Bolivien: Neues Gesetz zur Kinderarbeit – „Endlich tut die Regierung etwas!“

Pressegespräch mit zwei Kinderarbeitern aus Lateinamerika. Foto: Niklas Alof

Pressegespräch mit zwei Kinderarbeitern aus Lateinamerika. Foto: Niklas Alof

Kinder in Bolivien dürfen ab zehn Jahren arbeiten – zwar nur unter gewissen Umständen, aber dann mit gesetzlicher Erlaubnis. Das entschied das dortige Parlament im vergangenen Jahr. Kinderrechtsexperten und die internationale Arbeitsorganisation (ILO) laufen Sturm gegen das Kinder- und Jugendgesetz, andere, vor allem die Kinder selbst, begrüßen die Entwicklung. Im Gespräch mit Jürgen Schübelin, Leiter des Kindernothilfe-Referats für Lateinamerika, erläutern zwei Jugendliche aus der Lateinamerikanischen Bewegung Arbeitender Kinder (MOLACNATs) ihre Position. Sie besuchten mit Unterstützung der Kindernothilfe unter anderem das Europäische Parlament und die EU-Kommission in Brüssel, um ihre Sicht auf das Gesetz zu erläutern.

Warum ist es aus eurer Sicht notwendig, dass Kinder arbeiten dürfen? Wäre es nicht wichtiger, für das Recht aller Kinder, zur Schule gehen zu können, zu kämpfen?

Lourdes Sánchez: In vielen Fällen können Kinder in Lateinamerika eben nur deshalb zur Schule gehen, weil sie nebenbei, tagsüber oder abends, an den Wochenenden und in den Ferien, arbeiten. Nur so bekommen die Familien das Schulgeld, die Mittel für die Schuluniformen und die Unterrichtsmaterialien zusammen. Kinderarbeit, die Mädchen und Jungen daran hindert, am Unterricht teilzunehmen, lehnen wir ganz entschieden ab.

Juan Pablino Insfran: Es ist ganz wichtig, dass sich Schulen und Lehrer besser auf die Bedürfnisse von arbeitenden Kindern einstellen. Wir brauchen Unterrichtszeiten, die es ermöglichen, Schule und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Und es ist wichtig, dass in der Schule die Lebensleistung und die Erfahrung von Kindern und Jugendlichen, die arbeiten müssen, wertgeschätzt werden. Da fehlt in Lateinamerika noch ganz viel.

Was ändert sich konkret durch das Gesetz, und welche Auswirkungen hat es auf arbeitende Kinder?

Lourdes: Zum allerersten Mal überhaupt übernimmt der Staat Verantwortung gegenüber Kindern, die arbeiten müssen: nicht einfach, indem er Kinderarbeit verbietet, sondern indem er klare Bedingungen setzt, Institutionen beauftragt, sich um die Belange der arbeitenden Kinder zu kümmern. Er sagt auch klipp und klar, was überhaupt nicht geht, nämlich Kinder auszubeuten oder für Arbeiten einzusetzen, die ihre Gesundheit, ihre Würde und ihr Recht auf Bildung verletzen. Ich finde zum Beispiel ganz wichtig, dass das Gesetz bestimmt, dass nach 22 Uhr kein Kind oder Jugendlicher mehr arbeiten darf. Dass für Mädchen und Jungen ab 14 Jahren der gesetzliche Mindestlohn bezahlt werden muss, ist ebenfalls neu und ein Fortschritt.

Halten sich die Arbeitgeber an dieses Gesetz?

Lourdes: Das müssen wir erst noch sehen. Das Gesetz wurde zwar im Juli letzten Jahres verabschiedet, aber erst seit Kurzem gibt es jetzt auch die Ausführungsbestimmungen. Wir werden vermutlich erst in einigen Jahren sagen können, ob unsere Erwartungen wirklich erfüllt wurden. Es kommt jetzt darauf an, dass die Kinder- und Jugendämter bei den Kommunalverwaltungen, die ja bei der Umsetzung des Gesetzes und als Ansprechstellen für arbeitende Kinder eine ganz wichtige Rolle spielen, ganz schnell mit ausreichend Geld ausgestattet werden, um funktionieren zu können, und dass die Mitarbeiter dort für diese Aufgabe wirklich ausgebildet werden. Wir alle wissen, dass wir weiter für unsere Rechte kämpfen müssen und dass uns nichts geschenkt wird.

Juan Pablino: Uns gefällt, dass in Bolivien der Staat nicht länger die Augen vor der Realität der arbeitenden Kinder und Jugendlichen verschließt, sondern mit diesem Gesetz auch zugibt, dass es wegen der Armut und den extrem ungleichen Chancen auf unserem Kontinent noch viele Jahre dauern wird, bis Kinder nicht mehr zum Familienunterhalt beitragen müssen. Aber das Gesetz erkennt endlich auch die Leistung und den Beitrag der arbeitenden Kinder und Jugendlichen an und bringt ihnen Wertschätzung entgegen. Das haben wir so zuvor noch nirgendwo erlebt.

Es kommt nicht so oft vor, dass Regierungsmitglieder, sogar der bolivianische Präsident, direkt mit Kindern und Jugendlichen über den Inhalt eines Gesetzes verhandeln. Hattet ihr das Gefühl, ernst genommen zu werden?

Lourdes: Ehe es überhaupt zu Gesprächen kam, haben wir uns monatelang vergeblich zu Wort gemeldet, sind immer wieder umsonst nach Cochabamba und La Paz gefahren, ohne angehört zu werden. Schließlich sind wir auf die Straße gegangen, haben Demos organisiert. Dabei ist die Polizei auf uns losgegangen. Das war richtig heftig. Erst zum Schluss konnten wir dann doch noch unsere Argumente vortragen – und erlebten, dass unsere Forderungen aufgegriffen wurden. Wir wollten von Anfang an, dass uns der Staat vor Ausbeutung und gefährlicher Arbeit schützt, aber auch den Rahmen setzt, um durch unsere Arbeit unsere Familien unterstützen zu können.

Experten kritisieren, dass durch das Gesetz die ILO-Konvention 182 über die „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ aufgeweicht und ein missverständliches politisches Signal gesetzt wird.

