Was Boliviens Jugendliche bewegt

In verschiedenen Workshops lernen die Jugendlichen, sich und andere vor Gewalt und sexuellem Missbrauch zu schützen

In verschiedenen Workshops lernen die Jugendlichen, sich und andere vor Gewalt und sexuellem Missbrauch zu schützen (Foto: J. Schübelin)

Raphaela Fischer (19) kam vor drei Monaten mit dem Freiwilligendienst weltwärts nach Bolivien. Dort unterstützt sie unseren Partner Fundación La Paz in der Jugendarbeit. Eine erlebnisreiche Zeit, wie ihr Bericht zeigt.

Die Fundación engagiert sich hier in La Paz in mehreren Bereichen. Das Programm, dem ich als Freiwillige zugeordnet bin – und das im Rahmen einer Kooperation mit der Kindernothilfe entwickelt wurde –, richtet sich gegen sexuelle Gewalt und Geschlechterdiskriminierung. Unser Team arbeitet in drei Themenfeldern: Sensibilisierung und Prävention, Freizeitangebote für Jugendliche sowie psychologische Betreuung für Opfer sexueller Gewalt.

Sexueller Gewalt vorbeugen: Wie geht das?

Hauptsächlich unterstütze ich den Bereich Sensibilisierung und Prävention im Hinblick auf sexuelle Gewalt und begleite dafür meine Kolleginnen an die Schulen (6. – 12. Klasse). Pro Klasse haben wir in der Regel drei Einheiten: Die erste „unidad“ dient der Analyse. Gemeinsam mit den Jugendlichen versuchen wir herauszufinden, welche Themen ihnen besonders am Herzen liegen.

Den Einstieg bilden meist markige oder provokante Thesen, über die wir mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommen. Außerdem zeigen wir verschiedene Filme mit offenem Ende – als Einladung an die Jugendlichen, eigene Erfahrungen mit den beschriebenen Konfliktsituationen beizusteuern.

Je nachdem, in welchem Bereich wir dabei den größten Gesprächsbedarf erkennen, gestalten wir die nachfolgenden Arbeitseinheiten. Dabei geht es dann sehr konkret um Problem- und  Gefahrensituationen rund um Alkohol und Drogen. Auch das Risiko, im Umgang mit Facebook und anderen sozialen Medien zu viel von sich preiszugeben, kommt häufig zur Sprache. Weitere Themen sind persönliche Erlebnisse mit Geschlechterdiskriminierung, mit Gewalt auf der Straße oder im familiären Umfeld.

Zur Jugendarbeit gehören auch Workshops mit Eltern

Diese Arbeit an den Schulen macht mir sehr viel Spaß. Auch wenn wir gelegentlich doch auch ziemlich unreife oder erschreckende Antworten erhalten, merkt man vor allem in den Kursen, mit denen schon im Vorjahr gearbeitet wurde, wie wichtig diese Arbeit ist und wie intensiv sich die die Schüler mit  dem, worüber wir sprechen, beschäftigen.

Parallel dazu gibt es auch eine Arbeit mit den Eltern – etwa in Form von Workshops, in denen es um Kindererziehung ohne Gewalt geht. Auch zu diesen spannenden Treffen begleite ich meine Kollegen manchmal. Dabei ist es immer wieder interessant zu sehen, wie unterschiedlich sich Jugendliche und ihre Eltern zu ein und derselben Fragestellung äußern und welche gegensätzlichen Sichtweisen sie entwickeln.

Kreativität und soziales Engagement

Eines der Teilprogramme dieses Projektes nennt sich MUSARTA (Musik, Kunst und Talente). Das sind Kurse für junge Menschen zwischen 12 und 22 Jahren, in denen sie ihre Kreativität erproben können. Zum Angebot gehören Break Dance, Theater, Gitarrenunterricht, Maskenschminken, das Schreiben von Liedern und Texten – etwa im Hiphop-Stil – und vieles mehr. Meine Aufgabe ist es, an den Schulen Werbung für neue Kurse zu machen, einige Lehrer bei den Kursen zu unterstützen und die monatlichen Talentabende zu organisieren, an denen die Kursteilnehmer ihr Können zeigen.

Talentabend mit Break Dance - eine Bühne für Kreativität

Talentabend mit Break Dance – eine Bühne für Kreativität (Foto: J. Schübelin)

Einmal in der Woche findet unsere „Noche Arte y Cultura“ statt, eine Gesprächsrunde, bei der die Jugendlichen über von ihnen vorgeschlagene Themen diskutieren können. Themen der jüngsten Treffen waren zum Beispiel Drogen- und Alkoholabhängigkeit, Beziehungen und Trennungen, Sexualität.

Außerdem gibt es verschiedene Jugendgruppen wie die „Comunicadores“ und die „Facilitadores“. Die Comunicadores gehen jeden zweiten Sonntag mit ihrem eigenen Radioprogramm auf einen Platz hier im Stadtteil,  um dort über aktuelle Themen zu sprechen und mit Passanten zu diskutieren. Die Facilitadores ( frei übersetzt „Kontaktknüpfer“) sind eine recht neue Gruppe, die sich gerade „in Ausbildung“ befindet, um uns in Zukunft an die Schulen zu begleiten und mit ihren Altersgenossen über den Umgang mit Gewalt zu sprechen.

Straßenradio in Aktion: Jugendliche sprechen auf öffentlichen Plätzen über das, was sie bewegt

Straßenradio in Aktion: Jugendliche sprechen auf öffentlichen Plätzen über das, was sie bewegt (Foto: J. Schübelin)

Der enge Kontakt mit den Jugendlichen, den ich bei der Begleitung dieser Gruppen habe, ist für mich eine sehr eindrucksvolle Erfahrung, da ich so unmittelbar erlebe, was bolivianische Jugendliche hier in La Paz eigentlich bewegt.

Nach drei Monaten hier im Team der Fundación La Paz  kann ich sagen, dass diese Arbeit wirklich außerordentlich abwechslungsreich und interessant ist. Ich freue mich schon sehr auf die Erfahrungen, die in den nächsten Monaten auf mich warten.

