„Morgens lernen, nachts betteln“: Straßenkinder in Jakarta

Indonesien boomt. Aber in Jakarta leiden tausende Mädchen und Jungen. Sie leben auf der Straße – freiwillig oder gezwungen, auf jeden Fall aber gefährdet und im Stich gelassen. Unsere Partnerorganisation KDM kümmert sich seit 1972 um diese Mädchen und Jungen. Dieser Beitrag stammt von unserer Korrespondentin Jenifer Girke, einer freien Journalistin aus Berlin, die eine Woche lang unsere Partnerorganisation in Jakarta begleitet hat.

Maruli hat als kleiner Junge seine Familie verloren und ist auf der Straße aufgewachsen. Doch dann bekam er die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Heute ist er ein selbstbewusster junger Mann.

Maruli hat als kleiner Junge seine Familie verloren und ist auf der Straße aufgewachsen. Doch dann bekam er die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Heute ist er ein selbstbewusster junger Mann.

Maruli verliert seine Familie

Marulis Vater hatte einen kleinen Marktstand in Jakarta. Er und sein Bruder gingen regelmäßig mit, mussten um Geld betteln, Menschen bestehlen oder stundenlang für Passanten singen. Eines Tages verlief sich Maruli im Trubel des Markttreibens. Er irrte stundenlang umher, weinte, geriet in Panik und schrie nach seinem Vater. Doch er fand ihn nicht. Nie weder. Das war das letzte Mal in Marulis Leben, dass er seine Familie gesehen hatte. Als „heimatloses, verlorenes Straßenkind“ zog er für Jahre von Stadtteil zu Stadtteil, lebte bei fremden Leuten „zu Hause“ oder mit anderen Jungs in den Gassen, bis er schließlich bei unserer Partnerorganisation Kampus Diakonia Modern (KDM) landete.

Obwohl er dort alles hatte, was er brauchte, lief er fünf Mal davon, um bei seinen Freunden auf der Straße zu sein. „Bei KDM wurde mir immer bewusst, dass ich keine Familie habe. Die meisten Kinder dort kamen aus schlechten Familien, aber sie kannten ihre Eltern wenigstens noch und wussten, wo sie wohnen.“ Maruli aber kann sich bis heute nicht einmal an den Namen seiner Eltern erinnern. Als Teenager war er oft frustriert darüber. Umso mehr bedeutet es dem 20-Jährigen zu wissen, wo er heute hingehört.

Endlich ein Zuhause

Maruli ist erfolgreicher Absolvent aller drei indonesischen Schulabschlüsse. Wer das schafft, hat Aussicht auf attraktive Arbeitsstellen oder kann sich an Universitäten bewerben. Maruli ist seit einem Jahr fest in einem Café angestellt. Hier arbeitet der 20-Jährige nicht nur, für ihn ist das Café sein Leben: „Elise und Jo, die Inhaber des Cafés sind keine gewöhnlichen Chefs. Ich wohne bei ihnen, wir kochen, essen, leben gemeinsam, sie kümmern sich um mich und ich baue das Café mit ihnen auf. Sie sind meine Familie geworden.“ Heute hat Maruli endlich eine Familie, die ihn liebt und die er nie wieder vergessen wird. „Hier werde ich sicherlich nicht weglaufen“, sagt er schmunzelnd.

Maruli in der Küche des Cafés Dulce, in dem er nicht nur Arbeit, sondern auch eine Familie gefunden hat

Maruli in der Küche des Cafés Dulce, in dem er nicht nur Arbeit, sondern auch eine Familie gefunden hat

Es geht ums Überleben

Maruli ist nur ein Schicksal von vielen. Mittlerweile hat sich die Situation der Straßenkinder allerdings geändert. Die Stadt Jakarta startete mit Unterstützung von KDM und anderen Organisationen mehrere Kampagnen wie etwa „Stop giving money“ („Hört auf, Geld zu geben“). Damit soll verhindert werden, dass Eltern ihre bettelnden Kinder als lukrative Verdienstquelle ansehen. Trotzdem leben immer noch viele Mädchen und Jungen auf der Straße – teils auch, weil sie es zuhause nicht mehr aushalten. Dass Straßenkinder zum Alltag gehören, ist vor allem ein kulturelles Problem.

„Es gibt hier in Jakarta eine Reihe von Einrichtungen, die es dulden, wenn Kinder auf die Straße gehen, solange sie auch zur Schule gehen“, schimpft Sotar Sinaga, der 2009 als junger Lehrer zu KDM kam und heute unsere Partnerorganisation leitet. „Morgens lernen, nachts betteln! KDM macht da nicht mit – die Straße ist und bleibt lebensgefährlich. Es geht um das Überleben und um die Zukunft dieser Kinder!“

Fußball als Türöffner

Die Aufgaben- und Wirkungsbereiche von Nichtregierungsorganisationen in Jakarta ändern sich. Momentan erreicht KDM fast 400 Straßenkinder in der indonesischen Hauptstadt, hauptsächlich durch die Bildungseinrichtung, Workshops und Sportprojekte wie Fußballspielen. Statistisch gesehen sinkt zwar die Zahl der Straßenkinder in Jakarta, doch dafür steigt sie in umliegenden Städten, die sich direkt an die Metropole anschließen, etwa Bekasi oder Bogor. Diese Orte wachsen, die Bevölkerung steigt, der soziale Druck und neu entstehende Infrastrukturen schaffen die Bedingungen dafür, dass sich das Problem lediglich verlagert.

Auch die Strategien, wie man Straßenkinder anspricht und ihr Vertrauen gewinnt, müssen stets neu überdacht werden. Das Angebot einer Dusche oder einer warmen Mahlzeit reicht oft nicht mehr aus: „Das, was jeder liebt, ist Fußball. Letztlich sind das Kinder, die Spaß haben wollen. Mit unseren Coaches und Fußballprojekten erreichen wir die meisten von ihnen,“ erklärt Sinaga. Das merkt man auch, wenn man mit KDM-Kindern spricht: Mehr als jeder zweite Junge hat den Traum, einmal Fußballspieler zu werden. „Das ist zwar toll, aber sie könnten sich auch wünschen, Arzt, Richter oder Manager zu werden. Das kennen sie aber nicht. Sie kennen nur die Straße und durch unsere Arbeit auch Fußball. Das zeigt, wie wenig sich die Kinder zutrauen.“

Selbstvertrauen lernen

Genau das ist ein zentraler Baustein bei KDM. Hier lernen die Kinder vor allem eines kennen: sich selbst – und alle Gaben, Interessen und Fähigkeiten, die sie haben. Viele der Schützlinge erzählen, wie überrascht sie waren, als sie das erste Mal ein Bild gezeichnet haben und es gar nicht so schlecht aussah oder als sie ihren ersten Kuchen gebacken haben, der sogar richtig lecker schmeckte. In der Küche zu arbeiten, in einem Restaurant oder Café, ist nicht banal oder eine niedere Beschäftigung, wie oft behauptet wird.

Sotar Sinaga, der Leiter unseres Projektpartners, freut sich, dass es für Maruli wieder eine Zukunft gibt.

Sotar Sinaga, der Leiter unseres Projektpartners, freut sich, dass es für Maruli wieder eine Zukunft gibt.

„Du kannst beim Backen nicht das Ei vor dem Zucker mit dem Mehl vermischen und du solltest genau die Zeit im Blick haben und wissen, wie lange dein Kuchen oder Braten schon im Ofen ist“, betont Sinaga. „In der Küche lernen unsere Kinder ganz wichtige Grundlagen ihres Verhaltens: Geduld, Genauigkeit, Verantwortung, Konzentration. Und am Ende sind sie total stolz, weil sie ein Erfolgserlebnis haben – das sie sogar essen und genießen können“.