Juan Pablino: In meiner Heimat Paraguay müssen arbeitende Kinder oft Schmiergelder an Polizisten bezahlen, um beispielsweise als Schuhputzer oder Lastenträger auf dem Markt in Ruhe gelassen zu werden. Das war früher auch in Bolivien so – und wir kennen das auch aus anderen lateinamerikanischen Ländern, in denen Kinderarbeit offiziell verboten ist. Ist das etwa ok? Wir erwarten von der ILO, dass sie uns erst einmal zuhört. Danach soll sie mit all ihrer Erfahrung und ihrem Fachwissen mithelfen, die im Gesetz festgelegten Schutzregeln für Kinder umzusetzen, zu verbessern und nachzuhalten. Und wir brauchen auch in anderen lateinamerikanischen Ländern ein Umdenken bei den politisch Verantwortlichen: Wir wollen Schutz vor Ausbeutung, Unterstützung beim Einfordern unseres Rechts auf Bildung – und Anerkennung für das, was wir leisten.

Lourdes Cruz Sánche7. Foto: Christian Herrmanny

Foto: Christian Herrmanny

Lourdes Cruz Sánchez aus Potosí, 17: Sie fing mit 10 an zu arbeiten: als Küchenhilfe, Zeitungsverkäuferin, Grabsteine-Putzerin auf dem Friedhof. Heute studiert sie Sozialarbeit und verdient Geld als Näherin. Sie ist Sprecherin der bolivianischen Bewegung arbeitender Kinder (UNATsBO) und war an den Gesetzes-Verhandlungen mit Präsident Evo Morales beteiligt.

 

Juban Pablino Insfran Aldana, Kinderarbeiter aus Paraguay. Foto: Jürgen Schübelin

Foto: Jürgen Schübelin

Juan Pablino Insfran Aldana aus Asunción, 17: Er arbeitet als Schuhputzer auf dem zentralen Busbahnhof von Asunción, Paraguay und ist Sprecher der Lateinamerikanischen Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen (MOLACNATs). In diesem Jahr wird er seinen Sekundarschul-Abschluss machen und möchte Kommunikationstechnik studieren.

 

Wie die Kindernothilfe das Gesetz bewertet: Die Kindernothilfe vertritt eine differenzierte Haltung zu dem Gesetz und wird deren Umsetzung kritisch zu begleiten. „Wir sehen in dem Gesetz eine Grundlage für eine tatsächliche Verbesserung der Lage der Kinder“, sagt die Kindernothilfe-Kinderrechtsexpertin Antje Ruhmann. „Denn dieses Gesetz gibt Umsetzungsschritte vor und benennt Verantwortliche auf lokaler Ebene – also dort, wo die Probleme tatsächlich gelöst werden können.“ Entscheidend sei, dass die bolivianische Regierung genügend Mittel für die Umsetzung bereitstelle.

Nepal: Hilfe für Erdbebenopfer

Schon vor dem Erdbeben führten viele Berggemeinden Nepals ein abgeschiedenes Leben. Oft sind die Orte nur über Fußmärsche erreichbar. Das erschwert nun die Hilfsmaßnahmen, wie der folgende Film zeigt. Kindernothilfe-Vorstand Christoph Dehn berichtet von seinem Besuch in einem traumatisierten Land.

 

“Dieses Stück Land ist für unsere Kinder reserviert”

In Nepal leisten wir vor allem in abgelegenen Bergregionen Not- und Wiederaufbauhilfe – eine Aufgabe mit großen Herausforderungen. Unser Mitarbeiter Bastian Strauch gibt einen Einblick in das Leben der Menschen dort und in die schwierige Arbeit in luftigen Höhen.

Hochgradig beeindruckend ist die Siedlungskunst der Nepalesen – im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst auf höchsten Gipfeln und schmalsten Bergkämmen thronen noch Dörfer oder sogar Kleinstädte. Etwa Kaping, eine 507-Seelen-Gemeinde in der Region Sindhupalchok, in dem das Erdbeben mit am schlimmsten zuschlug und wir mit unserer Partnerorganisation Amurt Not- und Wiederaufbauhilfe leisten.

Nepal: Am großen Baum auf dem ersten Bergrücken befindet sich die Notschule.

Am großen Baum auf dem ersten Bergrücken befindet sich die Notschule.

Von außen betrachtet scheint es malerisch, die Innensicht der Menschen hier ist aber vor allem auch von Entbehrungen geprägt: Viele leben fast ausschließlich von dem, was ihre kleinen Terrassen-Äcker hergeben, manche messen nicht mehr als einen Meter in der Breite. Reis oder „Zivilisationsgüter“ wie etwa Zahnpasta besorgen sie sich über vierstündige Fußmärsche aus den größeren Siedlungen in den Tälern, während der dreimonatigen Monsun-Zeit ist aber auch der Weg dorthin kaum passierbar.

Das abgeschiedene Leben droht zum Verhängnis zu werden

Es ist ein sehr abgeschiedenes Leben hier oben – und genau diese Abgeschiedenheit droht vielen Menschen vor allem jetzt, zwei Monate nach dem Beben und kurz vor dem Monsun, zum Verhängnis zu werden. Unzählige kleine und größere Berg-Gemeinden gibt es in Nepal, und jede einzelne ist unfassbar schwer für Hilfsgüter und Wiederaufbau-Maßnahmen zu erreichen. 80 bis 90 Prozent der Häuser sind oftmals zerstört, ebenso Vorräte und Vorratslager. Es wird für viele ums Überleben gehen, wenn der Monsun kommt. Der Wiederaufbau wird dann pausieren müssen, die Vorräte sind knapper denn je, die kargen Geld-Rücklagen, die manche von im Ausland arbeitenden Verwandten haben, werden schnell aufgebraucht sein.

Nepal: 80 bis 90 Prozent der Häuser in Kaping sind unbewohnbar.

80 bis 90 Prozent der Häuser in Kaping sind unbewohnbar.

Umso erstaunlicher klingt eine Geschichte, die man aus vielen Berggemeinden immer wieder hört: Eines der ersten Dinge, die die Menschen hier nach dem Beben mit gemeinsamen Anstrengungen aufbauen wollen, sind: ihre Schulen – die man bekanntlich nicht essen kann.

Sie wollten so schnell wie möglich eine Notschule errichten

In Kalika etwa, einen Bergrücken von Kaping entfernt, haben die Menschen alle verfügbaren Mittel zusammengesammelt, um so schnell wie möglich eine Notschule zu errichten: Und drei Wochen später steht hier schon eine beachtlich große Konstruktion aus Holz, Wellblech und Planen – 200 Schüler sollen in den Pavillons Platz finden.

