Feuersbrunst in Valparaiso macht 10.000 Menschen obdachlos

Foto: pa - picture alliance

Foto: pa – picture alliance

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik 

Die UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Valparaiso wurde an diesem Wochenende von einem der verheerendsten Großbrände in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas heimgesucht: 15 Menschen starben, Hunderte erlitten Rauchvergiftungen, über 2500 Häuser wurden ein Raub der Flammen – und mehr als 11.000 Bewohner mussten vor dem Feuer fliehen oder evakuiert werden. In den von dem Großbrand verschonten Bereichen der Hafenstadt am Pazifik versuchen die Behörden seit Samstagnacht, Notaufnahmezentren zu improvisieren. Der chilenische Kindernothilfe-Partner ANIDE arbeitet intensiv daran, für die traumatisierten Kinder in den Notunterkünften und den an die zerstörten Viertel angrenzenden Bereiche ein Betreuungsprogramm zu organisieren.Gegenüber der Flammenmauer, die sich – von Pazifikwinden verstärkt – seit Samstagnachmittag in rasender Geschwindigkeit über acht dichtbesiedelte Hügel ausbreitete, waren Feuerwehr und Einsatzkräfte zunächst scheinbar machtlos. Die nationale Katastrophenschutzbehörden Chiles mobilisierte 24 Löschflugzeuge und Hubschrauber aus dem gesamten Land, um die Feuersbrunst zu stoppen. Am Sonntag, dem zweiten Tag der Katastrophe, kämpften bis zu 1.250 Feuerwehrleute  und mehr als 2.000 Polizisten und Soldaten darum, Anwohner zu evakuieren und die Brandherde einzudämmen. Aber auch 48 Stunden nach dem Ausbrechen des Großbrandes entfacht der Wind immer wieder neue Feuernester. Der Direktor der nationalen Natur- und Brandschutzbehörde, CONAF, Aarón Cavieres, erklärte am Dienstagvormittag: “Wir haben das Feuer auf den Hügeln von Valparaiso immer noch nicht unter Kontrolle”.

Das Ausmaß der Feuersbrunst war, wie chilenische Medien berichten, sogar aus dem All zu erkennen. Insgesamt wurden bislang Stadtviertel mit einer Ausdehnung von 1.145 Hektar vernichtet – also dem Sechsfachen der Fläche des Fürstentum Monaco – zum erheblichen Teil mit Siedlungen aus kleinen Holzhäusern, die die Anwohner die steilen Hügeln hinauf errichtet hatten, zum Teil aber auch Bereiche mit einer konsolidierten Baustruktur. Ebenfalls den Flammen zum Opfer fiel ein modernes, erst vor wenigen Jahren eingeweihtes Gesundheitszentrum, eine Polizeiwache – aber auch Schulgebäude und weitere kommunale Infrastruktur.

Chiles Präsidentin Michelle Bachelet, die bereits am Sonntag mit mehreren Ministern nach Valparaiso reiste, sprach von der vermutlich verheerendsten Katastrophe, die die Hafenstadt am Pazifik in ihrer 470-jährigen Geschichte je erlitten hat. In insgesamt acht Auffangzentren und Notunterkünften werden seit Samstagnacht diejenigen Obdachlos-Gewordenen betreut, die nicht bei Verwandten oder Freunden unterkommen konnten – oder in den Krankenhäusern der Region weiter mit Rauchvergiftungen und Brandverletzungen behandelt werden müssen.

Sozialarbeiterin Silvia Vallejo aus Valparaiso schreibt am Montagabend  in einer Notiz an die Kindernothilfe: “Alles hier ist Desaster, Asche, Verzweiflung, Rauch. Einfach entsetzlich. Das Feuer machte keinen Unterschied zwischen alten und neuen Häusern, zwischen solchen, die aus solidem Material und solchen, die aus Brettern und Holzresten gebaut wurden, so wie eben Valparaiso ist, wo Reiche und Arme in unmittelbarer Nachbarschaft zusammenleben. Hier organisieren sich die Menschen, um nach und nach ein Haus zu bauen. Sie verschulden sich. Die staatlichen Hilfen decken nur einen kleinen Teil der Baukosten ab. Und jetzt haben sie alles – außer ihren Hypothekenschulden – verloren. Tausende Familien in dieser Stadt stehen vor dem Nichts.” Sie schildert das Schicksal ihrer Berufskollegin Paulina , die jetzt mit ihren Kindern ihr Haus zum zweiten Mal verlor, nachdem sie es nach dem Erdbeben von 2010 mühsam wiederaufgebaut hatte: “Paulina ist nicht einmal der Schlüssel ihres Hauses geblieben. Auf dem Cerro La Cruz hat kein einziges Gebäude das Feuer überstanden.”

Was genau die Ursache dieser Katastrophe war, ist noch nicht bekannt. Chilenische Medien berichteten am Montag unter Berufung auf die Feuerwehr, dass der Brandherd vermutlich auf einer Müllhalde im Nordosten der Stadt liegt – und sich von dort aus das Feuer angesichts der wochenlangen Trockenheit mit rasender Geschwindigkeit verbreiten konnte. Immer wieder waren die Behörden in den vergangenen Jahren von Fachleuten gewarnt worden, dass die unzureichende Infrastruktur der Viertel auf den Hügeln, die fehlende Stadtplanung und Steuerung der Bebauung zu einer tödlichen Gefahr für die Bewohner werden könnte. Aber auch die vielfach sehr prekäre Ausstattung der freiwilligen Feuerwehr in Chile, wo Feuerwehrleute regelmäßig mit Sammelbüchsen auf den Straßen unterwegs sind, um Spenden für die eigene Ausrüstung zu erbitten, wird in den Medien des Andenlandes seit Sonntag immer wieder als krisenverschärfendes Element benannt.