Hilfe für Erdbebenopfer in Nepal

Die Menschen in Nepal hatten sich noch nicht von der verheerenden Erdbebenkatastrophe mit über 8.000 Toten erholt. Da erschütterte schon ein neues heftiges Beben ihr Land.

Über eine Million Kinder sind jetzt dringend auf unsere Hilfe angewiesen!

Ihr Zuhause liegt in Schutt und Asche, viele haben Eltern, Geschwister und Freunde verloren. Sie sind verängstigt, traumatisiert, haben Schlafstörungen, weil die Bilder der Verwüstung sie nicht loslassen.

Viele Mädchen und Jungen leiden an Durchfällen wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse in den Erdbebengebieten. Und gerade Kinder in den armen Regionen Nepals, die bereits an Unter- und Mangelernährung litten, sind jetzt mehr denn je gefährdet.

Wir fangen diese Kinder und ihre Familien auf. Die Kindernothilfe verteilt Zeltplanen, damit die Menschen Notunterkünfte bauen können. Die Familien erhalten auch Lebensmittelrationen. Medizinische Teams versorgen Patienten, z.B. bei Durchfallerkrankungen.

In Kinderschutzzentren, die wir schnell vor Ort errichten, helfen Psychologen traumatisierten Kindern. Dort können sie in einem geschützten Raum auch lernen und spielen. In Mutter-Kind-Zentren stillen Frauen ihre Säuglinge in Ruhe und erhalten Hygiene-Sets für die Babys. Mangel- und unterernährte Kinder werden mit Zusatznahrung aufgepäppelt.

Für diese wirksame Katastrophenhilfe brauchen wir dringend Ihre Unterstützung!

 

Sambia: Happyend für Cheswe

Sambia: Slumkinder mit Perspektive – dank der Arbeit unserer Partnerorganisation

Kindernothilfe-Vorstand Christoph Dehn ist mit Sambia-Referent Jörg Lichtenberg auf Projektreise. Hier schildert er seine Eindrücke.

Garden, so recht will der Name nicht zu diesem braun-grauen Slumgebiet in Lusaka passen. Wir halten an einem kleinen Platz an, in dessen Mitte die Ruine eines Hauses steht; die blaue Farbe auf den Mauern weist es als ehemalige Polizeiwache aus. Was ist hier geschehen?

Unser Begleiter von der Kindernothilfe-Partnerorganisation Zambia Civic Education Association (ZCEA) erklärt uns, dass die Bewohner des Viertels vor kurzem die Wache gestürmt und zerstört haben. Ein Mann aus der Nachbarschaft war dort unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen.

In Sambia liegen Gewalt und Hoffnung dicht beieinander

Wenige Meter hinter der zerstören Wache öffnet sich die Tür zu einem winzigen fensterlosen Büro. Wir treffen Ketu und Daniel, die beiden jungen Mitarbeiter des Beratungsbüros, die sich hier für die Rechte und Belange der Kinder des Viertels einsetzen. Mittel der Kindernothilfe machen es möglich.

Sambia: Das Büro unserer Partnerorganisation in Lusaka

Ketu und Daniel nehmen uns mit zu einem Hausbesuch. So lernen wir Cheswe und ihre Mutter kennen. Cheswe, eine schüchterne 10-Jährige, wäre fast auf der Straße gelandet. Als ihr Vater ihre Mutter und die Geschwister verließ, gab es plötzlich kein Einkommen und kein Essen mehr für Cheswe. Cheswe Mutter verdiente zwar ein wenig Geld mit Wasch- und Putzarbeiten, aber das reichte nicht einmal für das Nötigste.

Ein Straßenkind weniger

Dann hörten sie vom Rechtsberatungs-Zentrum der ZCEA und vertrauten sich Ketu und Daniel an. Den beiden gelang es, den Vater ausfindig zu machen. Sie überzeugten ihn, seine Tochter Cheswe weiter zu versorgen.

Sambia: Ketu und Daniel haben Cheswes Vater ausfindig gemacht

Zunächst kam er einmal in der Woche in das Beratungszentrum und übergab dort eine Tasche mit Lebensmitteln an seine Ex-Frau und ihre Tochter. Bald war klar, der Vater ist zuverlässig. Jetzt liefert er die Lebensmittel wöchentlich direkt bei seiner Tochter ab.

Ein Happyend für Cheswe: Die Drittklässlerin darf weiter in die Schule gehen. Sie hat zu essen. Ein Leben als Straßenkind ist ihr erspart geblieben.

Peru: Für eine Kindheit ohne Gewalt

Die neuen Vorstände der Kindernothilfe – Vorsitzende Katrin Weidemann und Finanz- und Verwaltungsvorstand Jürgen Borchardt – lernen ihre ersten Kindernothilfe-Projekte in Lateinamerika kennen. Katrin Weidemann berichtet in unserem Blog über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

11.03.2015

Der Kontrast könnte größer nicht sein. Unser kleines Hotel im Stadtviertel „Miraflores“  liegt umgeben von palmenbeschatteten Villen, Strandcafés und schicken Boutiquen.  Moderne, in weiß gehaltene Hochhäuser ragen in den oft grau bewölkten Himmel von Lima, ihre gläsernen Balkone sind zum Pazifik ausgerichtet, um möglichst viel von dem grandiosen Blick in die Appartments zu ziehen. Der kontinuierliche Wirtschaftsaufschwung, den Peru in den zurückliegenden Jahren vor allem dank des Bergbaus erlebte, hier ist er deutlich sichtbar.

Unser Fahrzeug reiht sich in den dichten morgendlichen Verkehr Richtung Norden ein. Langsam durchqueren wir die Stadt, in der sich auf einer Fläche knapp größer als das Saarland gut 10 Millionen  Menschen drängen. Nach einer knappen Stunde Fahrtzeit landen wir in einer anderen Welt: Wir sind in der Wüste. Nichts erinnert hier, im Distrikt Ventanilla, an den großstädtischen Reichtum Limas. Auf staubigen Sandpisten fahren wir durch die flirrende Hitze, vorbei an mit Bastmatten umwickelten Schlafplätzen, erdfarbenen Hütten aus luftgetrockneten Ziegeln und mit Steinen beschwerten Wellblechdächern.