Nepal: In Kalika haben die Menschen aus eigener Kraft begonnen eine Notschule zu bauen.

In Kalika haben die Menschen aus eigener Kraft begonnen eine Notschule zu bauen.

„Ohne Unterricht werden es die Kinder und ihre Familien künftig sehr, sehr schwer haben“, sagt eine besorgte Mutter. „Sie brauchen das Wissen und die Fähigkeiten, um entweder das harte Leben hier zu meistern oder in Kathmandu ein neues aufzubauen – wenn nicht sogar im Ausland.“ Deshalb setzen die Bewohner alles daran, dass der Unterricht so schnell wie möglich wieder in Gang kommt.

Unser Partner kommt zur Hilfe

Fertigstellen konnten die Bewohner die Pavillons aus eigener Kraft aber nicht, denn ihnen gingen die Mittel aus. Deshalb sind wir auch hier – vermittelt über die nepalesischen Behörden – mit unserem Partner Amurt tätig: Gemeinsam mit der Gemeinde werden wir die Übergangsschule fertigstellen und monsunsicher machen.

Nepal: In Kaping hat der Notschulbetrieb bereits begonnen.

In Kaping hat der Notschulbetrieb bereits begonnen.

In Kaping sind wir derweil mit den Bewohnern einen Schritt weiter: Hier läuft der Notschulbetrieb schon, und wie überall legen wir dabei sehr viel Wert auf die psychosoziale Betreuung der Kinder. Zudem versorgen wir die Kinder täglich mit einer warmen Mahlzeit.

Wenn der Monsun kommt, drohen Bergrutsche

Dass wir in Kaping so schnell beginnen konnten, ist aber auch zu Teilen dem Zufall zu verdanken: Direkt unter dem ältesten Baum der Gemeinde, auf einem Bergvorsprung, gab es bereits eine Seltenheit, die man in den Berggemeinden so gut wie nie findet: Ein freies, ebenerdiges Stück Land, groß genug für eine Notschule. Und da auch in Kaping die Menschen so schnell wie möglich wieder Unterricht für ihre Kinder ermöglichen wollten, war schnell beschlossen: „Dieses Stück Land ist für die Kinder und ihre Bildung reserviert.“

Nepal: Frau mit Kind in Kaping. Im Hintergrund der Bergrutsch auf der anderen Talseite.

Frau mit Kind in Kaping. Im Hintergrund der Bergrutsch auf der anderen Talseite.

Eine Woche später hatten wir gemeinsam mit den Bewohnern einen monsunfesten Pavillon errichtet, in dem nun täglich die Kinder zusammenkommen, um den Weg zurück ins normale Leben und in eine gute Zukunft zu finden.

Wir hoffen sehr, dass all die Berggemeinden den Monsun gut überstehen werden. Die Menschen in Kaping und Kalika blicken mit besonders großer Sorge auf diese Zeit. Vor einem halben Jahr ist vor ihren Augen auf der anderen Talseite ein riesiger Bergrutsch abgegangen und hat ein komplettes Dorf mit sich gerissen.

Wir werden alles daran setzen, den Familien über die entbehrungs- und sorgenreiche Monsunzeit hinwegzuhelfen.


Hurra, endlich wieder zur Schule!

Nepal – Die Nachricht verbreitete sich in Kote wie ein Lauffeuer: Auf dem Schulgelände tut sich was! Sofort strömten die Kinder los. Sie konnten es gar nicht erwarten, dass nach dem Erdbeben endlich wieder der Unterricht beginnt. Doch die Lehrer, die sich an der Schule versammelt hatten, hegten eigentlich ganz andere Pläne für diesen Tag. Unser Mitarbeiter Bastian Strauch berichtet über einen unvorhergesehenen Schulstart in Nepal.

Die Schulkinder stürmen die Hängebrücke über den Goldenen Fluss

Die Schulkinder “entern” die Hängebrücke über den Fluss

Kotes Kinder sind nicht zu stoppen, wenn es um ihre Bildung geht. Ihre Schule wurde vom Beben völlig zerstört, genauso wie 80 Prozent der Häuser in dem abgelegenen Ort in Sindhupalchok – seit über einem Monat war an Unterricht nicht zu denken. Als die Mädchen und Jungen mitbekamen, dass sich endlich wieder etwas tat auf dem Schulgelände, stürmten die ersten los und verbreiteten die Nachricht im Dorf.

Der Schulweg für die Kinder von Kote: Seit dem Erdbeben war er verwaist

Der Schulweg für die Kinder von Kobe: Seit dem Erdbeben war er verwaist

Die Hängebrücke über den Goldenen Fluss brachten sie mächtig zum Schaukeln auf dem Weg zur Schule. Danach ging es am steilen Hang entlang über Stock und Stein, diesen Pfad hatten die meisten von ihnen nach dem Beben nicht mehr beschritten.

Die zerstörte Schule von Kote

Die zerstörte Schule von Kote

Die Lehrer, die sich im einzig verbliebenen sicheren Gebäude-Skelett versammelt hatten, staunten nicht schlecht, als die ersten Schüler durch das verrostete Schultor kamen. Sie waren eigenlich hier, um selbst etwas zu lernen, von Mitarbeitern unserer Partnerorganisation Amurt: Nämlich wie sie traumatisierte Kinder besser erkennen und ihnen entsprechend helfen können. Der Versuch, die Kinder zurückzuschicken, scheiterte, stattdessen stand nach kurzer Zeit schon eine ganze Schar auf dem Schulgelände.

Gemeinsam mit den Lehrern beschloss unser Partner Amurt schnell: Aus dem geplanten theoretischen Übungstag sollte ein sehr praktischer werden: Die Mitarbeiter von Amurt luden die Kinder zu genau dem spielerischen Programm ein, das sie mit den Lehrern entwerfen wollten: Auf Herumtoben, Singen und Tanzen folgen Entspannungsübungen, später malten die Mädchen und Jungen auf Papier, wie sich ihre Welt durch das Beben verändert hat – und auf Ballons brachten sie ihre Gefühle zum Ausdruck.

