Von der Theorie in die Praxis – ehemalige Kindernothilfe-Praktikantin besucht Projekt in Peru

Fiona Rosner in einem Kindernothilfe-Projekt in Peru. Foto: privat

Fiona Rosner in einem Kindernothilfe-Projekt in Peru. Foto: privat

Von Fiona Rosner (zurzeit Peru)

Direkt im Anschluss an mein dreimonatiges Praktikum in der Kindernothilfe-Geschäftsstelle in Duisburg hatte ich nun die Möglichkeit, den langjährigen peruanischen Kindernothilfe-Partner Aynimundo und seine verschiedenen Arbeitsbereiche direkt vor Ort und in Aktion in Lima kennenzulernen. Das war für mich eine ganz besondere Erfahrung, nachdem ich mich während der vorausgegangenen Monate im Referat Lateinamerika intensiv mit den strategischen und operativen Zielen der Kindernothilfe in Lateinamerika – u. a. zu den Themen Bildung und Inklusion – auseinandergesetzt hatte und nun in Peru unmittelbar miterleben konnte, wie diese vor Ort umgesetzt werden.

Lima – Die fast zehn Millionen Einwohner zählende Hauptstadt Perus ist die mit Abstand größte Stadt dieses geographisch zur Andenregion gehörenden Landes. In dem riesigen Ballungsgebiet, das mitten in der Wüste liegt, wohnen – vor allem in den Armenvierteln an der Peripherie – Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte oft auf engem Raum zusammen. Sie teilen ihre Häuser, ihre Sorgen und ihr Glück. Trotz der eher kargen Landschaft und des Wassermangels sind Energie und Lebenslust an jeder Straßenecke zu spüren. Lima wirkt auf mich als eine ganz junge und sehr lebende Stadt.

Armenviertel von Lima. Foto: Kindernothilfe

Armenviertel von Lima. Foto: Kindernothilfe

Von dem Alltag auf der Straße sind jedoch ganz oft Menschen mit Behinderungen ausgeschlossen. Es mangelt an der nötigen Infrastruktur, an Therapie- und Behandlungsangeboten, an Bildungseinrichtungen und ausgebildeten Lehrern – aber vor allem an Perspektiven für ein selbstbestimmten und eigenständigen Leben. Deshalb spielt sich das Leben von Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen bislang nur zu einem sehr geringen Teil im öffentlichen Raum ab – sie sind ganz oft einfach nicht sichtbar.

Vor 15 Jahren: Neue Hoffnung für die Armenviertel

Die Kindernothilfe-Partnerorgansation Aynimundo wurde vor 15 Jahren von Architekten gegründet. Die Gründungsidee des engagierten Teams war es damals, in einigen Peripherie-Stadtteilen von Lima dazu beizutragen, die öffentliche Infrastruktur zu verbessern und nachhaltiger zu gestalten: Einerseits sollte dafür die Umwelt sinnvoll genutzt und geschützt werden, andererseits sollten alle Menschen die Möglichkeit erhalten, sich frei zu bewegen – also auch Kinder und Jugendliche mit Behinderung.

Therapie mit Kindern mit Behinderungen. Foto: Kindernothilfe

Therapie mit Kindern mit Behinderungen. Foto: Kindernothilfe

Im Lauf der Jahre hat die Organisation ihr Engagement auf weitere Arbeitsbereiche ausgedehnt. Bei meinem Besuch im Aynimundo-Büro im Stadtteil San Juan de Miraflores konnte ich einen davon kennenlernen: Im Erdgeschoss des Büros wurden Räumlichkeiten geschaffen, in denen Therapeuten verschiedener Fachrichtungen Behandlungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen aus den Armenvierteln San Juan de Miraflores und Villa María del Triunfo anbieten. Bei den Therapiestunden ist immer mindestens ein Elternteil anwesend, um die Arbeit mit den Kindern mit zu unterstützen und sich beispielsweise physiotherapeutische Basiskenntnisse anzueignen und die Scheu zu verlieren, mit den Kindern die erlernten Übungen auch zu Hause anzuwenden. Die Therapieeinheiten bei Aynimundo sind die mitwirkenden Familien immer auch eine wichtige Möglichkeit, um sich beraten zu lassen und Erfahrungen mit den Therapeuten auszutauschen. Für die Familien ist diese (Lebens)-Beratung eine besonders wertvolle Unterstützung, da Menschen mit Behinderungen ansonsten weitestgehend vom peruanischen Gesundheits- und Sozialsystem ausgeschlossen sind.

Arbeit mit Stadtteilschulen in Armenvierteln

Aber ich habe auch noch einen weiteren Bereich der Aynimundo-Kooperation mit Kindernothilfe kennengelernt – die Arbeit mit verschiedenen kommunalen Stadtteilschulen in den Armenvierteln von San Juan de Miraflores. Aynimundo arbeitet in diesen Schulen vor allem mit dem Schulleitungen und dem Lehrerkollegium zusammen. Ziel ist es, alternative Bildungsansätze zu vermitteln – ein Thema dabei ist immer auch Inklusion, jedoch in einem weitergehenden Sinne. Sowohl die Schwierigkeiten, vor allem aber auch die besonderen Fähigkeiten und Interessen der Kinder sollen im Unterricht berücksichtigt werden.

Schülerinnen einer Stadtteilschule. Foto: Fiona Rosner

Schülerinnen einer Stadtteilschule. Foto: Fiona Rosner

Während meines Besuchs einer Schulklasse habe ich eine besondere Methode, die das Aynimundo-Team bei der Arbeit mit Kindergruppen anwendet, kennengelernt: den sogenannten „restorativen Kreis“. Diese Methode dient dazu, zwischen den Kindern und den Lehrerinnen und Lehrern Vertrauen und gegenseitigen Respekt zu schaffen. Alle Anwesenden setzen sich im Kreis zusammen und haben die Möglichkeit zu sprechen, Gedanken und Gefühle mitzuteilen, während die anderen aufmerksam zuhören. Bei meinem Besuch ging es um das Thema Familie. Durch die gemeinsamen Gespräche lernen die Kinder sich und die Erwachsenen besser kennen. Sie entwickeln Vertrauen und Verständnis füreinander und dadurch auch Wege zu einem besseren Umgang miteinander.

Der restorative Kreis wurde auch in einem weiteren Projekt mit Kindern verschiedener Altersklassen genutzt, das ich im Anschluss besucht habe. Gemeinsam haben wir alle Wände eines Klassenraums mit bunten Farben völlig neu gestaltet. Es war deutlich zu spüren, wie viel Freude die Kinder am Malen und den bunten Farben hatten. Im Anschluss sind wir wieder im Kreis zusammengekommen. Gemeinsam haben die Kinder überlegt, was besonders gut funktioniert hat und was sie beim nächsten Mal anders machen würden. Da der restorative Kreis nicht auf Bestrafung, sondern auf gegenseitigem Verständnis beruht, waren die Kinder sehr offen und gaben reflektierte Antworten. Besonders beeindruckt hat mich, dass die Kinder selbst erkannt haben, wie knapp das Wasser in ihrem Viertel ist und dass sie es in Zukunft besser schützen wollen.