Knapp 400.000 Menschen leben in Ventanilla, erzählt Ada, die hier seit 16 Jahren für den Kindernothilfe-Partner Kusi Warma arbeitet. In Pachacútec, einem der am schnellsten wachsenden Stadtteile an der Nordperipherie dieser Riesenstadt, ist die Lebenssituation der Kinder besonders schwierig. 180.000 Menschen hausen hier, ein Drittel davon sind unter 18 Jahren. Mehr als  70 Prozent der Bewohner haben keinen Zugang zu Trinkwasser. Vor manchen Unterkünften stehen deshalb riesige Plastiktonnen, in denen die Nachbarn das Wasser, das sie von Tanklastern kaufen, sammeln.  44 Prozent der Einwohner Parachútecs haben keine Elektrizitätsversorgung, 74 Prozent keine Abwasserleitungen.  In dem kleinen Kusi Warma Büro haben uns Ada, Gloria, Susanna, Sara und Michel diese Zahlen vorgestellt. Als Lehrerin,  Erziehungswissenschaftlerin, Sozialarbeiterin und Psychologe  begegnet ihnen die Armut in Pachacútec jeden Tag.  Und sie begegnen dieser Armut mit einem Projekt der Kindernothilfe.  5.000 Eltern und Lehrer in Pachacútec, das ist ihr Ziel, sollen bis Ende des Projektzeitraums um die Rechte ihrer Kinder wissen und sich dafür einsetzen.

Wie das konkret aussieht, erleben wir als erstes im Kinderzentrum. Dieses mit seinem fröhlichen bunten Wandbild leicht erkennbare Haus liegt zwischen Marktbuden und Unterkünften auf einer hügeligen Sandstraße in Pachacútecs Sektor C. Im rechten Teil des Hauses treffen sich gerade Mütter mit  ihren Kleinkindern von 0 bis 3 Jahren.  Um frühkindliche Stimulierung geht es da: im Kreis auf einer Matte sitzend wird jedes Kind mit seinem Namen und einem Begrüßungsritual willkommen geheißen, es wird gesungen, gestreichelt und geklatscht. Die Kleinen sind kräftig mit Rasseln und Trommeln dabei, krabbeln bunten Schaumstoffbällen nach oder üben sich mit weichen Stoffwürfeln als Turmbauer. Ein bis zweimal pro Woche treffen sie sich zu dieser spielerischen Frühförderung. Für die Eltern gibt es daneben immer wieder Informations-Angebote: zu Ernährung, zu Gesundheit, zu frühkindlicher Erziehung oder zum Kindesschutz.

 

Nebenan, im linken Hausteil, warten einige ehrenamtliche Mitarbeiterinnen gerade auf die größeren Kinder. An drei Tagen pro Woche werden sie künftig die Betreuung der Gruppe der 3- bis 6-Jährigen und die der 7- bis 12-Jährigen übernehmen. Ein Jahr lang haben sie sich mit den Mitarbeitern von Kusi Warma darauf vorbereitet, haben eigenes Material entwickelt, sich Techniken angeeignet, um 60 Klein- und Schulkinder zu fördern und zu fordern.  Und ihnen vorzuleben, wie man gewaltlos miteinander umgeht. Gewalt ist in dieser rauen Umgebung ein drängendes Thema. Den Gesetzen Perus folgend ist „die Ausübung leichter physischer Gewalt durch Eltern“  immer noch erlaubt.  Darum versuchen die Mitarbeitenden von Kusi Warma neben der konkreten Elternarbeit, auch durch Netzwerkarbeit mit anderen Organisationen, durch Arbeit mit der Polizei und mit den kommunalen Behörden Kindesschutzstrukturen aufzubauen.

Auch in den Schulen. In einer von ihnen treffen wir Lorena. Sie ist 15 Jahre alt und Mitglied im Kinderrechtsrat einer kombinierten Grund- und Sekundarschule mit insgesamt 18.00 Schülern. „Por una infancia sin violencia“ steht über der Tür des kleinen Raums, den sich der Kinderrechtsrat mit der Schülermitverwaltung teilt.  Für eine Kindheit ohne Gewalt, dafür setzt sich Lorena bereits im zweiten Jahr ein.  Eng gedrängt sitzen wir Besucher und das Kusi Warma Team zusammen mit den Schülervertretern in dem Zimmerchen, da erscheint auch der Schuldirektor. Er sei zum ersten Mal überhaupt in diesem Raum, bekennt er freimütig. Aber natürlich unterstütze er die Sache der Jugendlichen. Die stellvertretende Schülersprecherin, qua Amt mit einer breiten, himmelblauen Schärpe quer über die Brust geschmückt, rutscht unruhig auf ihrem Stuhl.  Aber Lorena lässt sich nicht beirren. Klar und selbstbewusst beantwortet sie unsre Fragen. Welche Kinderrechtsverletzungen ihr an der Schule denn am häufigsten begegnen? Das größte Problem, meint sie, ist der Rassismus und die Diskriminierung von Kindern mit dunklerer Hautfarbe, den Indigenas. Sie werden oft benachteiligt, lächerlich gemacht und mit Spottnamen versehen. Aber auch Gewalt sei ein großes Thema, fährt sie fort. Schläge wären häufig,  sexuelle Übergriffe kämen immer wieder vor, und sehr oft verbale Gewalt, Erniedrigung. „Bullying nennen wir das an der Schule,“ berichtet Lorena.  „Das hindert uns daran, selbstbewusst zu wachsen, uns zu verteidigen.“ Viele Einzelgespräche führe sie jede Woche mit Opfern an ihrer Schule. Sie suche dann auch das Gespräch mit dem „Angreifer“, erkläre ihm, was seine Bemerkungen bei dem Mitschüler alles auslösen. „Manchmal war es das dann schon.“ Die nächste Instanz sei sonst der Vertrauenslehrer, an den sie sich wenden könne. Er würde die gravierenderen Fälle weiterverfolgen.