Alles damit die Kinder endlich eine Möglichkeit bekommen, ihre traumatischen Erlebnisse Schritt für Schritt zu verarbeiten und in den Alltag zurückzufinden. Denn das ist alles andere als selbstverständlich. Psychologische Unterstützung ist selbst in der Haupstadt Kathmandu kaum zu bekommen, in der abgelegenen Bergregion Sindhupalchok gibt es dafür so gut wie gar keine Chance – denn nur wenige Nepalesen sind für diesen Beruf ausgebildet.

Aber genau das droht nach dem Beben verheerende Folgen zu haben. Vor allem Kinder haben tiefe seelische Wunden davongetragen. Viele haben Angehörige und ihr Zuhause verloren. Die Angst vor weiteren Erdstößen raubt ihnen tagsüber den Nerv und nachts den Schlaf. Daher ist es wichtig, die Kinder nicht unvermittelt wieder mit formalem Unterricht zu konfrontieren, sondern die Schule zu einem Ort zu machen, an dem sie Sicherheit erfahren und unterstützt werden, ihre schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten.

Einige Kinder waren sehr mutig und machten bereits bei einer Erdbeben-Übung mit: Auf einer Holzplanke, aufgebockt auf zwei Steinen, wackelten sie hin und her, um ein Beben zu imitieren – und sie lernten dabei, tief durchzuatmen und ruhig zu bleiben.

Genau das nicht zu können, war für viele Menschen verheerend: Während des Bebens gerieten sie in eine Schockstarre und blieben in den Häusern, anstatt rauszulaufen. Und die Angst sitzt in Sindhupalchok weiterhin tief. Bis heute bebt die Erde hier täglich nach.

Für Aufregung der freudigen Art sorgte noch etwas ganz anderes: Die Kinder bekamen – ebenfalls früher als geplant – neue Rucksäcke, da die meisten ihre alten beim Beben verloren hatten.

Notschulen für Nepals Kinder

Nepal: 90 Prozent der Schulen in der Region Sindhupalchok sind zerstört.

Nepal: 90 Prozent der Schulen in der Region Sindhupalchok sind zerstört.

In Nepal hat die Schule wieder begonnen – offiziell jedenfalls. Denn auch gut einen Monat nach dem verheerenden Erdbeben muss vielerorts improvisiert werden. Das gilt besonders für die Region Sindhupalchok. Dort, ein paar Autostunden östlich von Kathmandu, sind schätzungsweise 90 Prozent der Schulen zerstört. Damit der Unterricht dennoch rasch beginnen kann, helfen wir den Gemeinden beim Bau von behelfsmäßigen Schulgebäuden. Damit verbindet sich auch die Hoffnung, dass die Kinder ihre traumatischen Erfahrungen durch den Schulalltag besser überwinden können. Aus Nepal berichtet unser Mitarbeiter Bastian Strauch.

Mehr als einen Monat herrscht in Nepal immer noch vielerorts Notstand

Mehr als einen Monat herrscht in Nepal immer noch vielerorts Notstand

Besuch bei unseren Hilfsprojekten in Nepal: Mit unserem Partner Amurt bauen wir derzeit Notschulen in sehr abgelegenen Gegenden auf, in denen nach dem Erdbeben bisher kaum Hilfe angekommen ist. Die Bilder zeigen unter anderem eine komplett zerstörte Schule der Region Sindhupalchok.

Das Ausmaß der Zerstörungen ist furchtbar. Notschulen sollen fürs erste Abhilfe schaffen.

Das Ausmaß der Zerstörungen ist furchtbar. Notschulen sollen fürs erste Abhilfe schaffen.

Die Fotos sind entstanden, als unsere Partner gerade mit Bewohnern und Schulverantwortlichen besprechen, wie man gemeinsam möglichst schnell den Unterricht wieder in Gang bekommen kann.

Konsultation der Dorfbewohner

Konsultation der Dorfbewohner

Die Menschen hier sind sehr arm und abgeschieden und haben große Sorge, dass ihren Kindern durch den fehlenden Unterricht die Chance auf ein besseres Leben abhandenkommt. Einige Mädchen und Jungen sind täglich 4 km weit über Stock und Stein gelaufen, um zu dieser Schule zu kommen.

Bildung ist Zukunft. Deshalb ist es so wichtig, dass der Schulunterricht bald wieder beginnt.

Bildung ist Zukunft. Deshalb ist es so wichtig, dass der Schulunterricht bald wieder beginnt.

Offiziell hat in Nepal der Unterricht wieder begonnen, aber noch immer können 1 Million Kinder nicht zur Schule, weil so viele Gebäude zerstört sind. Erst in einem halben Jahr erlaubt der Staat wieder feste Schulgebäude aufzubauen –  aus Sorge vor weiteren Beben. Wir errichten hier zunächst mit den Bewohnern und unserem Partner ein provisorisches Gebäude aus Bambus – damit die Kinder sehr bald ihre Chance auf Bildung zurückbekommen.

Diese Schule ist trotz ihrer Zerstörungen hoffentlich schon bald wieder in Betrieb - wenn auch erst mal provisorisch.

Diese Schule ist trotz ihrer Zerstörungen hoffentlich schon bald wieder in Betrieb – wenn auch erst mal provisorisch.

Das Wichtigste ist nun geklärt: Die Bewohner der Gemeinden, die ihre Kinder zu dieser Schule schicken, leben auf zwei Seiten eines Flusses. Es wurde diskutiert, ob die Schule auf der anderen Seite des Flusses neu errichtet wird. Unser Partner hat vermittelt: sie bleibt an ihrem ursprünglichen Standort  - es kann losgehen!

Was Boliviens Jugendliche bewegt

In verschiedenen Workshops lernen die Jugendlichen, sich und andere vor Gewalt und sexuellem Missbrauch zu schützen

In verschiedenen Workshops lernen die Jugendlichen, sich und andere vor Gewalt und sexuellem Missbrauch zu schützen (Foto: J. Schübelin)

Raphaela Fischer (19) kam vor drei Monaten mit dem Freiwilligendienst weltwärts nach Bolivien. Dort unterstützt sie unseren Partner Fundación La Paz in der Jugendarbeit. Eine erlebnisreiche Zeit, wie ihr Bericht zeigt.

Die Fundación engagiert sich hier in La Paz in mehreren Bereichen. Das Programm, dem ich als Freiwillige zugeordnet bin – und das im Rahmen einer Kooperation mit der Kindernothilfe entwickelt wurde –, richtet sich gegen sexuelle Gewalt und Geschlechterdiskriminierung. Unser Team arbeitet in drei Themenfeldern: Sensibilisierung und Prävention, Freizeitangebote für Jugendliche sowie psychologische Betreuung für Opfer sexueller Gewalt.