Von der Kindernothilfe in Chile geförderte Projekte sind durch die Feuersbrunst nicht betroffen. Geographisch am nächsten – in acht Kilometern Entfernung zum Brandherd – liegt die alternative Musikschule “Escuela Popular de Artes” (Projekt 92003) auf den Hügeln von Achupallas in der Nachbarstadt Viña del Mar. Eine Gefahr für dieses Zentrum besteht jedoch nicht. Seit den frühen Morgenstunden des Montags arbeitet das Team des Kindernothilfe-Partners Fundación AN DE  intensiv daran, mit einer der Organisationen, die bereits nach der Erdbebenkatastrophe vom 27. Februar 2010 gemeinsam mit den von der Kindernothilfe unterstützten Projektträgern in der Region um Concepción engagierte psychosoziale Trauma- und Stabilisierungs-Arbeit mit Kindern geleistet hatte, jetzt ein Soforthilfe-Programm für die Mädchen und Jungen in den Notaufnahmequartieren in Valparaiso auf die Beine zu stellen. “Wir haben”, erklärt José Horacio Wood, der Leiter von ANIDE, am Montagabend am Telefon, “damals nach dem Erdbeben gelernt, uns auf die psycho-pädagogische Arbeit mit den Kindern, die diese Katastrophe überlebt haben, zu konzentrieren. Darin sehen wir auch jetzt in Valparaiso wieder unsere wichtigste Aufgabe.”

Spendenkonto:
Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank
Konto 45 45 40, BLZ 350 601 90
Zweck: Z 7217 Großfeuer Chile

Philippinen: Erfolgreiche Selbsthilfegruppen

Von Ute Rabenau, Referat Asien und Osteuropa

„Mein persönliches Ziel war, einen Kiosk zu eröffnen und dadurch mein Einkommen zu erhöhen. Das habe ich jetzt geschafft.“ Stolz erzählt Tina (Name geändert), Mitglied einer Selbsthilfegruppe auf den Philippinen, was sie durch die Gruppe erreicht hat.

Die Selbsthilfegruppe „Vanda“ hatte sich ein gemeinsames Ziel gesteckt – alle kranken Kinder in ihrem Dorf sollten medizinisch gut versorgt sein. Das Ziel ist erreicht – die Familien im Dorf werden jetzt regelmäßig von Gesundheitshelferinnen besucht und die Kinder können in einem nahe gelegenen Gesundheitszentrum untersucht und behandelt werden.

Wie man sich realistische Ziele setzt, was man tun muss, um sie zu erreichen, und wie man überprüfen kann, wo man auf dem Weg zu seinem Ziel steht, das haben viele Frauen in Selbsthilfegruppen in Asien im letzten Jahr gelernt und setzen es nun erfolgreich um.

Viele solcher positiven Erfahrungen mit den Selbsthilfegruppen in ihren Ländern konnten die Selbsthilfe-Koordinatorinnen der Kindernothilfe aus sechs asiatischen Ländern bei einem Workshop vom 25.Februar bis 4. März auf den Philippinen berichten. An dem Treffen nahmen auch einige Mitarbeiter aus der Geschäftsstelle in Deutschland teil.

Neben dem Austausch und dem gemeinsamen Lernen beim Besuch von Selbsthilfegruppen ging es auch darum, wie man die bisherigen Erfahrungen mit den Selbsthilfegruppen noch besser auswerten und für andere nutzbar machen und wie man die Arbeit weiterentwickeln kann.

Mit guten Ergebnissen und neuer Motivation ausgestattet für die Weiterarbeit in ihren Ländern fuhren die Kolleginnen und Kollegen wieder zurück.

Vor einem halben Jahrhundert begannen Brasiliens 21 bleierne Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jürgen Schübelin, Leiter unseres Referates für Lateinamerika und die Karibik, erinnert an die Opfer der Militärdiktatur in Brasilien, die vor 50 Jahren mit einem Putsch begonnen hatte.

Vor 50 Jahren, am 31. März 1964, riss eine Gruppe brasilianischer Generäle durch einem Putsch gegen Präsident João Goulart die Macht an sich, um sie über zwei Jahrzehnte lang, bis 1985, nicht mehr aus der Hand zu geben. Hunderttausende litten unter der blutigen Repression, mit der das Militärregime das Land überzog. Allein während der ersten zwölf Monate nach dem Staatsstreich wurden 50.000 Menschen verhaftet, Tausende gefoltert – und Hunderte ermordet.

Der von dem Heeresgeneral Olympio Mourão Filho im brasilianischen Herbst 1964 angezettelte Putsch gegen Präsident Goulart und gegen seine Pläne für eine Agrarreform sowie für ein demokratischeres Wahlrechts bildete den Auftakt für die Machtübernahme der Militärs in fast allen lateinamerikanischen Staaten und der Beginn der dunklen Jahrzehnte des kontinentalen Staatsterrorismus mit Hunderttausenden von Opfern. In Brasilien installierte das Regime der Generäle einen effizienten Unterdrückungsapparat, der als Erstes Wahlen und politische Parteien verbot – und dann die Jagd auf diejenigen eröffnete, die als Regimegegner eingestuft wurden: Oppositionspolitiker, Gewerkschafter, Menschen aus sozialen Organisationen – und engagierte Christen aus der brasilianischen Basisgemeinden-Bewegung, die sich mit der Theologie der Befreiung identifizierten.