Aynimundo fördert das Potenzial der Kinder. Foto: Kindernothilfe

Aynimundo fördert das Potenzial der Kinder. Foto: Kindernothilfe

Mein Besuch bei Aynimundo hat mir erneut gezeigt, wie viel Potenzial in Kindern steckt. Wenn wir sie in ihren Rechten, Interessen und Fähigkeiten stärken, dann können sie ganz entscheidend Einfluss auf die Entwicklung unserer Umwelt und das Zusammenleben innerhalb der Gemeinschaft nehmen.

“Keine politischen Fortschritte seit dem Regierungswechsel in Honduras”

Treffen zwischen der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und dem Direktor der Kindernothilfe in Honduras

Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Tegucigalpa (03.12.2015) – Das Problem der extremen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche stand am 2. Dezember im Mittelpunkt eines Fachgesprächs zwischen der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und langjährigen österreichischen Nationalratsabgeordneten, Ulrike Lunacek, und dem Direktor der Kindernothilfe in Honduras, Dr. Elmer Villeda. Auch die unverändert prekäre Kinderrechtssituation in Honduras und die Enttäuschung über das Ausbleiben der versprochenen politischen Reformen standen auf der Agenda.

Ulrike Lunacek. Foto: Wikimedia Commons

Ulrike Lunacek. Foto: Wikimedia Commons

Ulrike Lunacek hält sich zurzeit im Rahmen einer Delegationsreise von Europa-Parlamentariern in Honduras auf. Sie ließ sich von Elmer Villeda über das Engagement der Kindernothilfe und ihrer Projektpartner für einen besseren Schutz von Kindern vor Gewalt und für das Sichtbarmachen von Kinderrechtsthemen innerhalb der politischen Agenda und öffentlichen Wahrnehmung informieren. Ein wichtiges Thema des Gespräches bildete auch der Austausch über die Anstrengungen des Kindernothilfe-Partners COIPPRODEN, an dem sogenannten UPR-Verfahren (Universal Periodic Review) mitzuwirken, also dem regelmäßigen Überprüfen der Menschenrechtssituation in einem Land durch die UN-Mitgliedsstaaten. Die entsprechenden Beratungen über die Lage in Honduras hatten Mitte dieses Jahres in Genf stattgefunden.

Noch immer führt das kleine mittelamerikanische Land mit jährlich 90 Morden pro 100.000 Einwohner die weltweite Statistik von Gewaltopfern an – und zählt mit nur vier Prozent aller Straftaten, die überhaupt vor Gericht landen, zu den Staaten mit den am wenigsten funktionierenden Rechtssystemen. “Wir sind als Europäische Parlamentarier desillusioniert darüber, dass es in Honduras praktisch überhaupt keine politischen Fortschritte seit dem Regierungswechsel vom Januar 2014 gegeben hat”, erklärte die Grünen-Politikerin und Europa-Abgeordnete in einem Fernsehinterview. Ulrike Lunacek hatte Ende 2013 bereits die EU-Wahlbeobachter-Mission in Honduras geleitet. Bei ihren Gesprächen mit honduranischen Abgeordneten und Regierungsvertretern drängte sie seitdem immer wieder auf die Umsetzung der zugesicherten Wahlrechts-Reform und auf eine bessere Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Lösung der dringendsten politischen Probleme des zweitärmsten Landes in Lateinamerika.

Die Kindernothilfe ist seit 1981 in Honduras engagiert. Zurzeit fördert  sie bei einem jährlichen Programmvolumen von 914.000 Euro rund 15.300 Kinder und Jugendliche in zehn Projekten. Der thematische Schwerpunkt der Kindernothilfe-Arbeit liegt auf Programmen zur Gewaltprävention, auf der Hilfe für Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind, sowie auf ländlichen Gemeinwesen-Entwicklungsprojekten.

Weiterführende Informationen:

Honduras: Unión Europea presiona para acelerar reformas electorales

UPR-Verfahren: “Für Menschenrechte ist kein Weg zu weit”


 

Die Gefängniskinder von Kalutara

Text und Fotos: Christoph Dehn,
stellv. Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzender

Colombo, 03.12.2015

Roshani und Kirusha sitzen im Gefängnis von Kalutara, 40 km südlich von Sri Lankas Hauptstadt Colombo. Sie leben hinter hohen Mauern, Stahltoren und Stacheldraht. In 14 Monaten werden sie das Gefängnis verlassen können. Dann ist die Strafe abgesessen; nach fast zwei Jahren werden sie sich endlich wieder frei bewegen können. Eigentlich wird den beiden nicht viel vorgeworfen. Roshani ist drei Jahre alt, ihr Bruder Kirusha ist zwei. Ihre Mutter Rethmika wurde zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Wegen des gleichen Delikts sitzt auch ihr Mann im Gefängnis.

Natürlich sind die Namen erfunden. Vielleicht denken die Nachbarn, dass die Eltern für eine Weile der Arbeit wegen woanders hingezogen sind. Im Dorf sollen sie nicht wissen, dass die ganze Familie einsitzt. Und da sich nun niemand um die Kinder kümmern kann, sieht das srilankische Strafrecht vor, dass Kinder bis zu fünf Jahren mit ihren Müttern in die Haft gehen dürfen. Immer wieder werden Kinder auch im Gefängnis geboren. Im Januar nachdem ein Kind fünf geworden ist, muss es in die Schule und deswegen Mutter und Gefängnis verlassen. Manche Kinder sehen dann zum ersten Mal in ihrem Leben die Welt jenseits der Mauern.

Rethmika erzählt ihre Geschichte so: Eines Abends wurde sie auf dem Rückweg von der Arbeit von Männern angehalten, die sie für Polizisten hielt. Die wollten ihren Ausweis sehen und behielten ihn gleich ein. Dann befahlen sie Rethmika, in ihren Van einzusteigen. Der Wagen fuhr an, einer der Männer begann sie zu belästigen. Daraufhin fing Rethmika an laut zu schreien. Schließlich hielt der Wagen, sie konnte entkommen. Aber sie war so schlau, sich das Nummernschild zu merken. Als sie das Fahrzeug ein paar Tage später wieder in der Nachbarschaft entdeckte, rief ihr Mann ein paar Freunde zusammen. Sie stellten denjenigen, der Rethmika den Ausweis abgenommen und sie belästigt hatte. Der Ehemann schlug ihn zusammen und nahm ihm nun seinen Ausweis ab. Wenig später wurden beide zu gleich langen Freiheitsstrafen verurteilt und in getrennte Gefängnisse eingewiesen.

Ob die Männer im Auto Polizisten waren? Wer weiß das schon. Ob die Geschichte sich genau so oder vielleicht ein bisschen anders zugetragen hat, auch das werden wir nicht erfahren. Aber dass Roshani und Kirusha nun mit ihrer Mutter im Frauengefängnis von Kalutara leben, das ist eine Tatsache.

In Kalutara ist einiges anders als in anderen Gefängnissen. Zurzeit gibt es hier 9 Kinder, aber die Zahl ändert sich ständig, denn Kalutara ist auch ein Untersuchungsgefängnis. Die Frauen und ihre Kinder kommen und gehen, meist sind es mehr als jetzt. In diesem Gefängnis und dem von Welikada hat die Kindernothilfe-Partnerorganisation SERVE die Betreuung der Kinder übernommen. Zu essen bekommen die Kinder vom Gefängnis schon; im Vergleich zu anderen Ländern ist das Essen hier nicht einmal schlecht. Aber es ist eben Erwachsenenessen. SERVE sorgt dafür, dass die Kleinen kindgerechte Zusatznahrung bekommen. Aber mindestens so wichtig ist der Kindergarten, den unsere Partnerorganisation betreibt. Hier können Roshani, Kirusha und die anderen spielen, lernen, toben, singen und sich frei entwickeln. Material, Kleidung, Kindermatratzen und Moskitonetze hat die Kindernothilfe zur Verfügung gestellt. Auch die größeren Kinder der Gefangenen, die draußen zur Schule gehen, und ohne ihre Mütter zurecht kommen müssen, erhalten über SERVE Unterstützung.

