Nach Haiti: Ausnahmezustand für die Inlandsarbeit. Ein Update für Paten und Spender

Nach dem Erdbeben auf Haiti ist auch die Arbeit der Kindernothilfe in einem Ausnahmezustand. Telefone stehen nicht still, unzählige E-Mails werden beantwortet, auch an den Wochenenden. Alle, die länger als gewohnt auf eine Antwort warten müssen, bitten wir sehr herzlich um Verständnis! Einen kleinen Einblick zum Stand der Dinge hat deswegen Gerd Heidchen, Leiter des Spenderservices, für Sie zusammengestellt.

Wir erleben im Spenderservice der Kindernothilfe sehr viel Anteilnahme an den Erdbebenopfern in Haiti und eine Welle der Hilfsbereitschaft. Viele Menschen möchten einfach gern ihren Beitrag leisten. Besonders dankbar sind wir natürlich für die Spenden. Sie versetzen uns in die Lage, die Soforthilfe zu organisieren, dabei besonders für die Kinder dazusein und später den betroffenen Familien beim Wiederaufbau der zerstörten Lebensgrundlagen zu helfen. Und die vielen besonderen Spendenaktionen von Schulklassen, Firmenbelegschaften, Kindergärten, Kirchengemeinden oder im Rahmen von Familienereignissen beteiligen noch einmal viele zusätzliche Menschen an der Hilfe und werden zu einer Brücke der Solidarität mit den Betroffenen.

Dennoch hat Haiti ziemlich rasch auch die Inlandsarbeit der Kindernothilfe in einen Ausnahmezustand versetzt. In den zurückliegenden Wochen haben wir Tage erlebt, an denen wir so viele Telefonanrufe erhielten, dass wir zunächst noch nicht einmal Zeit für die gewohnt rasche Bearbeitung finden konnten. Daher legen wir derzeit viele Sonderschichten ein. Auch an den Wochenenden sind viele Menschen in der Geschäftsstelle der Kindernothilfe und arbeiten in ihren Büros. Fluten von Email-Anfragen sind noch zu beantworten: Freiwillige wollen gern vor Ort mithilfen, Angebote von Sachspenden müssen geprüft werden, Familien mit entsprechenden Möglichkeiten wollen ihre Häuser für Pflegekinder aus Haiti öffnen. Auch wenn wir in solchen Fällen oft nicht weiterhelfen können, so wollen wir mit unseren Erläuterungen doch auch ein Verstehen ermöglichen. Die Menschen hierzulande können sich ja oft nur schwer in die Erfordernisse vor Ort hineinversetzen. An dieser Stelle sei auch betont: Alle, die länger als gewohnt auf eine Antwort warten müssen, bitten wir sehr herzlich um Verständnis!

Sehr hoch ist die Anteilnahme der Menschen, die ein Patenkind in Haiti unterstützen. Denn eine Kinderpatenschaft stiftet ja eine besondere Verbundenheit mit einem Kind, mit den Menschen in seiner Umgebung, mit dem jeweiligen Land und den aktuellen Geschehnissen. So sind die Paten seit den ersten Stunden der Katastrophe in großer Sorge um das Wohlergehen Ihrer Patenkinder und ihrer Familien. Alle Informationen aus Haiti versuchen wir zu verarbeiten und so rasch wie möglich weiterzugeben. Aber gerade über die Patenkinder wissen wir bis jetzt noch viel zu wenig. Auch heute, fast vier Wochen nach der Katastrophe, ist die Situation in der Hauptstadt ja noch immer äußerst schwierig. So kümmern wir uns mit allen verfügbaren Kräften vordringlich darum, den Erdbebenopfern weiterzuhelfen. Das College Verena in Port-au-Prince, eine große Schule der Heilsarmee, die die Kindernothilfe unterstützt, ist seit dem Tag nach dem Erdbeben für viele Menschen eine Anlaufstelle geworden, an der sie Hilfe erhoffen. Mehr als 1.000 Menschen haben auf dem Gelände Zuflucht gefunden und werden mit Nahrung und Wasser versorgt. Ärzte kümmern sich um die Verletzten. Auch das erste Kinderzentrum der Kindernothilfe hatte dort seine Arbeit aufgenommen. Inzwischen werden dort 600 Kinder betreut und versorgt.

Und inzwischen wissen wir endlich auch, dass sehr viele der Patenkinder das schreckliche Erdbeben überlebt haben. Für die Kinder des College Verena wachsen schon entsprechende Listen, die derzeit bei der Heilsarmee zusammengestellt werden. Aus der Schule Fort National haben wir sogar die Information, dass fast alle Schulkinder überlebt haben. Dennoch heißt das leider nicht automatisch, dass diese Patenschaften nun weiterhin bestehen. Denn es sind auch sehr viele Familien aus Port-au-Prince in ihre Herkunftsdörfer geflohen. Daher ist noch immer offen, wie es einzelnen Patenkindern tatsächlich geht. Noch immer können wir keines der einzelnen Schicksale den Paten namentlich benennen. Diese Information werden wir erst nach und nach zusammentragen können – und das kann Monate in Anspruch nehmen. Noch immer müssen wir auch damit rechnen, dass zu vielen Kindern die Verbindung endgültig abgerissen sein wird, weil sie jetzt an einem anderen Ort leben. In keiner der Kindernothilfe-Schulen kann derzeit unterrichtet werden.

Dennoch wächst die Hoffnung auf einen Wiederaufbau in Haiti. Es wächst die Hoffnung, dass im Licht der internationalen Aufmerksamkeit nun endlich Schritte möglich werden, die mehr Gerechtigkeit für benachteiligte Menschen in Haiti ermöglichen, die Zivilgesellschaft stärken und Kinderrechte umsetzen helfen – die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für Haitis Kinder.

Gerd Heidchen,
Spenderservice der Kindernothilfe
pressestelle@knh.info

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, ist derzeit in Haiti vor Ort. Er hat uns die aktuellen Fotos gesendet.

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