Für all diese Gewalt gegen das eigene Volk gab es ein starkes Motiv. Eduardo Galeano, der uruguayische Journalist und unbeugsame Chronist der Abhängigkeits- und Unterdrückungsgeschichte Lateinamerikas, formuliert es so: „Es ging darum, die sozialen Reformen, die von der demokratisch gewählten Regierung von João Goulart gerade durchgeführt wurden – um das ungerechteste Land der Welt etwas gerechter zu machen – ein für alle Mal zu beenden und zu begraben.“

Zu den bekanntesten Opfern der Repression gehörte der Dominikaner-Priester Frei Betto. In ihm sahen die Militärs einen gefährlichen Terroristen, weil er – zusammen mit weiteren Dominikaner-Padres – und -Schwestern – sowie Angehörigen anderer Ordensgemeinschaften – Verfolgten, deren Leben bedroht war, half, über die Grenze nach Uruguay oder Argentinien zu fliehen. Verhaftete Geistliche und Ordensangehörige wurden sadistisch gefoltert. Frei Betto selbst bezahlte sein Engagement mit über vier Jahren Kerkerhaft. Auch die heutige Staatspräsidentin Brasiliens, Dilma Rousseff, geriet als junge Frau in die Fänge der Geheimpolizei und ihrer Terrorbrigaden, wurde entführt, gefoltert und wegen ihres politischen Engagements jahrelang inhaftiert.

Der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf (ÖRK) richtete als Antwort auf die Praktiken des Militärregimes ein Dokumentationszentrum ein, in dem bereits sehr früh Belege und Aussagen über Menschenrechtsverbrechen in Brasilien gesammelt wurden. Die ÖRK-Dokumente belegen, dass in dem Land zeitweise bis zu 242 Folterzentren betrieben wurden. Ähnlich wie wenige Jahre später in den Nachbarländern Uruguay, Chile und Argentinien wurde Folter von den Militärs als Terrorinstrument und Strategie zur massiven Einschüchterung der gesamten Bevölkerung eingesetzt. Eine der in den ÖRK-Papieren dokumentierte Methoden bestand darin, Regimegegner in Gegenwart ihrer Ehepartner, teilweise sogar ihrer Kinder, zu foltern und – 20 Jahre vor Srebrenica und den Verbrechen der Balkankriege –  die systematische Vergewaltigung von weiblichen Gefangenen ebenfalls als bewusste Terror-Technik einzusetzen.

1971 rang sich endlich auch die UN-Vollversammlung zu einer Menschenrechts-Resolution gegen die brasilianischen Militärherrscher durch, die sich unter dem Schutz der USA, aber auch dem ihrer Verbündeten in vielen europäischen Regierungen und zahlreichen internationalen Konzernen – darunter Volkswagen und  Mercedes-Benz – unantastbar fühlten. Solidarität und Engagement mit und für die Verfolgten und die Opfer der dramatischen Verarmung im Gefolge der Finanz- und Wirtschaftspolitik des Regimes gab es vor allem aus den Kirchen und der internationalen Zivilgesellschaft: So begann etwa Kindernothilfe ab 1971 in Kooperation mit ihrem damaligen Partner diacononia, einem ökumenischen Zusammenschluss von sozial engagierten Kirchen, Kindertagesstätten-Programmen vor allem in den Favelas urbaner Ballungszentren – aber auch in verarmten ländlichen Regionen – aufbauen zu helfen. Innerhalb weniger Jahre entstand ein Netzwerk von Projekten, die der wachsenden Verelendung und der prekären Ernährungs- und Gesundheitssituation von Kindern durch eine engagierte Sozialarbeit entgegentreten wollten – aber auch die Funktion hatten, dort, wo andere Organisationsstrukturen verboten waren, einen gewissen Schutz für nachbarschaftliches Engagement zu bieten.Nach Schätzungen der brasilianischen Bischofskonferenz starben während der Zeit des Militärregimes im Nordosten des Landes im Gefolge einer Dürreperiode zehn Millionen Kinder an Hunger, Durst und Mangelkrankheiten. Als 1985 die Generäle endlich abtraten und eine Phase des demokratischen Übergangs möglich wurde, fiel die soziale Bilanz dieser bleiernen 21 Jahre – und der Gleichgültigkeit des Regimes gegenüber sozialen Problemen –  katastrophal aus: Die Welternährungsorganisation (FAO) schätzte 1985, dass zwei Drittel der brasilianischen Bevölkerung unterernährt sind – und die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kindes aus einer Favela auf 46 Jahre abgesunken war. Nach einer Untersuchung der Universität Campinas verfügten zu diesem Zeitpunkt 45 Prozent aller Haushalte über keinerlei ersichtliche Einkommensquellen. Die Armen standen in einem tagtäglichen Überlebenskampf, den sie oft genug verloren.

Es kostete Jahrzehnte, um die Armut zurückzudrängen und das System der Korruption, das für das Finanzgebaren des Militärregimes so charakteristisch war, zu bekämpfen. Vieles ist seit 1985 erreicht worden. Unbestreitbar und augenfällig ist Brasilien heute ein anderes Land. Aber im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Gesellschaften, die sich viel früher und sehr viel engagierter um die Aufklärung und Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen während der Diktaturjahre bemühten, gelang es erst 2012, auch in Brasilien eine Wahrheitskommission zu konstituieren, die die Menschenrechtsverletzungen zwischen 1964 und 1985 untersuchen soll. Anders als in Argentinien, Uruguay oder Chile, wo in Morde und andere Verbrechen verwickelte Offiziere und Folterer zu teilweise langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, gewährt in Brasilien ein 1979 von den Militärs selbst verabschiedetes Amnestiegesetz den Tätern von damals lebenslange Straffreiheit. Alle Versuche der überlebenden Opfer, daran etwas zu ändern, sind bislang gescheitert.