Die Eltern ins Boot holen

Das Wissen aus ihrer langjährigen Arbeit möchte KDM mit anderen Organisationen teilen. Die Mitarbeiter reisen dafür zu über zehn verschiedenen Inseln in ganz Indonesien, um dort über Kindesmissbrauch und Kindesschutz zu sprechen. Ein Problem, mit dem sie dabei immer wieder konfrontiert werden, ist die Uneinsichtigkeit der Eltern. Viele Eltern betrachten eine strenge Erziehung als Teil ihrer Kultur. Sie schlagen und misshandeln ihre Kinder, ohne sich irgendeiner Schuld bewusst zu sein. Die meisten kämen niemals auf die Idee, ihre Kinder zur Schule zu schicken – dort können sie ja kein Geld verdienen.

Um sich für das Thema stark zu machen, schickte KDM einen ihrer Schützlinge, die sechzehnjährige Nanda, als Repräsentantin zum Gipfel der zehn einflussreichsten Nationen Südostasiens (ASEAN) auf die Philippinen. „Ich habe denen ganz klar gesagt, dass das Problem die Eltern sind. Und dass sie härter arbeiten müssen, dass sie überhaupt arbeiten müssen, denn dann können sie Geld verdienen und sich um die Familie kümmern, die sie ja auch selbst gegründet haben, und wir Kinder müssten nicht mehr auf die Straße“, sagt der Teenager mit kräftiger Stimme und Überzeugung.

Uni-Lernstoff Kindernothilfe

Architekturstudenten in Chile beschäftigen sich mit dem Wiederaufbauprogramm der Kindernothilfe in Haiti

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide - fertigstellt im Oktober 2013.

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide – fertigstellt im Oktober 2013.

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Ungewöhnlicher Lehrstoff: Die Studierenden am Institut für Architektur an der Universität von Valparaíso beschäftigten sich am 14. November im Rahmen einer Gastvorlesung mit den Kindernothilfe-Lernerfahrungen beim Wiederaufbau- bzw. dem Neubau von Schulen, die bei der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti zerstört worden waren. Unter der Überschrift „Humanitäre Krisen und Architektur“ ging es bei der Festveranstaltung zum 60. Jubiläum des Instituts für Architektur an der Universität von Valparaíso im vollbesetzten Audimax der Fakultät für Architektur in Playa Ancha um die ganz unterschiedlichen Strategien, Prozesse, technischen und logistischen Herausforderungen – etwa bei der Neuerrichtung sehr großer Schulen wie der École Saint-François de Sales in Rivière Froide bei Carrefour (1.400 Kinder) oder dem Collège Véréna in Delmás (1.600 Kinder) – im Vergleich mit dem ganz anders organisierten Wiederaufbauprogramm für die sechs bei dem Erdbeben zerstörten Schulen in den extrem unzugänglichen Gebirgsdörfern südlich von Carrefour.

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Die engen Bezüge zu Chile waren von Anfang an ein besonderes Merkmal dieses anspruchsvollen Wiederaufbauprogramms gewesen: Mit dem jungen chilenischen Architekten Alvaro Arriagada aus Santiago de Chile hatte die Kindernothilfe einen engagierten Experten für erdbebensicheres Bauen gefunden, der sich mit viel Enthusiasmus auf den Kindernothilfe-Ansatz einließ, Kinder und Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, aber auch die Menschen in den Communities rund um die jeweiligen Projekte, ganz intensiv in die Planungen und die Umsetzung der insgesamt 13 zwischen 2010 und 2016 realisierten Bauvorhaben einzubeziehen. Und mit einem Geologenteam der Universidad de Chile, das im Auftrag der Kindernothilfe die komplexen geomorphologischen Untersuchungen vornahm, die den Fundament-Ausschachtungen für die Saint-François de Sales-Schule der Kleinen Schwestern in Rivière Froide vorgeschaltet werden mussten, gab es dann auch noch einen zweiten professionellen Bezug in das Andenland.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle - auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle – auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Wie wichtig gerade in Humanitären Krisen- und Extremsituationen – wie nach dem verheerenden Erdbeben 2010 in Haiti, bei dem (so der heutige Forschungsstand) wohl um die 316.000 Menschen ums Leben gekommen waren, aber auch bei Katastrophen, wie sie die Menschen in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas in den zurückliegenden Jahren in schneller Abfolge erlebt hatten – ein rechtsbasierter Arbeitsansatz ist, also die konsequente Einbeziehung und Mitwirkung der mit dem jeweiligen Projekt in Verbindung stehenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, aber auch der Aspekt des inklusiven Bauens (der Berücksichtigung der Rechte von Kindern mit Behinderungen), war eines der Kernthemen dieser Uni-Veranstaltung in Playa Ancha. In den internationalen Konventionen, die sich mit Regeln für Humanitäre Hilfe-Einsätze beschäftigen, müssten – so eine der Forderungen aus der anschließenden Diskussion mit den Studierenden – das bedingungslose (Menschen)-Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung noch viel pointierter und konsequenter herausgearbeitet werden, um entsprechend der Prinzipien des do-no-harm-Ansatzes (der Forderung, dass Humanitäre Hilfe-Interventionen „keinen Schaden anrichten“ bzw. dank einer konfliktsensiblen Planung und Durchführung zumindest nicht zur Vergrößerung von entstandenen Problemen und Notsituationen beitragen) zu arbeiten. Für ihr eigenes Curriculum bei der Ausbildung zu Architektinnen und Architekten wünschten sich die Studierenden der Universidad de Valparaíso eine viel intensivere Beschäftigung mit all den Fragen rund um Architektur und Menschenrechte.

Das Kindernothilfe-Engagement nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti war der bislang größte humanitäre Einsatz in der Kindernothilfe-Geschichte gewesen. Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince sowie in das Lehrerfortbildungs- und das Selbsthilfe-Gruppen-Programm der Kindernothilfe in dem Karbikstaat. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet. Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase nach dem Erdbeben im Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschul-Traktes des Collège Véréna in Delmás.

Musik als Lebenschance: Zehn Jugendliche aus der Escuela Popular de Artes auf Europa-Tournee

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
30. Oktober 2017

Minutenlanger stehender Applaus, ein fasziniertes, völlig begeistertes Publikum im Echternacher Konzerthaus Trifolion: Für die zehn jungen Musikerinnen und Musiker aus der Escuela Popular de Artes (EPA), dem langjährigen Partnerprojekt der Kindernothilfe aus Achupallas, einem Armenviertel oberhalb der chilenischen Küstenstadt Viña del Mar, war dieser Auftritt am 28. Oktober der denkwürdige Höhepunkt einer intensiven, vierzehntägigen Reise durch Deutschland und Luxemburg.

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Schon bei ihrem Einzug in das bis auf den letzten Platz besetzte Trifolion – mit Zampoñas und einem fetzigen, andinen Pasacalle – machten die zehn Jugendlichen, die zusammen mit zwei ihrer Lehrer als Botschafterinnen und Botschafter ihres vor mittlerweile fast 20 Jahren, 1998, gegründeten Musik- und Kulturprojektes nach Europa gekommen waren, deutlich, um was es ihnen an diesem Abend ging: Sie wollten mit ihrer musikalischen Power anstecken, ihr Publikum überzeugen, dass das für dieses Konzert und ihre Tournee gewählte Leitmotiv „Musik als Lebenschance“ längst Realität ist.

Die Musikerinnen von Salut Salon - auf dem Bild Angelika Bachmann - haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Die Musikerinnen von Salut Salon – auf dem Bild Angelika Bachmann – haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Vor 13 Jahren, im September 2004, war zuletzt eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus der EPA auf einer Konzertreise in Europa gewesen, damals unter anderem mit Unterstützung des Deutschen Musikrates und der Musikerinnen des Hamburger Ensembles Salut Salon, die bis heute zu den wichtigsten und engagiertesten Förderinnen dieses chilenischen Kultur- und Sozial-Projektes gehören. Unter anderem hatte es im September 2004, organisiert von der Kindernothilfe, auch einen großen Konzertauftritt in Duisburg gegeben.

