den Besuch einer Privatschule zu ermöglichen, nimmt dafür extreme Opfer und hohe finanzielle Belastungen auf sich.

Schon 2006 gab es Schüleraufstände
Vor fünf Jahren begehrten erstmals die Sekundarschüler gegen dieses System auf und sorgten mit ihrer Bewegung der „Pingüinos“ (Pinguine – in Anspielung auf die Schuluniformen) für internationale Aufmerksamkeit und eine veritable Regierungskrise. Mit halbherzigen Versprechungen und einigen kosmetischen Reförmchen versuchte die damalige Mitte-Links-Koalition unter Michelle Bachelet, die Situation zu entschärfen. Der Protestturm, der seit drei Monaten über Chile fegt, ist hingegen von ganz anderem Kaliber. Hunderte von Schulen und Universitäten im ganzen Land werden seit Wochen von den Schülern und Studenten besetzt gehalten und erbittert gegen alle Räumungsversuche verteidigt. Nacht für Nacht belegt der Rhythmus des Töpfe, Pfannen und Trommeln in zahlreichen chilenischen Städten, welche Intensität die allgemeine Unzufriedenheit mittlerweile erreicht hat. Die Aktionsformen der Schüler und Studenten sind bunt, laut, äußerst kreativ, frech und – mit wenigen Ausnahmen – konsequent gewaltfrei. Als der inzwischen abgesetzte Bildungsminister Joaquin Lavín von der ehemaligen Pinochet-Partei UDI im Juli angesichts des Schüleraufstands nicht mehr weiterwusste und kurzerhand entschied, die Ferien vorzuverlegen, organisierten mehrere tausend Jugendliche aus Protest mitten im chilenischen Winter bei frostigen Temperaturen vor dem Präsidentenpalast eine lautstarke Strandparty in Badehosen und Bikinis, mit Sonnenschirmen, Liegestühlen, Beach-Volleyball und Eisverkäufern.

Facebook und Twitter als wichtigste Informations- und Organisationsmedien
Wie bei den Aufständen in den arabischen Ländern sind auch in Chile Facebook und Twitter die wichtigsten Informations- und Organisations-Medien der Protestbewegung. Die Versuche der Piñera-Administration, sekundiert von den Hauptstadt-Tageszeitungen und den chilenischen Fernsehsendern, die allesamt regierungsnah und an den Interessen der großen Wirtschafts- und Finanzgruppen ausgerichtet sind, die Protestbewegung auseinander zu dividieren, klein zu reden oder in die Nähe von Terroristen zu stellen, hat in den zurückliegenden Tagen eher zu noch mehr Kohäsion und Entschlossenheit, nicht aufzugeben, beigetragen.

Bei der Regierung liegen die Nerven blank
Wer seit dem 4. August die äußerst brutalen Polizeieinsätze mit Schlagstöcken, Wasserwerfern, Tränengas und Massenverhaftungen gegen protestierende Schüler und Studenten in verschiedenen chilenischen Städten miterlebt hat, spürt, wie sehr bei der Regierung mittlerweile die Nerven blank liegen. 370 leere Hülsen von auf sie abgefeuerten Tränengas-Granaten haben an einem einzigen Tag allein die Studenten der Universidad de Chile am Hauptsitz ihrer Hochschule eingesammelt und auf der Straße zu einem improvisierten „Museum der Repression“ aufgereiht. Während der Bürgermeister von Santiago, Pablo Zalaquett, lautstark den Einsatz des Militärs gegen Schüler- und Studenten-Demonstrationen sowie Schnellgerichtsverfahren für festgenommene Jugendliche verlangt, wird immer deutlicher, wie profund sich die Systemkrise inzwischen manifestiert.

Die Forderungen der Schüler und Studenten, ihrer Lehrer und Unterstützer sind klar: Sie wollen, dass der Staat die Kommunalisierung der öffentlichen Schulen rückgängig macht und über sein Bildungsministerium wieder direkt Verantwortung übernimmt. Und es geht um ein gerechtes, nicht an kommerziellen Interessen ausgerichtetes System zur Bildungs- und Studienförderung mit staatlichen Stipendien und Darlehen, ähnlich dem früheren deutschen BAFöG – sowie um eine konsequente Kontrolle von Privatschulen und –Unis. Finanziert werden soll das deutlich stärkere Engagement des Fiskus bei der Umsetzung des Rechtes auf Bildung durch eine Verstaatlichung eines Teils der äußerst lukrativen, von ausländischen Konzernen betriebenen Kupferminen des Landes. Über all diese Elemente einer Bildungsreform sollen, so die Forderung der Protestbewegung, Chiles Bürger in einem Plebiszit abstimmen.

Während Präsident Piñera unerschütterlich erklärt: „Bildung ist ein Konsumgut, für das man bezahlen muss – wie für alles im Leben“, haben Abgeordnete der beiden Kammern des chilenischen Parlaments inzwischen die Initiative ergriffen und eine umfangreiche Delegation aus Vertretern der Protestbewegung zu ausführlichen Gesprächen in den Kongress nach Valparaiso eingeladen.

Die Kindernothilfe und ihr Partner haben Anteil an der Bewegung
Für José Horacio Wood, Direktor der chilenischen KNH-Partnerorganisation Fundación ANIDE, ist der atemberaubende Prozess, der sich in diesen Wochen in Chile vollzieht, auch das Ergebnis der jahrzehntelangen Arbeit von Nichtregierungsorganisationen wie Kindernothilfe und ANIDE:„Wir haben unseren kleinen Anteil zu dieser Bewegung beigetragen. Die Mädchen und Jungen in den Projekten lernen seit Jahren, trotz aller gesellschaftlichen Widerstände, was Kinderrechte sind – und welche zentrale Bedeutung gerade dem Recht auf Bildung zukommt.“ Die Generation, die jetzt das Heft in die Hand genommen hat, so Wood weiter, „ist unter den Bedingungen einer sehr prekären Demokratie aufgewachsen, aber vom Kindergarten an wurde diesen Jugendlichen Selbstbewusstsein und das Gespür, füreinander und für andere Verantwortung zu tragen, vermittelt.“ Sichtlich stolz sind der ANIDE-Direktor und sein Team darauf, dass Jugendliche aus zahlreichen von Kindernothilfe unterstützten Projekten in ihren Schulen zu Sprechern und Team-Leadern gewählt wurden: „Mitzuerleben, wie eine soziale Bewegung, bei der es um ein Kinder- und Menschenrecht geht, eine derartige Kraft entfaltet, das ist für uns alle eine unglaubliche Erfahrung.“

Auf der Plaza Nuñoa, im Südosten Santiagos, hat auf die Minute genau, punkt 21 Uhr, wieder das allnächtliche Konzert der Töpfe, Pfannen, Trommeln, Trillerpfeifen und Autohupen begonnen. Lang – lang, kurz, kurz, kurz: „Y va a caer“, singen die Jugendlichen, „y va a caer – la educación de Pinochet“: „Es wird stürzen, das Bildungssystem von Pinochet.“

Text + Fotos: Jürgen Schübelin, zurzeit Santiago de Chile

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