Wie schmerzhaft es ist, Ziel von Angriffen zu sein, hat sie auch schon am eigenen Leib erfahren. Häme, Beleidigungen und grobe Attacken habe sie schon erlebt, weil sie sich im Kinderrat engagiert. Dass sie trotzdem noch dabei ist, verdankt sie den Mitarbeitern von Kusi Warma, die ihr helfen, sie stützen und kontinuierlich weiter schulen.

Es wird schon Abend, als wir uns aus Pachacútec wieder auf den Rückweg nach Lima machen. Pachacútec, den Namen haben sich die ersten Bewohner dieses Stadtteils in der Wüste vor 15 Jahren selbst gewählt. Sie zogen hierher auf der verzweifelten Suche nach einem Stück Land, wo sie leben konnten, besetzten die Abhänge der Sandhügel.  Der Name des Inkakönigs Pachacútec schien ihnen damals wie eine Verheißung. „Er war ein starker König“, erzählt mir eine Mutter beim Abschied. Im Lauf seiner Regierungszeit machte er sich einen Namen als einer der tapfersten und weisesten Inka-Herrscher überhaupt. Reformfreudig organisierte er die politische und wirtschaftliche Struktur des Landes um und sicherte durch die neue Methode des Ackerbaus auf Terrassen die Ernährung der Bevölkerung nachhaltig. „Der, der die Welt verändert“ bedeutet sein Name auf Quechua. Es ist eine Verheißung, die sich für die Menschen in Pachacútec in vielen kleinen Schritten auch im Jahr 2015 noch realisiert.  Besonders für die Kinder.

Bolivien: “Reden ist besser als schlagen!”

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Die neuen Vorstände der Kindernothilfe – Vorsitzende Katrin Weidemann und Finanz- und Verwaltungsvorstand Jürgen Borchardt – lernen ihre ersten Kindernothilfe-Projekte in Lateinamerika kennen. Katrin Weidemann berichtet in unserem Blog über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

Fundacion La Paz (7.3.2015)

Casandra ist aufgeregt. Zwei Stunden hat sie vor dem Büro des Kindernothilfe-Partners Fundacion La Paz auf uns gewartet, jetzt will sie uns ihr Reich zeigen. Kassandra ist 16, und seit einem Jahr kommt sie beinah jeden Nachmittag hierher in das Jugendzentrum „Villa Copacabana”.  Bei einem Workshop in der Schule lernte sie die Arbeit der Stiftung kennen. Das, worum es ging,  gefiel ihr: ein Leben ohne Gewalt, ja, davon träumt sie auch.  Gewalt, sie ist in La Paz, wie überall in Bolivien, allgegenwärtig: in der Familie, in der Schule, auf der Straße.  Mit ihrer Mutter wohnt Casandra am Osthang von La Paz, wo 90 Prozent der Bewohner mit ihren Hütten in Hanglagen der ständigen Gefahr von Erdrutschen ausgesetzt sind. Die hohe Gewaltbereitschaft  in den Familien hat viel mit den beengten Wohnverhältnissen zu tun, aber auch mit der mangelnden Bildung vieler Menschen, die hier wohnen, mit zu hohem Alkoholkonsum und dem „machismo”, der traditionellen Vormachtstellung der Männer.  Auch unter Jugendlichen selbst ist Gewalt weit verbreitet.  In über 70 Prozent der vorehelichen Beziehungen, belegen Statistiken, kommt es zu körperlichen Misshandlungen und physischer Gewalt.

Casandra ist “Anti-Gewalt-Helferin”

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien.  Foto: Jürgen Schübelin

Casandra wollte etwas dagegen tun. Nach dem Workshop-Besuch vor einem Jahr ließ sie sich zur „Anti-Gewalt-Helferin” ausbilden.  Hier im Jugendzentrum fand sie einen geschützten Raum, um anderen unbelastet zu begegnen, um neue Verhaltensmuster auszuprobieren.

Stolz  führt sie uns in einen mit Papierblumen und Girlanden geschmückten kleinen Raum. Hier wird das selbstgebastelte Material aufbewahrt, mit dem sie und andere Helfer mittlerweile selbst zu Einsätzen  in Kindertagesstätten und Schulen gehen. „Was heißt es, eine Frau zu sein” steht auf einer Blechbüchse, daneben liegt das Pendant für Männer.  In der Büchse stecken laminierte Karten mit Beispielantworten. Sie sind oft Türöffner bei Rollenspielen und Diskussionsrunden unter den Jugendlichen. Auf einem großen Pappwürfel ist auf jeder der sechs Seiten eine Situation beschrieben,  in der es zu Gewalt kommt. Beim gemeinsamen Spielen wird in der Gruppe überlegt, welche Lösungsvorschläge es dafür gibt.

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift. Foto: Jürgen Schübelin

Während ich noch in dem riesigen Märchenbuch blättere,  in dem Casandra eine Beispielgeschichte von friedlichem, gelungenem Zusammenleben erzählt hat,  öffnet sich am Ende des Raums eine schmale Tür. Hinter einer verdunkelten Glasscheibe befindet sich ein winziges Aufnahmestudio.  Ursprünglich sollten die Jugendlichen hier nur kurze Spots aufnehmen können für den lokalen Radiosender. Aber Casandra und die anderen Gruppenmitglieder wollten mehr.  Mit Energie und Hartnäckigkeit haben sie sich mittlerweile einen festen wöchentlichen Radiosendeplatz gesichert. Dafür wählen sie Musik aus, führen Interviews oder organisieren Diskussionsrunden auf dem Marktplatz.  Schnell zeigt uns Casandra noch den Rohentwurf für die nächste Jugendzeitschrift,  die sie als Kommunikatorin der Gruppe mit herausgibt, dann geht´s in das Nachbarhaus des Jugendzentrums.

