Nepal Stories V: Volkstheater mit Lerneffekt

Mehr als Schauspiel: Straßentheater als Appell an die Zuschauer

Mehr als Schauspiel: Straßentheater als Appell an die Zuschauer

Plötzlich wird die Straße zur Bühne. Die Menschen bleiben stehen, sind wie gebannt – und kommen dabei ins Grübeln. Was sie so fesselt, sind Geschichten aus ihrem Alltag. „Als würde ich einem Nachbarn beim Streit mit seiner Frau zugucken“, sagt eine Zuschauerin staunend. Die Schauspieler sind Künstler, aber auch Schüler. Ermuntert und bei ihren Aufführungen begleitet hat sie unser Partner AMURT.

Zwanzig Schulkinder der Setidevi-Sekundarschule in Pangretar begeistern die Dorfbewohner seit einigen Monaten immer wieder mit ihren selbstgeschriebenen Stücken. Im ihrem neuen Theaterstück geht es um eine ganz normale Familie. Der Sohn darf die Schule besuchen, die Tochter muss im Haushalt helfen und wird viel zu früh verheiratet. Da sie keine Mitgift hat, wird sie von ihrer Schwiegermutter terrorisiert. Als sie schließlich ein Kind bekommt, stirbt sie bei der Geburt.

Schüler bei einer Theateraufführung im Dorf Pangretar: „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden!"

Schüler bei einer Theateraufführung im Dorf Pangretar: „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden!“

Die tragische Geschichte lässt die Zuschauer bei der Aufführung Mitte Juni tief beeindruckt zurück. „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden“, findet etwa Bipana Roka, eine Achtklässlerin. „Keine Schule, jung heiraten und dann auch noch geschlagen werden – das geht nicht!“ Tatsächlich hat das Theaterstück auch lustige Momente und regt so gleichermaßen zum Lachen und Weinen an – vor allem aber zum Denken. Schließlich sind im Dorf und auch unter den Eltern und Kindern der Setidevi-Schule viele der angesprochenen Probleme noch immer an der Tagesordnung. Das Kinderrechte-Komitee der Schule, das das Stück aufführt, will genau das ändern.

Missstände anprangern

Ebenfalls im Juni verwandelte eine Gruppe von Künstlern den zentralen Markt von Khadichour in ein Straßentheater. An die 300 Menschen sahen ganze zwei Stunden lang gebannt dabei zu, wie dort auf der „Bühne“ eine Familie auseinanderfiel.

Menschentraube um die Freilichtbühne: Straßentheater in Khadichour/Nepal

Menschentraube um die Freilichtbühne: Straßentheater in Khadichour/Nepal

Der alkoholsüchtige Vater macht seiner Frau das Leben zur Hölle. Der einzige Sohn ist dem Kartenspiel verfallen. Eine der Töchter fällt im Internet einem Menschenhändler zum Opfer, die andere wird in der Familie ihres Ehemannes derart schlecht behandelt, dass sie sich das Leben nehmen will. Zum Glück rettet sie die Polizei und die Familie kommt wieder zusammen.

Die Sitte der Mitgift vergiftet das Leben vieler junger Frauen: Szene aus einem Straßentheaterstück

Die Sitte der Mitgift vergiftet das Leben vieler junger Frauen: Szene aus einem Straßentheaterstück

Bus verpasst

Einer der Zuschauer, der bis zum Ende ausharrt, ist Arjun Oli. Er kommt gerade aus der Hauptstadt Kathmandu zurück und ist eigentlich nur auf der Durchreise. Doch die ungewöhnlich große Menschenmenge auf dem Khadichour-Basar weckt seine Neugier. Oli stieg aus dem Bus aus, sieht, dass ein Theaterstück auf dem Platz aufgeführt wird – und verpasst seinen Bus nach Hause.

„Ich habe einiges gelernt beim Zuschauen“, sagt er hinterher. „Ein neuer Bus kommt bestimmt – aber eine solche Gelegenheit zum Lernen kommt nicht so oft.“

Großer Zuschauerandrang: Was die Menschen so fasziniert, sind Alltagseschichten

Großer Zuschauerandrang: Was die Menschen so fasziniert, sind Alltagseschichten

Nepal Stories IV: Die Leseratten von Tekanpur

Neu eingerichtete Schulbibliothek wiederaufgebauten Schule in Nepal

Neu eingerichtete Schulbibliothek wiederaufgebauten Schule in Nepal

In Deutschland schwer vorstellbar: Wenn an der wiedererrichteten Kalika-Sekundarschule im nepalesischen Tekanpur morgens die Schulglocken läuten, sind viele Kinder schon längst in der schuleigenen Bibliothek und lesen. Freiwillig!

Selbst Bhakta Dhoj Bohara von der Schulbehörde wundert sich jeden Tag aufs Neue über die Büchervernarrtheit der Schüler. „Die Kinder streifen nicht mehr ziellos umher“, sagt er glücklich. „Sie lernen und konzentrieren sich jetzt viel besser.“ Tatsächlich ist es für die Kinder in Tekanpur wichtig, endlich wieder eine Anlaufstelle zu haben – und eine Beschäftigung fernab der harten Realität.

Nach den Erdbeben im April und Mai letzten Jahres waren Bücher in Nepal nämlich erst mal zweitrangig. Schulen und Wohnhäuser waren zerstört – es ging ums Überleben. Doch mit Hilfe unseres Partners AMURT kehren nun wieder Bildung und Freizeit ins Leben der Kinder zurück.

An der Kalika-Sekundarschule hat AMURT nicht nur den Wiederaufbau der Schule in die Wege geleitet, sondern auch die Bibliothek errichtet, die es in dieser Form vor dem Erdbeben gar nicht gab. AMURT lieferte Gedichtbände und bunt illustrierte Geschichten, dazu englische und nepalesische Wörterbücher und viele andere Lernmaterialien. Für die passende Wohlfühlatmosphäre sorgen rote Teppiche, etliche Sitzkissen, vier Rundtische und zwei große Bücherregale.