Wie ist es denn, mit den Kindern weggesperrt zu sein? Rethmika lächelt. Es hilft ihr sehr, die beiden dabei zu haben. Endlich hat sie Zeit für die Kinder, mehr als genug Zeit. Früher hat sie im Krankenhaus gearbeitet, hatte einen langen Weg zum Arbeitsplatz. Um das Essen muss sie sich jetzt keine Sorgen machen. Ihre Kinder werden wunderbar gefördert, dafür ist sie dankbar, wenn sie sich abends in dem Mutter-Kind-Schlafsaal neben die beiden auf den Boden legt.

Und was kommt nach dem Gefängnis? Rethmika hat an ein paar Kursen von SERVE teilgenommen. Sie kann jetzt etwas nähen, kann Briefumschläge und Schulhefte herstellen. Das müsste reichen, um zusammen mit ihrem Mann die Familie durchzubringen. Später sagt der Gefängnisdirektor über einer Tasse Tee in seinem Büro, das Ziel der Freiheitsstrafe sei in allererster Linie Resozialisierung, nicht Bestrafung. Dann ist es vielleicht kein Zufall, dass in seinem Gefängnis überall Büsche und Bäume wachsen und Blumen blühen. Rethmika, Roshani und Kirusha werden jedenfalls vorbereitet sein, wenn sich in 14 Monaten die Gefängnistore für sie öffnen.

Polizeigewalt gegen Mapuche-Kinder unter Anklage

Mapuche-Kinder mit den Tränengas-Kartuschen eines Polizeieinsatzes

Mapuche-Kinder mit den Tränengas-Kartuschen eines Polizeieinsatzes

Mit Unterstützung des Kindernothilfe-Partners ANIDE sind die andauernden schweren Kinderrechtsverletzungen durch chilenische Polizeikräfte nun ein Fall für die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte in Washington.

Aktivisten der Mapuche-Gemeinden in Chile setzen sich seit Jahren mit Protestaktionen und auch Landbesetzungen dafür ein, Teile ihres illegal enteigneten Landes wiederzuerlangen. Der chilenische Staat hat darauf mit Anti-Terrorismus-Gesetzen reagiert: Immer wieder gibt es brutale staatliche Übergriffe auf Mapuche-Dörfer, bei denen nicht nur Aktivisten, sondern auch die Zivilbevölkerung verletzt werden. Unter den Betroffenen sind auch Kinder und Jugendliche. Bei den polizeilichen Razzien müssen Kinder regelmäßig beobachten, wie Familienmitglieder angegriffen, gedemütigt  und oftmals vollkommen willkürlich verhaftet werden.

Obwohl die Menschenrechtsverletzungen bereits von internationalen und nationalen Menschenrechtsorganisationen und Gerichtshöfen angeklagt wurden, gab es bislang keine ernsthaften Bemühungen der chilenischen Regierung, einen Wandel herbeizuführen.

Einsatz von Polizei-Spezialkräften in einer Mapuche-Siedlung

Einsatz von Polizei-Spezialkräften in einer Mapuche-Siedlung

Anhörung vor der Menschenrechtskommission mit erschütterndem Bildmaterial

Der Kindernothilfe-Partner ANIDE hat gemeinsam mit einem Zusammenschluss von Mapuche-Gemeinden (ATM – Alianza Teritorial Mapuche) und dem Zentrum für Gerechtigkeit und Völkerrecht (CEJIL) die Kinderrechtsverletzungen in den Mapuche-Gemeinden dokumentiert. Die ATM hat nun in Washington eine Anhörung vor der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte – einem Teil des Intermaerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte -  erwirkt.

Am 22. Oktober sprachen Mijael Carbone Queipul, Vertreter der ATM, und die Anwältin Manuela Royo Letelier bei der Kommission vor, um über die extreme Gewaltsituation zu informieren, der die Mapuche-Kinder ausgesetzt sind. Dabei führten sie neben zahlreichen Foto-Dokumenten auch dieses Video vor:

 


YouTube Direkt

Hoffnung auf ein Ende der Gewalt

Verantwortlich für die Gewalt sind die chilenischen Polizeikräfte und die Justiz. Letztlich fehlt der politische Wille, die Konfliktsituation, die Ausgrenzung und Kriminalisierung der protestierenden Dorfgemeinschaften zu beenden.

Die Kindernothilfe arbeitet über ein ANIDE-Projekt seit Jahren mit der ATM zusammen, um die Rechte von Mapuchekindern zu schützen, deren Gemeinden sich im gewaltsamen Konflikt mit dem chilenischen Staat befinden. Es bleibt zu hoffen, dass die erneute internationale Aufmerksamkeit die chilenische Regierung dazu bewegt, die Übergriffe auf die Mapuche-Gemeinden endlich einzustellen.

Weitere Informationen (in spanischer Sprache) gibt es hier: http://bit.ly/1jL084T

 

 

Acht Kinder, zehn Morde

Die Mädchen und Jungen aus der Vormittags-Gruppe des "Kinder-stärker-machen"-Workshops unseres Partners CEDECA in Natal

Die Mädchen und Jungen aus der Vormittags-Gruppe des “Kinder-stärker-machen”-Workshops unseres Partners CEDECA in Natal

Text: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender
Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Recife, 20.10.2015

Ricardo war 10, als er entführt wurde. Eigentlich heißt der Junge anders, weil aber hier von seinen schrecklichen Erlebnissen die Rede sein soll, nenne ich ihn Ricardo. Er war bei seiner Großmutter, als Männer mit einem Lkw kamen und ihn in den Wagen zerrten. Die Großmutter, nennen wir sie Socorro, denkt, die Eltern von Ricardo waren in krumme Geschäfte verwickelt, die schiefgegangen sind. Der Junge wurde als Faustpfand gegen seine Eltern entführt. Aber Socorro ist eine energische Frau. Für eine Großmutter ist sie auch nicht alt. Ihr erstes Kind bekam sie mit 15, mit 34 hatte sie ihren ersten Enkel. Socorro sprang also auf, fing an, fürchterlich zu schreien, und lief hinter dem Laster her. Gebt mir den Jungen wieder! Anhalten, sofort! Das alarmierte auch die Nachbarn, und zusammen gelang es ihnen, den Lkw zu stoppen und Ricardo wieder herauszuziehen.

Die Entführung gab den endgültigen Anstoß. Socorro holte Ricardo und seine beiden jüngeren Geschwister aus der Wohnung ihrer Tochter und behielt sie bei sich. Nie wieder sollten die Enkel unter den schmutzigen Geschäften ihre Eltern leiden. Es gab auch noch andere Gründe. Im Haus ihrer Tochter herrschte die Gewalt. Als Ricardos Mutter mit ihm schwanger war, schlug ihr Mann sie bewusstlos. Doch auch die Mutter war gewalttätig. Fünf Jahre lang, seit seinem fünften Lebensjahr, musste Ricardo die Schläge seiner Mutter ertragen. Und den Geschwistern erging es nicht besser.