Die “Veränderungsagenten”

Die Breakdancer mit ihren Botschaften

Die Breakdancer mit ihren Botschaften. Foto: Jürgen Schübelin

Hier warten schon andere „Veränderungs-
agenten”, wie sie sich nennen.  Ihre Spezialität ist Breakdance. Während ihrer akrobatischen Vorstellung hält es uns kaum auf dem Stuhl, klatschend stehen wir im Kreis und bekommen so am Ende der Tänze die Appelle  der Jugendlichen, auf große grüne Tafeln geschrieben, direkt vor Augen gehalten: „Mach nicht mit bei Gewalt!”  „ Reden ist besser als schlagen!” „Wer nein sagt, meint auch nein”.  Ich kann mir gut vorstellen, wie diese Performance bei Schulbesuchen begeistert und andere Jugendliche ins Gespräch zieht.

Zum Abschluss will uns auch Alexander noch etwas zeigen.  Er hat sich als Anti-Gewalt-Helfer aufs Sprayen spezialisiert, seine Leidenschaft sind Graffitis. An drei Schulen hat er im letzten halben Jahr mit dem Fundacion-Team zuerst bei Schul-Workshops mitgeholfen. Mit Lehrern, Eltern und den Schülerinnen und Schülern ging es dabei jeweils zwei Tage lang um Themen wie Frühschwangerschaften, Umgang mit Alkohol, aber auch um alltägliche Gewalt Mädchen und Frauen gegenüber.  Am Ende der Workshops hat Alexander dann mit den Schülern ein Motiv entwickelt und damit in einer gemeinsamen Sprüh-Aktion die Außenmauer der Schule gestaltet.  „Für jeden verlassenen Macho gibt es drei glückliche Frauen”, lese ich auf der ersten Mauer und muss lachen über das dazugehörige Bild eines verdutzt blickenden „Superman” neben drei fröhlich sich umarmenden Mädchen.  Die Aufschrift auf einer anderen Schulmauer lautet: „Das größte Verbrechen ist es, wenn du schweigst bei einem Verbrechen.” Casandra, Alexander und all die anderen Jugendlichen aus der Villa Copacabana,  sie haben das verinnerlicht und nutzen ihre Stimme – sie schweigen nicht.

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen. Foto: Jürgen Schübelin

 

Bolivien: Sorojchi-Pillen gegen die Höhenkrankheit

La Paz. Foto: Jürgen Schübelin

La Paz. Foto: Jürgen Schübelin

La Paz (5.3.2015)

Die Anreise nach La Paz ist mühsam:  Der Teilflug von Quito nach Lima hat sechs Stunden Verspätung, in Lima schaffen wir es nachts um vier wenigstens für drei Stunden ins Flughafenhotel. Meine Mitreisenden, beide heißen Jürgen, haben Mühe, der Dame an der Rezeption zu erklären, dass sie kein Doppelzimmer teilen wollen, weil Jürgen nicht ihr gemeinsamer Familienname ist und, nein, sie nicht miteinander verheiratet sind.  Am nächsten Mittag landen wir schließlich auf dem bolivianischen Flughafen von El Alto, der Höhe, in den Hochanden. Es ist der weltweit höchstgelegene zivile Flughafen auf gut 4.200 Metern.

Benedicto, der Kindernothilfe-Büroleiter in Bolivien, empfängt uns fröhlich und versorgt uns ein bisschen weiter unten in La Paz auf ungefähr 3.800 m erst einmal mit Mate-Tee. Schon oft hat er bei Gästen erlebt, dass ihnen schier der Schädel platzt in der dünnen Höhenluft.  Also trinken wir jetzt Mate-Tee, und ungefragt verteilt Benedicto Sorojchi-Pillen. Die gibt es hier in jeder Apotheke, Sorojchi-Pillen für vier Bolivianos das Stück, kaum 50 Cent. Eine gute Investition. Sorojchi heißt in dieser Gegend die Höhenkrankheit.  Etwas langsamer als üblich laufen wir durch die Straßen, schnaufen auf den Treppenabsätzen einmal mehr. Zwei Tage, heißt es, geht das so, dann soll sich der Körper an die Höhe gewöhnt haben.

Ecuador: Pflöcke im Sumpf

Slum in "Nigeria". Foto: Jürgen Schübelin

Slum in “Nigeria”. Foto: Jürgen Schübelin

1./2. März 2015

Von Duisburg bis nach Guayaquil, der größten Stadt des Andenstaates Ecuador, sind es mit dem Flugzeug nach dreimal Umsteigen gut 22 Stunden Reisezeit. Tropisch heiß und feucht empfängt die Hafenmetropole an der Pazifikküste meine Kollegen Jürgen Borchardt, Jürgen Schübelin und mich kurz vor Mitternacht. Noch herrscht lebhafte Geschäftigkeit auf den Straßen, aber die Zeitumstellung, die uns schwer in den Knochen sitzt, lässt uns zielstrebig ins Hotel fahren.

Boot im Morast. Foto: Jürgen Schübelin

Boot im Morast. Foto: Jürgen Schübelin

Am nächsten Morgen dauert es nur eine knappe halbe Stunde, bis wir vom Stadtzentrum Guayaquils  aus Nigeria erreichen.  Dieses Nigeria liegt mitten in Ecuador. Es ist ein auf Sumpfgebiet entstandenes Stadtviertel, das seinen Namen seiner fast ausnahmslos afro-ecuadorianischen Bevölkerung verdankt.  Die Familien leben auf Pfahlbauten in einfachen Hütten aus Bambusrohr, Plastikplanen oder Wellblech, die weder Schutz vor dem übelriechenden Morast unter ihnen noch vor den Scharen von Mosquitos um sie herum bieten. Ich kann nur ahnen, wie es um die hygienischen Verhältnisse in den Hütten bestellt ist, eine Abwasserversorgung existiert auf jeden Fall nicht.

„Ich bin in Nigeria aufgewachsen”, berichtet Amelia, die wir hier treffen „und ich habe es gehasst. Es stank auf den Straßen,  von den vielen Brücken fielen immer wieder Kinder ins Wasser und ertranken. Wenn ich jemandem erzählt habe, dass ich aus Nigeria komme, drehte er sich sofort weg”.