In jeder Pause beliebter Treffpunkt: Die Bibliothek ist der beliebteste Ort in der Schule von Tekanpur in Nepal

In jeder Pause beliebter Treffpunkt: Die Bibliothek ist der beliebteste Ort in der Schule von Tekanpur in Nepal

Und der Plan scheint aufzugehen. Seit der Eröffnung der Bibliothek vor einigen Monaten haben sich die Gewohnheiten der Schüler vollkommen verändert – gerade, wenn es um ihre Freizeit geht. „In der Pause spielen wir eigentlich gar nicht mehr“, sagt einer der Schüler. „Wir essen extra schnell, um in die Bibliothek zu kommen.“

Nepal Stories III: Es werde Licht!

Wie man Kerzen zieht, haben diese Frauen aus Nepal kürzlich gelernt. Nun tragen sie damit zum Familieneinkommen bei.Wenn Binda Bohara und die sechs anderen Frauen aus ihrer Selbsthilfegruppe Kerzen ziehen, hat das auch Symbolcharakter: Aus flüssigem Wachs entsteht eine feste Form, die Wärme, Geborgenheit und Licht spendet. Feste Formen und Geborgenheit – das alles stürzte in Nepal bei den Erdbeben im April und Mai letzten Jahres zusammen. Doch im Dorf Tekanpur, in dem Binda wohnt, bauen sich viele Bewohner langsam ein neues Leben auf – mit Hilfe unseres Partners AMURT.

Binda Bohara ist eine von ihnen. Die Erdbebenkatastrophe hat sie und ihre Familie hart getroffen. Jetzt nahm sie mit einigen anderen Frauen des Dorfes an einem AMURT-Workshop zur Kerzenherstellung teil. Die Frauen waren begeistert: „Mit den Kerzen lässt sich gutes Geld verdienen“, sagt Binda. „Aber auch zuhause kann ich sie super gebrauchen, um es uns endlich wieder gemütlich zu machen.“

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

AMURT lieferte den Frauen eine Maschine, acht Kilogramm Wachs sowie Fäden und Zwirn – um den Rest kümmern die Frauen sich seither selbst. Schon wenige Wochen nach dem Workshop schlossen sie sich zusammen und machten aus dem neu erlernten Handwerk ein Gewerbe. Die Kerzen verkauften sie auf den Märkten der Umgebung und verdienten innerhalb von zwei Wochen rund 3.000 Rupien (etwa 25 Euro). Vom Gewinn wollen die Frauen nun mehr Wachs und Fäden anschaffen, um ihr Kerzengeschäft voranzutreiben.

So langsam nimmt das Leben in Nepal wieder Form an. Binda und die anderen Frauen haben an Selbstbewusstsein gewonnen. Durch ihr Zusatzeinkommen tragen sie dazu bei, dass ihre Kinder mit vollem Magen ins Bett gehen –  bei Kerzenschein, versteht sich.

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

Der gemeinsame Erfolg macht selbstbewusst: Ein einfacher Kerzen-Workshop hat die Perspektiven der Frauen deutlich verbessert.

Erneut „verlorene Dekade“ für Lateinamerika?

Die Koordinatoren, die die Kindernothilfe-Arbeit in Lateinamerika koordinieren, zu Besuch bei uns in der Geschäftsstelle Duisburg

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Ein Treffen mit Seltenheitswert: 14 Experten aus unseren Lateinamerika-Büros kamen für sieben Tage in die Kindernothilfe-Geschäftsstelle nach Duisburg und diskutierten mit uns über Strategien und Arbeitsansätze der gemeinsamen Programm- und Projektarbeit. Überwiegend pessimistische Einschätzungen gab es dabei im Hinblick auf politische Entwicklungen, die Situation der Kinderrechte und den Kampf gegen die Armut in Lateinamerika. Eine wichtige Rolle spielte aber auch das Thema der Weiterentwicklung des Kinderrechts-Ansatzes in der Arbeit mit den lateinamerikanischen Partnerorganisationen.

Die Zahl armer und extrem armer Menschen in Lateinamerika steigt wieder. Grund dafür sind vor allem die eingebrochenen Erlöse aus Öl- und Bergbauexporten. In Teilen der Region – vor allem Haiti, Guatemala und Honduras – nimmt die Zahl der unter- und mangelernährten Kinder besorgniserregend schnell zu. Dort ist der Hunger zurückgekehrt! Vielfach, so berichteten die Teams aus Lateinamerika, fehlen den Regierungen die Mittel, um begonnene Investitionen in Bildungs-, Gesundheits- und Sozialprogramme fortzuführen. Hinzu kommen politische Umwälzungsprozesse wie derzeit in Brasilien, wo konservative Eliten neuerdings wieder eine extrem neoliberale Politik verfolgen. Menschen- und Kinderrechte oder Maßnahmen gegen die Schere zwischen Reich und Arm sind für sie kein Thema.

Volles Programm: Bei dem intensiven Arbeitstreffen ging es eine Woche lang um das Engagement der Kindernothilfe in Lateinamerika

Volles Programm: Bei dem intensiven Arbeitstreffen ging es eine Woche lang um das Engagement der Kindernothilfe in Lateinamerika

Gewalt nimmt dramatisch zu

Die mit Abstand gravierendste Bedrohung für die Menschen und die gemeinsame Projektarbeit sahen die Experten aus Lateinamerika in der dramatischen Zunahme von Gewalt. Unter den zehn gefährlichsten Städten der Welt befinden sich mittlerweile acht lateinamerikanische Metropolen. Nirgendwo ist der Anteil der Menschen, die jedes Jahr einem Gewaltverbrechen zum Opfer fallen, so hoch wie in Mittelamerika und Teilen Brasiliens. Gewalt und Armut könnten Lateinamerika wieder einmal eine „verlorene Dekade“ bescheren – mit verheerenden Folgen für die Zukunft von Millionen Kindern und Jugendlichen.