Sexueller Gewalt vorbeugen: Wie geht das?

Hauptsächlich unterstütze ich den Bereich Sensibilisierung und Prävention im Hinblick auf sexuelle Gewalt und begleite dafür meine Kolleginnen an die Schulen (6. – 12. Klasse). Pro Klasse haben wir in der Regel drei Einheiten: Die erste „unidad“ dient der Analyse. Gemeinsam mit den Jugendlichen versuchen wir herauszufinden, welche Themen ihnen besonders am Herzen liegen.

Den Einstieg bilden meist markige oder provokante Thesen, über die wir mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommen. Außerdem zeigen wir verschiedene Filme mit offenem Ende – als Einladung an die Jugendlichen, eigene Erfahrungen mit den beschriebenen Konfliktsituationen beizusteuern.

Je nachdem, in welchem Bereich wir dabei den größten Gesprächsbedarf erkennen, gestalten wir die nachfolgenden Arbeitseinheiten. Dabei geht es dann sehr konkret um Problem- und  Gefahrensituationen rund um Alkohol und Drogen. Auch das Risiko, im Umgang mit Facebook und anderen sozialen Medien zu viel von sich preiszugeben, kommt häufig zur Sprache. Weitere Themen sind persönliche Erlebnisse mit Geschlechterdiskriminierung, mit Gewalt auf der Straße oder im familiären Umfeld.

Zur Jugendarbeit gehören auch Workshops mit Eltern

Diese Arbeit an den Schulen macht mir sehr viel Spaß. Auch wenn wir gelegentlich doch auch ziemlich unreife oder erschreckende Antworten erhalten, merkt man vor allem in den Kursen, mit denen schon im Vorjahr gearbeitet wurde, wie wichtig diese Arbeit ist und wie intensiv sich die die Schüler mit  dem, worüber wir sprechen, beschäftigen.

Parallel dazu gibt es auch eine Arbeit mit den Eltern – etwa in Form von Workshops, in denen es um Kindererziehung ohne Gewalt geht. Auch zu diesen spannenden Treffen begleite ich meine Kollegen manchmal. Dabei ist es immer wieder interessant zu sehen, wie unterschiedlich sich Jugendliche und ihre Eltern zu ein und derselben Fragestellung äußern und welche gegensätzlichen Sichtweisen sie entwickeln.

Kreativität und soziales Engagement

Eines der Teilprogramme dieses Projektes nennt sich MUSARTA (Musik, Kunst und Talente). Das sind Kurse für junge Menschen zwischen 12 und 22 Jahren, in denen sie ihre Kreativität erproben können. Zum Angebot gehören Break Dance, Theater, Gitarrenunterricht, Maskenschminken, das Schreiben von Liedern und Texten – etwa im Hiphop-Stil – und vieles mehr. Meine Aufgabe ist es, an den Schulen Werbung für neue Kurse zu machen, einige Lehrer bei den Kursen zu unterstützen und die monatlichen Talentabende zu organisieren, an denen die Kursteilnehmer ihr Können zeigen.

Talentabend mit Break Dance - eine Bühne für Kreativität

Talentabend mit Break Dance – eine Bühne für Kreativität (Foto: J. Schübelin)

Einmal in der Woche findet unsere „Noche Arte y Cultura“ statt, eine Gesprächsrunde, bei der die Jugendlichen über von ihnen vorgeschlagene Themen diskutieren können. Themen der jüngsten Treffen waren zum Beispiel Drogen- und Alkoholabhängigkeit, Beziehungen und Trennungen, Sexualität.

Außerdem gibt es verschiedene Jugendgruppen wie die „Comunicadores“ und die „Facilitadores“. Die Comunicadores gehen jeden zweiten Sonntag mit ihrem eigenen Radioprogramm auf einen Platz hier im Stadtteil,  um dort über aktuelle Themen zu sprechen und mit Passanten zu diskutieren. Die Facilitadores ( frei übersetzt „Kontaktknüpfer“) sind eine recht neue Gruppe, die sich gerade „in Ausbildung“ befindet, um uns in Zukunft an die Schulen zu begleiten und mit ihren Altersgenossen über den Umgang mit Gewalt zu sprechen.

Straßenradio in Aktion: Jugendliche sprechen auf öffentlichen Plätzen über das, was sie bewegt

Straßenradio in Aktion: Jugendliche sprechen auf öffentlichen Plätzen über das, was sie bewegt (Foto: J. Schübelin)

Der enge Kontakt mit den Jugendlichen, den ich bei der Begleitung dieser Gruppen habe, ist für mich eine sehr eindrucksvolle Erfahrung, da ich so unmittelbar erlebe, was bolivianische Jugendliche hier in La Paz eigentlich bewegt.

Nach drei Monaten hier im Team der Fundación La Paz  kann ich sagen, dass diese Arbeit wirklich außerordentlich abwechslungsreich und interessant ist. Ich freue mich schon sehr auf die Erfahrungen, die in den nächsten Monaten auf mich warten.

Hilfe für Erdbebenopfer in Nepal

Die Menschen in Nepal hatten sich noch nicht von der verheerenden Erdbebenkatastrophe mit über 8.000 Toten erholt. Da erschütterte schon ein neues heftiges Beben ihr Land.

Über eine Million Kinder sind jetzt dringend auf unsere Hilfe angewiesen!

Ihr Zuhause liegt in Schutt und Asche, viele haben Eltern, Geschwister und Freunde verloren. Sie sind verängstigt, traumatisiert, haben Schlafstörungen, weil die Bilder der Verwüstung sie nicht loslassen.

Viele Mädchen und Jungen leiden an Durchfällen wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse in den Erdbebengebieten. Und gerade Kinder in den armen Regionen Nepals, die bereits an Unter- und Mangelernährung litten, sind jetzt mehr denn je gefährdet.

Wir fangen diese Kinder und ihre Familien auf. Die Kindernothilfe verteilt Zeltplanen, damit die Menschen Notunterkünfte bauen können. Die Familien erhalten auch Lebensmittelrationen. Medizinische Teams versorgen Patienten, z.B. bei Durchfallerkrankungen.