Reaktionen unserer südafrikanischen Partner auf den Tod Nelson Mandelas

Wir sind mit unseren Gedanken bei Nelson Mandela, der am 5. Dezember mit 95 Jahren starb. Uns erreichen auch Nachrichten von unseren südafrikanischen Partnern, die ihren Respekt und ihre Trauer mit uns teilen:

 

We had a joint session at the office this  morning and most colleagues were really down but after realizing that we already started living the legacy of Madiba back in July when the news of his serious illness started making media, colleagues were proud of what we did back then and found strength to do more going forward.

I personally know what I could have been if he did not walk out of that jail on that day and if he was not to be elected the president of the democratic SA. I also know that we owe the next generation much more if we were to start the work of finishing what he started! But we are aware that for no fault of us, goodness skips a generation and I pray that the next generation of South Africa finds another leader close to Madiba because ‘akekho oyofana naye! (no one will ever be like him!)

Simanga

It is indeed a great loss for our country but the camaraderie he has evoked is remarkable and South Africans appear to be more united than ever before. He truly represented freedom & a born free generation to all of us!

Karen

We feel sad but very hopeful because we start to remember once again clearly what his legacy is, and people tell the stories of hope.

Wilna

So beautiful that we can all celebrate the power of his life, and the sorrow of his passing together. His life has changed our world!

His contribution to South Africa and the World represents the best of Humanity. He will be missed and cherished.

Rachel

We have been expecting the report but even now it seems so unreal.

I think Helen Zille, the leader of the DA said it very well, we must all live up to the legacy of a man who spent his life in the service of others and that we must insure his legacy continues to be fulfilled.

I just pray what he has started others will rise up and see fulfilled in the next generation and that all he fought for will not fall by the way side.

Lou

We celebrate his life today and are so grateful that he is now at peace!

Sally

It’s a day of sadness at his passing, yet also one of celebration of a life well lived and a wonderful legacy left for all South Africans.

Phil

Hello from a mourning South Africa as we remember our wonderful Mandela!

Sarah

Philippinen: Wie geht’s denn jetzt weiter?

Die Menschen haben Heiligenfiguren geborgen und mitten in den Trümmern aufgestellt. Fotos: Kidlat de Guia

Das Ziel unserer Reise war es, die Orte zu identifizieren, die besonders schwer getroffen und von Hilfsmaßnahmen bislang nicht erreicht wurden. Unsere vorabbestehende Vermutung, dass Panay und Ost-Samar besonders hart getroffen wurden, hat sich bestätigt. Darüber hinaus sind wir in diesen Regionen auf viele Dörfer gestoßen, in denen bislang zwar notdürftig und oft unregelmäßig Hilfsgüter ankommen, jedoch keinerlei Hilfsorganisationen präsent sind. Das wird sich jetzt ändern, denn wir starten hier unsere Hilfe.

Arbeiten ohne Strom, Benzin, Handynetz
Doch wie läuft das genau ab? In Salcedo im Osten Samars werden wir gemeinsam mit unserer Partnerorganisation AMURT die Projekte beginnen. Oft haben wir schon erfolgreich kooperiert, so zum Beispiel in Myanmar und Haiti oder aktuell auch im Libanon. Kurt Behringer und Sylvia Kabanban von AMURT sind mit uns letzte Woche nach Ost-Samar geflogen und direkt dort geblieben. Sie haben sich ein kleines, halbwegs intaktes Zimmer angemietet, das nun als Büro fungieren wird. Der Raum ist winzig und dunkel, aber funktional und leider die Heimat vieler hungriger Mücken. Es herrschen erschwerte Arbeitsbedingungen. Strom gibt es nicht, Benzin und Mietautos ebenfalls nicht. Lebensmittel sind eingeschränkt verfügbar. So gibt es Reis und Nudeln, Gemüse und Obst bekommt man jedoch kaum. Auch das Handynetz wird noch etwa 2 Monate auf sich warten lassen, so dass sie zunächst mit dem Satellitentelefon kommunizieren. Das Büro dient zeitgleich auch als Unterkunft, denn intakte Räume sind rar, an Mietwohnungen gar nicht zu denken. So werden Isomatte und Schlafsack für die kommenden Wochen herhalten.

Am Montag startet die Trauma-Arbeit mit den Kindern
Im Landkreis Salcedo beginnen wir mit dem Wiederaufbau von 10 Kindertagesstätten und psychosozialer Betreuung für die Kinder. Später sollen auch der Wiederaufbau und die Reparatur von Schulen und Wohnhäusern sowie die Unterstützung der Fischer mit Booten hinzukommen. Daher stellen Kurt Behringer und Sylvia Kabanban in den nächsten Tagen als erstes Personal an. Eine Psychologin ist bereits gefunden, und am Montag fängt die psychologische Aufarbeitung der schlimmen Erlebnisse mit den Kindern am Zentralkindergarten in Salcedo an. Auch zwei Baufachleute gibt es bereits, die nun Pläne für Reparatur und Wiederaufbau der Kindertagesstätten erstellen werden. Ganz praktische Probleme treten hier trotzdem auf: Wie kommen die Psychologen beispielsweise zu den Therapieorten, wenn es weder Benzin noch Mietautos gibt? Kurt Behringer wird hier kleine Motorräder anschaffen oder mieten und regelmäßig Benzin aus Tacloban anfordern müssen. 400 Liter Diesel sind bereits von AMURT aus Cebu eingetroffen. Auch die Architekten stellt all das vor Herausforderungen – die Pläne für Neubau und Reparatur werden zunächst per Hand angefertigt. Im nächsten Schritt bedarf die Beschaffung von Baumaterialien sorgfältiger Planung. Da viele Gegenden in Samar zerstört sind, ist die Nachfrage groß und der Transport über zerstörte Straßen langwierig. Den National Highway zwischen Borongan und Salcedo kann man beispielsweise nur noch schwer als solchen erkennen.