Kinderrechte stärken durch Mitwirkung

Großen Raum nahm bei dem Expertentreffen der Kinderrechts-Ansatz ein. Gemeint sind damit unter anderem Anstrengungen, den Schutz von Kindern vor Gewalt und Missbrauch durch die aktive Mitwirkung betroffener Mädchen und Jungen, ihrer Familien und der gesamten Nachbarschaft zu verbessern. Auch die Politik steht dabei in der Pflicht. Intensiv diskutierte die Expertenrunde darüber, wie die Wirksamkeit der gemeinsamen Arbeit erhöht werden kann. Wie das am besten sichtbar zu machen wäre und welche Möglichkeiten es gibt, Kinder an diesem Prozess beteiligen, war ein weiteres Diskussionsthema.

Angeregte Diskussionen beim Treffen der Koordinatoren für Lateinamerika, das das erste Mal seit 20 Jahren wieder in Duisburg stattfand

Angeregte Diskussionen beim Treffen der Koordinatoren für Lateinamerika, das das erste Mal seit 20 Jahren wieder in Duisburg stattfand

Das letzte Treffen aller Lateinamerika-Koordinatoren in Duisburg liegt zwei Jahrzehnte zurück. Dazwischen gab es immer wieder Arbeitstreffen an wechselnden Orten in Lateinamerika selbst. Diesmal jedoch wollten Vorstand und Lateinamerika-Referat der Kindernothilfe ein Zeichen setzen – mit einem intensiven Arbeitsaustausch, der die Beteiligten vor Ort mit Kollegen aus verschiedenen Referaten der Duisburger Geschäftsstelle zusammenbrachte. Mit zum Programm gehörte auch eine Einladung der Evangelischen Trinitatis-Kirchengemeinde in Duisburg-Buchholz, die die Gäste aus Lateinamerika bat, sich und ihre Arbeit im Rahmen eines Sonntagsgottesdienstes in der Jesus-Christus-Kirche vorzustellen.

Die Kindernothilfe kooperiert seit 1971 mit Partnern und Projekten in Lateinamerika. Im vergangenen Jahr förderte sie auf dem Subkontinent fast 88.000 Kinder und Jugendliche in 148 Projekten, verteilt auf die derzeit acht Partnerländer Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, Haiti, Honduras, Guatemala und Peru. Das Finanzvolumen der Kindernothilfe-Lateinamerikaarbeit umfasste 2015 rund 12,7 Millionen Euro.

[Fotos: Johanna Kunz]

Nepal Stories II: Satt und schlau – das Schulessen ist fertig!

Mittagessen ist fertig! Seit die Schüler im bergdorf Attarpur in Nepal mittags verpflegt werden, kommen sie regelmäßiger zum Unterricht.

Mit knurrendem Magen in der Schule: Für Sujan, Achtklässler in der abgelegenen Shanti-Udaya-Schule, war das vor dem Erdbeben 2015 eine alltägliche Zitterpartie. Wenn seine Eltern ihm kein Essen mitgeben konnten oder Kleingeld, um sich etwas zu kaufen, nagte spätestens ab Mittag der Hunger an ihm. Nach dem Erdbeben stellte sich die Frage gar nicht mehr: Die Not war so groß, dass Sujan immer ohne Essen auskommen musste.

In der Schulkantine wird das Essen jeden Tag frisch zubereitet. Das spart Geld und die Kinder müssen nicht mit leerem Magen zu lernen.

In der Schulkantine wird das Essen jeden Tag frisch zubereitet. Das spart Geld und die Kinder müssen nicht mit leerem Magen zu lernen.

Unser Partner AMURT erkannte die Situation und richtete eine Schulkantine ein, in der fortan täglich für die Kinder gekocht wird. „Das hat die Schule und ihr gesamtes Umfeld nachhaltig verändert“, sagt Karl Andersson, Projektkoordinator unserer Partnerorganisation AMURT. Das sieht auch Schulleiter Amir Lal Shrestha so: „Bevor wir für die Kinder Mittagessen anbieten konnten, gab es immer Schüler, die wegen des Nahrungsmangels gar nicht erst zur Schule kamen. Jetzt fehlt keiner mehr“.

Händewaschen nicht vergessen

Jeden Tag um 13 Uhr ist es dann soweit: In der Schule im Bergdorf Attarpur ist das Essen fertig. Es gibt Reis, Brot, verschiedene Hülsenfrüchte und Haluwa-Gemüse. „Wenn die Kinder das Essen woanders kaufen müssten, würde sie das jeden Tag 40 Rupien (etwa 34 Eurocent) kosten“, erklärt der Schulleiter. „Zu viel für die Menschen in dieser Region“.

Gut gelauntes Schlangestehen fürs Mittagessen

Gut gelauntes Schlangestehen fürs Mittagessen

Bevor sich die Schüler vor der Essenausgabe anstellen, waschen sie sich sorgfältig Hände und Mund. Nach dem Essen tun sie dasselbe. Für den Schulleiter ist das ein wichtiger Aspekt: „Die Schüler achten seitdem besser auf ihre Hygiene und Gesundheit“.

Gut gelauntes Schlangestehen fürs Mittagessen

Gesundheitsvorsorge inklusive: das Händewaschen gehört immer dazu!

Das Schulessen ist Teil unseres Programms zum Wiederaufbau zerstörter Schulen in Nepal. Dazu gehören auch Schuluniformen, Schultaschen und Schreibmaterial, die unser Partner AMURT an die Schüler verteilt hat.

Nepal Stories I: Gemeinsame Hilfe trägt Früchte

Gute Stimmung herrschte unter den Schülern während der Pflanzaktion

Grüner wird’s nicht? Doch! Mehr als ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in der Region Sindhupalchok können sich die Schülerinnen und Schüler der Shanti-Udaya-Schule wieder um schöne Dinge wie den Schulgarten kümmern. Ab heute berichten wir hier im Blog in loser Folge darüber, wie die Menschen in Nepal dank unserer Unterstützung wieder Mut und Fuß fassen.

