Indien: Raghu hat das Zeug zum Motorradmechaniker

Text und Foto: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe

Chennai, 28.01.2017

Dürr ist Raghu (Name geändert) und verschwitzt. Er muss sich anstrengen, er will alles richtig machen. Raghu ist in der Probezeit. Vier Wochen hat er, um den Chef zu überzeugen, dass er das Zeug zum Motorradmechaniker hat. Jetzt hockt er auf der Straße vor einem Motor, den er auseinandergenommen hat, und säubert die Teile mit Öl und einem Pinsel. Werkstatt, das bedeutet in Chennai, der Megametropole in Südindien, etwas anderes als in Duisburg oder Berlin. Hier ist es ein abschließbarer Lagerraum für Ersatzteile und Werkzeug an der Straße. Gearbeitet, auseinandergeschraubt, repariert und wieder zusammengesetzt wird auf dem staubigen Bürgersteig und der Straße davor. Es ist erst Januar, und doch ist es schon heiß. Ein stechender Geruch nach Öl und Urin liegt schwer über der Werkstatt und den angrenzenden Betrieben.

So unscheinbar die Werkstatt aussieht, der Besitzer hat es geschafft. Er hat ein kleines Haus, und seine beiden Töchter haben studiert. Nein, in der nächsten Generation müssen sie nicht mehr mit ihren Händen arbeiten. Aber er bildet aus, um jungen Leuten aus den Slums eine Chance zu geben. Der Werkstattbesitzer gehört zum Netzwerk der Kindernothilfe-Partnerorganisation Codiac. Codiac, gegründet und weiter inspiriert von dem inzwischen 85-jährigen Architekten, Bauherren und Kindernothilfe-Unterstützer J.S. Rajasingh, vermittelt Kinder aus armen Familien in Ausbildungsplätze. Die Organisation knüpft Verbindungen zu kleinen Firmen, wählt die Jugendlichen aus, gibt einen Zuschuss zum Ausbildungsgeld und später vielleicht einen Kredit für den Start in die Selbständigkeit. 40 Firmen machen mit, fast 100 Jugendliche befinden sich zurzeit in der Ausbildung. 4.200 waren es insgesamt in den letzten Jahren. Die meisten Ausbildungen sind informell, fast alle Absolventen werden später in ihren Ausbildungsfirmen angestellt oder finden eine andere gut bezahlte Beschäftigung. Raghu hat Glück, er hat sogar in einem staatlich anerkannten Lehrbetrieb angefangen.

Aber vor dem anerkannten Ausbildungszertifikat muss er erst einmal beweisen, dass er zuverlässig und pünktlich und den Anforderungen der Ausbildung gewachsen ist. „Das wird schon“, sagt er und lächelt. Die Maschinen mag er, Mechaniker werden wollte er schon lange. Mit dem ersten Motor hat es auch schon wirklich gut geklappt, er hat ein Gefühl dafür. Nach der Probezeit kommen zwei Jahre Ausbildung. Und dann, so plant er, die eigene Werkstatt und eine Frau und Kinder und ein kleines Haus. Das wäre dann schon eine ganze Menge für einen aus den Elendsvierteln von Chennai. Und Raghu will es schaffen.

„Die Kindernothilfe ist mir ein Herzensanliegen“

Von Gunhild Aiyub, Kindernothilfe-Redakteurin

Lüder Lüers gehört zu den letzten Zeitzeugen der Kindernothilfe-Gründung. Er hat mit unterschrieben, als der Verein ins Leben gerufen wurde. Damals ahnte er noch nicht, dass dies sein ganzes Leben umkrempeln würde. Aus der ehrenamtlichen Vorstandsarbeit wurde schließlich ein mehrjähriger 24-Stunden-Job in Indien. Lüder Lüers hat die frühen Jahre der Kindernothilfe entscheidend mit geprägt. Mit 90 Jahren blickt er zurück.

Auf dem Tisch stapeln sich Fotoalben mit Erinnerungen – manche noch schwarzweiß, teils etwas unscharf, andere in verblichenen Farbtönen. Exotische handgeschnitzte Figuren auf Regalen und in Schränken, Gemälde von fremdländischen Menschen und Landschaften an den Wänden erzählen von einer tiefen Verbundenheit ihres Besitzers vor allem mit der indischen Kultur. Lüder Lüers, Gründungsmitglied der Kindernothilfe und langjähriges Vorstandsmitglied, sitzt in seinem gemütlichen Wohnzimmer und erzählt von früher. Wie alles begann, mit der Kindernothilfe und der Arbeit in Indien. „Als 1959 von Duisburg aus die ersten fünf Patenschaften für Kinder in Indien vermittelt wurden, hatte ich mein eigenes Büro für Gartenbau und Landschaftsplanung und keine Ahnung, dass ich einmal etwas mit diesen Kindern zu tun haben würde.“

Patenschaftsvermittlung am Küchentisch

Die Patenschaften vermittelte damals ein anderer Duisburger, Karl Bornmann. Aufgrund seiner Hunger-Erfahrungen im 2. Weltkrieg wollte er Kindern in Indien helfen. „Aktion Hungernde“ nannte er seine ehrenamtliche Initiative. Die Zahl der Patenschaften wuchs, immer mehr Menschen in Duisburg wollten helfen. Die Arbeit in der Bornmannschen Wohnung uferte aus: Briefe, Berichte und Werbeblätter mussten verfasst und Geld verwaltet werden. Seine Kinder schwirrten per Fahrrad durch die Stadt, um die Post zu verteilen. Es war abzusehen, dass sich dringend etwas ändern musste.