Die Bevölkerung packt mit an
Doch egal, welche Probleme in den nächsten Tagen auch auftreten werden – Kurt Behringer und Sylvia Kabanban sind nicht allein. Die Bevölkerung des Landkreises Salcedo hat uns bereits bei unserem Besuch in der letzten Woche herzlich willkommen geheißen und packt schon aus eigenem Antrieb emsig mit an. Der Bürgermeister, Melchior Mergal, ist bestens organisiert und wird den Projektstart nach Kräften unterstützen. Auch unsere Kollegen in der Geschäftsstelle der Kindernothilfe in Duisburg tragen jeden Tag mit großem Engagement dazu bei, die Arbeit vor Ort zu erleichtern und die notwendige Administration zu regeln. All das, damit die Kinder von Salcedo bald wieder zuversichtlich nach vorne schauen können.

Überall in den Katastrophengebieten suchen Kinder ihre Kuscheltiere aus den Trümmern, die dann gewaschen und aufgehängt werden.

Philippinen: Kinder im Chaos

Die philippinischen Kinder reagieren unterschiedlich auf die Katastrophe, die ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Fotos: Kidlat de Guia

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Kinder leiden unter Katastrophen immer am schlimmsten. Die mangelnde Versorgung mit Nahrungsmitteln schwächt den im Wachstum begriffenen Körper und hemmt die Entwicklung. Sie führt dazu, dass Kinder anfälliger für Krankheiten werden. Besonders schlimm ist unreines Trinkwasser, es führt zu Durchfall, Infektionen und kann langfristige Schäden hervorrufen. Vielfach ist hochkalorische Spezialnahrung gerade zu Beginn notwendig, um den Kindern die notwendigen Nährstoffe zuzuführen. Auch psychologisch ist die Situation für Kinder extrem belastend. Ihr gewohntes Umfeld ist zerstört, viele haben Familienmitglieder verloren und schreckliche Bilder vor Augen. Manche Kinder landen ohne Begleitung auf der Straße und sind schutzlos Gewalt und Missbrauch ausgeliefert.

All das trifft auch auf die Situation im Osten Samars zu. Hier sieht man viele Kinder in den zerstörten Dörfern zwischen den abgeknickten Palmen, die seit der Katastrophe dieselben Klamotten tragen, sich aufgrund des fehlenden Wasserzugangs nicht ausreichend waschen können und schlimmstenfalls das dreckige Wasser trinken. Spricht man sie an, reagieren die Mädchen und Jungen ganz unterschiedlich. Manche sind völlig offen, teilen gerne ihre Erlebnisse und sind neugierig, woher der Besuch stammt. Sie fragen mich, wie lange man von Deutschland aus reist, bis man ihren Heimatort erreicht und starren mich ungläubig an, wenn ich Ihnen die Distanz erkläre. Vor der Kamera scheint jedes Kind aufzublühen, posiert in der Gruppe oder reckt zwinkernd die Finger zum Victory-Zeichen in die Höhe. Manche Kinder stehen mit wackligen Beinen auf den Bretterbergen, die vormals ihr Zuhause waren, und lassen mit verschmitztem Gesicht aus Müll gebastelte Drachen steigen.

Gistang hat einen Propeller vorne an sein Rad montiert.

Der 14-jährige Gistang nutzt die Zeit des Aufräumens und Wiederaufbaus lieber für seine Erfindungen. Er hat einen Propeller vorne an sein Rad montiert und zeigt den anderen Kindern stolz, wie er sich beim Fahren im Wind dreht. Die zwölfjährige Klarita in Salcedo stapft fröhlich summend durch die Trümmer ihrer Schule und erklärt mir ohne Zögern, dass sie mit ihrer Familie während des Taifuns gebetet hat und deshalb niemand verletzt wurde. Immer, wenn sie Überbleibsel ihrer Schulzeit unter den Resten ihrer Schule findet, ruft sie aufgeregt ihre Mitschüler herbei und zeigt ihre Funde.

Andere Kinder wirken verschlossen, den Tränen nahe und ziehen sich bei Besuch zurück. Jedes Kind ist anders und geht entsprechend auch anders mit der Katastrophe um. Die siebenjährige Shila in Garawon bringt kein Wort heraus und wirkt den Tränen nahe. Kein Wunder, sie wurde drei Stunden unter dem Schlamm verschüttet und durch Zufall von ihrem Vater entdeckt und gerettet. Die vierjährige Audrey mag gar nicht reden, scheint aber doch interessiert an mir zu sein. Statt hektisch nach meinen Händen zu greifen oder meine blonden Haare zu berühren, wie viele Kinder es machen, läuft sie mir einfach stumm hinterher, während ich durch ihr Dorf Asgad gehe, und drückt mich zum Abschied.

Jedes Kind ist anders und geht auf seine Weise mit der Katastrophe um. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie alle brauchen trotz des Taifuns die Chance auf eine Zukunft. Mit umfassender psychologischer Betreuung und dem Wiederaufbau der Tagesstätten und Kindergärten werden wir genau dafür sorgen.