 In Natal grenzen die Armenviertel - wie in vielen anderen brasilianischen Großstädten - unmittelbar an die Zonen der Reichen


In Natal grenzen die Armenviertel – wie in vielen anderen brasilianischen Großstädten – unmittelbar an die Zonen der Reichen

„Wer hat schon einmal einen Mord mitbekommen?“

Das war vor acht Monaten. Socorro erzählt, wie sie die Kinder wieder eingeschult hat. Die Mutter hatte die drei nie zur Schule geschickt. Deswegen hatte sie die Bolsa Familia, eine an Bedingungen geknüpfte Sozialhilfe, verloren. Jetzt besuchen die Kinder die städtische Grundschule Profesor Berilo Wanderley in einer armen Gegend im Osten der Stadt Natal in Brasilien. Hier sitzen wir auch mit Socorro, zwei Lehrerinnen, der Schulrätin und Mitarbeiterinnen der Kindernothilfe-Partnerorganisation CEDECA in der Schulbibliothek. Der Raum ist dunkel und höhlenartig gemütlich. In der Mitte liegt Ricardo mit sieben anderen Kindern auf bunten Decken. Alle tragen kurze blaue Hosen und Schul-T-Shirts. Die Kinder, Jungen und Mädchen zwischen sieben und zwölf Jahren, treffen sich jede Woche für zwei Stunden. Eine zweite Gruppe von sieben Kindern kommt am Nachmittag zusammen. Alle haben schlimme Erfahrungen hinter sich. Heute haben die Betreuerinnen gefragt, wer schon einmal einen Mord mitbekommen hat. Die acht Jungen und Mädchen haben zehn Morde zusammengebracht, die sie erlebt oder aus der Nähe mitbekommen haben. Später erzählt uns die Schulleiterin, dass allein im vergangenen Jahr acht ehemalige Schüler ermordet worden sind.

 Die Mädchen und Jungen aus der Vormittags-Gruppe des "Kinder-stärker-machen"-Workshops unseres Partners CEDECA in Natal


Die Mädchen und Jungen aus der Vormittags-Gruppe des “Kinder-stärker-machen”-Workshops unseres Partners CEDECA in Natal

Modellprojekt mit der Kindernothilfe

Ähnliche Gruppen treffen sich an vier weiteren Schulen in Natal. Mit Unterstützung der Kindernothilfe führt CEDECA hier ein Modellprojekt durch. Die Schulen wurden zusammen mit dem städtischen Schulamt ausgewählt. Zur Vorbereitung schulte die Organisation an fünf Wochenenden Lehrerinnen und Lehrer im Umgang mit traumatisierten und gefährdeten Kindern. Dann wurden besonders betroffene Schülerinnen und Schüler identifiziert und die Eltern und Betreuer zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Die Gruppentreffen werden von den Lehrkräften gemeinsam mit Psychologinnen von CEDECA durchgeführt.

Heute malen die Kinder auf, was ihnen an der Schule gut und schlecht gefällt, und was sie an ihrem Wohnviertel gut und schlecht finden. Nacheinander erzählen sie uns davon. Gut ist, dass sie in der Schule mit Freunden zusammen sein können. Gut ist, dass die Lehrerinnen freundlich sind und der Unterricht oft Spaß macht. Schlecht ist, dass sie zu Hause oft allein sind, auch nachts, wenn es gefährlich ist. Schön ist das Fahrradfahren, aber auch gefährlich, weil betrunkene Autofahrer nicht auf Kinder achten. Schlimm ist es, mit ansehen zu müssen, wie die Geschwister verprügelt werden. Furchtbar ist es, gehänselt und gejagt zu werden, weil man dicker ist als die anderen. Besonders schlimm ist es, dass die Mutter nicht zur Hilfe kommt. Am besten von allem ist diese Gruppe, weil man da – und nur da – über alles sprechen kann.

 Ein achtjähriger Junge beschreibt mit Hilfe seiner Lehrerin, was ihm zu Hause, in seinem Viertel Angst macht.


Ein achtjähriger Junge beschreibt mit Hilfe seiner Lehrerin, was ihm zu Hause, in seinem Viertel Angst macht.

Damit aus Opfern keine Täter werden

Das ist das Konzept von CEDECA: In den Gruppen sollen die Kinder lernen, über ihre Erlebnisse zu sprechen. So können sie anfangen, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszusprechen. Der sichere geschützte Raum der Gruppe erlaubt es, das Erlebte zu verstehen und einzuordnen und mit den Gefühlen von Angst und Ohnmacht umzugehen. So kann Selbstbewusstsein entstehen; so kann vielleicht der Kreis der Gewalt überwunden werden, in dem Kinder, die Opfer waren, zu Erwachsenen werden, die Täter sind.

In der Millionenstadt Natal gibt es über 700 Grundschulen mit vielen Tausend verstörten, geschlagenen und vergewaltigten Kindern. Fünf Schulen sind nur der Anfang. CEDECA hat der Stadt dieses von der Kindernothilfe finanzierte Modellprojekt angeboten. Inzwischen gibt es darüber einen Vertrag mit der Stadt. Die Stadt übernimmt das Modell, finanziert es und überträgt es auf viele weitere Schulen. Nächstes Jahr soll das beginnen. Unsere Partnerorganisation wird die Lehrerfortbildung übernehmen und das Vorhaben mit ihrer Expertise begleiten.

Ricardo nimmt jetzt seit zwei Monaten an der Gruppe teil. Wir fragen die Großmutter, ob sie schon Veränderungen sieht. Ja, der Junge redet mehr, er ist lebhafter geworden. Ricardo stellt viele Fragen. Er hat Selbstbewusstsein gewonnen.

Brasilien: Mädchenförderung allein ist nicht genug

Foto: Jürgen Schübelin

Fußballspielen ist eine gute Möglichkeit, dass Mädchen und Jungen spielerisch einen guten Umgang miteinander lernen.

Text: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe
Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
Belo Horizonte, 13.10.2015

Heute trägt der Torwart nur einen Fußballschuh. Genau genommen ist das nicht nur heute so. Er besitzt nur einen Fußballschuh. Der andere Fuß ist nackt. Der kleine Torwart ist 10 Jahre alt. Zwei Mannschaften mit je fünf Spielern stehen sich gegenüber auf dem kleinen Fußballplatz, der aus dem steilen Berg am Fuß der Erlöser-Statue in Rio de Janeiro gegraben wurde. Alle zehn Spieler sind Jungen. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise spielen hier gemischte Teams aus Jungen und Mädchen. Die Mischung ist Konzept. Beim Spiel sollen Jungen und Mädchen sich kennenlernen, Respekt füreinander entwickeln. Das ist bitter nötig hier, in einer der zahllosen Favelas, der Elendssiedlungen von Rio de Janeiro. Für die Kindernothilfe-Partnerorganisation Promundo endet mit dem Fußballspiel ein Tag Arbeit. Heute waren nur die Jungen da. Es gab einen Workshop über Sexualität und Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Diesen Workshop machen Jungen und Mädchen je für sich. Alles andere, die Nachhilfe in Mathematik, Portugiesisch und Englisch, das Fußballspiel, die übrigen Workshops, machen sie zusammen. Und das ist Prinzip. Nach jeder Nachhilfestunde, nach jedem Workshop wird gekickt, zusammen.