„Im Juni 1960 war ich zum Abendessen bei einem Freund eingeladen“, erinnert sich Lüder Lüers. „Während er die Kinder zu Bett brachte und seine Frau in der Küche Bratkartoffeln machte, saß ich im Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag ein Prospekt von der Aktion Hungernde, in der für Patenschaften geworben wurde. Auf dem Titelblatt standen die Worte aus dem Matthäus-Evangelium, die auch die Kindernothilfe später als Leitworte gewählt hat: ‚Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan‘. Das hat mich direkt angesprochen; meine Familie war im Krieg aus dem Osten geflüchtet und hatte alles Hab und Gut verloren. Ich besuchte Karl Bornmann, und am Ende war ich nicht nur Pate, sondern auch noch Übersetzer. Nach und nach wurde ich immer mehr in die Arbeit eingebunden.“

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Die Gründung der Kindernothilfe

Die Arbeit der Aktion Hungernde weitete sich über Duisburg hinaus aus. Am 7. Januar 1961 verankerten Karl Bornmann, Lüder Lüers und vier weitere Herren ihre Tätigkeiten in einem größeren organisatorischen Rahmen: Sie gründeten den Verein „Kindernothilfe“. Lüers zeigt auf eines der Schwarzweiß-Fotos, die er auf dem Tisch ausgebreitet hat: Sechs ernste, in dunkle Anzüge und Krawatten gekleidete Männer, bis auf Lüers alle älteren Datums, blicken nachdenklich auf die Gründungsurkunde. „Im November 1962 wurde ich in den Vorstand der Kindernothilfe gewählt – ehrenamtlich, wie alle anderen auch. Die Sitzungen von Beirat und Vorstand fanden in Privatwohnungen statt. Es gab noch kein Büro, geschweige denn eine Geschäftsstelle. Die erste hauptamtliche Mitarbeiterin, Edith Brangs, hatte ihren Arbeitsplatz im Dachgeschoss der Druckerei Brendow in Ruhrort.“

„Wer geht denn jetzt nach Indien?“

Anfang 1963 beschloss der Kindernothilfe-Vorstand, dass es an der Zeit sei, in Indien nachschauen, ob die Gelder auch richtig eingesetzt wurden. Inzwischen verwaltete die Kindernothilfe 820 Patenschaften, davon 85 Prozent in Indien. Die beiden Vorstandsmitglieder Lüder Lüers und Adolf Kölle reisten sechs Wochen durch das Land. Vieles, was die Männer zu sehen bekamen, bewegte sie sehr. Manches, besonders die fachliche Ausbildung der Leiter und Mitarbeiter der Schülerwohnheime, in denen die Patenkinder untergebracht waren, war oft nicht überzeugend. „Nach unserer Rückkehr fragten wir uns im Vorstand: Wer geht denn jetzt nach Indien und ändert dort was? Irgendwann schauten alle mich an“, lacht Lüers. „Ich hatte mir die Frage auch schon gestellt, und ich sagte ja.“

Die Kindernothilfe war finanziell nicht in der Lage, einen Mitarbeiter nach Indien zu schicken und dort zu unterstützen. Lüers wurde schließlich über die Organisation „Dienste in Übersee“ als Entwicklungshelfer ausgesandt, um in einem ländlichen Entwicklungszentrum in Deenabandupuram Bewässerungsprojekte durchzuführen. In seiner Freizeit sollte er die Kindernothilfe-Projekte betreuen.

Alles hinzuschmeißen und für Jahre ins Ausland zu gehen, war damals noch ein größeres Wagnis als heute. Doch Lüers‘ Familie und Freunde reagierten positiv. Und auch Karl Bornmanns Tochter Ruth war nicht abgeschreckt, als Lüders Lüers ihr einen Heiratsantrag machte mit der wenig verlockenden Aussicht, mehrere Jahre in einem abgelegen ländlichen Gebiet leben zu müssen. Am 11. Juli 1965 reiste das Ehepaar nach Deenabandupuram, wo es sechs Jahre lang blieb. „Das war nicht einfach für meine junge Frau“, gibt Lüers zu. „Wir wohnten 120 Kilometer nordwestlich von Madras, in einem winzigen Dorf. Der nächste Ort war sieben Kilometer entfernt, wir mussten die Post jeden Tag mit dem Fahrrad dort abholen, es gab keine Zustellung bis zu uns.“

Büroarbeit bei 45 Grad im Schatten ohne Klimaanlage

Lüers reiste sehr viel herum. Er musste im Umkreis von 500 Kilometern 150 Bewässerungsbrunnen bauen. Darüber hinaus war er ständig auf Achse, um die Kindernothilfe-Projekte zu besuchen. „Anfangs ist meine Frau mit mir gefahren, bis sie schwanger wurde. Auch unser zweiter Sohn ist in Indien geboren. Unser Ältester sprach schon mit vier Jahren Tamil, Englisch und Deutsch. Er hat oft für mich übersetzt.“ 1967 eröffnete Lüers auf Bitten der Kindernothilfe in einem Raum seiner Wohnung ein Büro für die stetig wachsende Arbeit des Hilfswerks. „Unsere Mitarbeiter hatten ganz kleine Schreibtische, auf denen nur eine Schreibmaschine Platz hatte. Abends räumten sie die Tische an die Wand und rollten ihre Schlafmatten aus. Schlimm wurde es im Sommer. Wenn man bei 45 Grad im Schatten unter einem Ziegeldach sitzt, ohne Klimaanlage und Ventilatoren, dann läuft einem buchstäblich das Wasser den ganzen Körper herunter.“

Die Kindernothilfe nahm immer mehr Schülerwohnheime in ihr Hilfsprogramm auf. 1969 wurde ihre erste Partnerorganisation gegründet: „Church of South India – Council for Child Care“, Lüers wurde ihr Exekutiv-Sekretär. Das Problem mit den inkompetenten Heimleitungen löste er gemeinsam mit dem neuen Partner: Es wurden Fachdozenten berufen, um alle Leiter und Mitarbeiter in einer zweijährigen Ausbildung zu qualifizieren. Während der 90-Jährige erzählt, Schönes und Schwieriges, Daten, Namen, Orte nennt, als wäre es erst gestern gewesen, hört man eines immer wieder heraus: Er fühlte sich von Gott in diese Aufgabe berufen. Er, der aus einer nazitreuen Familie stammte, war irgendwann ausgebrochen aus dieser kranken Ideologie. Er war Christ geworden und hatte nur noch den Wunsch gehabt, sich für Jesus einzusetzen. Zum Beispiel, indem er dafür sorgte, dass indische  Kinder der Kastenlosen versorgt wurden mit Kleidung, Nahrung, Bildung und einem Dach über dem Kopf. „Und wenn es Probleme gab, hat Gott mir zum richtigen Zeitpunkt Menschen in den Weg gestellt hat, die wir brauchten.“
Lüder Lüers in einem Projekt für gehörgeschädigte Jungen