Katastrophe auf philippinisch

Die Zerstörung ist immens in Jagnaya an der Ostküste Samars. Fotos: Kidlat de Guia

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Die Zerstörung durch Yolanda muss die Menschen in den Philippinen in die pure Verzweiflung stürzen. So stellte ich mir das zumindest vor meiner Abreise vor. Und natürlich ist das bei der überwältigenden Mehrheit auch so. Viele Menschen sind verzweifelt, weil sie ihr Hab und Gut und schlimmstenfalls auch Familienangehörige verloren haben. Viele sind stark traumatisiert und kaum in der Lage, mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Doch in jedem Ort trafen wir auch auf Menschen, die sich trotz der gigantischen Katastrophe ihren Humor bewahrt haben.

„Wir brauchen Essen“, steht auf vielen Schildern, die Kinder am Straßenrand hochhalten. Andere Schilder ergänzen scherzhaft: „Wir brauchen Essen, Häuser, einen Swimming-Pool und einen Garten“. Der Bürgermeister von Salcedo, Melchior Mergal , beschreibt die Situation in seiner Stadt mit den Worten: „What you see is what you get“, und sein Berater Ray Uzhmar C. Padit erklärt uns auf dem Weg in die Fischerdörfer an der Küste, dass Yolanda ihnen einen weißen, weitläufigen Sandstrand „geschenkt“ hat. „Hier kann man sicher gut surfen“, ergänzt er.

Auf Bantayan Islands fahren wir mit Noe Ichechavez Briones nach Madridejos, eine völlig zerstörte Stadt im Nordwesten. Er ist als Freiwilliger unterwegs, versucht zu helfen, wo er kann. Als wir mit ihm im Auto sitzen, spielt er den Pausenclown. Er reicht eine Tüte mit Brötchen an alle Insassen, „Bread for Life“, ruft er laut lachend dazu. Dann fängt er an, ein Taifunopfer zu mimen – „Oh my God. Es war so schlimm“, er schlägt die Hände vors Gesicht und schildert die Situation einer Familie. Auch manche Kinder nehmen die Situation mit Humor. „Wir sind eine gute Touristenattraktion – guck, wir haben gar kein Haus mehr“, erzählen sie mir lachend in Garawon im Landkreis Hernani.

Christoph Dehn und Antje Weber im Gespräch mit dem Berater des Bürgermeisters, Ray Padit.

Die Menschen hier gehen auf philippinische Art mit der Katastrophe um. Und das ist ihre große Stärke. Der Humor und das Vertrauen in die Schaffenskraft ihrer Landsleute geben vielen Menschen genau die Energie, die für den Wiederaufbau benötigt wird. Nicht umsonst sieht man in jedem Ort eifrige Philippinos, die mitten im Chaos ihr Haus wieder aufstellen, Müll beiseite schaffen oder ihre Wäsche waschen. Padit erklärt mir, dass sie angesichts dieser Situation nun eben kreativ sein müssen, „Zeit zum Jammern haben wir nicht.“ So werden die Bürger Salcedos kurzerhand per Megaphon darüber informiert, dass sie im Rahmen eines „Food for Work“-Programms ihre Lebensmittel bekommen, sobald sie rund um ihre Häuser die Trümmer weggeräumt haben. Auch die völlige Zerstörung der Kokosplantagen kann man positiv oder negativ sehen. Dramatisch ist, dass die Ernte auf Jahre vernichtet ist, denn Kokospalmen brauchen fünf bis sechs Jahre, bis sie ihre jetzige Größe erreicht haben. Andererseits macht Padit deutlich, dass sie nun auch die Chance haben, landwirtschaftlich umzuschwenken auf den Anbau lukrativerer Sorten wie beispielsweise Cassava oder Süßkartoffeln. „Daran war vorher ja gar nicht zu denken“, hebt er die Vorteile hervor. Mit dieser Einstellung werden die Philippinos noch weit kommen.

Wie hatten sich die Menschen auf den
Taifun vorbereitet?

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Jagnaya ist völlig zerstört.

Jagnaya ist völlig zerstört. Foto: Kidlat de Guia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hat eigentlich niemand vorgesorgt? Diese Frage wird mir momentan oft gestellt. Am Beispiel der Region Salcedo im Osten Samars lässt sich der Ablauf sehr gut veranschaulichen und für diese, vom Taifun mit am schwersten betroffene Region, lässt sich sagen: „Die Menschen haben ihr Möglichstes getan“.

Wetterexperten machten frühzeitig auf das Risiko eines Supertaifuns aufmerksam. Diese Information ging weiter an die Bürgermeister, die den Auftrag hatten, ihre Bewohner bestmöglich zu schützen. Auch der Bürgermeister von Salcedo, Melchior Mergal, 39 Jahre, wurde informiert und traf sofort umfassend und kenntnisreich Vorsorge für seine Bürger. Ein dreistufiges System sollte dafür sorgen, dass Yolanda so wenig Schaden wie möglich anrichtet in der 20.000 Einwohner-Stadt. In einem ersten Schritt wurden Evakuierungszentren etabliert, ein Großteil davon in Schulen. Parallel dazu wurden bereits am Donnerstag, also einen Tag vor dem Taifun, die ersten Hilfspakete gepackt, da mit geringfügigen Schäden gerechnet wurde. Bürgermeister Mergal ging persönlich zu seinen Bürgern, um sie über die Evakuierungszentren und den nahenden Taifun zu informieren. In einem zweiten Schritt warnte die Polizei die Bürger per Megaphon erneut und bat alle, sich rechtzeitig in die als sicher identifizierten Steinhäuser zu begeben. Schließlich wurde in einem dritten Schritt ein Emergency Response Team eingerichtet, das den Startschuss für den Rückzug in die Zentren gab.