Das ist attraktiv. Die Kinder drängen sich in die Gruppen, sie wollen mitmachen. Inzwischen ist das Lernprogramm genauso begehrt wie der Fußball, manchmal gibt es in den Workshops sogar mehr Teilnehmer als beim anschließenden Spiel. Auf einem besteht Promundo in jedem Fall: Wer bei den Gruppen mitmachen will, muss zur Schule gehen.

Tamiris, die Gender-Expertin von PROMUNDO, bei der Arbeit mit den Jungs aus der Favela Guararapes

Tamiris, die Gender-Expertin von PROMUNDO, bei der Arbeit mit den Jungs aus der Favela Guararapes

Kinder wachsen in einer Atmosphäre der Gewalt auf

Tamiris, eine Historikerin, die bei Promundo als Sozialarbeiterin beschäftigt ist, erklärt uns, dass die Kinder in den Favelas in einer Atmosphäre von Gewalt aufwachsen. Die Drogenbanden haben viele der Elendssiedlungen unter sich aufgeteilt. Die Banden, das sind große Kinder und junge Männer. Sie rekrutieren ihren Nachwuchs aus den Familien, in denen gehungert wird. Wir geben euch zu essen, ihr gebt uns eure Kinder.

Polizei und Spezialeinheiten versuchen die Banden aus den Favelas zu verdrängen. Dabei verdächtigen sie alle Einwohner, am meisten aber die Dunkelhäutigen, als Bandenmitglieder. Am Morgen hatten wir zwei Gruppen von Kindern und Jugendlichen von Promundo gefragt, wovor sie am meisten Angst haben. Die Antwort: vor der Polizei. Nicht vor den Drogenbanden? Nein, die töten nicht so wahllos wie die Polizei.

Aus der Gewalt in der Favela wächst Macht. Konflikte werden mit Gewalt gelöst. Der Stärkere hat Recht. Das lernen die Kinder früh, denn es gilt auch in der Familie. Schläge, Drohungen, Herabsetzungen sind die akzeptierten Erziehungsmittel. Jungen lernen schnell, dass sie laut und aggressiv sein müssen, um eine Chance im Leben zu haben. Und dass sie schneller und härter als die anderen zuschlagen müssen.

Die Welt in Brasilien ist eine Männerwelt

Die Mädchen lernen derweil, dass die Welt eine Welt der Männer ist. Den Männern ordnen sie sich besser unter, finden einen starken Beschützer, sorgen für ihn, geben keine Widerworte und sind wahrscheinlich selber Schuld, wenn sie geschlagen werden. In wenigen Jahren werden sie Mütter sein und ihren Söhnen beibringen, hart und unnachgiebig zu sein. Ihre Töchter werden sie zu Gehorsam und Unterordnung erziehen. Und wenn die Kinder nicht parieren, werden sie mit den Schlägen des Vaters oder ihres aktuellen Beschützers drohen oder selber zuschlagen.

Das ist keine Atmosphäre, in der gleichberechtigte Liebesbeziehungen wachsen. Die Jungen lernen, dass sie sich Mädchen nehmen können. Tamiris sagt, für die allermeisten Jugendlichen aus den Favelas ist die erste sexuelle Erfahrung eine Vergewaltigung.

Tamiris sagt, Promundo hat irgendwann begriffen, dass sie nicht nur mit Mädchen und Müttern arbeiten können, wenn sie gegen die Gewalt etwas ausrichten wollen. Sicher ist es weiter unglaublich wichtig, Mädchen zu stärken, ihr Selbstbewusstsein zu fördern, sie begreifen zu lassen, dass es nicht ihre Bestimmung ist, Opfer zu sein. Ebenso wichtig ist es aber, mit den Jungen zu arbeiten. Denn auch die Jungen können nur gewinnen. Am Ende werden nur die wenigsten von ihnen die starken Bosse sein. Die anderen werden Opfer sein, die Täter wurden und doch Opfer blieben. Wenn sie nicht lernen, mit anderen Menschen, mit Mädchen und Frauen respektvoll umzugehen, werden ihnen Freundschaft und Liebe entgehen.

Fußballspielen als Chance, respektvoll miteinander umzugehen 

Daumen hoch! PROMUNDOS Arbeit trägt Früchte: In manchen Familien gibt es bereits weniger Gewalt.

Aber wie fängt man damit an? Marcio, der Projektleiter von Promundo, sagt, es geht um die Konstruktion von geschlechtlicher Identität. Wo und wie lernt ein Kind, was einen Mann, was ein Frau ausmacht? Bis vor wenigen Jahren hat Promundo sich auf junge Menschen in der Pubertät konzentriert. In der Diskussion mit der Kindernothilfe hätten sie verstanden, dass sie früher anfangen müssen, mit Kindern im Alter von sieben oder acht Jahren. Dazu müssen sie die Eltern einbeziehen und die Gemeinschaften, in denen die Kinder leben. Die Kinder müssen früh lernen mit dem anderen Geschlecht umzugehen, Freundschaften zu schließen. Der Fußball eignet sich dazu gut, aber auch Jiujitsu und andere Sportarten. Deshalb sind die Fußballteams vom Promundo immer gemischt, wenn es nicht gerade diesen Workshop über Sexualität gibt.

Wir haben die Chance mit mehreren Kindergruppen von Promundo zu sprechen. Wir fragen nach dem Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Die meisten sagen, keiner. Beide haben die gleichen Rechte. Die Arbeit von Promundo hat hier schon Wurzeln geschlagen. Dann sagt ein elfjähriges Mädchen doch, wir Mädchen müssen vorsichtiger sein. Das wird wohl noch lange so bleiben.Und doch gibt es Fortschritte. Tamiris berichtet aus eine Frauengruppe, Mütter von Kindern, die seit über einem Jahr in der Arbeit von Promundo mitmachen. Zu Hause sei es ruhiger und friedlicher geworden. Es gebe weniger Gewalt. Sie redeten jetzt mehr miteinander.

Im Kosovo bleiben wollen

Angelika Bachmann (Salut Salon) und Bernd Baumgarten von der Diakonie Kosovo in der Schneiderwerkstatt des Ausbildungszentrums ©Schiller

Angelika Bachmann (Salut Salon) und Bernd Baumgarten von der Diakonie Kosovo in der Schreinerwerkstatt des Ausbildungszentrums ©Schiller

Von Stephanie Schiller

Nur 1.400 Kilometer entfernt von Düsseldorf befindet sich das ärmste Land Europas – der Kosovo. Gerade einmal 1 Euro verdient hier täglich, wer Arbeit hat. Aber längst nicht jeder hat Arbeit. 50 % der Menschen sind ohne Job. Unter den Jugendlichen im Kosovo ist die Zahl mit 56 % noch höher. Der Grund dafür liegt in der mangelnden Ausbildung. Deshalb sind Projekte wichtig wie das in Mitrovica – am Bahnübergang, mitten im Ort. Neben Traumazentrum, Kindergarten, Behindertenwerkstatt und Jugendzentrum hat hier auch das Diakonie Training Center (DTC) seinen Sitz, das von der Kindernothilfe unterstützt wird. Dort lernen jedes Jahr rund 300 Jugendliche die Grundlagen eines Handwerks – und damit auch wichtige Grundlagen für eine Zukunft in ihrem Heimatland.