Immer die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt getroffen

Sein Buchhalter in Deenabandupuram erkrankte an Tuberkulose, und Lüers traf Hunderte Kilometer entfernt einen ihm bekannten Missionar, der nach einer neuen Aufgabe suchte und Buchprüfer war. Ein Presseartikel über das gehörgeschädigte Kindernothilfe-Patenkind von Ministerpräsident Johannes Rau führte dazu, dass der Rektor des Rheinisch-Westfälischen-Berufskollegs, eine der besten Berufsschulen für Hörgeschädigte in Deutschland, zwölf Jahre lang seinen Urlaub in Indien verbrachte und in den Spezialprojekten Lehrer für hörgeschädigte Kinder ausbildete. Einmal traf Lüers zufällig die englische Missionarin Gertrud Hughes, die seit 30 Jahren in Indien arbeitete. Beide waren tief betroffen über die vielen bettelnden, poliogeschädigten Kindern. „Uns wurde schlagartig klar: Wir müssen etwas tun, damit sie eine Schulausbildung bekommen. So ist das erste Polio-Heim in Kanchipuram entstanden. Das sprach sich sehr schnell rum, so dass wir Ende 1990 zwölf solcher Heime in verschiedenen Gebieten Südindiens hatten.“

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Nach sechs Jahren in Deenabandupuram blieben Lüers und seine Familie noch eineinhalb Jahre in Bangalore, wo er, finanziert von Dienste in Übersee, vollzeitlich für den indischen Kindernothilfe-Partner tätig war. Im Frühjahr 1973 kehrten sie nach Deutschland zurück. Die Kindernothilfe hatte inzwischen ihre eigene Geschäftsstelle in Duisburg-Buchholz bezogen, Projekte in weiteren Ländern waren hinzugekommen, die Zahl der Patenkinder belief sich auf rund 14.600. Lüder Lüers wurde stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Er knüpfte Kontakte zu Partnern in anderen Ländern und sorgte dafür, dass neue Projekte aufgenommen und die Arbeit immer weiter qualifiziert wurden. Ende Oktober 1991 ging er in Rente. Wenn man einen Verein gegründet und viele Jahre begleitet hat, hat man sicherlich ein ganz besonderes Verhältnis zu der Arbeit. Aber Lüers stellt klar: „Das ist nicht meine Kindernothilfe. Sie ist mir ein Herzensanliegen, aber sie hat das Recht und muss sich auch anders entwickeln als zu meiner Zeit.“

Erfolgreiche Patenschaften

Die Spuren vieler ehemaliger Patenkinder verfolgt er bis heute. Mit Stolz erzählt er die Geschichten, was aus diesem und jenem Kind geworden ist. Vor Jahren hat er wochenlang Indien und Äthiopien bereist und diese Geschichten aufgeschrieben. „Ein Mädchen aus einem Heim in Indien ist heute Ausbilderin für Krankenschwestern in London und finanziert ihre ganze Familie. Andere sind Dozenten und Professoren, Ärztinnen, Pfarrer, IT-Experten, Tischler, Schneiderinnen geworden. Sie können sich und ihre Familien ernähren und helfen jetzt ihrerseits vielen anderen Menschen. Ich wünsche der Kindernothilfe, dass sie ihrer Berufung treu bleibt und Not leidende Kinder und ihre Familien stark macht, damit sie ihre gottgegebene, menschengerechte Zukunft finden und die Hilfe, die sie selbst bekommen haben, weitergeben können.“

 

Tempelprostitution ist das falsche Wort

Text und Fotos: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe

Bangalore, 02.02.2017

„Tempelprostitution ist das falsche Wort dafür“, sagt David Selvaraj, der Gründer des Kindernothilfe-Partners Visthar, „Prostitution ist ein Geschäft, ein Austausch, in dem beide Seiten etwas geben und etwas nehmen. Devadasi, die Dienerinnen oder besser Sklavinnen Gottes, geben nur. Sie bekommen nichts für ihre Dienste.“ Natürlich sind Devadasi ursprünglich nicht für sexuelle Dienstleistungen dagewesen. Vielleicht muss man sich unter ihnen so etwas wie eine Kombination aus Nonne und klassischer Geisha vorstellen. Aber das waren die klassischen Zeiten, bevor die britischen Kolonialherren den indischen Königen und Fürsten ihre Macht und ihren Reichtum nahmen.

Devadasi werden in einer Tempelzeremonie feierlich einer Gottheit geweiht. Von da an gelten sie als verheiratet, als Ehefrauen der Gottheit. Zum Zeichen ihrer Verbindung tragen sie eine besondere Halskette und an den Zehen die Ringe der verheirateten Frau. Ihre Weihe verpflichtet sie jeden Dienstag und Freitag und an jedem Vollmond zu bestimmten Reinigungsriten. Außerdem nehmen sie an Beerdigungen und Hochzeiten teil. Ein besonderer Höhepunkt sind die Tempelfeste, die alle paar Jahre stattfinden. Doch davon später.