Es geht voran in Nepal:  Am 13. Juni, rechtzeitig vor Beginn der Mosunsaison, pflanzen die Schulkinder in Sindhupalchok 300 Setzlinge verschiedener regionaler Baumarten, darunter Pflaumen- und Birnbäume, Pinien und Himalaya-Zypressen. Das Team unseres Projektpartners AMURT, das sich seit der Naturkatastrophe um die Schule kümmert, stellte das frische Grün bereit. Neben den Schülern haben es sich auch die Lehrer und Partner nicht nehmen lassen, bei der Pflanzaktion Hand anzulegen.

Erwartungsvoll gehen die Schülerinnen an die Arbeit

Erwartungsvoll gehen die Schülerinnen an die Arbeit

„Der vom Erdbeben dezimierte Baumbestand rund um die Schule wird nicht nur aus Umweltschutzgründen aufgeforstet“, sagt Schulleiter Amir Lal Shrestha. „Wir pflanzen auch Obstbäume,  damit bessern wir das Schuleinkommen auf“. Der Achtklässler Ganesh Shrestha, der gerade einen Pflaumenbaum gepflanzt hat, findet noch etwas anderes wichtig: „Der Blick ins Grüne macht das Lernen leichter“. Die Kinder freuen sich schon auf den Monsun – eine Zeit, in der man den Bäumen fast beim Wachsen zusehen kann.

Erst mal ein Loch buddeln: Mit der Spitzhacke bereiten die Schüler den Boden vor

Erst mal ein Loch buddeln: Mit der Spitzhacke bereiten die Schüler den Boden vor

Chile: Der steinige Weg der mutigen Familien aus Agüita de la Perdiz

Quelle: Jürgen SchübelinText und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Der Name klingt fast poetisch El Agüita de la Perdiz (frei übersetzt: Der Ort, wo das Rebhuhn Wasser trinkt). Das ist in Lateinamerika oft so: idyllische, romantische Bezeichnungen für eine Realität, die äußerst brutal sein kann. 1957 waren zehn Familien auf der Suche nach Arbeit und einer Perspektive für sich und ihre Kinder vom Land nach Concepción gekommen. Dort fanden sie aber nur extreme Armut und keinerlei Möglichkeit, irgendwo menschenwürdig zu wohnen. Sie entschlossen sich zu einem mutigen Schritt: Sie besetzten in einem kleinen, engen Tal mit steilen Hängen ein Stück Land, das ihnen nicht gehörte. Sie rodeten das Unterholz, beseitigten Müll und Unrat und bauten mit Abfallmaterial, das sie in Concepción zusammentrugen – Wellblech, Holzreste, Pressspan, Pappe – winzige Hütten.

Die erste Selbsthilfeaktion in ganz Lateinamerika?
Dass dieser Verzweiflungsakt in die Geschichtsbücher eingehen würde, konnte niemand der Beteiligten ahnen. Heute streiten sich die Historiker in Chile und den Nachbarländern darüber, ob die toma, die Landnahme von Agüita de la Perdiz, die erste Selbsthilfeaktion dieser Art in ganz Lateinamerika war – oder vielleicht doch die zweite, nach La Victoria, im Südwesten der Hauptstadt Santiago, die praktisch zeitgleich stattfand. Victor Jara, den unvergessenen chilenischen Liedermacher und Sänger, der im September 1973 fünf Tage nach dem Pinochet-Putsch bestialisch ermordet wurde, beeindruckte die Geschichte der Familien aus Agüita de la Perdiz und ihrer Kinder jedenfalls derart, dass er ihnen in seinem Album La Población (Die Armensiedlung) eine Cueca mit dem Namen Sacando Pecho y Brazo (etwa: „In die Hände gespuckt und angepackt“) widmete. Darin ahmen die Musiker mit ihren Stimmen und Instrumenten den Bau der Hütten nach. Video

Staatliche Schikane
Quelle: Jürgen SchübelinEin Jahr nach der toma, am 13. April 1958, gelang es den Familien, ihre kleine Siedlung trotz aller Widrigkeiten offiziell bei der Stadtverwaltung Concepción einschreiben zu lassen. Damals regierte der Konservative Jorge Alessandri das südamerikanische Land. Seine soziale Basis bildeten u.a. die mächtigen Großgrundbesitzer. Eine selbstorganisierte Landnahme durch Wohnungslose, das war in ihren Augen so etwas wie ein Staatsverbrechen. Folglich tat dieser Staat dann auch alles, um den Menschen in Agüita de la Perdiz möglichst viele Steine in den Weg zu legen. Es gab kein Trinkwasser, keinen Strom, keine Abwasserentsorgung, keine Müllabfuhr und natürlich keine Straßen. Die Zeitungen und das Bürgertum in Chile nannten die nach und nach auch an anderen Orten entstehenden Notsiedlungen verächtlich callampas (aus dem Boden schießende Pilze).

Trotzdem wuchs die Zahl der Menschen, die in dem engen, steilen Tal nach einem Ort zum Wohnen suchten, bis 1973 auf fast 3.000. Am Ende waren ganz Concepción und seine Nachbarkommunen von derartigen Notsiedlungen umgeben. Und noch heute konzentriert sich auf die Provinz Concepción die größte Zahl an campamentos (selbsterrichteten Armensiedlungen) in ganz Chile. Aus diesen Gründerjahren stammt einer dieser Sätze, die man, wenn man in Agüita die steilen Treppen zu den Hütten und Häusern hochsteigt, immer wieder hört: „Wir sind hier wie eine Familie!“ Hätten die Menschen damals dem Druck nicht gemeinsam standgehalten, sich gegenseitig in allen Belangen unterstützt, gäbe es ihre Siedlung nicht mehr.

Besonders hart waren die ersten Jahre nach dem Militärputsch vom 11. September 1973. Dem Pinochet-Regime war die rebellische Siedlung, von der aus man in weniger als einer Viertelstunde zu Fuß zum Campus der Universität von Concepción und in die Innenstadt der zweitgrößten chilenischen Stadt gelangt, zutiefst verhasst. Die Militärs schikanierten die Familien mit allen Mitteln: Zwangsräumungen, Zerstörung der selbstgebauten Hütten, erzwungene Umsiedlungen von Familien in andere Viertel. Aber mit all dieser Repression konnten sie nicht verhindern, dass angesichts der extremen Armut im Land für jede aus Agüita vertriebene Familie sofort eine andere nachströmte.