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Inzwischen ist es längst eine neue Generation von Kindern und Jugendlichen aus Achupallas und anderen Armenvierteln rund um Viña, die den Staffelstab aufgenommen hat. Musikalisch hat sich das EPA-Projekt – das wurde bei dem Konzert im Echternacher Trifolion deutlich – in diesen Jahren eindrucksvoll weiterentwickelt. Im Mittelpunkt des fulminanten Auftritts der Jugendlichen, die sich selbst Orquestra Latinoamericana Escuela Popular de Artes nennen, stand am 28. Oktober eine musikalische Tour d’Horizon durch Lateinamerika und die Karibik mit Tangos aus Argentinien, einer Cueca aus Chile, Cumbia-Rhythmen aus Kolumbien, andiner Musik vom Altiplano, Latin Rock und schließlich afrokubanischem Jazz aus Kuba.

Der Höhepunkt: Violetas Parras Lied Gracias a la Vida (1966) unter Mitwirkung der beiden Gründer der Escuela Popular de Artes, Michaela Weyand und Eduardo Cisternas, die heute in Deutschland leben und das Projekt von Wissen im Westerwald aus unterstützen sowie von über 50 engagierten Jugendlichen aus der regionalen Musikschule von Echternach und des luxemburgischen Conservatoire du Nord aus Ettelbrück.

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d'Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d’Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Ermöglicht wurde dieser denkwürdige Benefiz-Event zugunsten der Escuela Popular de Artes im Konzerthaus von Echternach durch die rührige luxemburgische Lateinamerika-Initiative Niños de la Tierra aus Bettembourg, die das EPA-Projekt seit seiner Gründung auch über manche Durststrecken hinweg unterstützt und – zusammen mit der Kindernothilfe – 2004/2005 einen erheblichen Teil der Mittel für den Neubau des Musikschulgebäudes in Achupallas aufgebracht hatte.

Auch der chilenische Staat engagiert sich – nach langen Kämpfen – mittlerweile finanziell, um die vielfältige Sozial-, Musik- und Kulturarbeit der EPA mit den jährlich über 150 Kindern und Jugendlichen aus Achupallas aufrechterhalten zu können. Aus der ursprünglichen Idee einer sozial integrativen Musikschule inmitten eines Armen- und Brennpunkt-Viertels ist längst eine Kulturinitiative geworden, die weit über den Stadtteil hinaus ausstrahlt – und nicht nur den an den Kursen mitwirkenden Kindern, ihren Familien und Nachbarn Perspektiven, Teilhabemöglichkeiten und Selbstbewusstsein gibt – sondern auch dazu beigetragen hat, das Image von Achupallas nachdrücklich zu verändern.

Dabei war, und auch das machte dieser Konzertabend in Echternach deutlich, die Strategie, Kinder und Jugendliche aus einem chilenischen Armenviertel für Musik zu begeistern, von Anfang an immer auch ausgesprochen politisch, ein „Akt des Widerstands“, wie es Marco Hoffmann, der Präsident von Niños de la Tierra, in seiner Begrüßungsrede auf den Punkt brachte. Viele neue Freunde und weitere Mitstreiter haben die jungen Musikerinnen und Musiker aus Achupallas mit ihrem grandiosen Auftritt auf alle Fälle gewonnen.

60 Jahre „La Victoria“ – ein geschichtsträchtiger Ort feiert Jubiläum

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
1. November 2017

Dieses Jubiläum hat auch mit der Kindernothilfe und der Geschichte der Kindernothilfe-Chile-Arbeit zu tun! Die emblematische Armenviertel-Siedlung „La Victoria“ an der Südperipherie des Stadtzentrums von Santiago de Chile in der heutigen Kommune Pedro Aguirre Cerda feierte am 30. Oktober ihren 60. Gründungstag.

La Victoria ist zusammen mit Agüita de la Perdíz in Concepción (wo Kindernothilfe ebenfalls engagiert ist), die älteste Armenviertelsiedlung Lateinamerikas, die aus einer toma, einer organisierten Landbesetzung durch wohnungslose Familien, hervorgegangen ist. Im Morgengrauen des 30. Oktober 1957 hatten die ersten pobladores (wie man in Chile Armenviertelbewohner nennt), Brachland im Sektor Chacra de Fería mit ihren Zelten und mitgebrachten Habseligkeiten in Beschlag genommen und dort als Zeichen dafür, dass sie durch ihre Aktion vom Staat ihr Recht auf menschenwürdiges Wohnen einfordern, die chilenische Flagge gehisst.

Die pobladores von La Victoria gingen mit ihrem Engagement und ihrer von langer Hand vorbereiteten Landbesetzung in die sozialwissenschaftliche Literatur Lateinamerikas ein. Victor Jara, der unvergessene chilenische Liedermacher und vom Pinochet-Regime ermordete Kulturaktivist, hat die Geschichte von La Victoria und den Überlebenskampf seiner Bewohner in seinen Liedern besungen. Während der Zeit der Diktatur (1973-1990) war dieser Ort immer auch ein geographisches und politisches Zentrum des Widerstands und der Versuche, zumindest auf lokaler Ebene demokratische Freiräume am Leben zu erhalten. Einer der Armenviertelpriester aus La Victoria, André Jarlán, bezahlte dieses Engagement mit seinem Leben. Er starb am 4. September 1984 bei einer Polizeiaktion in La Victoria durch eine – angeblich verirrte – Kugel aus der Dienstwaffe eines Carabiñero.

Seit Anfang der achtziger Jahre engagieren sich die Kindernothilfe und ihre chilenische Partnerorganisation, die Fundación ANIDE, in Kooperation mit der örtlichen katholischen Kirchengemeinde, um die Arbeit des gleichnamigen Kinder-, Jugend- und Stadtteilprojekt Nuestra Señora de la Victoria (Projektnummer 92010) zu ermöglichen. Heute ist dieses Zentrum mit seiner engagierten Arbeit einer der wichtigsten Orte in La Victoria, um der wachsenden Gewalt im Stadtteil entgegen zutreten.

In den zurückliegenden Jahren kamen zudem erhebliche neue Herausforderungen auf das traditionsreiche Armenviertel und seine Bewohner zu: An kaum einem anderen Ort in Santiago war der Zuzug von Familien aus Haiti, die nach dem Erdbeben vom Januar 2010 und im Gefolge der anhaltenden Hunger- und Politik-Krisen in den Karibikstaat Zuflucht in Chile gesucht haben, so groß wie in La Victoria. Die Aufnahme dieser Neu-Hinzugekommenen organisierten die Nachbarschaftsorganisationen und das Nuestra Señora de la Victoria-Projektteam in bewährter Manier: unaufgeregt und mit viel Erfahrung beim Bohren dicker Bretter.

Swasiland: Auch nach dem Ende der Dürre hungern Menschen

Ende Juli besuchte Enock Dlamini, Direktor unserer swasiländischen Partnerorganisation ACAT, unsere Geschäftsstelle und berichtete über die aktuelle Situation nach der Dürre.

„Die verheerende Dürre vom vergangenen Jahr wurde durch den Zyklon Dineo im Februar gemildert, aber noch immer hungern Menschen“, berichtete Enock Dlamini. „Die Regierung hat ihre Soforthilfe Ende Juni gestoppt – wir aber kümmern uns nach wie vor um Kinder. Bei der Notversorgung mit Lebensmitteln werden die Belange der Kinder oft vergessen. So bekommen Familien z. B. als Soforthilfe einen Sack Mais. Sie essen dann tagelang nur Mais – das führt aber bei Kindern zu Mangelerscheinungen.“

ACAT hat in den Dürregebieten kleine Nachbarschaftskindergärten, sogenannte Neighbourhood Care Points (NCPs), mit Mais, Bohnen und Öl versorgt. Sie werden von Freiwilligen aus der Ortsgemeinde betrieben. 3.000 Kinder, meist Aidswaisen, konnte ACAT auf diese Weise mit einer Mahlzeit am Tag versorgen. Frauen aus der Umgebung bereiten hier abwechselnd das Essen zu, ehrenamtlich. „Für viele Waisen sind sie ein Mutterersatz, denn sie geben ihnen Essen und Liebe“, so Enock Dlamini. „Die Unterstützung der NCPs werden wir fortführen. Die bedürftigen Familien, die wir während der Dürrekatastrophe betreut haben, konnten wir mit den Entwicklungsprogrammen von ACAT vernetzen, so dass sie jetzt die Chance haben, aus der Armut herauszukommen.“

Der Mais in der Badewanne

Um die Lebensmittelknappheit vor allem in den niedrig gelegenen Landesteilen zu stoppen, leitet ACAT die Menschen an, kleine Gärten anzulegen. „Das geht selbst in der Stadt!“ Enock Dlamini zeigte Fotos von einer alten Badewanne, in der meterhoher Mais wächst, und von Autoreifen gefüllt mit Erde, die als Gemüsebeet dienen. Dunkelgrüne Regentonnen aus Plastik oder selbst gemauerte aus Beton fangen das Regenwasser auf, Abwässer vom Kochen eignen sich ebenfalls zum Bewässern.