In Kinderschutzzentren, die wir schnell vor Ort errichten, helfen Psychologen traumatisierten Kindern. Dort können sie in einem geschützten Raum auch lernen und spielen. In Mutter-Kind-Zentren stillen Frauen ihre Säuglinge in Ruhe und erhalten Hygiene-Sets für die Babys. Mangel- und unterernährte Kinder werden mit Zusatznahrung aufgepäppelt.

Für diese wirksame Katastrophenhilfe brauchen wir dringend Ihre Unterstützung!

 

Sambia: Happyend für Cheswe

Sambia: Slumkinder mit Perspektive – dank der Arbeit unserer Partnerorganisation

Kindernothilfe-Vorstand Christoph Dehn ist mit Sambia-Referent Jörg Lichtenberg auf Projektreise. Hier schildert er seine Eindrücke.

Garden, so recht will der Name nicht zu diesem braun-grauen Slumgebiet in Lusaka passen. Wir halten an einem kleinen Platz an, in dessen Mitte die Ruine eines Hauses steht; die blaue Farbe auf den Mauern weist es als ehemalige Polizeiwache aus. Was ist hier geschehen?

Unser Begleiter von der Kindernothilfe-Partnerorganisation Zambia Civic Education Association (ZCEA) erklärt uns, dass die Bewohner des Viertels vor kurzem die Wache gestürmt und zerstört haben. Ein Mann aus der Nachbarschaft war dort unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen.

In Sambia liegen Gewalt und Hoffnung dicht beieinander

Wenige Meter hinter der zerstören Wache öffnet sich die Tür zu einem winzigen fensterlosen Büro. Wir treffen Ketu und Daniel, die beiden jungen Mitarbeiter des Beratungsbüros, die sich hier für die Rechte und Belange der Kinder des Viertels einsetzen. Mittel der Kindernothilfe machen es möglich.

Sambia: Das Büro unserer Partnerorganisation in Lusaka

Ketu und Daniel nehmen uns mit zu einem Hausbesuch. So lernen wir Cheswe und ihre Mutter kennen. Cheswe, eine schüchterne 10-Jährige, wäre fast auf der Straße gelandet. Als ihr Vater ihre Mutter und die Geschwister verließ, gab es plötzlich kein Einkommen und kein Essen mehr für Cheswe. Cheswe Mutter verdiente zwar ein wenig Geld mit Wasch- und Putzarbeiten, aber das reichte nicht einmal für das Nötigste.

Ein Straßenkind weniger

Dann hörten sie vom Rechtsberatungs-Zentrum der ZCEA und vertrauten sich Ketu und Daniel an. Den beiden gelang es, den Vater ausfindig zu machen. Sie überzeugten ihn, seine Tochter Cheswe weiter zu versorgen.

Sambia: Ketu und Daniel haben Cheswes Vater ausfindig gemacht

Zunächst kam er einmal in der Woche in das Beratungszentrum und übergab dort eine Tasche mit Lebensmitteln an seine Ex-Frau und ihre Tochter. Bald war klar, der Vater ist zuverlässig. Jetzt liefert er die Lebensmittel wöchentlich direkt bei seiner Tochter ab.

Ein Happyend für Cheswe: Die Drittklässlerin darf weiter in die Schule gehen. Sie hat zu essen. Ein Leben als Straßenkind ist ihr erspart geblieben.

Peru: Für eine Kindheit ohne Gewalt

Die neuen Vorstände der Kindernothilfe – Vorsitzende Katrin Weidemann und Finanz- und Verwaltungsvorstand Jürgen Borchardt – lernen ihre ersten Kindernothilfe-Projekte in Lateinamerika kennen. Katrin Weidemann berichtet in unserem Blog über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

11.03.2015

Der Kontrast könnte größer nicht sein. Unser kleines Hotel im Stadtviertel „Miraflores“  liegt umgeben von palmenbeschatteten Villen, Strandcafés und schicken Boutiquen.  Moderne, in weiß gehaltene Hochhäuser ragen in den oft grau bewölkten Himmel von Lima, ihre gläsernen Balkone sind zum Pazifik ausgerichtet, um möglichst viel von dem grandiosen Blick in die Appartments zu ziehen. Der kontinuierliche Wirtschaftsaufschwung, den Peru in den zurückliegenden Jahren vor allem dank des Bergbaus erlebte, hier ist er deutlich sichtbar.

Unser Fahrzeug reiht sich in den dichten morgendlichen Verkehr Richtung Norden ein. Langsam durchqueren wir die Stadt, in der sich auf einer Fläche knapp größer als das Saarland gut 10 Millionen  Menschen drängen. Nach einer knappen Stunde Fahrtzeit landen wir in einer anderen Welt: Wir sind in der Wüste. Nichts erinnert hier, im Distrikt Ventanilla, an den großstädtischen Reichtum Limas. Auf staubigen Sandpisten fahren wir durch die flirrende Hitze, vorbei an mit Bastmatten umwickelten Schlafplätzen, erdfarbenen Hütten aus luftgetrockneten Ziegeln und mit Steinen beschwerten Wellblechdächern.

Knapp 400.000 Menschen leben in Ventanilla, erzählt Ada, die hier seit 16 Jahren für den Kindernothilfe-Partner Kusi Warma arbeitet. In Pachacútec, einem der am schnellsten wachsenden Stadtteile an der Nordperipherie dieser Riesenstadt, ist die Lebenssituation der Kinder besonders schwierig. 180.000 Menschen hausen hier, ein Drittel davon sind unter 18 Jahren. Mehr als  70 Prozent der Bewohner haben keinen Zugang zu Trinkwasser. Vor manchen Unterkünften stehen deshalb riesige Plastiktonnen, in denen die Nachbarn das Wasser, das sie von Tanklastern kaufen, sammeln.  44 Prozent der Einwohner Parachútecs haben keine Elektrizitätsversorgung, 74 Prozent keine Abwasserleitungen.  In dem kleinen Kusi Warma Büro haben uns Ada, Gloria, Susanna, Sara und Michel diese Zahlen vorgestellt. Als Lehrerin,  Erziehungswissenschaftlerin, Sozialarbeiterin und Psychologe  begegnet ihnen die Armut in Pachacútec jeden Tag.  Und sie begegnen dieser Armut mit einem Projekt der Kindernothilfe.  5.000 Eltern und Lehrer in Pachacútec, das ist ihr Ziel, sollen bis Ende des Projektzeitraums um die Rechte ihrer Kinder wissen und sich dafür einsetzen.