Pallavi wurde schon als Kind einer Göttin geweiht

Bei der Kindernothilfe-Partnerorganisation Visthar treffe ich Pallavi. Pallavi ist 23, eine lebhafte junge Frau mit einem strahlenden Lächeln, die seit Kurzem als Hausmutter im Bandhavi-Wohnheim von Visthar arbeitet. Dass sie zur Schule gehen und sogar studieren konnte, grenzt an ein Wunder. Pallavi hat Vater und Mutter und Geschwister. „Aber aufgewachsen bin ich wie eine Waise. Meine Großmutter war Devadasi. Sie wollte immer eine Tochter haben, bekam aber nur vier Söhne. Ich bin die erste Tochter ihres ältesten Sohns. Als ich drei Monate alt war, hat meine Großmutter mich meinen Eltern weggenommen und zusammen mit ihrem jüngsten Sohn großgezogen. Großmutter hat mich gestillt, bis ich zehn Jahre alt war. Überall musste ich mit ihr hin, ich hatte keine Freunde und durfte nur selten zur Schule.“ Dort in der Schule merkte sie auch erst, dass etwas an ihr anders war. Die Kinder hänselten sie wegen ihrer komischen weißen Halskette, die sonst doch nur verheiratete Frauen tragen. Sie fingen an, sie „Devadasi“ zu rufen. Erst da begann sie, ihre Großmutter zu fragen.

Und so kam es heraus: als Pallavi vier Monate alt war, einen Monat, nachdem sie aus ihrem Elternhaus gerissen worden war, hatte die Großmutter sie der Göttin Huligama geweiht. Seitdem trug sie die Halskette der Devadasi und lernte, sobald sie alt genug geworden war, die besonderen Riten, Gebete und Lieder. Bei alldem wusste sie nicht, zu welchem Leben die Großmutter sie bestimmt hatte. Sie wusste nicht, dass sie, die der Göttin verheiratet worden war, nie die Hochzeit mit einem Mann erleben würde. Kinder würde sie wohl bekommen von den Männern, denen sie in ihrem Dienst am Tempel würde zu Willen sein müssen. Vielleicht würde sie eine feste Beziehung mit einem Mann eingehen können, der sie zur Zweitfrau nehmen würde. Aber die Kinder würden ihren Namen tragen, nicht den des Vaters. Denn der Vatername berechtigt zu Unterhalt und Erbe. Ihre Kinder würden in der Schule als Hurenkinder gehänselt werden. Ihre Töchter würden wieder Devadasi werden und ihre Söhne würden es schwer haben.

Alle Devadasi sind Dalits – Kastenlose, Sklaven, Unberührbare

Was das alles noch schlimmer macht: Im indischen Bundesstaat Karnataka sind alle Devadasi Dalits. Dalits sind die fünfte, die unterste Kaste des indischen Kastensystems. Dalits sind die Kastenlosen, die Sklaven, die Unberührbaren, die nicht aus denselben Bechern trinken dürfen wie die Kastenhindus. Nicht einmal ihr Schatten soll andere Menschen berühren, um sie nicht zu verunreinigen. Einen Geschmack davon hatte ich beim Mittagessen bekommen. Zwei ehemalige Devadasi hatten uns aus ihrem Leben erzählt, uns mit zum Tempel genommen, uns an ihren Riten teilnehmen lassen. Darüber war es Mittag geworden, wir hatten Hunger und ein vegetarisches Restaurant aufgesucht. Kaum hatten wir uns um einen großen Tisch gesetzt, kam ein Kellner mit der erstaunten Frage: „Wollt ihr wirklich mit denen zusammen essen?“

Seit 1982 ist das Devadasi-Wesen in Karnataka verboten. Das Verbot ist in vielen Tempeln angeschlagen. Das war es auch in dem Tempel der beiden Frauen, die wir begleiten durften. Seit Kurzem ist die Wand, an der das Verbot stand, nun neu gestrichen. Das Verbot ist verschwunden; die Gottesdienerinnen waren es nie.

So schien Pallavis Leben vorherbestimmt und mit ihm das ihrer Kinder und Enkel. Als sie in der fünften Klasse war, wendete sich noch einmal alles zum Schlechteren. Ihre Großmutter starb, sie sollte ein kleines Stück Land erben. Aber die Brüder der Großmutter sagten, an das Erbe werde sie nur kommen, wenn sie die Pflichten der Devadasi weiter erfüllte. Dann hatte sie ihre erste Periode. Was danach kam, darüber will Pallavi nicht sprechen; die lebhafte junge Frau wird verlegen, sie hat Tränen in den Augen. In der Zeit hätte sie die Rituale nur hinter geschlossener Tür und verhängten Fenstern ausgeführt. Manchmal hätte sie die Schalen und Früchte, die Öllampen und Räucherstäbchen gegen die Wand geworfen. Da half es auch nicht, dass sie von ihrer Familie mit „Mutter“ angesprochen und als Göttin verehrt wurde. Für sie hörte sich das wie Hohn an. Noch jetzt, noch Jahre später hasst sie den Dienstag und den Freitag und den Vollmond. Vielleicht das Schlimmste – und auch davon erzählt sie stockend – war das Tempelfest, bei dem alle Devadasi nackt durch den Ort ziehen mussten, mit Zweigen des Neembaums und Gesängen.

Vielleicht hat ein Sportwettbewerb sie gerettet. Sie machte den ersten Platz. Das kam in die Zeitung, dadurch wurde die Mitarbeiterin einer Organisation, die gegen das Devadasi-Wesen arbeitet, auf sie aufmerksam. Die Sozialarbeiterin suchte sie, machte ihr ein Angebot und verhandelte mit der Familie. So kam Pallavi in die Internatsschule von Visthar. Visthar legt großen Wert darauf, das Selbstvertrauen der kleinen Tempeldienerinnen wieder aufzubauen, ihnen Entfaltungsmöglichkeiten zu geben und ihre verwundeten Seelen zu heilen. Pallavi konnte die Schule abschließen und auf dem Community College Theater und Tanz studieren.