Die Wetterprognosen für Swasiland machen Mut – Enock Dlamini: „Es soll besser werden als im vergangenen Jahr.“

Volontäre als Aidsaufklärer

Swasiland hat weltweit die höchste HIV-Infektionsrate (28,8 Prozent der 1,3 Millionen Einwohner), und die Menschen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von gerade mal 49 Jahren. „Ich frage einen Jugendlichen nie: Lebst du bei einen Eltern?“, sagte Enock Dlamini. „Die Gefahr ist groß, dass die Eltern des Jugendlichen tot sind und er weinend zusammenbricht.“ ACAT schult freiwillige Helfer, die von Dorf zu Dorf gehen, die Bevölkerung über die Krankheit aufklären und zeigen, wie sie Erkrankte und ihre Angehörigen betreuen können.

Mehr zu unserer Arbeit in Swasiland

Im Kindernothilfe-Trikot durch die Anden

Ecuador: Im Kindernothilfe-Trikot durch die Anden

Ecuador: Das Kindernothilfe-Trikot im Einsatz

Im Berufsleben koordiniert Mauricio Bonifaz unsere Projekte in Ecuador. Doch auch sonst ist er für uns unterwegs – als begeisterter Mountainbiker im orangenen Kindernothilfe-Trikot…

Die Tour de France ist in vollem Gange, und im fernen Ecuador haben sicher auch Mauricio Bonifaz und seine Freunde Paúl Cajas und Gabriel Cádenas die Fernseher eingeschaltet, um live dabei zu sein. Sie wissen nur zu gut, was die Radrennfahrer leisten, schließlich fahren sie selber Rennen – als Amateur-Mountainbiker. In ihrem Fall gibt es jedoch eine Besonderheit: Wenn sie im Sattel sitzen, fährt die Kindernothilfe immer mit.

Erst kürzlich haben sie sich neue Kindernothilfe-Trikots zugelegt, in strahlendem Orange und Himmelblau. Die hatten sie auch beim letzten Rennen an, das bis zum Vulkan Chimborazo führte. Dass das kein Spaziergang war, zeigen allein schon die Fotos. Im Bericht von Mauricio hört sich das so an:

„Dieses Rennen – es gilt als das schwerste in ganz Ecuador – war SPEKTAKULÄR! Es ging 39 Kilometer immer nur hoch, hoch, hoch auf das Andenhochland. Am Ende waren wir in den Ausläufern des Chimborazo, 4.830 Meter über dem Meeresspiegel. Dort bleibt einem leicht die Luft weg, nicht nur wegen der Anstrengung, sondern weil sie so dünn ist. Wir haben fast täglich für dieses Rennen trainiert, und trotzdem hatte ich auf der Hälfte der Strecke eine Schwächephase, die uns einige Plätze gekostet hat. Schließlich haben wir es jedoch geschafft, in drei Stunden und 48 Minuten voller Schweiß und Schmerzen.“

Ecuador: Das Trikot ist die Botschaft

Das Trikot ist die Botschaft beim schwersten Rennen des Landes

Seit vier Jahren in den Kindernothilfefarben

Schon 2001 entdeckte Mauricio seine Leidenschaft für den Mountainbike-Sport, nachdem er sich vorher eher für Leichtathletik begeistert hatte. Warum er sich die Rennstrapazen antut? Weil er es liebt, die eigenen körperlichen und mentalen Grenzen zu überschreiten. 1.900 positive Höhenmeter misst die – übrigens neu abgesteckte – Rennstrecke auf den Chimborazo. Die Zahl markiert die Summe der Anstiege auf der gesamten Distanz – nur dass die Höhendifferenz in diesem Fall fast an einem Stück bewältigt werden muss! Das macht die Leistung Mauricios und seiner beiden Renngefährten noch erstaunlicher.

Die Aufmerksamkeit, die sie als Radrennfahrer erhalten, nutzen sie für den guten Zweck. Seit vier Jahren fahren sie im Kindernothilfe-Trikot, die neue Version tragen sie mit besonderem Stolz. Es macht sie immer gut erkennbar – fast so gut wie das Gelbe Trikot der Tour de France.

Peru eineinhalb Monate nach den Regenfluten

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Kinder in den von der Katastrophe betroffenen Dörfern freuen sich über das Spielzeug, dass unser Partner ihnen mitgebracht hat.

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Kinder in den von der Katastrophe betroffenen Dörfern freuen sich über das Spielzeug, das unser Partner ihnen mitgebracht hat.

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Telefoninterview mit Carmen Alemán, Direktorin der peruanischen Kindernothilfe-Partnerorganisation APORTES, über die Lage im Norden des Landes und die von der Kindernothilfe finanzierte Humanitäre Hilfe

„Was sich hier abspielte, war für die Menschen in dieser Landschaft schlicht unvorstellbar! Niemand, auch nicht die ganz Alten, hatte jemals derartige Regenmassen und Überschwemmungen erlebt“: Carmen Alemán, die Direktorin der Kindernothilfe-Partnerorganisation APORTES, beschreibt die Lage in den Dörfern rund um die Kleinstadt Moro, 60 Kilometer östlich von Chimbote, in der Region Ancash, auch eineinhalb Monate nach den extremen Starkregenfällen immer noch als extrem prekär und angespannt. Aber sie schildert in diesem Telefoninterview auch Erfahrungen anrührender Solidarität der Betroffenen untereinander, die sie und das APORTES-Team vor Ort während ihrer Humanitäre-Hilfe-Einsätze in den zurückliegenden Wochen erlebten.

Mindestens 72 Menschen kamen durch Schlammlawinen und Erdrutsche im Gefolge der Überschwemmungen Mitte und Ende März in Peru ums Leben, 72.000 Personen verloren ihre Häuser und 600.000 weitere sind durch die Folgen der Katastrophe unmittelbar betroffen. Kindernothilfe stellte 75.000 Euro für Soforthilfe-Maßnahmen zur Verfügung.

Warum haben diese Regenfälle denn so verheerende Schäden angerichtet?

Carmen Alemán: Diese Landschaft im Norden Perus, entlang der Pazifikküste, ist normalerweise extrem trocken – es gibt nur ganz wenige Niederschläge. Bachläufe und Flussbetten führen so gut wie kein Wasser. Und es gibt wenig Vegetation. Wenn es regnet, nimmt die Erde keine Feuchtigkeit auf, das Wasser schießt ungebremst zu Tal. Durch die Klimaveränderungen – verstärkt durch das El Niño-Phänomen mit dem aufgeheizten Oberflächenwasser des Humboldt-Stroms – häufen sich extreme Wetterereignisse und entsprechende Katastrophen. Weder die Städte entlang der Küste – und schon gar nicht die kleinen Dörfer im Hinterland mit den Häusern aus Adobe (Lehmziegeln) – hielten diesen Wassermassen stand. Die Menschen in dieser Landschaft sind schlicht nicht auf Starkregen vorbereitet. Sie hatten gegenüber den unglaublichen Kräften der Wassermassen keine Chance.

Die Wassermassen haben die traditionellen Lehmziegelhäuser in den Dörfern einfach fortgespült.

Die Wassermassen haben die traditionellen Lehmziegelhäuser in den Dörfern einfach fortgespült.

Wie ist das APORTES-Team vorgegangen, um den Familien bei Moro beizustehen? Um warum konzentrierte sich dieser Humanitäre-Hilfe-Einsatz ausgerechnet auf diese Zone?