Wie das konkret aussieht, erleben wir als erstes im Kinderzentrum. Dieses mit seinem fröhlichen bunten Wandbild leicht erkennbare Haus liegt zwischen Marktbuden und Unterkünften auf einer hügeligen Sandstraße in Pachacútecs Sektor C. Im rechten Teil des Hauses treffen sich gerade Mütter mit  ihren Kleinkindern von 0 bis 3 Jahren.  Um frühkindliche Stimulierung geht es da: im Kreis auf einer Matte sitzend wird jedes Kind mit seinem Namen und einem Begrüßungsritual willkommen geheißen, es wird gesungen, gestreichelt und geklatscht. Die Kleinen sind kräftig mit Rasseln und Trommeln dabei, krabbeln bunten Schaumstoffbällen nach oder üben sich mit weichen Stoffwürfeln als Turmbauer. Ein bis zweimal pro Woche treffen sie sich zu dieser spielerischen Frühförderung. Für die Eltern gibt es daneben immer wieder Informations-Angebote: zu Ernährung, zu Gesundheit, zu frühkindlicher Erziehung oder zum Kindesschutz.

 

Nebenan, im linken Hausteil, warten einige ehrenamtliche Mitarbeiterinnen gerade auf die größeren Kinder. An drei Tagen pro Woche werden sie künftig die Betreuung der Gruppe der 3- bis 6-Jährigen und die der 7- bis 12-Jährigen übernehmen. Ein Jahr lang haben sie sich mit den Mitarbeitern von Kusi Warma darauf vorbereitet, haben eigenes Material entwickelt, sich Techniken angeeignet, um 60 Klein- und Schulkinder zu fördern und zu fordern.  Und ihnen vorzuleben, wie man gewaltlos miteinander umgeht. Gewalt ist in dieser rauen Umgebung ein drängendes Thema. Den Gesetzen Perus folgend ist „die Ausübung leichter physischer Gewalt durch Eltern“  immer noch erlaubt.  Darum versuchen die Mitarbeitenden von Kusi Warma neben der konkreten Elternarbeit, auch durch Netzwerkarbeit mit anderen Organisationen, durch Arbeit mit der Polizei und mit den kommunalen Behörden Kindesschutzstrukturen aufzubauen.

Auch in den Schulen. In einer von ihnen treffen wir Lorena. Sie ist 15 Jahre alt und Mitglied im Kinderrechtsrat einer kombinierten Grund- und Sekundarschule mit insgesamt 18.00 Schülern. „Por una infancia sin violencia“ steht über der Tür des kleinen Raums, den sich der Kinderrechtsrat mit der Schülermitverwaltung teilt.  Für eine Kindheit ohne Gewalt, dafür setzt sich Lorena bereits im zweiten Jahr ein.  Eng gedrängt sitzen wir Besucher und das Kusi Warma Team zusammen mit den Schülervertretern in dem Zimmerchen, da erscheint auch der Schuldirektor. Er sei zum ersten Mal überhaupt in diesem Raum, bekennt er freimütig. Aber natürlich unterstütze er die Sache der Jugendlichen. Die stellvertretende Schülersprecherin, qua Amt mit einer breiten, himmelblauen Schärpe quer über die Brust geschmückt, rutscht unruhig auf ihrem Stuhl.  Aber Lorena lässt sich nicht beirren. Klar und selbstbewusst beantwortet sie unsre Fragen. Welche Kinderrechtsverletzungen ihr an der Schule denn am häufigsten begegnen? Das größte Problem, meint sie, ist der Rassismus und die Diskriminierung von Kindern mit dunklerer Hautfarbe, den Indigenas. Sie werden oft benachteiligt, lächerlich gemacht und mit Spottnamen versehen. Aber auch Gewalt sei ein großes Thema, fährt sie fort. Schläge wären häufig,  sexuelle Übergriffe kämen immer wieder vor, und sehr oft verbale Gewalt, Erniedrigung. „Bullying nennen wir das an der Schule,“ berichtet Lorena.  „Das hindert uns daran, selbstbewusst zu wachsen, uns zu verteidigen.“ Viele Einzelgespräche führe sie jede Woche mit Opfern an ihrer Schule. Sie suche dann auch das Gespräch mit dem „Angreifer“, erkläre ihm, was seine Bemerkungen bei dem Mitschüler alles auslösen. „Manchmal war es das dann schon.“ Die nächste Instanz sei sonst der Vertrauenslehrer, an den sie sich wenden könne. Er würde die gravierenderen Fälle weiterverfolgen.

Wie schmerzhaft es ist, Ziel von Angriffen zu sein, hat sie auch schon am eigenen Leib erfahren. Häme, Beleidigungen und grobe Attacken habe sie schon erlebt, weil sie sich im Kinderrat engagiert. Dass sie trotzdem noch dabei ist, verdankt sie den Mitarbeitern von Kusi Warma, die ihr helfen, sie stützen und kontinuierlich weiter schulen.

Es wird schon Abend, als wir uns aus Pachacútec wieder auf den Rückweg nach Lima machen. Pachacútec, den Namen haben sich die ersten Bewohner dieses Stadtteils in der Wüste vor 15 Jahren selbst gewählt. Sie zogen hierher auf der verzweifelten Suche nach einem Stück Land, wo sie leben konnten, besetzten die Abhänge der Sandhügel.  Der Name des Inkakönigs Pachacútec schien ihnen damals wie eine Verheißung. „Er war ein starker König“, erzählt mir eine Mutter beim Abschied. Im Lauf seiner Regierungszeit machte er sich einen Namen als einer der tapfersten und weisesten Inka-Herrscher überhaupt. Reformfreudig organisierte er die politische und wirtschaftliche Struktur des Landes um und sicherte durch die neue Methode des Ackerbaus auf Terrassen die Ernährung der Bevölkerung nachhaltig. „Der, der die Welt verändert“ bedeutet sein Name auf Quechua. Es ist eine Verheißung, die sich für die Menschen in Pachacútec in vielen kleinen Schritten auch im Jahr 2015 noch realisiert.  Besonders für die Kinder.

Bolivien: “Reden ist besser als schlagen!”