Elektrik, Trockenbau, Wasser- und Heizungsinstallation, Zimmerei, Fliesenlegen Computerkurse und Englischunterricht… „Hier im Trainings Center bieten wir nur Gewerke an, die die Jugendlichen auch gebrauchen können“, sagt Bernd Baumgarten, Leiter der Diakonie in Mitrovica. Er ist seit 2007 im Kosovo, nachdem er zuvor in Deutschland als Leiter der Diakonie in Trier gearbeitet hatte. Warum er auf dem Balkan hilft? „Es fängt im Kopf an“, sagt Bernd Baumgarten. „Und dann folgt das Herz.“

Ihrem Herzen ist an diesem heißen Sommertag im August 2015 auch die Hamburger Geigerin Angelika Bachmann gefolgt. Immer wieder besucht sie Projekte der Kindernothilfe überall auf der Welt – nicht nur die Escuela Popular de Artes, ein Musik- und Sozialprojekt in dem Armenviertel Achupallas, Viña del Mar, Chile, für die sie zusammen mit ihrem Quartett Salut Salon vor mehr als zehn Jahren die Patenschaft übernommen – und seitdem über eine halbe Million Euro zusammengetragen hat. Sie war bei verschiedenen Kindernothilfe-Partnerorganisationen in Ruanda zu Gast, in diesem Frühsommer auch in Brasilien in einem Favela-Projekt am Rande von Rio de Janeiro – und jetzt in Mitrovica, Kosovo. Ob vom Angebot im DTC auch junge Frauen profitieren, will sie wissen. Bernd Baumgarten schmunzelt: „Wir hatten in 15 Jahren nicht eine junge Frau in der Ausbildung. Deshalb haben wir vor Jahren mal eine Ausbildung zur Sekretärin angeboten. Aber auch dafür gab es keine Anmeldungen.“ Warum? „Wir mussten lernen, dass im Kosovo jede Frau per se als Sekretärin gilt. Sie braucht dafür keine Ausbildung, nur einen Onkel in der Regierung.“ Mittlerweile sind dies Anekdoten. Realität ist der Schneider-Kurs, der in das Trainings Center integriert wurde. Hier lernen junge Frauen, eigene Kleidung zu entwerfen und zu nähen. Die Effizienz des Angebots ist unglaublich hoch. „Im Schneider-Kurs ist zurzeit zum Beispiel auch ein Roma-Mädchen“, sagt Bernd Baumgarten. „Wenn sie heiratet, wird sie mit dem, was sie hier gelernt hat, ihre ganze Familie ernähren können.“ Nun kam auch eine Spende von der Kindernothilfe Luxemburg. Davon soll ein Ausbildungskurs für Friseurinnen eingerichtet werden.

Die Menschen in Mitrovica kämpfen wie im gesamten Kosovo ums Überleben. Dafür, jemanden nach Deutschland zu bringen, verlangen Schleuser 1.800 Euro. Gut 8.000 Euro kostet die organisierte Flucht in die USA. Vor Menschen, die bleiben, hat Bernd Baumgarten Respekt. Auch vor denen, die zurückkommen. Unlängst waren das wieder rund 11.000 Menschen, die zuvor nach Deutschland geflohen waren. Der Kosovo gilt als „sicheres Land“. Wer ohne Visum in Deutschland lebt, wird zurückgeschickt. „Dass die Menschen trotz schwerster Bedingungen versuchen, sich in ihrer Heimat eine Zukunft aufzubauen, finde ich sehr bewundernswert!“, sagt Angelika Bachmann, die sich in ihren eigenen Projekten vor allem um Kinder kümmert. „Die Arbeit mit Menschen ist so sinnvoll, weil sie Verbindungen schafft, die das Leben besser machen“, sagt sie – und freut sich, als Bernd Baumgarten sie in die Schreinerei des DTC führt. Da werden gerade Stühle in Kleinformat von den Teilnehmern der Ausbildungseinheit angefertigt, auf denen in Zukunft die Kinder des Kindergartens sitzen werden.

Das Ausbildungszentrum. Foto: Stephanie Schiller

Das Ausbildungszentrum. Foto: Stephanie Schiller

Manchmal kann Bernd Baumgarten verstehen, dass die Menschen in Deutschland, die für Projekte wie das Diakonie Ausbildungszentrum spenden, nach 15 Jahren müde sind. 95 % des Budgets der Diakonie Kosovo kommen aus Deutschland und Luxemburg – von der Regierung wie von verschiedenen Partnern, wie der Kindernothilfe, anderen Nichtregierungsorganisationen und vielen privaten Spendern. Er plädiert für Geduld – 16 Jahre nach Ende des Krieges. „Die Arbeit braucht Zeit“, sagt er. „Aber wenn Deutschland nicht mehr zahlt, ist diese Arbeit hier sofort vorbei.“

Neulich habe ein ein General der deutschen Kfor-Truppen, die nahe Mitrovica stationiert sind, gefragt, wie lange sie seiner Meinung nach noch im Land bleiben sollen. Und Bernd Baumgarten hat geantwortet: „Nochmal 20 Jahre!“ Warum? „Weil die Hoffnung dieses Landes die jungen Menschen sind.“ Und die müssten erst einmal in das Alter kommen, in dem sie zur Wahl gehen dürfen und über die Zukunft des Landes mitbestimmen. Die jungen Menschen sind seiner Meinung nach auch der Garant für die Versöhnung, die der Kosovo so nötig hat. Im Jugendzentrum, das mit Hilfe von Regierungsmitteln aus Deutschland direkt an der gesperrten Brücke zwischen dem albanischen Teil von Mitrovica und dem serbischen Teil der Stadt errichtet wurde, arbeitet die Diakonie daran: Hier treffen sich Jugendliche aller Stadtteile und Ethnien, tanzen, spielen, malen und diskutieren – irgendwie immer auch über die Zukunft eines Landes, in dem sie bleiben wollen.

Bolivien: Neues Gesetz zur Kinderarbeit – „Endlich tut die Regierung etwas!“

Pressegespräch mit zwei Kinderarbeitern aus Lateinamerika. Foto: Niklas Alof

Pressegespräch mit zwei Kinderarbeitern aus Lateinamerika. Foto: Niklas Alof

Kinder in Bolivien dürfen ab zehn Jahren arbeiten – zwar nur unter gewissen Umständen, aber dann mit gesetzlicher Erlaubnis. Das entschied das dortige Parlament im vergangenen Jahr. Kinderrechtsexperten und die internationale Arbeitsorganisation (ILO) laufen Sturm gegen das Kinder- und Jugendgesetz, andere, vor allem die Kinder selbst, begrüßen die Entwicklung. Im Gespräch mit Jürgen Schübelin, Leiter des Kindernothilfe-Referats für Lateinamerika, erläutern zwei Jugendliche aus der Lateinamerikanischen Bewegung Arbeitender Kinder (MOLACNATs) ihre Position. Sie besuchten mit Unterstützung der Kindernothilfe unter anderem das Europäische Parlament und die EU-Kommission in Brüssel, um ihre Sicht auf das Gesetz zu erläutern.