Aber selbst bei Visthar war Pallavi noch nicht frei. Im Wohnheim legte sie ihre Devadasi-Kette ab, aber immer, wenn sie in ihr Dorf zu Besuch fuhr, hatte sie sie wieder um den Hals. Es dauerte lange, bis sie sich traute, ohne Kette heimzufahren. Dann, eines Tages war es so weit. Sie ging zu ihrem jüngsten Onkel, dem, mit dem sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen war, gab ihm die Kette und erklärte ernst, dass sie auf das Erbe ihrer Großmutter verzichtet. Da war sie endlich frei.

 

 

Haiti: Die Kinder können wieder lachen

Zweieinhalb Monate nach Hurrikan Matthew erreichen uns gute Nachrichten aus Artinbonite in Haiti. Die Kinder in unseren Schutzzentren leben auf – und die Dorfbewohner sind begeistert. Unsere Partnerorganisation Amurt berichtet:

Rund 1.200 Kinder erreichen wir jeden Tag in unseren sechs Kinderschutzzentren, nur am Sonntag machen wir Pause.  In den Dörfern Coridon, Point des Mangles, Magazen, Las Caohn, Savannes Naje und Gran Savan kommt das Betreuungsangebot gut an. Diese ländliche Region wurden besonders schlimm von dem Unwetter betroffen.

Platz haben die Kinderschutzzentren in den örtlichen Schulen gefunden, die wir gemeinsam wieder hergerichtet haben. Hier können die Kinder spielen, musizieren, tanzen und Sport treiben. Außerdem spielen wir gemeinsam Theater und erzählen Geschichten. Ab Januar wollen wir sogar Yoga anbieten.

Ein Platz zum Fröhlichsein: Kinderschutzzentren in dem Teil Haitis, den Hurrikan Matthew besonders verheert hat

Ein Platz zum Fröhlichsein: Kinderschutzzentren in dem Teil Haitis, den Hurrikan Matthew besonders verheert hat

Das Essen für die Kinder kommt von lokalen Händlern und Bauern. Das Trinkwasser bringen Lastwagen herbei, aufbewahrt wird es in großen Plastiktanks. In drei  der Dörfer errichten wir nahe den Kinderschutzzentren insgesamt sechs öffentliche Toiletten, die auch von den Dorfbewohnern genutzt werden können – vorher gab es überhaupt keine Sanitätseinrichtungen dieser Art.

Die Betreuer kommen alle aus den Ortschaften selbst. Sie werden von uns zweimal im Monat geschult und kontinuierlich begleitet. Alle Betreuer zeigen großen Einsatz und leisten wirklich gute Arbeit.

Die Dorfgemeinschaften sind ausgesprochen begeistert von dem Angebot der Kinderschutzzentren. Allen ist klar, wie gut der Einfluss auf die psycho-soziale Entwicklung der Kinder ist. In Befragungen der Kinder und ihrer Eltern konnten wir große Fortschritte seit der Katastrophe feststellen: Die Kinder sind merklich gesünder und fröhlicher. Sie spielen und singen Lieder, die sie im Schutzzentrum gelernt haben. Auch Lehrer und Schuldirektoren betonen den positiven Effekt der Nachmittagsbetreuung im Projekt.

Wir sind sehr zufrieden mit den bisherigen Erfolgen. Gemeinsam haben wir viel erreicht, auch dank der Spenden aus Deutschland. Das macht uns zuversichtlich, dass wir mit unserer weiteren Arbeit dauerhaft viel erreichen können.

Alice im Wunderland als Kinder-Musical

Das Kinder-Musical "Alice im Wunderland": jetzt in Berlin in 22 Weihnachtsaufführungen zu sehen

Das Kinder-Musical „Alice im Wunderland“: jetzt in Berlin in 22 Weihnachtsaufführungen zu sehen

Die „Action!Kidz – Kinder gegen Kinderarbeit“ und das Kinder-Musical-Theater Berlin machen gemeinsame Sache: Zwischen dem 9. und 28. Dezember sind die Action!Kidz bei einigen Aufführungen von Alice im Wunderland in der Urania Berlin dabei und informieren die Musical-Besucher darüber, was man gegen ausbeuterische Kinderarbeit tun kann.

Und was passiert im Musical selbst? Mit der Premiere von „Alice im Wunderland“ entführt das Kinder-Musical-Theater Berlin Kinder und Erwachsene in eine musikalische Zauberwelt. Über 120 Kinder und Jugendliche besingen und ertanzen diese Wunderwelt in ihrer 11. Produktion.

Worum geht es? Das weiße Kaninchen führt Alice in das sagenhafte Wunderland, um den von der roten Königin unterdrückten Bewohnern zu helfen. Aber das Kaninchen muss sich etwas Außergewöhnliches  einfallen lassen, um Alice zu sich zu holen: Es programmiert dafür ihr Smartphone.

Ihr Smartphone? Ja, und es gibt noch viele weitere wunderbare Helfer in diesem modern erzählten Märchen. Mehr erfahrt ihr unter www.kinder-musical-theater-berlin.de.

Haiti: Interview mit Camina

161104-interview-camina-haiti(Port-à-Piment/Haiti) Anfang Oktober zieht Hurrikan Matthew über Haiti. Fast 14 Stunden wütet das Unwetter und hinterlässt vor allem im ländlichen Süden große Schäden. Wie kommen die Menschen – und besonders die Kinder – mittlerweile zurecht? Alinx Jean-Baptiste, der Landesdirektor für unsere Hilfsprojekte in Haiti, sprach fünf Wochen nach der Katastrophe mit der achtjährigen Camina aus Port-à-Piment.

Wie geht es Dir und Deiner Familie – jetzt fünf Wochen nach dem Hurrikan „Matthew“?
Camina: Es geht uns ein wenig besser als direkt nach dem Hurrikan. Unser Haus wurde stark beschädigt. Der Sturm hat das ganze Dach weggerissen und dann hat es tagelang geregnet. Aber jetzt hat meine Mutter endlich eine Plane bekommen, die wir über das Haus spannen konnten.