Carmen Alemán: Wir haben sehr schnell gesehen, dass sich – wie schon nach dem Erdbeben von Ica und Pisco damals im August 2007 – die Hilfsmaßnahmen der staatlichen Institutionen und vieler Nichtregierungsorganisationen vor allem auf die Städte fokussierten. Dort ist viel zu tun – das steht außer Frage –, aber Städte sind leicht erreichbar und dort gibt es auch viel Aufmerksamkeit und Medienberichterstattung. Die Orte im Hinterland geraten dabei oft ins Hintertreffen. Als APORTES-Team arbeiten wir nun schon seit einigen Jahren im Rahmen eines Projektes mit der Europäischen Union in den extrem armen ländlichen Zonen der Region Ancash. Sofort, als wir mitbekamen, was sich um Moro herum abgespielt hat, war uns klar, dass wir uns hier engagieren müssen. Das Problem während dieser entsetzlichen Tage Mitte März bestand darin, dass die meisten Orte durch Erdrutsche und Schlammlawinen von der Außenwelt abgeschnitten waren. Es gab keine Chance, zu den Menschen vorzudringen – Telefonleitungen existierten nicht und Handys hatten keine Verbindung mehr.

Und wie funktionierte denn dann die Kommunikation?

Carmen Alemán: Zusammen mit den Dorfgemeinschaften hatten wir seit zwei Jahren kleine Solar-Panels aufgestellt und Lokalradios aufgebaut. Über UKW-Frequenzen konnten uns die Ortsvorsteher, Lehrer und Leute aus den Organisationen vor Ort erreichen und darüber informieren, wie groß die Schäden sind und vor allem was fehlte. Über diese lokalen Strukturen identifizierten wir dann in 20 kleinen Dörfern – verteilt auf vier Täler – diejenigen 652 Familien, deren Adobe-Häuser eingestürzt oder stark beschädigt waren und die am dringendsten Hilfe benötigten. Alles in allem also rund 3.000 Personen.

Die bedürftigsten Familien auszuwählen war nicht leicht. Viele Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Die bedürftigsten Familien auszuwählen war nicht leicht. Viele Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Wie konnten diese Familien denn durch das APORTES-Team vor Ort erreicht werden?

Carmen Alemán: Das war die schwierigste logistische Herausforderung von allen. Die Wassermassen – sowie die Schlamm- und Gerölllawinen – hatten die Wege zerstört und viele Brücken weggerissen. Bis heute gibt es immer noch Orte, die mit Fahrzeugen nicht erreichbar sind. In einige Dörfer schafften wir es mit Vierradantrieb, in andere nur über die Berge mit Motorrädern – zum Teil auch mit Lastenmotorrädern, die uns halfen, Hilfsgüter zu transportieren. Und aus einigen Orten kamen die Frauen und Kinder zu Fuß zu den über Radio verabredeten Verteilstellen – zweieinhalb Stunden Fußmarsch hin, zweieinhalb Stunden zurück –, während die Männer zu Hause Schlamm und Geröll aus den Häusern schaufelten und versuchten, die Dächer zu reparieren.

Eine der vielen zerstörten Brücken im Überschwemmungsgebiet

Eine der vielen zerstörten Brücken im Überschwemmungsgebiet

Was brauchten die Menschen in dieser Situation denn am allerdringendsten?

Carmen Alemán: Genau das konnten wir am Radio mit den Verantwortlichen in den Dörfern besprechen. Sehr schnell wurde klar, dass es an unverderblichen Lebensmitteln fehlt, an Grundnahrungsmitteln, Milchpulver – aber dann vor allem auch an Hygieneartikeln wie Chlor, Seife, Waschpulver, Shampoo. Oder auch Trinkwasser in Fünfliter-Galonen. Viele Menschen berichteten uns, dass sie seit Tagen nur noch aufgefangenes Regenwasser getrunken hätten. In einer zweiten Verteilaktion, dann schon Ende März, Anfang April, konzentrierten wir uns auf Medikamente: Mittel gegen Durchfälle, Magen-Darm-Infektionen, gegen Hauterkrankungen im Gefolge der Arbeit im Schlamm und Wasser. Ganz wichtig war uns aber auch, bei jedem Besuch in einem der Dörfer immer auch Material für die Kinder dabei zu haben: Bälle zum Spielen, Hüpfseile, Malsachen. Das kam extrem gut an. Die Leute sagten uns: „Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken!“

Gerade den Kindern steckt der Schreck über das Erlebte noch in den Knochen. Das Spielzeug hilft ihnen, auf andere Gedanken zu kommen.

Gerade den Kindern steckt der Schreck über das Erlebte noch in den Knochen. Das Spielzeug hilft ihnen, auf andere Gedanken zu kommen.

Wie ging es den Kindern nach diesen dramatischen Wochen im März?

Carmen Alemán: Wir gewannen den Eindruck, dass viele Kinder noch unter Schock standen. Mädchen und Jungen erzählten uns, dass sie immer noch diesen schrecklichen Lärm der ins Tal schießenden Wassermassen im Ohr hätten, Geräusche, die dann entstehen, wenn Wasser Felsbrocken mit sich reißt und ganze Geröllhalden abstürzen. Die Mütter schilderten, dass die gesamte Familie aufschrecken würde, sobald es wieder zu regnen beginnt – und der Schreck über das Erlebte allen noch in den Knochen steckte. In einem der Dörfer haben die Menschen aus nächster Nähe miterlebt, wie ein Nachbar von den Fluten mitgerissen wurde und starb. Deswegen war es so wichtig zu spüren, wie gut es den Familien getan hat, die Kindernothilfe-APORTES-Hilfsaktion gemeinsam mit uns zu organisieren und bei der Verteilung einen entscheidenden Beitrag zu leisten.

Haben denn die Hilfsgüter für alle Betroffenen in diesen 20 kleinen Dörfern gereicht?

Carmen Alemán: Nein. Deswegen ist es in einer solchen Situation ja so entscheidend, dass uns die Menschen vor Ort helfen, diejenigen zu identifizieren, die am dringendsten Hilfe benötigen. Aber es hat uns alle vom APORTES-Team extrem berührt mitzuerleben, wie die Familien miteinander teilten, wenn die Hilfsgüter wirklich nicht ausreichten und wir die Lage deutlich desolater vorfanden als am Radio geschildert. Die Frauen schnürten einfach die von uns gepackten mitgebrachten 45 Pakete auf, machten aus einem kit zwei und sorgten so dafür, dass alle Familien etwas erhielten. Diese Solidarität innerhalb der Dorfgemeinschaft hat uns alle sehr beeindruckt.

Wie wird es jetzt in diesen kleinen Dörfern bei Moro weitergehen? Was hat sich APORTES überlegt?

Carmen Alemán: Wir müssen realistischerweise sagen, dass die Menschen in diesen Orten von den staatlichen Wiederaufbaumaßnahmen im Norden Perus nicht oder nur sehr wenig profitieren werden. Die Anstrengungen konzentrieren sich auf Städte und größere Kommunen. Es wäre aber schon ein Erfolg, wenn die politisch Verantwortlichen vor Ort erreichen könnten, dass die Wege mit schwerem Gerät freigeräumt, Brücken repariert und die beschädigten Gemeindeschulen instandgesetzt werden. Wir als APORTES-Team würden sehr gerne mit den Dorfgemeinschaften zusammenarbeiten, die am stärksten beschädigten Häuser wieder aufzubauen – und zwar so, dass die traditionelle Lehmziegelbauweise durch Zement verstärkt wird – und die zerstörten Dächer neu gedeckt werden können. Wir haben einen Architekten gefunden, der uns bei diesem Vorhaben unterstützt. Das wäre kein Riesenprogramm, weil ja alles in Eigenbau geschieht, aber eine große Hilfe, um den Familien wieder zu einem bewohnbaren Zuhause zu verhelfen.

Transport von Hilfsgütern über eine Behelfsbrücke. Die Einschränkungen durch die Zerstörungen sind immer noch groß.

Transport von Hilfsgütern über eine Behelfsbrücke. Die Einschränkungen durch die Zerstörungen sind immer noch groß.

(Die Fragen stellte Jürgen Schübelin.)