Als dieser Startschuss am Donnerstagabend ertönte, war das Wetter jedoch unverändert schön. Klarer Himmel, kein Regen und nur schwacher Wind ließen nicht erahnen, welche Katastrophe wenige Stunden später über Salcedo hereinbrechen würde. Die Bewohner fanden sich daher nur langsam in den Evakuierungszentren ein. Sie alle gingen bis dahin von Regen und Wind aus. Die Warnung vor einer Sturmflut erreichte Major Mergal erst kurz bevor Yolanda auf die Ostküste traf. Er reagierte schnell, warnte seine Bürger über Facebook und Twitter vor den Wellen. Doch hier kamen zwei tragische Umstände zusammen. Zum einen haben die Menschen in den Fischerdörfern an der Küste kein Netz und konnten diese kurzfristige Nachricht nicht mehr rechtzeitig empfangen. Zum anderen ist der Begriff der Sturmflut im philippinischen Sprachgebrauch nicht gängig, so dass die Menschen schlichtweg nicht verstanden, was er ihnen sagen wollte.

Lagebesprechung Foto: Kidlat de Guia

Lagebesprechung. Foto: Kidlat de Guia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Um 4 Uhr morgens erreichte Yolanda mit über 300km/h die Küste und wütete über 3 Stunden. Major Mergal machte sich noch während des Taifuns zu Fuß auf den Weg, um die Küstenbewohner vor der Sturmflut zu warnen. „Er lief durch den Ort während Trümmerteile durch die Luft flogen“, erzählt Patricia Quirante Birongoy, eine gute Bekannte des Bürgermeisters uns. Doch die drei Wellen hatten zu diesem Zeitpunkt die Küstenorte Jagnaya und Asgad bereits erreicht. Die höchste Welle hatte etwa 10m, sie riss 29 Menschen mit in die Fluten. Ganze Häuserreihen wurden am Küstenstreifen weggeschwemmt. Verzweifelt versuchten die Menschen sich hinter den wenigen Steinmauern zu schützen oder banden sich und ihre Kinder an Kokospalmen, um nicht weggeweht zu werden.

Mit einem solchen Ausmaß hatte in Salcedo niemand gerechnet. Eine Woche nach dem Taifun bezeichnet Major Mergal seine Stadt als „Ground Zero“. Alle 5200 Haushalte sind zerstört oder beschädigt. Wo früher Kokospalmen grünten, sieht man kilometerweit nur verdorrte, abgeknickte Palmen. Strom, Benzin, Autos oder ausreichend Nahrungsmittel gibt es nicht. Die Ernten sind zerstört. Es wird Jahre dauern, bis Salcedo sich erholt hat. Die Kindernothilfe fängt hier deshalb sofort an: mit dem Wiederaufbau von 10 Kindertagesstätten, psychosozialer Betreuung für die Kinder sowie dem Aufbau von Schulen und Wohnhäusern. Damit die Menschen langfristig wieder selbst ein Einkommen haben, braucht es darüber hinaus neue Fischerboote.

 

Philippinen: Leben und Tod liegen manchmal nah beieinander

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Der kleine Ort Garawon im Landkreis Hernani wurde um 4 Uhr morgens von Taifun Yolanda getroffen. Im Unterschied zu dem benachbarten Landkreis Salcedo waren die Menschen hier schlechter vorbereitet. Warum? Ihr Bürgermeister kam erst am Tag zuvor zurück in die Kreisstadt Hernani und wurde selbst vom Unglück überrascht. Es war kaum noch Zeit, die Menschen zu warnen. Und erneut wurde auch hier nur von Wind und Regen, nicht aber von einer Sturmflut gesprochen. So schlief die siebenjährige Shila, als Yolanda sich näherte. Zuerst gab es starken Wind, gefolgt von kräftigem Regen. Dann schlugen drei riesige Sturmwellen erbarmungslos über das kleine Fischerdorf hinweg.

Shila wurde von den Wellen weggerissen und völlig von Schlamm bedeckt

„Bis zur Spitze der Kokospalmen ging die dritte und höchste Welle“, berichtet mir Myrna, 31 Jahre. Ich schaue hoch – das müssten etwa zehn Meter sein. Myrna wohnt in einem kleinen, aber vor dem Sturm sicher ansehnlichen Holzhaus mit Wellblechdach und einer kleiner Vorratskammer neben dem Eingang. Ihr Haus liegt unterhalb eines Hügels, so dass sich ihre Familie schnell in Sicherheit bringen konnte. Die Wellen spülten große Teile des Dorfes weg. 157 Familien verloren ihr Hab und Gut, neun Menschen starben. Auch Shila wurde von den Wellen weggerissen und völlig von Schlamm bedeckt. Nur zufällig erkannte ihr Vater sie am T-Shirt, als er versuchte, sich mit ihrem dreijährigen Bruder den kleinen Hügel hinauf zu retten. Sofort griff er nach ihr, befreite sie aus dem Schlamm. Drei Stunden waren da bereits vergangen, Shila war schon ganz blau angelaufen.

Doch jetzt steht sie vor mir, klein, zierlich und den Tränen nahe. Sie hat überlebt. Kratzer und Schnitte an Beinen, Armen und dem Rücken zeugen von dem Unglück. Ansonsten hat sie keine schwerwiegenden Verletzungen. Zumindest äußerlich. Innerlich wirkt sie völlig aufgelöst, leidet sehr unter den Erlebnissen der vergangenen Wochen. Sie braucht dringend psychosoziale Betreuung.