Wie sieht es denn in Port-à-Piment inzwischen aus? Liegen immer noch so viele Trümmer von Häusern und umgeknickten Bäumen herum?
Camina: Es wird lange dauern, bis Port-à-Piment wieder wie früher aussieht. Es ist immer noch alles voll von den Steinen und Überresten der beschädigten Häuser. Aber die vom Hurrikan umgerissenen  Bäume sind von der Straße verschwunden. Die Leute machen damit Holzkohle, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Was machen Deine Freunde und du genau, wenn Ihr in das Kinderzentrum geht? Wie verbringst du den späten Nachmittag, wenn die Zeit im Kinderzentrum vorbei ist?
Camina: Im Kinderzentrum singen wir, tanzen, hören Geschichten und sagen Verse auf. In der Pause machen wir Seilspringen. Zum Glück gibt es dafür jetzt wieder genug Platz. Aber wir basteln auch zusammen: Gestern haben wir Papierblumen aus buntem Papier gemacht. Richtige Blumen gibt es in Port-à-Piment ja seit dem Hurrikan keine mehr. Nachmittags gehen wir nach Hause. Dann helfe ich meiner Mutter beim Saubermachen und Wegräumen der Trümmer.

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Hat die Schule inzwischen wieder begonnen?
Camina: Nein, dieser schreckliche Sturm hat unsere ganze Schule zerstört.

Haben Du und die anderen Kinder in Port-à-Piment genug zum Essen und Trinken?
Camina: Zum Glück gibt es im Kinderzentrum jeden Tag warmes Essen und genug zum Trinken. Alle Kinder, die dort hinkommen, werden versorgt.

Welche Hilfe gibt es denn sonst für die Menschen in Port-à-Piment?
Camina: Es gibt das Krankenhaus und die Kinderzentren.

Was können Menschen in anderen Ländern noch tun, um Euch zu helfen?
Camina: Es wäre so schön, wenn sie mithelfen könnten, dass es hier wieder so wird wie früher, vor dem Hurrikan.

Nepal Stories VIII: Die Gemüsebauern von Attarpur

Gemüseanbau: Stolze Gemüsebäuerin: Deu Kumari Shakya aus Attarpur in Nepal

Stolze Gemüsebäuerin: Deu Kumari Shakya aus Attarpur in Nepal

„Wir haben einfach drauflos gepflanzt“, sagt Deu Kumari Shakya im Rückblick. In ihrem Heimatdorf Attarpur in Nepal ist seit einigen Jahren das Gemüsefieber ausgebrochen. In mittlerweile 24 Gewächshäusern und 40 Folientunneln bauen die Frauen und Männer des Dorfes Tomaten, Erbsen, Chilischoten und viele andere Gemüsesorten an – zunächst ohne professionelle Anleitung. Unser Partner AMURT lieferte ihnen jetzt das langerwartete Know-How.

Die 51-jährige Deu Kumari war eine der ersten Frauen, die sich von der traditionellen Landwirtschaft – Weizen, Hirse und Mais – abwandte und anfing, immer neue Gemüsearten zu pflanzen. Die ersten Jahre mussten sie und die anderen Dorfbewohner dabei gänzlich ohne die nötigen Kenntnisse in Sachen Gemüseanbau zurechtkommen. „Es ist ein Wunder, dass wir keine Verluste gemacht haben“, gibt die Landwirtin selbst zu.

Unser Partner AMURT kam letztes Jahr im Zuge der Soforthilfe nach den Erdbeben in das kleine nepalesische Dorf. Dort warteten Menschen, die hochmotiviert waren – aber nicht wussten, wie sie aus ihrer Leidenschaft ein professionelles Geschäft machen konnten.

Die florierenden Gemüsegärten von Attarpur sind vor allem ein Gemeinschaftswerk.

Die florierenden Gemüsegärten von Attarpur sind vor allem ein Gemeinschaftswerk.

AMURT reagierte und bildete seitdem 28 Frauen und 2 Männer im nachhaltigen Gemüseanbau aus. Dazu gehörten Schulungen zu organischen Düngern, dem richtigen Einsatz von Pestiziden und der schnellen Bekämpfung von Krankheiten in den Gemüsegärten. Gerade der Schutz der Böden vor Auslaugung ist in der Region ein wichtiges Thema. Deshalb gibt es zwischen Dezember und Februar eine dreimonatige Brachzeit, in denen der Gemüseanbau zum Stillstand kommt.

Trotz der Brachzeit boomt das Geschäft mittlerweile. Deu Kumari allein rechnet damit, im nächsten Jahr etwa 50.000 Rupien (rund 420 Euro) Gewinn zu erzielen. Besonders stolz ist sie auf die 33 Kiwi-Pflanzen – die Neuzugänge unter den vielen Gemüsesorten, die in Attarpur angebaut werden.

Das Gemüsefieber im Dorf hält weiter an – dank AMURT können die Bewohner nun auch endlich davon leben!

Äthiopien: Keine Dürre mehr im Magen

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Im vergangenen Winter hat das Wetterphänomen El Niño in manchen Landesteilen heftige Dürren ausgelöst und damit gleich mehrere Ernten vernichtet. Für die betroffenen Kinder ist das eine doppelte Katastrophe: Neben Mangelernährung leiden sie auch noch unter monatelangem Schulausfall, weil die Beschaffung von Nahrungsmitteln einfach alle Kräfte in Anspruch nimmt.  Um die Not zu lindern, haben wir über mehrere Monate für fast 2.000 Kinder Schulmahlzeiten zur Verfügung gestellt.

Äthiopien wurde diesmal von El Niño, den Passatwinden mit dem unschuldigen Namen, besonders heftig getroffen. Die Winde trieben die Regenwolken in großen Teilen des Landes einfach aufs Meer hinaus. Die folgende Dürre führte in dem ostafrikanischen Land zu einer der größten Hungerkatastrophen der letzten Jahrzehnte. Die traf und trifft, wie so oft, besonders die Kinder.