Der erste Ort in ganz Chile mit demokratischen Strukturen während der Diktatur
Quelle: Jürgen Schübelin
In diese Zeit fällt die mutige Entscheidung der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde von Concepción, ausgerechnet an diesem Ort ein Zentrum zu gründen, um gegen die chronische Unterernährung von Babys und Kleinkindern anzukämpfen. Vier Jahre nach dem Putsch, am 5. September 1977, startete das Centro Comunitario Luterano Agüita de la Perdiz mit seiner Arbeit. Sehr schnell wurde klar, dass ein Ernährungsprogramm allein noch keine hinreichende Strategie bildet, um der extremen Armut und der Arbeitslosigkeit entgegen zu treten. Zu der Kinderkrippe kamen deshalb nach und nach ein Kindergarten, eine Kindertagesstätte und die intensive Arbeit mit den Eltern, um mit ihnen gemeinsam Einkommens- und Arbeitsperspektiven zu entwickeln. Los Sobrinitos (die kleinen Nichten und Neffen) nannten die Mitarbeiter und Eltern das Projekt.

Wie entscheidend es war, in diesen bleiernen Jahren unter dem Pinochet-Regime über einen – wenn auch nur sehr bescheiden ausgestatteten – geschützten Ort zu verfügen, um mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten zu können, Netzwerk-Fäden zusammen zu halten und zivilgesellschaftliches Engagement zu ermöglichen, zeigte sich Anfang der achtziger Jahre: Agüita de la Perdiz war der erste Ort in ganz Chile, dessen Bewohner mitten in der Diktatur freie, gleiche und geheime Wahlen für die Leitung ihrer Nachbarschaftsorganisation organisierten und abhielten.

Das Projekt ist das Herz des Stadtviertels
Die Erfahrung, alles erkämpfen zu müssen: das Recht, auf dem besetzten Stückchen Land bleiben zu dürfen, die erste Trinkwasserleitung, die selbstverlegten Stromanschlüsse und die Befestigung der calle Michimalongo, die das Viertel durchzieht, das alles hat die Menschen von Agüita de la Perdiz geprägt. Auch nachdem am 11. März 1990 endlich das Militärregime nach einem verlorenen Plebiszit abtrat und den Weg für den Übergang zur Demokratie freimachte, sahen sich die Familien in Agüita nicht plötzlich auf Rosen gebettet. 13 lange Jahre sollte es noch dauern, bis sich der chilenische Staat endlich dazu durchringen konnte, den Bewohnern dieser Siedlung auch die Eigentumstitel für die kleinen Grundstücke, auf denen ihre Hütten und Häuser stehen, zu gewähren.

Das Projektteam des Centro Comunitario unterstützte bei all diesen Auseinandersetzungen die Familien der 120 Kinder, die hier tagtäglich aus und eingehen, und ihre Nachbarn aus Agüita engagiert, kreativ und ohne Angst anzuecken. „Dieses Zentrum“, sagt eine Nachbarin in einem youtube-Interview, das Studenten der Universität von Concepción aufzeichneten, „das ist das Herz unseres Viertels. Es ist das Beste, was wir je erreicht haben.“

Ein neues Gebäude dank Kindernothilfe-Spender
Quelle: Jürgen Schübelin
Nach drei Jahrzehnten Arbeit unter wirklich extrem beengten Verhältnissen in mehreren ineinander verschachtelten Holzhütten konnte das Projekt 2008 endlich in ein neues, dreigeschossiges Gebäude umziehen, für das Kindernothilfe-Spender den größten Teil der benötigten Mittel aufgebracht hatten. Wer damals die Erzieherinnen erlebte, wie sie jeden Tag mit den Bauarbeitern stritten, um jeden Ansatz von Pfusch am Bau von vornherein zu unterbinden, dem wurde klar, mit welcher Ernsthaftigkeit um dieses Projekt gekämpft wurde. Der Standort blieb der gleiche – und die bauliche Qualität des neuen Zentrums war am Ende so gut, dass bei dem schweren Erdbeben vom 27. Februar 2010, das mit einer Stärke von 8,8 auf der Richter-Skala gewaltige Schäden in Concepción und Umgebung verursachte, außer ein wenig abblätternder Farbe und einigen umgestürzten Möbeln keine Beeinträchtigungen zu vermelden waren.

Trotzdem wurde dieses Erdbeben zur nächsten großen Bewährungsprobe für die Familien in Agüita de la Perdiz. Obwohl auch in der eigenen Siedlung viele Hütten und Häuser schwer beschädigt wurden, Mauern und Dächern einstürzten, organisierten die Nachbarn spontan eine eindrucksvolle Kleider-, Essens- und Geldsammlung, um den Bewohnern des Armenviertels Santa Clara in der Nachbarstadt Talcahuano beizustehen – dort hatte im Gefolge des terremoto auch noch ein Tsunami heftige Verwüstungen angerichtet und Todesopfer gefordert. Die vor allem von der Regionalverwaltung und einschlägigen Medien angeheizte Hysterie, dass Horden von Armenviertelbewohnern plündernd durch Concepción ziehen würden – mit der Konsequenz der Verhängung des Ausnahmezustands und vom Militär überwachten Ausgangssperren – traf die Familien in Agüita de la Perdiz bis ins Mark. Plötzlich standen sie alle wieder unter Generalverdacht, wie ganz am Anfang ihrer Geschichte, als potenzielle Diebe, Plünderer, Kriminelle.

Heute herrschen Unsicherheit und Misstrauen
Quelle: Jürgen Schübelin
„Heute ist unsere Arbeit natürlich anders als während der Diktaturzeit“, sagt Graciela Silva, die Direktorin des Centro Comunitario. Die Probleme sind andere – und auch die verschiedenen Manifestationen von Armut. Aber noch immer geht es um Ausgrenzung, um Das-nicht-dazu-Gehören, um Mechanismen, die das Wirtschafts- und Sozialmodell im Nach-Pinochet-Chile verfestigt hat, damit sich Menschen unter völlig prekären Arbeitsbedingungen – und immer überschuldet – tagaus-tagein verausgaben, um mit ihren Kindern irgendwie über die Runden zu kommen.