APORTES ist seit dem Jahr 2000 Kindernothilfe-Partner. Die Organisation hat sich u.a. auf ländliche Gemeinwesen-Entwicklungs-Programme, aber auch Initiativen zum Schutz von Kindern vor Gewalt spezialisiert. Carmen Alemán, die APORTES-Direktorin, ist gelernte Betriebswirtin und hat zusätzlich ein Master-Studium in Sozialentwicklung absolviert.

Indien: Raghu hat das Zeug zum Motorradmechaniker

Text und Foto: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe

Chennai, 28.01.2017

Dürr ist Raghu (Name geändert) und verschwitzt. Er muss sich anstrengen, er will alles richtig machen. Raghu ist in der Probezeit. Vier Wochen hat er, um den Chef zu überzeugen, dass er das Zeug zum Motorradmechaniker hat. Jetzt hockt er auf der Straße vor einem Motor, den er auseinandergenommen hat, und säubert die Teile mit Öl und einem Pinsel. Werkstatt, das bedeutet in Chennai, der Megametropole in Südindien, etwas anderes als in Duisburg oder Berlin. Hier ist es ein abschließbarer Lagerraum für Ersatzteile und Werkzeug an der Straße. Gearbeitet, auseinandergeschraubt, repariert und wieder zusammengesetzt wird auf dem staubigen Bürgersteig und der Straße davor. Es ist erst Januar, und doch ist es schon heiß. Ein stechender Geruch nach Öl und Urin liegt schwer über der Werkstatt und den angrenzenden Betrieben.

So unscheinbar die Werkstatt aussieht, der Besitzer hat es geschafft. Er hat ein kleines Haus, und seine beiden Töchter haben studiert. Nein, in der nächsten Generation müssen sie nicht mehr mit ihren Händen arbeiten. Aber er bildet aus, um jungen Leuten aus den Slums eine Chance zu geben. Der Werkstattbesitzer gehört zum Netzwerk der Kindernothilfe-Partnerorganisation Codiac. Codiac, gegründet und weiter inspiriert von dem inzwischen 85-jährigen Architekten, Bauherren und Kindernothilfe-Unterstützer J.S. Rajasingh, vermittelt Kinder aus armen Familien in Ausbildungsplätze. Die Organisation knüpft Verbindungen zu kleinen Firmen, wählt die Jugendlichen aus, gibt einen Zuschuss zum Ausbildungsgeld und später vielleicht einen Kredit für den Start in die Selbständigkeit. 40 Firmen machen mit, fast 100 Jugendliche befinden sich zurzeit in der Ausbildung. 4.200 waren es insgesamt in den letzten Jahren. Die meisten Ausbildungen sind informell, fast alle Absolventen werden später in ihren Ausbildungsfirmen angestellt oder finden eine andere gut bezahlte Beschäftigung. Raghu hat Glück, er hat sogar in einem staatlich anerkannten Lehrbetrieb angefangen.

Aber vor dem anerkannten Ausbildungszertifikat muss er erst einmal beweisen, dass er zuverlässig und pünktlich und den Anforderungen der Ausbildung gewachsen ist. „Das wird schon“, sagt er und lächelt. Die Maschinen mag er, Mechaniker werden wollte er schon lange. Mit dem ersten Motor hat es auch schon wirklich gut geklappt, er hat ein Gefühl dafür. Nach der Probezeit kommen zwei Jahre Ausbildung. Und dann, so plant er, die eigene Werkstatt und eine Frau und Kinder und ein kleines Haus. Das wäre dann schon eine ganze Menge für einen aus den Elendsvierteln von Chennai. Und Raghu will es schaffen.

„Die Kindernothilfe ist mir ein Herzensanliegen“

Von Gunhild Aiyub, Kindernothilfe-Redakteurin

Lüder Lüers gehört zu den letzten Zeitzeugen der Kindernothilfe-Gründung. Er hat mit unterschrieben, als der Verein ins Leben gerufen wurde. Damals ahnte er noch nicht, dass dies sein ganzes Leben umkrempeln würde. Aus der ehrenamtlichen Vorstandsarbeit wurde schließlich ein mehrjähriger 24-Stunden-Job in Indien. Lüder Lüers hat die frühen Jahre der Kindernothilfe entscheidend mit geprägt. Mit 90 Jahren blickt er zurück.

Auf dem Tisch stapeln sich Fotoalben mit Erinnerungen – manche noch schwarzweiß, teils etwas unscharf, andere in verblichenen Farbtönen. Exotische handgeschnitzte Figuren auf Regalen und in Schränken, Gemälde von fremdländischen Menschen und Landschaften an den Wänden erzählen von einer tiefen Verbundenheit ihres Besitzers vor allem mit der indischen Kultur. Lüder Lüers, Gründungsmitglied der Kindernothilfe und langjähriges Vorstandsmitglied, sitzt in seinem gemütlichen Wohnzimmer und erzählt von früher. Wie alles begann, mit der Kindernothilfe und der Arbeit in Indien. „Als 1959 von Duisburg aus die ersten fünf Patenschaften für Kinder in Indien vermittelt wurden, hatte ich mein eigenes Büro für Gartenbau und Landschaftsplanung und keine Ahnung, dass ich einmal etwas mit diesen Kindern zu tun haben würde.“

Patenschaftsvermittlung am Küchentisch

Die Patenschaften vermittelte damals ein anderer Duisburger, Karl Bornmann. Aufgrund seiner Hunger-Erfahrungen im 2. Weltkrieg wollte er Kindern in Indien helfen. „Aktion Hungernde“ nannte er seine ehrenamtliche Initiative. Die Zahl der Patenschaften wuchs, immer mehr Menschen in Duisburg wollten helfen. Die Arbeit in der Bornmannschen Wohnung uferte aus: Briefe, Berichte und Werbeblätter mussten verfasst und Geld verwaltet werden. Seine Kinder schwirrten per Fahrrad durch die Stadt, um die Post zu verteilen. Es war abzusehen, dass sich dringend etwas ändern musste.

„Im Juni 1960 war ich zum Abendessen bei einem Freund eingeladen“, erinnert sich Lüder Lüers. „Während er die Kinder zu Bett brachte und seine Frau in der Küche Bratkartoffeln machte, saß ich im Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag ein Prospekt von der Aktion Hungernde, in der für Patenschaften geworben wurde. Auf dem Titelblatt standen die Worte aus dem Matthäus-Evangelium, die auch die Kindernothilfe später als Leitworte gewählt hat: ‚Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan‘. Das hat mich direkt angesprochen; meine Familie war im Krieg aus dem Osten geflüchtet und hatte alles Hab und Gut verloren. Ich besuchte Karl Bornmann, und am Ende war ich nicht nur Pate, sondern auch noch Übersetzer. Nach und nach wurde ich immer mehr in die Arbeit eingebunden.“

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Die Gründung der Kindernothilfe

Die Arbeit der Aktion Hungernde weitete sich über Duisburg hinaus aus. Am 7. Januar 1961 verankerten Karl Bornmann, Lüder Lüers und vier weitere Herren ihre Tätigkeiten in einem größeren organisatorischen Rahmen: Sie gründeten den Verein „Kindernothilfe“. Lüers zeigt auf eines der Schwarzweiß-Fotos, die er auf dem Tisch ausgebreitet hat: Sechs ernste, in dunkle Anzüge und Krawatten gekleidete Männer, bis auf Lüers alle älteren Datums, blicken nachdenklich auf die Gründungsurkunde. „Im November 1962 wurde ich in den Vorstand der Kindernothilfe gewählt – ehrenamtlich, wie alle anderen auch. Die Sitzungen von Beirat und Vorstand fanden in Privatwohnungen statt. Es gab noch kein Büro, geschweige denn eine Geschäftsstelle. Die erste hauptamtliche Mitarbeiterin, Edith Brangs, hatte ihren Arbeitsplatz im Dachgeschoss der Druckerei Brendow in Ruhrort.“

„Wer geht denn jetzt nach Indien?“

Anfang 1963 beschloss der Kindernothilfe-Vorstand, dass es an der Zeit sei, in Indien nachschauen, ob die Gelder auch richtig eingesetzt wurden. Inzwischen verwaltete die Kindernothilfe 820 Patenschaften, davon 85 Prozent in Indien. Die beiden Vorstandsmitglieder Lüder Lüers und Adolf Kölle reisten sechs Wochen durch das Land. Vieles, was die Männer zu sehen bekamen, bewegte sie sehr. Manches, besonders die fachliche Ausbildung der Leiter und Mitarbeiter der Schülerwohnheime, in denen die Patenkinder untergebracht waren, war oft nicht überzeugend. „Nach unserer Rückkehr fragten wir uns im Vorstand: Wer geht denn jetzt nach Indien und ändert dort was? Irgendwann schauten alle mich an“, lacht Lüers. „Ich hatte mir die Frage auch schon gestellt, und ich sagte ja.“

Die Kindernothilfe war finanziell nicht in der Lage, einen Mitarbeiter nach Indien zu schicken und dort zu unterstützen. Lüers wurde schließlich über die Organisation „Dienste in Übersee“ als Entwicklungshelfer ausgesandt, um in einem ländlichen Entwicklungszentrum in Deenabandupuram Bewässerungsprojekte durchzuführen. In seiner Freizeit sollte er die Kindernothilfe-Projekte betreuen.