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Kinder werden in der Dürrezeit zuhause gebraucht

Eines der Projekte im Rahmen unserer Soforthilfe in Äthiopien, das wir in diesem Jahr gemeinsam mit unserem Partner Rift Valley Children and Women Development Organization (RCWDO) auf die Beine gestellt haben, richtete sich deshalb direkt an die Kinder… und ihre leeren Mägen. Vier Schulen wurden täglich mit Essen bliefert. So bekamen seit März insgesamt 1.920 Kinder an vier Schulen jeweils zwei Mahlzeiten am Tag.

Die Schulen liegen in Ziway Dugda und Adami Tullu, zwei Woredas (Bezirken) im südlichen Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs – einer Gegend, in der El Niño besonders viel Schaden anrichtete. Viele Kinder der Region haben die Schule während der Dürrezeit abbrechen müssen – sie mussten zuhause helfen, Nahrung aufzutreiben.

Unterricht trotz El Niño

Das Projekt holte die Kinder während der eigentlichen Ferienzeit in die Schule zurück, gab ihnen eine tägliche Routine, sorgte für ihre Verpflegung und entlastete so auch ihre Familien. Unser Partner lieferte u. a. 85.000 Kilogramm Weizenmehl, 26.000 Kilogramm Hülsenfrüchte, jodiertes Salz und vor allem sauberes Trinkwasser an die Schulen.

Wertvolle Hilfe bei der Herstellung und Verteilung des Essens leisteten zehn lokale Selbsthilfegruppen. Die rund 200 Frauen, die darin organisiert sind, waren in erster Linie für die Zubereitung der Mahlzeiten zuständig. Durch die gemeinsame Aufgabe konnten sie zeigen, wie leistungsfähig sie sind, und wuchsen noch enger zusammen.

Ende August lief das Projekt aus. Die vier unterstützten Schulen konnten trotz El Niño ihren Betrieb wiederaufnehmen. Keines der 1.920 Kinder hatte in den kritischen Dürremonaten mit Unterernährung oder anderen akuten Krankheiten zu kämpfen. Auch vielen Familien konnten wir durch unsere Projektarbeit das Überleben sichern. Die gute Qualität des Schulessen war ein Verdienst der beteiligten Selbsthilfegruppen.

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Trotzdem ist die Not noch nicht vorbei. Wieder hat es in Ziway Dugda und Adami Tullu monatelang nicht geregnet, erneut sind die Ernten bedroht. Und das bedeutet: Die Hungergefahr ist nicht gebannt. Das hat auch politische Gründe, wie zuletzt Anfang dieser Woche die Süddeutsche Zeitung analysierte. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern unterstützen wir die Menschen in Äthiopien auch weiterhin – auch darin, in Zukunft gegen Naturkatastrophen wie diese besser gewappnet zu sein.

Fußball als Lebensretter

Torszene: Mädchen-Teams beim Fußballturnier in Sambias Hauptstadt Lusaka in Aktion

Torszene: Mädchen-Teams beim Fußballturnier in Sambias Hauptstadt Lusaka in Aktion

„Tooooor!“ Riesenjubel auf einem Fußballplatz in Lusaka, der Hauptstadt von Sambia. Die Mädchen des führenden Teams liegen sich freudestrahlend in den Armen. Doch auch die übrigen Kickerinnen sind nicht umsonst dabei. Beim Fußballturnier unserer Partnerorganisation Africa Direction (AD) gewinnt jedes der teilnehmenden Mädchen – nicht nur auf sportlicher Ebene.

Bereits zum dritten Mal richtete AD das Fußballturnier für Mädchen aus der Stadtteilen Chilenje und Mtendere aus. Dabei hatten die Teilnehmerinnen Spaß und lernten auch etwas fürs Leben – beim Turnier macht unsere Partnerorganisation die Mädchen auf ihre Jugendarbeit aufmerksam, um ihnen auch langfristig helfen zu können.

Fußballturnier Sambia: Hier kommt jede zum Zug, egal ob mit Fußballschuhen oder ohne

Hier kommt jede zum Zug, egal ob mit Fußballschuhen oder ohne

Sambia ist eines der ärmsten Länder weltweit. Ein Drittel der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt – Mädchen und junge Frauen sind von Armut und Gewalt besonders betroffen: Frühschwangerschaften und Aids sind unter Mädchen die häufigste Todesursache. Mangelnde Chancen auf weiterführende Bildung und Perspektivlosigkeit verschlimmern noch die Situation.

Sport holt die Mädchen von der Straße

Genau um diese Probleme geht es im AD-Jugendzentrum in Chilenje, einem Stadtteil von Lusaka. Allerdings kommen fast nur Jungen. Das will DC ändern. Wie? Mit Sport, Beauty Contests und Aufklärungsveranstaltungen in Schulen, die sich speziell an Mädchen richten. Ist das Interesse einmal geweckt, finden die Betroffenen auch den Mut, über sich und ihr Leben zu sprechen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Fußballturnier Sambia: Das Training im Fußball-Camp leitete zum dritten Mal Ex-Fußballnationalspielerin Petra Landers

Das Training im Fußball-Camp leitete zum dritten Mal Ex-Fußballnationalspielerin Petra Landers

Das Fußballturnier war so ein Versuch, Mädchen für das AD-Jugendzentrum zu gewinnen. Schon vorher gab es die Möglichkeit, an einem fünftägigen Fußballcamp teilzunehmen. Coach war Petra Landers, eine ehemalige deutsche Nationalspielerin, die für diese Aufgabe bereits zum dritten Mal nach Lusaka geflogen ist. Parallel zur Fußballschule wurden die Mädchen von anderen Jugendlichen über ihre Rechte aufgeklärt. Dabei ging es etwa um die Risiken von Frühverheiratung, frühen Schwangerschaften und ungeschütztem Geschlechtsverkehr.