„Das hat auch den Zusammenhalt in der Gemeinschaft erodieren lassen“, erklärt Graciela. „Nur noch wenige möchten sich für das Gemeinwohl engagieren. Die Unsicherheit und das gegenseitige Misstrauen sind gewachsen.“ Einige Fälle von schwerer Kriminalität und Gewalt, die es zuletzt gegeben hat – und zwar im Zusammenhang mit dem organisierten Drogenhandel, der sich wie ein Krebsgeschwür in das Viertel frisst –, reichten aus, um die Nachbarschaft auseinanderbrechen zu lassen.

Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Situation der Kinder: Die Fälle häuslicher Gewalt sind wieder angestiegen. Besonders junge Paare und Familien leiden darunter, „was natürlich emotionale und psychische Störungen bei unseren Kindern verursacht“, berichtet Graciela Silva. Und: „Viele können sich nicht mehr wie früher auf ihre familiären Netzwerke verlassen.“

Engagement gegen die Gewalt
Quelle: Jürgen Schübelin
Das Centro Comunitario-Team hat auf diese Herausforderungen reagiert. Seit dem vergangenen Jahr arbeitet jetzt auch ein Psychologe im Projekt, spezialisiert auf die Arbeit mit Familien in Krisensituationen und soziale Brennpunkt-Konflikte. Die Erzieherinnen selbst haben sich intensiv weitergebildet, um mit schweren Kinderrechtsverletzungen, vor allem im Zusammenhang mit Gewalt in allen ihren Ausdrucksformen, die sie an den Mädchen und Jungen wahrnehmen, professionell umgehen zu können.

Der chilenische Staat, ist – obwohl seit Jahren eingefordert – noch immer nicht in der Lage, ein nationales Jugendschutzgesetz zu verabschieden. Folglich gibt es seitens der politisch Verantwortlichen auch keine Unterstützung für das Team um Graciela Silva, um über das Engagement für die Kinderrechte auch die Erwachsenen immer wieder zu motivieren, Konflikte ohne Gewalt zu lösen und erneut das notwendige Selbstwertgefühl zu entwickeln, das sie so dringend an ihre Kinder weitergeben müssten. „Als Nichtregierungsorganisation, die sich für Kinderrechte engagiert“, sagt die Direktorin des Centro Comunitario, „müssen wir dafür sorgen, dass Gewalt und Aggressivität, Zurückweisung und Vernachlässigung gegenüber Kindern nie als ‚normal‘ betrachtet werden, sondern es in Agüita de la Perdiz und anderswo immer Menschen gibt, die sich dagegen auflehnen und alles dafür geben, die Dinge, so wie sie sind, zu verändern“.

Wie das gelingen kann, haben die zehn pobladores-Familien vor 59 Jahren gezeigt, mit deren Mut und Entschlossenheit in Agüita de la Perdiz alles begann.

(Projekt 92040)

Quelle: Jürgen Schübelin

Uganda: Die Hoffnungsträger von Sakiya

Foto: James Ongu

In Sakiya wird jeder Quadratmeter Land genutzt, um etwas anzubauen. Foto: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, hat Projekte unserer Partner in Uganda besucht. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Freitag, 29. April 2016

Nur wenige Kilometer vor Mbale liegt Sakiya, ein kleines Dorf mit vereinzelten Häusern und Rundhütten, die wie braune Flecken inmitten der üppig grünenden Gärten wirken. Hier wird jeder Quadratmeter Land genutzt, um Bohnen, Tomaten, Kohlköpfen oder Mais anzubauen. Zweimal im Jahr kann geerntet werden – wenn die Regenzeit  mitspielt und das kostbare Nass im richtigen Maß mit sich bringt, nicht zu viel und nicht zu wenig.

In der Kirche von Sakiya haben sich schon zwei Gruppen versammelt: Vertreterinnen der Selbsthilfegruppen aus verschiedenen Orten, die in einer CLA (Cluster Level Association) die Arbeit eben dieser Gruppen in der Region unterstützen. Und Jugendliche, die von der CLA in einem besonderen Projekt gefördert wurden. Sie alle stammen aus armen Familien, die ihnen keinerlei Unterstützung geben konnten. Sie hatten den Schulbesuch vorzeitig abgebrochen, weil es kein Geld für Essen, Kleidung oder Bücher gab, weil die Eltern starben und sie sich um die kleinen Geschwister kümmern mussten oder weil sie selbst schwanger wurden. Alle hatten sie keinerlei Perspektive, außer sich in das Heer der geschätzt 80 % arbeitslosen Jugendlichen in Uganda einzureihen, für ein Leben auf der Straße. Dass sie dort nicht mehr leben, liegt an den durchsetzungsstarken Frauen der CLA, der Dorfgemeinschaft und dem Kindernothilfe-Partner. Der Dorfvorsteher und die CLA suchten die Jugendlichen aus, sprachen sie an und luden sie ein. Nach den ersten Treffen entschied die Gruppe der Jugendlichen gemeinsam, womit sie sich beschäftigen wollten: Einige wählten zum Beispiel den Anbau von Gemüse. Das würde ihnen ein Einkommen generieren und gleichzeitig den Bedarf des Dorfs decken.

uganda9

Moses hat früher auf der Straße gelebt. Foto: James Ongu

Mit Hühnerzucht zum eigenen Auto

Moses entschied sich dafür, Hühner zu züchten.  Das war vor sechs Jahren. Mit einem Lächeln steht er jetzt vor uns und erzählt, was er in der Zwischenzeit erreicht hat: zwei Ziegen hat er, sein Haus ist statt mit Gras jetzt mit Wellblech gedeckt. Und – der Höhepunkt – er hat seit kurzem ein eigenes Auto! Die Eier seiner Hühner, die er verkauft, stehen bei ihm jetzt auch selber auf dem Speiseplan. Und Zucker kann er sich auch leisten, erzählt er. Fesch sieht er aus, wie er da vor uns steht. Stolz weist er uns auf den Pullunder hin, den er über seinem gestreiften Hemd trägt.