Alles hinzuschmeißen und für Jahre ins Ausland zu gehen, war damals noch ein größeres Wagnis als heute. Doch Lüers‘ Familie und Freunde reagierten positiv. Und auch Karl Bornmanns Tochter Ruth war nicht abgeschreckt, als Lüders Lüers ihr einen Heiratsantrag machte mit der wenig verlockenden Aussicht, mehrere Jahre in einem abgelegen ländlichen Gebiet leben zu müssen. Am 11. Juli 1965 reiste das Ehepaar nach Deenabandupuram, wo es sechs Jahre lang blieb. „Das war nicht einfach für meine junge Frau“, gibt Lüers zu. „Wir wohnten 120 Kilometer nordwestlich von Madras, in einem winzigen Dorf. Der nächste Ort war sieben Kilometer entfernt, wir mussten die Post jeden Tag mit dem Fahrrad dort abholen, es gab keine Zustellung bis zu uns.“

Büroarbeit bei 45 Grad im Schatten ohne Klimaanlage

Lüers reiste sehr viel herum. Er musste im Umkreis von 500 Kilometern 150 Bewässerungsbrunnen bauen. Darüber hinaus war er ständig auf Achse, um die Kindernothilfe-Projekte zu besuchen. „Anfangs ist meine Frau mit mir gefahren, bis sie schwanger wurde. Auch unser zweiter Sohn ist in Indien geboren. Unser Ältester sprach schon mit vier Jahren Tamil, Englisch und Deutsch. Er hat oft für mich übersetzt.“ 1967 eröffnete Lüers auf Bitten der Kindernothilfe in einem Raum seiner Wohnung ein Büro für die stetig wachsende Arbeit des Hilfswerks. „Unsere Mitarbeiter hatten ganz kleine Schreibtische, auf denen nur eine Schreibmaschine Platz hatte. Abends räumten sie die Tische an die Wand und rollten ihre Schlafmatten aus. Schlimm wurde es im Sommer. Wenn man bei 45 Grad im Schatten unter einem Ziegeldach sitzt, ohne Klimaanlage und Ventilatoren, dann läuft einem buchstäblich das Wasser den ganzen Körper herunter.“

Die Kindernothilfe nahm immer mehr Schülerwohnheime in ihr Hilfsprogramm auf. 1969 wurde ihre erste Partnerorganisation gegründet: „Church of South India – Council for Child Care“, Lüers wurde ihr Exekutiv-Sekretär. Das Problem mit den inkompetenten Heimleitungen löste er gemeinsam mit dem neuen Partner: Es wurden Fachdozenten berufen, um alle Leiter und Mitarbeiter in einer zweijährigen Ausbildung zu qualifizieren. Während der 90-Jährige erzählt, Schönes und Schwieriges, Daten, Namen, Orte nennt, als wäre es erst gestern gewesen, hört man eines immer wieder heraus: Er fühlte sich von Gott in diese Aufgabe berufen. Er, der aus einer nazitreuen Familie stammte, war irgendwann ausgebrochen aus dieser kranken Ideologie. Er war Christ geworden und hatte nur noch den Wunsch gehabt, sich für Jesus einzusetzen. Zum Beispiel, indem er dafür sorgte, dass indische  Kinder der Kastenlosen versorgt wurden mit Kleidung, Nahrung, Bildung und einem Dach über dem Kopf. „Und wenn es Probleme gab, hat Gott mir zum richtigen Zeitpunkt Menschen in den Weg gestellt hat, die wir brauchten.“
Lüder Lüers in einem Projekt für gehörgeschädigte Jungen

Immer die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt getroffen

Sein Buchhalter in Deenabandupuram erkrankte an Tuberkulose, und Lüers traf Hunderte Kilometer entfernt einen ihm bekannten Missionar, der nach einer neuen Aufgabe suchte und Buchprüfer war. Ein Presseartikel über das gehörgeschädigte Kindernothilfe-Patenkind von Ministerpräsident Johannes Rau führte dazu, dass der Rektor des Rheinisch-Westfälischen-Berufskollegs, eine der besten Berufsschulen für Hörgeschädigte in Deutschland, zwölf Jahre lang seinen Urlaub in Indien verbrachte und in den Spezialprojekten Lehrer für hörgeschädigte Kinder ausbildete. Einmal traf Lüers zufällig die englische Missionarin Gertrud Hughes, die seit 30 Jahren in Indien arbeitete. Beide waren tief betroffen über die vielen bettelnden, poliogeschädigten Kindern. „Uns wurde schlagartig klar: Wir müssen etwas tun, damit sie eine Schulausbildung bekommen. So ist das erste Polio-Heim in Kanchipuram entstanden. Das sprach sich sehr schnell rum, so dass wir Ende 1990 zwölf solcher Heime in verschiedenen Gebieten Südindiens hatten.“

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Nach sechs Jahren in Deenabandupuram blieben Lüers und seine Familie noch eineinhalb Jahre in Bangalore, wo er, finanziert von Dienste in Übersee, vollzeitlich für den indischen Kindernothilfe-Partner tätig war. Im Frühjahr 1973 kehrten sie nach Deutschland zurück. Die Kindernothilfe hatte inzwischen ihre eigene Geschäftsstelle in Duisburg-Buchholz bezogen, Projekte in weiteren Ländern waren hinzugekommen, die Zahl der Patenkinder belief sich auf rund 14.600. Lüder Lüers wurde stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Er knüpfte Kontakte zu Partnern in anderen Ländern und sorgte dafür, dass neue Projekte aufgenommen und die Arbeit immer weiter qualifiziert wurden. Ende Oktober 1991 ging er in Rente. Wenn man einen Verein gegründet und viele Jahre begleitet hat, hat man sicherlich ein ganz besonderes Verhältnis zu der Arbeit. Aber Lüers stellt klar: „Das ist nicht meine Kindernothilfe. Sie ist mir ein Herzensanliegen, aber sie hat das Recht und muss sich auch anders entwickeln als zu meiner Zeit.“

Erfolgreiche Patenschaften

Die Spuren vieler ehemaliger Patenkinder verfolgt er bis heute. Mit Stolz erzählt er die Geschichten, was aus diesem und jenem Kind geworden ist. Vor Jahren hat er wochenlang Indien und Äthiopien bereist und diese Geschichten aufgeschrieben. „Ein Mädchen aus einem Heim in Indien ist heute Ausbilderin für Krankenschwestern in London und finanziert ihre ganze Familie. Andere sind Dozenten und Professoren, Ärztinnen, Pfarrer, IT-Experten, Tischler, Schneiderinnen geworden. Sie können sich und ihre Familien ernähren und helfen jetzt ihrerseits vielen anderen Menschen. Ich wünsche der Kindernothilfe, dass sie ihrer Berufung treu bleibt und Not leidende Kinder und ihre Familien stark macht, damit sie ihre gottgegebene, menschengerechte Zukunft finden und die Hilfe, die sie selbst bekommen haben, weitergeben können.“

 

Tempelprostitution ist das falsche Wort

Text und Fotos: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe

Bangalore, 02.02.2017

„Tempelprostitution ist das falsche Wort dafür“, sagt David Selvaraj, der Gründer des Kindernothilfe-Partners Visthar, „Prostitution ist ein Geschäft, ein Austausch, in dem beide Seiten etwas geben und etwas nehmen. Devadasi, die Dienerinnen oder besser Sklavinnen Gottes, geben nur. Sie bekommen nichts für ihre Dienste.“ Natürlich sind Devadasi ursprünglich nicht für sexuelle Dienstleistungen dagewesen. Vielleicht muss man sich unter ihnen so etwas wie eine Kombination aus Nonne und klassischer Geisha vorstellen. Aber das waren die klassischen Zeiten, bevor die britischen Kolonialherren den indischen Königen und Fürsten ihre Macht und ihren Reichtum nahmen.