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Die neuen Vorstände der Kindernothilfe – Vorsitzende Katrin Weidemann und Finanz- und Verwaltungsvorstand Jürgen Borchardt – lernen ihre ersten Kindernothilfe-Projekte in Lateinamerika kennen. Katrin Weidemann berichtet in unserem Blog über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

Fundacion La Paz (7.3.2015)

Casandra ist aufgeregt. Zwei Stunden hat sie vor dem Büro des Kindernothilfe-Partners Fundacion La Paz auf uns gewartet, jetzt will sie uns ihr Reich zeigen. Kassandra ist 16, und seit einem Jahr kommt sie beinah jeden Nachmittag hierher in das Jugendzentrum „Villa Copacabana”.  Bei einem Workshop in der Schule lernte sie die Arbeit der Stiftung kennen. Das, worum es ging,  gefiel ihr: ein Leben ohne Gewalt, ja, davon träumt sie auch.  Gewalt, sie ist in La Paz, wie überall in Bolivien, allgegenwärtig: in der Familie, in der Schule, auf der Straße.  Mit ihrer Mutter wohnt Casandra am Osthang von La Paz, wo 90 Prozent der Bewohner mit ihren Hütten in Hanglagen der ständigen Gefahr von Erdrutschen ausgesetzt sind. Die hohe Gewaltbereitschaft  in den Familien hat viel mit den beengten Wohnverhältnissen zu tun, aber auch mit der mangelnden Bildung vieler Menschen, die hier wohnen, mit zu hohem Alkoholkonsum und dem „machismo”, der traditionellen Vormachtstellung der Männer.  Auch unter Jugendlichen selbst ist Gewalt weit verbreitet.  In über 70 Prozent der vorehelichen Beziehungen, belegen Statistiken, kommt es zu körperlichen Misshandlungen und physischer Gewalt.

Casandra ist “Anti-Gewalt-Helferin”

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien.  Foto: Jürgen Schübelin

Casandra wollte etwas dagegen tun. Nach dem Workshop-Besuch vor einem Jahr ließ sie sich zur „Anti-Gewalt-Helferin” ausbilden.  Hier im Jugendzentrum fand sie einen geschützten Raum, um anderen unbelastet zu begegnen, um neue Verhaltensmuster auszuprobieren.

Stolz  führt sie uns in einen mit Papierblumen und Girlanden geschmückten kleinen Raum. Hier wird das selbstgebastelte Material aufbewahrt, mit dem sie und andere Helfer mittlerweile selbst zu Einsätzen  in Kindertagesstätten und Schulen gehen. „Was heißt es, eine Frau zu sein” steht auf einer Blechbüchse, daneben liegt das Pendant für Männer.  In der Büchse stecken laminierte Karten mit Beispielantworten. Sie sind oft Türöffner bei Rollenspielen und Diskussionsrunden unter den Jugendlichen. Auf einem großen Pappwürfel ist auf jeder der sechs Seiten eine Situation beschrieben,  in der es zu Gewalt kommt. Beim gemeinsamen Spielen wird in der Gruppe überlegt, welche Lösungsvorschläge es dafür gibt.

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift. Foto: Jürgen Schübelin

Während ich noch in dem riesigen Märchenbuch blättere,  in dem Casandra eine Beispielgeschichte von friedlichem, gelungenem Zusammenleben erzählt hat,  öffnet sich am Ende des Raums eine schmale Tür. Hinter einer verdunkelten Glasscheibe befindet sich ein winziges Aufnahmestudio.  Ursprünglich sollten die Jugendlichen hier nur kurze Spots aufnehmen können für den lokalen Radiosender. Aber Casandra und die anderen Gruppenmitglieder wollten mehr.  Mit Energie und Hartnäckigkeit haben sie sich mittlerweile einen festen wöchentlichen Radiosendeplatz gesichert. Dafür wählen sie Musik aus, führen Interviews oder organisieren Diskussionsrunden auf dem Marktplatz.  Schnell zeigt uns Casandra noch den Rohentwurf für die nächste Jugendzeitschrift,  die sie als Kommunikatorin der Gruppe mit herausgibt, dann geht´s in das Nachbarhaus des Jugendzentrums.

Die “Veränderungsagenten”

Die Breakdancer mit ihren Botschaften

Die Breakdancer mit ihren Botschaften. Foto: Jürgen Schübelin

Hier warten schon andere „Veränderungs-
agenten”, wie sie sich nennen.  Ihre Spezialität ist Breakdance. Während ihrer akrobatischen Vorstellung hält es uns kaum auf dem Stuhl, klatschend stehen wir im Kreis und bekommen so am Ende der Tänze die Appelle  der Jugendlichen, auf große grüne Tafeln geschrieben, direkt vor Augen gehalten: „Mach nicht mit bei Gewalt!”  „ Reden ist besser als schlagen!” „Wer nein sagt, meint auch nein”.  Ich kann mir gut vorstellen, wie diese Performance bei Schulbesuchen begeistert und andere Jugendliche ins Gespräch zieht.

Zum Abschluss will uns auch Alexander noch etwas zeigen.  Er hat sich als Anti-Gewalt-Helfer aufs Sprayen spezialisiert, seine Leidenschaft sind Graffitis. An drei Schulen hat er im letzten halben Jahr mit dem Fundacion-Team zuerst bei Schul-Workshops mitgeholfen. Mit Lehrern, Eltern und den Schülerinnen und Schülern ging es dabei jeweils zwei Tage lang um Themen wie Frühschwangerschaften, Umgang mit Alkohol, aber auch um alltägliche Gewalt Mädchen und Frauen gegenüber.  Am Ende der Workshops hat Alexander dann mit den Schülern ein Motiv entwickelt und damit in einer gemeinsamen Sprüh-Aktion die Außenmauer der Schule gestaltet.  „Für jeden verlassenen Macho gibt es drei glückliche Frauen”, lese ich auf der ersten Mauer und muss lachen über das dazugehörige Bild eines verdutzt blickenden „Superman” neben drei fröhlich sich umarmenden Mädchen.  Die Aufschrift auf einer anderen Schulmauer lautet: „Das größte Verbrechen ist es, wenn du schweigst bei einem Verbrechen.” Casandra, Alexander und all die anderen Jugendlichen aus der Villa Copacabana,  sie haben das verinnerlicht und nutzen ihre Stimme – sie schweigen nicht.

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen. Foto: Jürgen Schübelin