Darum ging es eigentlich beim Mädchen-Fußballturnier in Chilenje/Lusaka: Aufklärungsarbeit! Dabei ging es um Fragen wie: Was sind meine Rechte? Welche Hilfsangebote gibt es? Wo und mit wem kann ich mich austauschen?

Darum ging es eigentlich beim Mädchen-Fußballturnier in Chilenje/Lusaka: Aufklärungsarbeit! Dabei ging es um Fragen wie: Was sind meine Rechte? Welche Hilfsangebote gibt es? Wo und mit wem kann ich mich austauschen?

Turnier in jeder Hinsicht erfolgreich

Beim Turnier selbst hat AD Mädchen und Teams aus dem ganzen Umland erreicht. In einem VCT-Zelt (VCT steht für Voluntary Counselling and Testing) wurden 445 Jugendliche beraten und 356 auf HIV getestet. Teilnehmerinnen von drei Fußballteams aus Chilenje und Mtendere kommen jetzt regelmäßig ins Jugendzentrum. Sie nehmen aus dem Turnier nicht nur Spaß und Siege mit, sondern vor allem ein gestärktes Selbstvertrauen und ein wacheres Bewusstsein für die eigenen Rechte.

Fußballturnier Sambia: Die mobile Zeltstation für Beratung und HIV-Tests ist immer dabei und wird rege besucht.

Die mobile Zeltstation für Beratung und HIV-Tests ist immer dabei und wird rege besucht.

Nordwest-Haiti: Schutzzentren für 1.200 Kinder

Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Die Verwüstungen durch den Hurrikan „Matthew“ haben in Haiti Menschen getroffen, die schon vor der Katastrophe zu den Ärmsten der Armen gehörten. Jetzt ist die Welt komplett aus den Fugen geraten – vor allem für die Kinder. In speziell für sie eingerichteten Schutzzentren helfen wir ihnen, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten und wieder fröhlich zu sein. Ihre Unbeschwertheit steckt auch die Erwachsenen an, berichtet Demeter Russafov von unserem Partner AMURT:

Das Dorf Coridon im Nordwesten Haitis wurde besonders schwer vom Hurrikan getroffen. Deshalb haben wir dort das erste Kinderschutzzentrum eingerichtet. Die Mädchen und Jungen singen und spielen und werden pädagogisch betreut. Zu essen gibt es auch genug – die Frauen der örtlichen Selbsthilfegruppen kochen täglich für die Kinder.

Haiti: Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Ohne sie blieben die Mägen leer: Frauen der örtlichen Selbsthilfegruppen kochen täglich das Essen für die Kinder.

Insgesamt unterhalten wir im Department Artibonite im Nordwesten Haitis bereits vier Kinderschutzzentren: in Coridon, Point des Mangle, Gran Savanne und Savanne Naje. Zwei weitere nehmen nächste Woche ihren Betrieb auf. Das heißt, wir erreichen rund 1.200 Kinder allein in dieser Region Haitis.

Durch das Schutzzentrum in Coridon hat sich die Stimmung vor Ort in den letzten 14 Tagen deutlich aufgehellt – die Menschen blicken hoffnungsvoller in die Zukunft. Die Kinder wirken glücklich, das Dorf sieht trotz der Zerstörungen sauber und aufgeräumt aus.

Haiti: Es ist so wichtig, dass die Kinder ihren Lebensmut wiederfinden!

Es ist so wichtig, dass die Kinder ihren Lebensmut wiederfinden!

Derzeit bauen wir drei öffentliche Toiletten in verschiedenen Teilen des Dorfes. Außerdem haben wir feste Tage eingeführt, an denen sich die Bewohner zusammentun, um Straßen, Strand und öffentliche Plätze von den Trümmern freizuräumen. Wir haben das Dach der Schule repariert, eine der Wände wiederaufgebaut, die Küche fertiggestellt und die Zisterne repariert.

Das Dorf-Komitee, das uns dabei unterstützt, arbeitet sehr organisiert und zeigt viel Initiative. Es trifft sich regelmäßig, um die verschiedenen Aktivitäten zu steuern. Die Betreuer im Kinderschutzzentrum sind allesamt Ortsansässige, die mit großer Begeisterung daran gehen, das, was sie letzte Woche in einer vorbereitenden Schulung gelernt haben, nun umzusetzen.

Haiti: Die Betreuer der Kinder sind selbst Dorfbewohner und wurden in Schulungen auf ihre Arbeit vorbereitet.

Die Betreuer der Kinder sind selbst Dorfbewohner und wurden in Schulungen auf ihre Arbeit vorbereitet.

Überhaupt läuft in Coridon alles sehr koordiniert ab und der Wille, neu anzufangen, ist groß. Bei unseren Gesprächen mit den Eltern sind wir jedesmal beeindruckt davon, wie positiv sie das Kinderschutzkonzept aufnehmen und wie gut sie es finden, dass Ortsansässige ihre Kinder betreuen. Weitere Schulungen zur Kinderbetreuung sind geplant und stoßen auf großes Interesse.

Haiti: Alle Altersgruppen werden in den Kinderschutzzentren auf vielfältige Weise betreut.

Alle Altersgruppen werden in den Kinderschutzzentren auf vielfältige Weise betreut.

Der Erfolg zeigt Wirkung: Andere Dörfer möchten gern auch bei sich Kinderschutzzentren einrichten. Alle Beteiligten – Kinder wie Erwachsene – knüpfen daran hohe Erwartungen.

Neben den Dörfern an der Nordwestküste arbeiten wir auch im Süden Haitis mit der Strategie der „Child friendly Spaces“ (Kinderzentren). Dort – in dem am 4. Oktober von „Matthew“ zu 90 Prozent verwüsteten Ort Port-à-Piment – erreicht dieses Humanitäre Hilfe-Programm noch einmal über 500 weitere Kinder in insgesamt zehn Zentren.

In guten Händen: Kinder im Schutzzentrum in Coridon/Haiti

In guten Händen: Kinder im Schutzzentrum in Coridon