Es war vor allem das Schicksal der Kinder, das den Salesianer-Ordnen, seit Jahren Partner der Kindernothilfe in Guayaquil,  2009 in Nigeria aktiv werden ließen. Sie erkannten, dass ein Großteil der Kinder, die in der Stadt auf der Straße leben, aus Nigeria und den angrenzenden Vierteln der Halbinsel „Cooperative Independencia” stammt.  Die Ursachen, warum sie ihre Familien verlassen hatten, waren meist Vernachlässigung und massive Gewalterfahrungen.  Misshandlungen und Gewalt prägten das Leben in den Familien, Drogenhandel und Prostitution das Leben auf der Straße.  Zug um Zug begannen die Salesianer im Rahmen eines Gemeinwesenentwicklungsprojekts,  die Lebensbedingungen in dem Viertel zu verbessern.  Flächen wurden entwässert,  Straßen angelegt und schließlich Häuser auf dem Festland errichtet.

Ein kleiner Hausgarten. Foto: Jürgen Schübelin

Ein kleiner Hausgarten. Foto: Jürgen Schübelin

„Die festen Häuser brachten schon eine große Veränderung”, erzählt Amelia.  Aber es ging noch weiter. Eine Vielzahl von Aktivitäten wurde mit Kindernothilfe-Mitteln begonnen:  Fernando zum Beispiel unterstützt Familien beim Anlegen von kleinen Hausgärten. Die verbessern nicht nur die Ernährungssituation der Kinder, sie zeigen den Familien auch, wie Erwachsene und Kinder zusammen etwas unternehmen und schaffen können. Da wird gemeinschaftlich gegraben, gesät, begossen – und die Freude über den sichtbaren und essbaren Erfolg geteilt.  Die Psychologin Carla  berät Eltern, wie sie sich aus manchen alten Verhaltensmustern befreien können. Dass es noch viele andere Möglichkeiten gibt, Konflikte zu lösen, als mit Gewalt. Und ist wichtige Anlaufstelle für Mädchen, die mit 12 oder 14 Jahren schwanger werden

Katrin Weidemann mit Schulkindern. Foto: Jürgen Schübelin

Katrin Weidemann mit Schulkindern. Foto: Jürgen Schübelin

Während Amelia erzählt, sitzen wir im großen Versammlungsraum des neuen Gemeindezentrums in Nigeria. Erst vor einem Monat wurde es eingeweiht, in manchen Räumen streichen und fliesen noch Handwerker. Das Zentrum ist der neue Mittelpunkt im Stadtteil. Hier treffen sich die Kinder nach der Schule. Sie machen Hausaufgaben, spielen Fußball, lernen in Musik- und Tanzprojekten die Traditionen ihrer afroamerikanischen Herkunft kennen. Lese- und Schreibkurse für Erwachsene werden hier genauso angeboten wie Trainings für Eltern, in denen sie für die Rechte der Kinder sensibilisiert werden und lernen, ihre Einstellung gegenüber ihren Kindern zu verändern.

Um uns herum sind mittlerweile Marimbas und Trommeln aufgebaut, eine Gruppe Mädchen in ausladenden Tanzkostümen rennt kichernd an uns vorbei. „Unser Viertel hat sein Gesicht völlig verändert”, fasst Amelia ihren Bericht zusammen. „Es gibt noch immer vieles zu verbessern. Aber mittlerweile liebe ich es, in Nigeria zu leben.”

Katrin Weidemann und Jürgen Borchardt tanzen mit den Kindern. Foto: Jürgen Schübelin

Katrin Weidemann und Jürgen Borchardt tanzen mit den Kindern. Foto: Jürgen Schübelin

Innovative Hilfsaktion mit Holzpixeln

Not macht erfinderisch: Weil in Gütersloh gerade überall die Buswartehäuschen fehlen, hat Designer Manfred Makowski einfach selbst eins gebaut. Besonderes Ausstattungsmerkmal: ein massiver, dreidimensionaler QR-Code aus westfälischem Eichenholz. Der führte Wartende direkt auf unsere Homepage. Eine gute Idee, finden wir.

Anlass für die spontane Aktion war ein aktueller Missstand: Die Firma, der die alten Wartehäuschen gehörten, entschloss sich kurzerhand zum Abriss, nachdem der Stadtrat den Mietvertrag nicht verlängert hatte. Bis neue Häuschen installiert sind, wird es aber noch eine Weile dauern. Solange stehen die Gütersloher im Regen.

Das sorgt natürlich für Aufregung. Prompt landete das Provisorium aus Sonnenschirm, Eimern und Kaninchendraht, das Manfred Makowski mit seinen Nachbarn zusammengebastelt hat, auf der Titelseite des Lokalblatts. Wichtig dabei war ihm, dass die Leute beim Warten ins Grübeln kommen – “über die Verhältnismäßigkeit von Missständen hier und anderswo”.

So kam er auf die Idee mit dem QR-Code als Brücke zur Kindernothilfe. Unsere Arbeit für Not leidende Kinder findet er so toll, dass er gern selbst helfen möchte – auf seine Art. Nur die zündende Idee fehlte noch.

Die bescherte ihm dann das Güterloher Bushäuschen-Dilemma. Und weil er nicht nur Designer, sondern auch gelernter Tischler ist, der gerne mit Resten arbeitet, kam am Ende ein QR-Code aus Eichenholz heraus. “Holzpixel-Display-Technologie” nennt er das bewusst hochtrabend.

Überhaupt hat es ihm der Holzdruck angetan – “der traditionellste Hochdruck überhaupt!” 416 Eichenblöcke hat er für den QR-Code zurechtgesägt und eingekalkt. Wenn er die wie Bleilettern in eine Druckmaschine einlegen würde, könnte er den Code auch drucken. Aber er wollte ihn dreidimensional und kompakt – als Hingucker an seiner provisorischen Bushaltestelle.