Während ich mit Shila spreche, nähert sich auch ihr Vater. Ob er nicht unglaublich erleichtert sei, dass er seine Tochter in letzter Minute retten konnte, frage ich ihn. „Natürlich“ sagt er, schaut jedoch betreten zu Boden. „Aber mein kleiner dreijähriger Sohn fiel vom Arm, während ich Shila ausgrub. Er ist ertrunken“. Mir fehlen die Worte. Leben und Tod liegen manchmal so nah beieinander.

Die Menschen brauchen schnellstmöglich psychosoziale Betreuung

Die Gespräche machen eines deutlich: In Ost-Samar haben sich unvorstellbare Szenen abgespielt. Es ist wichtig, dass wir hier schnellstmöglich psychosoziale Betreuung anbieten und mit dem Wiederaufbau beginnen. Zwei Mitarbeiter unseres Partners AMURT bleiben deshalb direkt vor Ort und beginnen mit der Arbeit. Schon in den nächsten Tagen werden sie in einem ersten Schritt Psychologen und Architekten anstellen und die Beschaffung von Baumaterialien klären. Nur so können wir Kindern wie Shila helfen, mit ihren Erlebnissen umzugehen. Gerade sie müssen eine Zukunft haben.

Philippinen: Neuanfang für Ost-Samar

Foto: Kidlat de Guia

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Taifun Yolanda (Haiyan) schlug zuerst an der Ostküste der Insel Samar auf. Es traf Guiuan, eine kleine quirlige Stadt mit rund 50.000 Einwohnern. Zahlreiche Kokospalmen säumen hier die Straße, Bars und Pubs beschallen abends mit Musik die Straße, und die Strände laden zum Verweilen ein. Zumindest erzählen mir die Einwohner, dass es früher so war. Seit Yolanda die Philippinen heimsuchte, ist alles anders. Der Supertaifun prallte mit 300km/h auf und wehte die Stadt buchstäblich weg. Zurück bleiben riesige Trümmerberge, geisterhafte Straßen und tausende Menschen ohne Obdach. Mittlerweile rollt langsam die Hilfe an. Am Flughafen kommen täglich Hilfsgüter an, Nichtregierungsorganisationen tummeln sich und erste Hilfszentren werden eingerichtet.

Völlig vorbei geht dieser Rummel am Landkreis Salcedo, rund 20 km nördlich von Guiuan, sowie den weiter nördlich gelegenen Fischerdörfern. Zu Unrecht, denn die Ortschaften sind ebenso zerstört. Hilfsgüter kommen mittlerweile an, doch noch sind keine Planungen für den Wiederaufbau angelaufen und internationale Hilfe nicht in Sicht. Bürgermeister Melchior Mergal , der in seiner ersten Amtszeit kaum vor größeren Herausforderungen stehen könnte, macht aus der Situation in seiner Stadt keinen Hehl. „What you see is what you get“, erklärt er uns bemüht scherzhaft mit philippinischem Humor. Mehr als 5000 Familien haben hier alles verloren, 29 Todesopfer hat Yolanda gefordert. Trotz der enormen Belastung wirkt er sehr gut sortiert, hat die Daten und Fakten zu seinem Landkreis bereits übersichtlich zusammengefasst und steht uns Rede und Antwort. Bislang wurde Salcedo von Nichtregierungsorganisationen völlig vernachlässig, das wollen wir ändern.

Um mit der genauen Planung beginnen zu können, brauchen wir ein genaues Bild der Lage. Deshalb fahren wir die Küstenorte Jagnaya und Asgad ab, deren rund 160 Familien besonders hart getroffen wurden. In Begleitung des Beraters des Bürgermeisters, Ray Uzhmar C. Padir – genannt King Padit – nähern wir uns der Küste. „Der Strand war gesäumt mit Hütten, sie wurden alle weggeschwemmt“, erklärt Padit. Ich kann kaum glauben, dass hier Menschen wohnten, nichts deutet mehr darauf hin. Mit philippinischem Humor fährt er fort. „Wir verbieten den Neubau an dieser Stelle, viel zu gefährlich. Hier könnten besser Touristenzentren entstehen, die werden wenigstens schnell evakuiert.“ Dann weist er uns auf den nun frei geräumten Strand hin, „ein Geschenk des Sturms“ bezeichnet er ihn scherzhaft, schließlich ist der Blick auf den weißen Sandstrand nun nicht mehr durch Kokospalmen versperrt und so weiß wie jetzt war der Sand auch noch nie.

Foto: Kidlat de Guia

Beide Orte sind gänzlich zerstört, rund 45 Häuser müssen renoviert und 90 neu gebaut werden. Schulen und Kindergärten kommen hinzu. Von den Kindern lasse ich mir ihre neue Bleibe zeigen. In der Schule sind sie untergekommen. Als ich sie frage, wo sie schlafen, deuten sie verlegen auf den Boden. Decken und Matratzen gibt es nicht. Ob sie wieder zur Schule gehen wollen, frage ich sie. Ein lautes „Ja“ hallt mir entgegen. Den Kindern merkt man das Trauma der letzten Wochen an. Viele haben Verwandte verloren oder sind selbst verletzt worden. Sie alle brauchen psychosoziale Betreuung, um die Erlebnisse zu verarbeiten.Nach dem Besuch der einzelnen Dörfer ist schnell klar: Wir werden helfen. Die entlegenen Gebiete rund um Salcedo sollen nicht länger von internationaler Hilfe vernachlässigt werden. Gemeinsam mit unserem Partner AMURT bauen wir in den nächsten Wochen 10 Kindertagesstätten wieder auf, stellen umfassende psychologische Betreuung für die Kinder sicher und bauen langfristig auch Schulen und Häuser auf. Darüber hinaus brauchen die Dörfer neue Fischerboote, sonst wird es ihnen unmöglich bleiben, ein Einkommen zu erzielen.