Devadasi werden in einer Tempelzeremonie feierlich einer Gottheit geweiht. Von da an gelten sie als verheiratet, als Ehefrauen der Gottheit. Zum Zeichen ihrer Verbindung tragen sie eine besondere Halskette und an den Zehen die Ringe der verheirateten Frau. Ihre Weihe verpflichtet sie jeden Dienstag und Freitag und an jedem Vollmond zu bestimmten Reinigungsriten. Außerdem nehmen sie an Beerdigungen und Hochzeiten teil. Ein besonderer Höhepunkt sind die Tempelfeste, die alle paar Jahre stattfinden. Doch davon später.

Pallavi wurde schon als Kind einer Göttin geweiht

Bei der Kindernothilfe-Partnerorganisation Visthar treffe ich Pallavi. Pallavi ist 23, eine lebhafte junge Frau mit einem strahlenden Lächeln, die seit Kurzem als Hausmutter im Bandhavi-Wohnheim von Visthar arbeitet. Dass sie zur Schule gehen und sogar studieren konnte, grenzt an ein Wunder. Pallavi hat Vater und Mutter und Geschwister. „Aber aufgewachsen bin ich wie eine Waise. Meine Großmutter war Devadasi. Sie wollte immer eine Tochter haben, bekam aber nur vier Söhne. Ich bin die erste Tochter ihres ältesten Sohns. Als ich drei Monate alt war, hat meine Großmutter mich meinen Eltern weggenommen und zusammen mit ihrem jüngsten Sohn großgezogen. Großmutter hat mich gestillt, bis ich zehn Jahre alt war. Überall musste ich mit ihr hin, ich hatte keine Freunde und durfte nur selten zur Schule.“ Dort in der Schule merkte sie auch erst, dass etwas an ihr anders war. Die Kinder hänselten sie wegen ihrer komischen weißen Halskette, die sonst doch nur verheiratete Frauen tragen. Sie fingen an, sie „Devadasi“ zu rufen. Erst da begann sie, ihre Großmutter zu fragen.

Und so kam es heraus: als Pallavi vier Monate alt war, einen Monat, nachdem sie aus ihrem Elternhaus gerissen worden war, hatte die Großmutter sie der Göttin Huligama geweiht. Seitdem trug sie die Halskette der Devadasi und lernte, sobald sie alt genug geworden war, die besonderen Riten, Gebete und Lieder. Bei alldem wusste sie nicht, zu welchem Leben die Großmutter sie bestimmt hatte. Sie wusste nicht, dass sie, die der Göttin verheiratet worden war, nie die Hochzeit mit einem Mann erleben würde. Kinder würde sie wohl bekommen von den Männern, denen sie in ihrem Dienst am Tempel würde zu Willen sein müssen. Vielleicht würde sie eine feste Beziehung mit einem Mann eingehen können, der sie zur Zweitfrau nehmen würde. Aber die Kinder würden ihren Namen tragen, nicht den des Vaters. Denn der Vatername berechtigt zu Unterhalt und Erbe. Ihre Kinder würden in der Schule als Hurenkinder gehänselt werden. Ihre Töchter würden wieder Devadasi werden und ihre Söhne würden es schwer haben.

Alle Devadasi sind Dalits – Kastenlose, Sklaven, Unberührbare

Was das alles noch schlimmer macht: Im indischen Bundesstaat Karnataka sind alle Devadasi Dalits. Dalits sind die fünfte, die unterste Kaste des indischen Kastensystems. Dalits sind die Kastenlosen, die Sklaven, die Unberührbaren, die nicht aus denselben Bechern trinken dürfen wie die Kastenhindus. Nicht einmal ihr Schatten soll andere Menschen berühren, um sie nicht zu verunreinigen. Einen Geschmack davon hatte ich beim Mittagessen bekommen. Zwei ehemalige Devadasi hatten uns aus ihrem Leben erzählt, uns mit zum Tempel genommen, uns an ihren Riten teilnehmen lassen. Darüber war es Mittag geworden, wir hatten Hunger und ein vegetarisches Restaurant aufgesucht. Kaum hatten wir uns um einen großen Tisch gesetzt, kam ein Kellner mit der erstaunten Frage: „Wollt ihr wirklich mit denen zusammen essen?“

Seit 1982 ist das Devadasi-Wesen in Karnataka verboten. Das Verbot ist in vielen Tempeln angeschlagen. Das war es auch in dem Tempel der beiden Frauen, die wir begleiten durften. Seit Kurzem ist die Wand, an der das Verbot stand, nun neu gestrichen. Das Verbot ist verschwunden; die Gottesdienerinnen waren es nie.

So schien Pallavis Leben vorherbestimmt und mit ihm das ihrer Kinder und Enkel. Als sie in der fünften Klasse war, wendete sich noch einmal alles zum Schlechteren. Ihre Großmutter starb, sie sollte ein kleines Stück Land erben. Aber die Brüder der Großmutter sagten, an das Erbe werde sie nur kommen, wenn sie die Pflichten der Devadasi weiter erfüllte. Dann hatte sie ihre erste Periode. Was danach kam, darüber will Pallavi nicht sprechen; die lebhafte junge Frau wird verlegen, sie hat Tränen in den Augen. In der Zeit hätte sie die Rituale nur hinter geschlossener Tür und verhängten Fenstern ausgeführt. Manchmal hätte sie die Schalen und Früchte, die Öllampen und Räucherstäbchen gegen die Wand geworfen. Da half es auch nicht, dass sie von ihrer Familie mit „Mutter“ angesprochen und als Göttin verehrt wurde. Für sie hörte sich das wie Hohn an. Noch jetzt, noch Jahre später hasst sie den Dienstag und den Freitag und den Vollmond. Vielleicht das Schlimmste – und auch davon erzählt sie stockend – war das Tempelfest, bei dem alle Devadasi nackt durch den Ort ziehen mussten, mit Zweigen des Neembaums und Gesängen.

Vielleicht hat ein Sportwettbewerb sie gerettet. Sie machte den ersten Platz. Das kam in die Zeitung, dadurch wurde die Mitarbeiterin einer Organisation, die gegen das Devadasi-Wesen arbeitet, auf sie aufmerksam. Die Sozialarbeiterin suchte sie, machte ihr ein Angebot und verhandelte mit der Familie. So kam Pallavi in die Internatsschule von Visthar. Visthar legt großen Wert darauf, das Selbstvertrauen der kleinen Tempeldienerinnen wieder aufzubauen, ihnen Entfaltungsmöglichkeiten zu geben und ihre verwundeten Seelen zu heilen. Pallavi konnte die Schule abschließen und auf dem Community College Theater und Tanz studieren.

Aber selbst bei Visthar war Pallavi noch nicht frei. Im Wohnheim legte sie ihre Devadasi-Kette ab, aber immer, wenn sie in ihr Dorf zu Besuch fuhr, hatte sie sie wieder um den Hals. Es dauerte lange, bis sie sich traute, ohne Kette heimzufahren. Dann, eines Tages war es so weit. Sie ging zu ihrem jüngsten Onkel, dem, mit dem sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen war, gab ihm die Kette und erklärte ernst, dass sie auf das Erbe ihrer Großmutter verzichtet. Da war sie endlich frei.