Die stand nur einen Tag, sorgte aber vor Ort für viel Aufsehen und jede Menge positives Feedback. “Das funktioniert ja!”, rief ein Junge überrascht, als er den QR-Code mit seinem Smartphone scannte. Und damit auch Menschen ohne Smartphone gleich wissen, worum es geht, hat der Code auch eine Überschrift. “Bildung ändert alles”, steht da, und darunter: “Kindernothilfe”. Alles aus Holzklötzchen zusammengefügt, versteht sich!

Übrigens: Die innovative “Holzpixel-Display-Technologie” mit Link zur eigenen Website gibt es neuerdings auch zu kaufen. Jedes Stück ein Unikat. Garantiert!

Mit Bildung und Aufklärung gegen das Restavèk-System

Restavek-Mädchen in Port-au-Prince, Foto: Jakob Studnar

Arme haitianische Familien vom Land geben ihre Kinder an „Gast“-Familien in der Stadt, in dem Glauben, dass sie dort für Mithilfe im Haushalt Unterkunft, Essen und Schulbildung bekommen. Diese Kinder nennt man “Restavèks”, aus französisch „rester avec”, „bei jemandem bleiben”. In Wirklichkeit schuften die Kinder oft unter sklavenähnlichen Bedingungen, zur Schule gehen die wenigsten.

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zu den Maßnahmen, die die Kindernothilfe  für die Restavèk-Kinder  und die Beendigung dieser Tradition seit Jahren ergreift.

Die Ausbeutung von Restavèk-Kindern ist in der haitianischen Gesellschaft tief verankert – wie kann man sie jemals beenden?
Nur mit ganz langem Atem. Es muss massiven internationalen Druck auf die politisch Verantwortlichen in Haiti – und die Reichen und Mächtigen in diesem Land – geben, damit sie diese skandalöse Kinderrechtsverletzung nicht länger als “kulturelles Phänomen”, das es angeblich schon immer gegeben hat, abtun. Wir haben mit unseren haitianischen Partnern Aufklärungsmaterial produziert und Radiospots geschaltet, um die Bevölkerung darüber aufzuklären, dass diese ausbeuterische Kinderarbeit ein Verstoß gegen die Kinderrechte ist. Mit Unterstützung der Europäischen Union haben wir vor allem mit Lehrern gearbeitet – sie müssen bereit sein, diesen Kindern alternative Bildungsmöglichkeiten anzubieten, beispielsweise spezielle Förderklassen, in denen sie ihre Defizite aufholen können. Eine externe Evaluierung bestätigt, dass unsere Maßnahmen gefruchtet haben. Die haitianische Regierung griff das Thema in einer Plakatkampagne auf, UN-Gremien und internationale Organisationen beschäftigen sich immer wieder mit der Problematik. Letztlich wird aber nur eine Verringerung der Armut, eine Verbesserung der Lebensbedingungen und der Bildungsmöglichkeiten das Problem wirklich an der Wurzel packen können.

Hat das Erdbeben 2010 diese ausbeuterische Kinderarbeit begünstigt?
Es ist schwierig, empirisch belastbare Zahlen über die Kinder, die Opfer dieses Restavèk-Systems sind, zu bekommen. In den Publikationen schwanken die Angaben ganz erheblich, zum Teil ist von bis zu 300.000 restavèk-Kindern die Rede. Wir haben nach dem Erdbeben festgestellt, dass viele Kinder, die ihre Eltern und andere Angehörige verloren haben, von sich aus in den Notlagern nach Familien suchten, bei denen sie unterkommen konnten und denen sie dafür ihre unentgeltliche Arbeitskraft anbieten mussten. Mit anderen Worten: Das Erdbeben hat vermutliche Tausende von Kindern erst zu Restavèks gemacht – aus blanker Not, einfach, um überleben zu können.

Derzeit lassen wir gemeinsam mit anderen internationalen und nationalen Kinderrechtsorganisationen in Haiti sozialwissenschaftlich untersuchen, wie sich das Restavèk-System weiterentwickelt hat. Von den Ergebnissen erhoffen wir uns wichtige Hinweise für die Kindernothilfe-Strategie rund um dieses Thema. Das Engagement für die Rechte gerade dieser Kinder ist eine der großen Herausforderungen in der Kindernothilfe-Länderstrategie für Haiti.

Wie viele Restavèk-Kinder nehmen Bildungsangebote der Kindernothilfe in Anspruch?
Das können wir recht präzise sagen: Unser Partner Mouvement vin plis Moun (MvM) erreicht in fünf Armenviertel-Stadtteilen von Port-au-Prince fast 1.600 Restavèk-Kinder mit seinen Kursen und alternativen Unterrichtsangeboten. In der kleinen, von uns nach dem Erdbeben wieder aufgebauten Schule von Wharf Jérémie werden weitere 260 Kinder unterrichtet, und in dem Projekt Tokyo besuchen 120 Restavèk-Kinder Spezialklassen und machen dort auch einen handwerklichen Berufseinstieg – etwa indem sie lernen, Flip-Flops für den örtlichen Markt zu produzieren. Wenn man dann noch die Kinder hinzurechnet, die über eine Förderklasse im Collège Véréna unterstützt werden, kommen wir auf über 2.000 Mädchen und Jungen.

Bekommen Restavèk-Kinder von ihren Arbeitgebern ohne Probleme die Erlaubnis, die Bildungsangebote der Kindernothilfe zu besuchen?
Pastor Luckner von unserem Partner MOCOSAD zieht in Wharf Jérémie zum Beispiel von Hütte zu Hütte, um die Familien davon zu überzeugen, dass es auch in ihrem Interesse ist, dass die Kinder zur Schule gehen und nicht nur 13 oder 14 Stunden am Tag arbeiten. Er nutzt auch seine Predigten an den Sonntagen in der Kirche, um den Leuten ins Gewissen zu reden. Ganz wichtig ist es, die Familien, die selbst vielfach unter extremer Armut leben, nicht als Feinde zu sehen, sondern – so merkwürdig das in unseren Ohren auch klingen mag – als Partner, um die brutalen Kinderrechtsverletzungen zu beenden. Das bedeutet auch, dass ganz viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, damit diese Kinder nicht mehr ständig geschlagen werden.