Uganda 3

Aidahs Pullover sind heiß begehrt. Foto: James Ongu

Die Strickerin von Sakiya

Auch seine Banknachbarin in der Kirche ist stolz darauf. Von ihr stammt der Pullunder. Aidah wurde vor drei Jahren schwanger. Da war sie 17 und musste die Schule verlassen. Als alleinerziehende Jugendliche ohne familiären Rückhalt  – ihre Eltern sind mittellose Taglöhner –  wurde sie von der CLA für das Projekt ausgewählt. Sie war nicht gesund, litt ständig unter der Kälte der nahen Berge. Und entschied sich deshalb, professionell stricken zu lernen. Die dicken Pullover sollten nicht nur ihre Kunden wärmen, sondern auch sie selbst. Zwei Monate lang besuchte sie mit Hilfe des Kindernothilfe-Partners eine Trainerin in der nächsten Stadt, lernte die Finessen des Arbeitens mit einer Strickmaschine kennen. Mit einem Grundstock aus dem Projekt und den Erträgen der ersten verkauften Pullover finanzierte sie eine eigene, neue Maschine. Wie die funktioniert, zeigt sie uns jetzt in der Kirche. Von den Schulen der Umgebung wird sie mittlerweile engagiert, um ganze Schulklassen mit Westen oder Pullovern zu versorgen. Mit einer Freundin teilt sie sich einen Stand auf dem lokalen Marktplatz, investiert einen Teil ihrer Strick-Einnahmen  in Zwiebeln und Kohl, die sie dort weiterverkauft. Und an die CLA, der sie ihre Ausbildung verdankt und die ihr beratend und begleitend zur Seite steht („wie eine Familie“), zahlt sie für jeden Kunden einen bestimmten Betrag. Denn auch andere Jugendliche sollen von dem Ausbildungsprogramm profitieren können. Einige hat sie selbst erst kürzlich im Stricken mit der Maschine unterrichtet.  „Aber nur solche, die weit genug weg wohnen“, lacht sie. Denn es soll ja keine Konkurrenz in der eigenen Region entstehen.

Uganda: Ein Theaterstück, das das Leben schrieb

Eine Familie leidet unter einem betrunkenen Ehemann. Foto: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, hat Projekte unserer Partner in Uganda besucht. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Donnerstag, 28. April 2016

„Mulembe“, begrüßen mich die Frauen im Chor auf Lumasaba, einer der vielen Sprachen Ugandas. Eine Stunde lang sind wir von der Distriktsstadt Mbale über vom Regen durchweichte, teilweise tief zerklüftete Erdpisten hierher nach Sibanga gefahren. Jetzt sitze ich mit gut 20 Frauen einer Selbsthilfegruppe (SHG) im Kreis, auf niedrigen Hockern, Matten oder auf den Boden gestreuten Blättern. Während sich über uns die nächsten regenschweren Wolken zusammenballen, stellen wir uns gegenseitig vor. Und dann spielen die Frauen Theater – kein fremdes Stück, sondern eines, das ihr Leben schrieb.  Als Bühne dienen zwei nebeneinander in den Sand gemalte große Kreise, in denen sie einmal das Vorher und daneben das Jetzt ihrer Mitgliedschaft in der Gruppe darstellen. Der ersten Bühne nähert sich heftig schwankend eine der Spielerinnen in ihrer Rolle als betrunkener Ehemann. Den Stuhl, den ihr die Ehefrau vor dem angedeuteten Zuhause anbietet, verfehlt sie um mehrere Armlängen. Die Fragen nach Essen für die Kinder, nach Geld für Strom, Schulgeld und Medizin prallen an ihr und ihrem Rausch ungehört ab.

Auf der zweiten Bühne sammeln sich währenddessen die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe im Kreis, erzählen sich die Ereignisse ihrer Woche und zahlen ihren wöchentlichen Sparbetrag in die Gruppenkasse ein, von der Schatzmeisterin im Einlagenbuch säuberlich notiert.  Meine Augen wandern von einem Schauplatz zum anderen. Hier die ratlos verzweifelte Ehefrau vor der Hütte mit den hungrigen Kindern und dem mittlerweile laut schnarchenden Mann. Dort die Frauen, die sich mit Darlehen aus der Gruppenkasse ein kleines Geschäft aufgebaut haben, sich gegenseitig beraten und nächste Ziele stecken.

Uganda - neu

Theaterstück mit Happy End: Die Frau wird in einer Selbsthilfegruppe aufgenommen. Foto: James Ongu

Und dann gibt es diesen Moment im Spiel, wo sich die beiden Kreise berühren.

Die Frau aus der Hütte begegnet einem Mitglied der Selbsthilfegruppe. Das hoffnungslose Elend der einen und die zuversichtliche Selbstsicherheit der anderen treffen aufeinander. Und verbinden sich. Das Selbsthilfegruppen-Mitglied erkennt in der anderen nämlich ihre eigene Geschichte. Wird von ihr an die eigene Vergangenheit erinnert, als sie selbst zu den Ärmsten der Armen gehörte, nicht wahrgenommen, nicht ernstgenommen,  ohne Mittel, ohne Stimme und ohne Perspektive.  So lädt sie die Fremde ein in ihre eigene Selbsthilfegruppe.

Als die Frauen an dieser Stelle des Stücks angekommen sind, fallen die ersten dicken Regentropfen, und wir flüchten mit unseren Stühlen und Matten ins Haus einer der SHG-Frauen.  Durchnässt und lachend drängen wir uns in den größeren der zwei Räume des Lehmbaus.