Warum ist es aus eurer Sicht notwendig, dass Kinder arbeiten dürfen? Wäre es nicht wichtiger, für das Recht aller Kinder, zur Schule gehen zu können, zu kämpfen?

Lourdes Sánchez: In vielen Fällen können Kinder in Lateinamerika eben nur deshalb zur Schule gehen, weil sie nebenbei, tagsüber oder abends, an den Wochenenden und in den Ferien, arbeiten. Nur so bekommen die Familien das Schulgeld, die Mittel für die Schuluniformen und die Unterrichtsmaterialien zusammen. Kinderarbeit, die Mädchen und Jungen daran hindert, am Unterricht teilzunehmen, lehnen wir ganz entschieden ab.

Juan Pablino Insfran: Es ist ganz wichtig, dass sich Schulen und Lehrer besser auf die Bedürfnisse von arbeitenden Kindern einstellen. Wir brauchen Unterrichtszeiten, die es ermöglichen, Schule und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Und es ist wichtig, dass in der Schule die Lebensleistung und die Erfahrung von Kindern und Jugendlichen, die arbeiten müssen, wertgeschätzt werden. Da fehlt in Lateinamerika noch ganz viel.

Was ändert sich konkret durch das Gesetz, und welche Auswirkungen hat es auf arbeitende Kinder?

Lourdes: Zum allerersten Mal überhaupt übernimmt der Staat Verantwortung gegenüber Kindern, die arbeiten müssen: nicht einfach, indem er Kinderarbeit verbietet, sondern indem er klare Bedingungen setzt, Institutionen beauftragt, sich um die Belange der arbeitenden Kinder zu kümmern. Er sagt auch klipp und klar, was überhaupt nicht geht, nämlich Kinder auszubeuten oder für Arbeiten einzusetzen, die ihre Gesundheit, ihre Würde und ihr Recht auf Bildung verletzen. Ich finde zum Beispiel ganz wichtig, dass das Gesetz bestimmt, dass nach 22 Uhr kein Kind oder Jugendlicher mehr arbeiten darf. Dass für Mädchen und Jungen ab 14 Jahren der gesetzliche Mindestlohn bezahlt werden muss, ist ebenfalls neu und ein Fortschritt.

Halten sich die Arbeitgeber an dieses Gesetz?

Lourdes: Das müssen wir erst noch sehen. Das Gesetz wurde zwar im Juli letzten Jahres verabschiedet, aber erst seit Kurzem gibt es jetzt auch die Ausführungsbestimmungen. Wir werden vermutlich erst in einigen Jahren sagen können, ob unsere Erwartungen wirklich erfüllt wurden. Es kommt jetzt darauf an, dass die Kinder- und Jugendämter bei den Kommunalverwaltungen, die ja bei der Umsetzung des Gesetzes und als Ansprechstellen für arbeitende Kinder eine ganz wichtige Rolle spielen, ganz schnell mit ausreichend Geld ausgestattet werden, um funktionieren zu können, und dass die Mitarbeiter dort für diese Aufgabe wirklich ausgebildet werden. Wir alle wissen, dass wir weiter für unsere Rechte kämpfen müssen und dass uns nichts geschenkt wird.

Juan Pablino: Uns gefällt, dass in Bolivien der Staat nicht länger die Augen vor der Realität der arbeitenden Kinder und Jugendlichen verschließt, sondern mit diesem Gesetz auch zugibt, dass es wegen der Armut und den extrem ungleichen Chancen auf unserem Kontinent noch viele Jahre dauern wird, bis Kinder nicht mehr zum Familienunterhalt beitragen müssen. Aber das Gesetz erkennt endlich auch die Leistung und den Beitrag der arbeitenden Kinder und Jugendlichen an und bringt ihnen Wertschätzung entgegen. Das haben wir so zuvor noch nirgendwo erlebt.

Es kommt nicht so oft vor, dass Regierungsmitglieder, sogar der bolivianische Präsident, direkt mit Kindern und Jugendlichen über den Inhalt eines Gesetzes verhandeln. Hattet ihr das Gefühl, ernst genommen zu werden?

Lourdes: Ehe es überhaupt zu Gesprächen kam, haben wir uns monatelang vergeblich zu Wort gemeldet, sind immer wieder umsonst nach Cochabamba und La Paz gefahren, ohne angehört zu werden. Schließlich sind wir auf die Straße gegangen, haben Demos organisiert. Dabei ist die Polizei auf uns losgegangen. Das war richtig heftig. Erst zum Schluss konnten wir dann doch noch unsere Argumente vortragen – und erlebten, dass unsere Forderungen aufgegriffen wurden. Wir wollten von Anfang an, dass uns der Staat vor Ausbeutung und gefährlicher Arbeit schützt, aber auch den Rahmen setzt, um durch unsere Arbeit unsere Familien unterstützen zu können.

Experten kritisieren, dass durch das Gesetz die ILO-Konvention 182 über die „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ aufgeweicht und ein missverständliches politisches Signal gesetzt wird.

Juan Pablino: In meiner Heimat Paraguay müssen arbeitende Kinder oft Schmiergelder an Polizisten bezahlen, um beispielsweise als Schuhputzer oder Lastenträger auf dem Markt in Ruhe gelassen zu werden. Das war früher auch in Bolivien so – und wir kennen das auch aus anderen lateinamerikanischen Ländern, in denen Kinderarbeit offiziell verboten ist. Ist das etwa ok? Wir erwarten von der ILO, dass sie uns erst einmal zuhört. Danach soll sie mit all ihrer Erfahrung und ihrem Fachwissen mithelfen, die im Gesetz festgelegten Schutzregeln für Kinder umzusetzen, zu verbessern und nachzuhalten. Und wir brauchen auch in anderen lateinamerikanischen Ländern ein Umdenken bei den politisch Verantwortlichen: Wir wollen Schutz vor Ausbeutung, Unterstützung beim Einfordern unseres Rechts auf Bildung – und Anerkennung für das, was wir leisten.

Lourdes Cruz Sánche7. Foto: Christian Herrmanny

Foto: Christian Herrmanny

Lourdes Cruz Sánchez aus Potosí, 17: Sie fing mit 10 an zu arbeiten: als Küchenhilfe, Zeitungsverkäuferin, Grabsteine-Putzerin auf dem Friedhof. Heute studiert sie Sozialarbeit und verdient Geld als Näherin. Sie ist Sprecherin der bolivianischen Bewegung arbeitender Kinder (UNATsBO) und war an den Gesetzes-Verhandlungen mit Präsident Evo Morales beteiligt.

 

Juban Pablino Insfran Aldana, Kinderarbeiter aus Paraguay. Foto: Jürgen Schübelin

Foto: Jürgen Schübelin

Juan Pablino Insfran Aldana aus Asunción, 17: Er arbeitet als Schuhputzer auf dem zentralen Busbahnhof von Asunción, Paraguay und ist Sprecher der Lateinamerikanischen Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen (MOLACNATs). In diesem Jahr wird er seinen Sekundarschul-Abschluss machen und möchte Kommunikationstechnik studieren.