Unserem Partner MvM ist es gelungen, die Arbeitgeberfamilien auch immer wieder bei Veranstaltungen einzubeziehen, ihnen das Gefühl zu geben, ernst genommen zu werden. MvM informiert sie darüber, was in den Kursen mit den Kindern geschieht, und will sie dazu zu bringen, stolz zu sein, wenn die Mädchen und Jungen im Unterricht oder beim Herstellen von Kunsthandwerksarbeiten erfolgreich sind. Aber uns ist bei alledem natürlich klar, dass es hier überhaupt keinen Anlass gibt, irgendetwas zu idealisieren oder schönzureden. Trotzdem wird sich die Situation nicht in der Konfrontation mit den Familien verbessern lassen, sondern nur im graduellen Wecken von Einsicht und Verantwortungsbewusstsein.

Verbessert Bildung die Zukunftschancen der Restavèk-Kinder?
Ohne Lesen und Schreiben – und vielleicht noch wichtiger – ohne Rechnen zu können, haben alle diese Kinder nicht den Hauch einer Chance, angemessen für ihr eigenes Auskommen sorgen zu können. In der Regel endet die Zeit als Restavèk ja dadurch, dass die Mädchen und Jungen von ihren “Arbeitgebern” irgendwann einfach weggeschickt werden, weil sie angeblich zu viel essen – oder zu “rebellisch” geworden seien… Da die Kinder ja in all den Jahren zuvor nie für ihre Arbeit bezahlt wurden, stehen sie in dieser Situation mit leeren Händen da. Kontakte zu ihrer Herkunftsfamilie bestehen in aller Regel seit langem nicht mehr. Die Zeit im Projekt, in der Schule, im besten Fall einige Zeugnisse und Belege für den Unterrichtsbesuch, aber vor allem das, was sie sich in diesen Jahren an Selbstbewusstsein und Über-Lebens-Fähigkeiten angeeignet haben, ist alles, was ihnen bleibt. Damit machen sie sich auf die Suche nach einer Arbeitsmöglichkeit – ganz oft im Straßenhandel, eventuell in einem Laden, als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle oder im Hafen, oft auch als Kassierer in einem tap-tap, einem Sammeltaxi. Gegenüber Jugendlichen, die nie zur Schule gegangen sind, sind sie bei dieser Arbeitssuche klar im Vorteil.

Äthiopien: Ein Stock als Hochzeitsgeschenk

Diesen Stock erhalten Frauen im äthiopischen Oromiyya als Symbol für die Verteidigung ihrer Rechte und zur Bewahrung ihrer Ehre zur Hochzeit. Fotos: Karl Pfahler

Diesen Stock erhalten Frauen als Symbol für die Verteidigung ihrer Rechte und zur Bewahrung ihrer Ehre zur Hochzeit. Fotos: Karl Pfahler

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht Projekte in Äthiopien und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

4. Dezember 2014

Ein letztes Mal rolle ich meinen Koffer zum Auto. In drei Stunden geht unser Flieger zurück nach Deutschland. Der Besuch beim Präsidenten der Mekane-Yesus Kirche, mit über sechs Millionen Mitgliedern einer der großen Kirchen Äthiopiens, genauso wie das Abschiedsessen mit Vertretern unserer 17 Partner des Selbsthilfegruppen-Konsortiums liegen hinter uns.

Das Einchecken des Gepäcks am Flughafen wird heute etwas schwieriger. Denn der Stock muss mit. Vor über einer Woche bekam ich ihn von einer Selbsthilfe-Frauengruppe geschenkt, seitdem begleitete er mich auf meiner Reise quer durch Äthiopien. „Das ist der women-empowerment-stick“, erklärte mir die Sprecherin der Gruppe bei der Übergabe. „Jede Oromia-Frau, die heiratet, bekommt bei der Hochzeit so einen Stock von ihrer Mutter mit auf den Weg. Er ist ein Zeichen für die Kraft, die in ihr steckt, und ein Zeichen des Segens, der auf ihr ruht. Wenn sie damit ihr Elternhaus verlässt, soll der Stock sie daran erinnern: Ich kann alles.“

Der Stock soll einen besonderen Platz in meinem Duisburger Büro finden, nehme ich mir vor. Denn er erinnert mich an die Kraft und die Stärke der Frauen hier in Äthiopien. Frauen, deren Leben sich früher rein auf den eigenen Haushalt beschränkte. „Die Selbsthilfe-Gruppe hat für mich die Tür der Küche geöffnet“, erzählte mir eine Frau in Hawassa. Und ich erinnere mich an eine Frau im nördlichen Debre Birhan, die lange Jahre nie ihr Haus verließ – außer wenn sie an einer Beerdigung teilnahm. Die Gruppen, zu denen unsere Partnerorganisationen sie einluden, änderten das. Erstmals trafen sie sich außerhalb der eigenen vier Wände. Tauschten sich über eigene Wünsche und Vorstellungen aus. Bekamen Schulungen und Unterstützung. Schmiedeten Pläne für sich und ihre Kinder. Und konnten viele davon dank des Sparmodells, das sie in der Gruppe kennenlernten, auch umsetzen. Aufrecht und selbstbewusst, so habe ich viele der Frauen in den Selbsthilfegruppen kennengelernt. So aufrecht, stark und doch auch flexibel wie der Stock, den ich jetzt mitnehme. Ich hoffe, die Fluggesellschaft findet einen Weg, ihn mitzutransportieren. Mein Kollege Karl Pfahler hat es da deutlich leichter. Auch er bekam von der Frauengruppe ein Geschenk. Ein echtes Männergeschenk, wie sie versicherten. Die genaue Bedeutung dieses ca. 30 cm langen Teils mit lederartigen Fortsätzen habe ich nicht ganz verstanden. Aber als Fliegenwedel kann man es sicher gut verwenden.

Die Frauen in den Selbsthilfegruppen: so aufrecht, stark und doch auch flexibel wie der Stock.

Die Frauen in den Selbsthilfegruppen: so aufrecht, stark und doch auch flexibel wie der Stock.