Es berührt mich immer wieder, welch unglaubliche Kraft in den Frauen durch die Selbsthilfegruppen freigelegt wird. Wie die wöchentlichen Treffen, die Bestärkung durch die Gruppe, wie das Sparmodell und das angebotene Training das Leben der Frauen – und das ihrer Familien! – vollkommen verändern können.  Die Frauen hier in Sibanga haben das erlebt und zeigen es mit ihrem Theaterspiel. Damit auch andere die Chance dazu bekommen.

Draußen verwischt währenddessen der Regen die in den Sand gemalten Kreise.

Simbabwe: Was macht einen Menschen aus?

Marvin

Marvin hat keine Geburtsurkunde. Ohne diese Bescheinigung darf er später nicht zur Schule gehen. Foto: Christoph Dehn

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, zurzeit in Simbabwe

Bulawayo, 05.05.2016

Was macht einen Menschen aus? Das ist in Simbabwe keine philosophische Frage. Die einfache Antwort lautet: die Geburtsurkunde. Denn ohne die Urkunde kann hier kein Kind in die Schule gehen. Wenn großzügige Direktoren den Schulbesuch dennoch gestatten, ist jedenfalls die Teilnahme an Prüfungen nicht erlaubt. Ein Kind ohne Geburtsurkunde darf auch nicht am Sportunterricht teilnehmen. Denn das wahre Alter zeigt nur diese Urkunde. Ein Schüler könnte sich also jünger machen und auf diese Weise Vorteile erschwindeln. Später geht es genau so weiter. Ohne Geburtsurkunde gibt es keinen Personalausweis, keinen Studienplatz, kein Konto, keinen Job in der öffentlichen Verwaltung und keinen Führerschein.

sim-Requirements

Der Kindernothilfe-Partner hilft bei der Beschaffung der Papiere. Foto: Christoph Dehn

Von den UN bestätigt: Jedes Kind hat das Recht auf eine Geburtsurkunde

Nun könnte man meinen, was soll’s, dann besorgt man sich eben eine Geburtsurkunde. Die UN-Kinderrechtskonvention nennt sogar ausdrücklich das Recht eines jeden Kindes auf einen Namen, eine Identität und eine Geburtsurkunde. Aber so einfach ist das eben in Simbabwe nicht. An diesem Morgen sind in der methodistischen Kirche von Mzilikazi, Bulawayo, fast zweihundert Menschen, meist Mütter und Großmütter, zusammengekommen. Der Kindernothilfe-Partner Justice for Children hat einen Beratungstag, eine mobile clinic, angekündigt. Es geht um Hilfe bei der Beantragung von Geburtsurkunden. Caleb, der Direktor, und Patience, die Programmverantwortliche, haben 155 Fragebögen mitgebracht, in die die Mütter und Großmütter die Daten zu ihrem Fall eintragen können. Die Bögen reichen lange nicht aus. Sieben Freiwillige nehmen die Einzelheiten jedes Kindes auf und überlegen mit den Frauen, wie es am besten weitergehen kann. Da ist Lydia mit ihrer Enkelin Mary, einem siebenjährigen Mädchen. Eines Tages im vergangenen Jahr kam Lydias Sohn mit seiner Frau und gab Mary bei seiner Mutter ab. Nur kurz, sie würden das Mädchen bald wieder abholen. Mary und ihre Oma haben seitdem nichts von den Eltern gehört. Vielleicht sind sie nach Südafrika gegangen oder nach Botswana. Vielleicht haben sie sich getrennt. Ob sie überhaupt noch am Leben sind? Aids hat schon so viele Eltern umgebracht. Obwohl Mary keine Geburtsurkunde hat, konnte die Großmutter die Schule überreden, sie aufzunehmen. Aber Prüfungen wird sie nicht machen können, und am Sportunterricht darf sie auch nicht teilnehmen.

Charity möchte für ihren Enkel Marvin eine Geburtsurkunde beantragen. Die Beraterin des Kindernothilfe-Partners hilft ihr dabei. Foto: Christoph Dehn

Eine Geburtsurkunde für Marvin

Bei einer anderen Beraterin sitzt gerade Charity mit ihrem Enkelkind Marvin. Marvin ist vier und hat noch einen zweijährigen Bruder Promise. Die Mutter lebt in Südafrika; ihre Ehe ging in die Brüche, der Mann ist psychisch labil, die Frau mit den Kindern überfordert. Marvin wurde in Südafrika geboren, unter falschem südafrikanischen Namen. Sonst hätte die Entbindung 7.000 Rand gekostet, etwa 450 Euro. Marvin kam illegal über die Grenze zu seiner Großmutter nach Simbabwe. Dafür hat die Großmutter 200 Rand an einen Schlepper gezahlt. Aber das Kind hat natürlich keine Geburtsurkunde und ist noch dazu illegal im Land. Und bald soll die Schule losgehen. Umsichtig erklärt die Beraterin von Justice for Children den mühsamen Weg zu einer Urkunde. Zunächst muss die Großmutter zur Grenzstation fahren und dort eine Provisional Restriction Notification beantragen, ein Papier, das Marvin das Recht gibt, nach Simbabwe einzureisen. Anschließend braucht sie von der Grenzstation den Admission of Entry Report, der bestätigt, dass Marvin tatsächlich eingereist ist und sich legal im Land aufhält. Dafür werden 20 Dollar fällig. 50 Dollar kostet die Beantragung einer Geburtsurkunde für Kinder, die außerhalb des Landes geboren wurden. Außerdem müssen die Geburtsurkunden und Personalausweise der Mutter, der Großmutter und, wenn möglich, auch des Vaters vorgelegt werden. All das zu besorgen, ist teuer, mühsam und zeitaufwändig. Aber wenigstens ist der Weg jetzt klar. Wenn alle Dokumente zusammen sind, kümmert sich Justice for Children um die Ausstellung der Urkunde. Und bis dahin schreiben sie einen Brief an die Schule und bitte um vorläufige Aufnahme; die Geburtsurkunde wird nachgeliefert.

Die Beraterin gibt Charity die Liste mit den benötigten Dokumenten. Die Erleichterung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Als wir fünf Stunden später zur Kirche zurückkehren, warten noch immer ein paar Frauen auf Beratung. Aber das Warten wird sich lohnen.