 

Wie die Kindernothilfe das Gesetz bewertet: Die Kindernothilfe vertritt eine differenzierte Haltung zu dem Gesetz und wird deren Umsetzung kritisch zu begleiten. „Wir sehen in dem Gesetz eine Grundlage für eine tatsächliche Verbesserung der Lage der Kinder“, sagt die Kindernothilfe-Kinderrechtsexpertin Antje Ruhmann. „Denn dieses Gesetz gibt Umsetzungsschritte vor und benennt Verantwortliche auf lokaler Ebene – also dort, wo die Probleme tatsächlich gelöst werden können.“ Entscheidend sei, dass die bolivianische Regierung genügend Mittel für die Umsetzung bereitstelle.

Nepal: Hilfe für Erdbebenopfer

Schon vor dem Erdbeben führten viele Berggemeinden Nepals ein abgeschiedenes Leben. Oft sind die Orte nur über Fußmärsche erreichbar. Das erschwert nun die Hilfsmaßnahmen, wie der folgende Film zeigt. Kindernothilfe-Vorstand Christoph Dehn berichtet von seinem Besuch in einem traumatisierten Land.

 

“Dieses Stück Land ist für unsere Kinder reserviert”

In Nepal leisten wir vor allem in abgelegenen Bergregionen Not- und Wiederaufbauhilfe – eine Aufgabe mit großen Herausforderungen. Unser Mitarbeiter Bastian Strauch gibt einen Einblick in das Leben der Menschen dort und in die schwierige Arbeit in luftigen Höhen.

Hochgradig beeindruckend ist die Siedlungskunst der Nepalesen – im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst auf höchsten Gipfeln und schmalsten Bergkämmen thronen noch Dörfer oder sogar Kleinstädte. Etwa Kaping, eine 507-Seelen-Gemeinde in der Region Sindhupalchok, in dem das Erdbeben mit am schlimmsten zuschlug und wir mit unserer Partnerorganisation Amurt Not- und Wiederaufbauhilfe leisten.

Nepal: Am großen Baum auf dem ersten Bergrücken befindet sich die Notschule.

Am großen Baum auf dem ersten Bergrücken befindet sich die Notschule.

Von außen betrachtet scheint es malerisch, die Innensicht der Menschen hier ist aber vor allem auch von Entbehrungen geprägt: Viele leben fast ausschließlich von dem, was ihre kleinen Terrassen-Äcker hergeben, manche messen nicht mehr als einen Meter in der Breite. Reis oder „Zivilisationsgüter“ wie etwa Zahnpasta besorgen sie sich über vierstündige Fußmärsche aus den größeren Siedlungen in den Tälern, während der dreimonatigen Monsun-Zeit ist aber auch der Weg dorthin kaum passierbar.

Das abgeschiedene Leben droht zum Verhängnis zu werden

Es ist ein sehr abgeschiedenes Leben hier oben – und genau diese Abgeschiedenheit droht vielen Menschen vor allem jetzt, zwei Monate nach dem Beben und kurz vor dem Monsun, zum Verhängnis zu werden. Unzählige kleine und größere Berg-Gemeinden gibt es in Nepal, und jede einzelne ist unfassbar schwer für Hilfsgüter und Wiederaufbau-Maßnahmen zu erreichen. 80 bis 90 Prozent der Häuser sind oftmals zerstört, ebenso Vorräte und Vorratslager. Es wird für viele ums Überleben gehen, wenn der Monsun kommt. Der Wiederaufbau wird dann pausieren müssen, die Vorräte sind knapper denn je, die kargen Geld-Rücklagen, die manche von im Ausland arbeitenden Verwandten haben, werden schnell aufgebraucht sein.

Nepal: 80 bis 90 Prozent der Häuser in Kaping sind unbewohnbar.

80 bis 90 Prozent der Häuser in Kaping sind unbewohnbar.

Umso erstaunlicher klingt eine Geschichte, die man aus vielen Berggemeinden immer wieder hört: Eines der ersten Dinge, die die Menschen hier nach dem Beben mit gemeinsamen Anstrengungen aufbauen wollen, sind: ihre Schulen – die man bekanntlich nicht essen kann.

Sie wollten so schnell wie möglich eine Notschule errichten

In Kalika etwa, einen Bergrücken von Kaping entfernt, haben die Menschen alle verfügbaren Mittel zusammengesammelt, um so schnell wie möglich eine Notschule zu errichten: Und drei Wochen später steht hier schon eine beachtlich große Konstruktion aus Holz, Wellblech und Planen – 200 Schüler sollen in den Pavillons Platz finden.

Nepal: In Kalika haben die Menschen aus eigener Kraft begonnen eine Notschule zu bauen.

In Kalika haben die Menschen aus eigener Kraft begonnen eine Notschule zu bauen.

„Ohne Unterricht werden es die Kinder und ihre Familien künftig sehr, sehr schwer haben“, sagt eine besorgte Mutter. „Sie brauchen das Wissen und die Fähigkeiten, um entweder das harte Leben hier zu meistern oder in Kathmandu ein neues aufzubauen – wenn nicht sogar im Ausland.“ Deshalb setzen die Bewohner alles daran, dass der Unterricht so schnell wie möglich wieder in Gang kommt.

Unser Partner kommt zur Hilfe

Fertigstellen konnten die Bewohner die Pavillons aus eigener Kraft aber nicht, denn ihnen gingen die Mittel aus. Deshalb sind wir auch hier – vermittelt über die nepalesischen Behörden – mit unserem Partner Amurt tätig: Gemeinsam mit der Gemeinde werden wir die Übergangsschule fertigstellen und monsunsicher machen.

Nepal: In Kaping hat der Notschulbetrieb bereits begonnen.

In Kaping hat der Notschulbetrieb bereits begonnen.

In Kaping sind wir derweil mit den Bewohnern einen Schritt weiter: Hier läuft der Notschulbetrieb schon, und wie überall legen wir dabei sehr viel Wert auf die psychosoziale Betreuung der Kinder. Zudem versorgen wir die Kinder täglich mit einer warmen Mahlzeit.

Wenn der Monsun kommt, drohen Bergrutsche

Dass wir in Kaping so schnell beginnen konnten, ist aber auch zu Teilen dem Zufall zu verdanken: Direkt unter dem ältesten Baum der Gemeinde, auf einem Bergvorsprung, gab es bereits eine Seltenheit, die man in den Berggemeinden so gut wie nie findet: Ein freies, ebenerdiges Stück Land, groß genug für eine Notschule. Und da auch in Kaping die Menschen so schnell wie möglich wieder Unterricht für ihre Kinder ermöglichen wollten, war schnell beschlossen: „Dieses Stück Land ist für die Kinder und ihre Bildung reserviert.“

Nepal: Frau mit Kind in Kaping. Im Hintergrund der Bergrutsch auf der anderen Talseite.

Frau mit Kind in Kaping. Im Hintergrund der Bergrutsch auf der anderen Talseite.

Eine Woche später hatten wir gemeinsam mit den Bewohnern einen monsunfesten Pavillon errichtet, in dem nun täglich die Kinder zusammenkommen, um den Weg zurück ins normale Leben und in eine gute Zukunft zu finden.

Wir hoffen sehr, dass all die Berggemeinden den Monsun gut überstehen werden. Die Menschen in Kaping und Kalika blicken mit besonders großer Sorge auf diese Zeit. Vor einem halben Jahr ist vor ihren Augen auf der anderen Talseite ein riesiger Bergrutsch abgegangen und hat ein komplettes Dorf mit sich gerissen.

Wir werden alles daran setzen, den Familien über die entbehrungs- und sorgenreiche Monsunzeit hinwegzuhelfen.