Philippinen: Frauenpower gegen Armut und Katastrophen

Lachende Frauen in einer Versammlung

Versammlung einer Selbsthilfegruppe auf den Philippinen

Unsere philippinischen Partner setzen sich seit zehn Jahren dafür ein, dass Frauen ein neues, starkes Selbstbewusstsein bekommen. Denn das befähigt nicht nur die Familie, sondern ganze Dörfer und Kommunen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Vor allem nach dem verheerenden Taifun Haiyan 2013 bemüht sich unsere Partnerorganisation SIKAT in der Region Guiuan darum, Selbsthilfegruppen für Frauen zu gründen. Sie sind eine Art Plattform, auf der Ideen entstehen, Träume verwirklicht und Strategien entwickelt werden. Unsere Korrespondentin Jenifer Girke war dort und hat sich umgesehen.

Das wirkliche Überleben begann danach

Es war der 8. November 2013. Die meisten Bewohner in der philippinischen Provinz Guiuan waren zu Hause, auf See zum Fischen oder in der Schule. Viele hatten die Warnungen nicht ernst genug genommen, schließlich sind sie heftige Naturkatastrophen gewohnt. Doch “Haiyan”, oder “Yolanda”, wie ihn die Einheimischen nennen, war anders. Er war stärker, grausamer und brutaler. Der Taifun zerstörte mit einer Geschwindigkeit von 379 km/h alles, was seiner Wucht nicht standhalten konnte. Richelles Zuhause hielt auch nicht stand: “Evakuiert?”, fragt die 33-Jährige mit einem ironischen Lächeln, “Nein, wir wurden hier nicht weggebracht, wir wurden auch nicht gerettet. Wir blieben einfach zu Hause.” Richelle, ihr Mann und die vier Kinder überlebten den Taifun, aber das wirkliche Überleben begann danach: “Nach dem Taifun hatten wir nichts mehr – kein Essen, kein Zuhause, keine Kleidung. Ich wusste wochenlang nicht, was ich meinen Kindern zu essen geben sollte. Selbst wenn wir Geld gehabt hätten, gab es nichts zum Kaufen.”

Zwei bunte Auslegerboote, eines davon aufgebockt, das andere im Wasser

Der Taifun Haiyan hat vielfach die getroffen, die ohnehin schon wenig hatten. Nicht nur der Fischfang lag danach brach.

Hilfe für entferntere Inseln

Viele lokale Hilfsorganisationen konzentrierten sich in den ersten Tagen nach Haiyan auf die Festland-Gebiete rund um die Stadt Tacloban. Sozialarbeiter berichten sogar davon, dass sich einige Nichtregierungsorganisationen weigerten, entsprechende Hilfe auf entferntere Inseln zu bringen – zu groß sei das Risiko eines nächsten Taifuns. Doch einen Plan zur Umsiedlung gab und gibt es nicht, bis heute, mit der Begründung, es fehle das Geld. Die Folge: Gebiete wie die Inseln Victory Island oder Camparang, auf der auch Richelle lebt, wurden sich selbst überlassen.

Wir sind mit unserer Partnerorganisation SIKAT schon jahrelang in der Provinz Guiuan im Einsatz. Neben Soforthilfe und Sicherstellung einer grundsätzlichen Versorgung ist es ein großes Anliegen, Menschen wie Richelle eine langfristige Perspektive zu geben, damit sie sich selbst eine Zukunft aufbauen können. Auch wenn Geld eine entscheidende Notwendigkeit ist, brauchen diese Menschen zunächst etwas anderes: Glauben an sich selbst und neuen Mut. Ohne Selbstbewusstsein und einen guten Plan, von dem die Betroffenen selbst überzeugt sind, nützen Geldspenden nur bedingt etwas. “Wir wollen in die Zukunft dieser Menschen investieren. Sie sollen nicht abhängig von dem Geld anderer sein, sondern sich befähigen, eigenes Geld zu verdienen”, erklärt der philippinische Kindernothilfe-Mitarbeiter Ken Cacao, der für die Region Samar zuständig ist.

Drei Frauen sind über die Kassenbücher einer Selbsthilfegruppe gebeugt

Eine Selbsthilfegruppe führt Buch über die Ersparnisse

„Pagkakaisa“ bei den Frauen schaffen

Die erste Selbsthilfegruppe (SHG) gründete die Kindernothilfe in der Kommune San Juan südwestlich von Manila. Sie trägt  den Namen “Pagkakaisa”, das bedeutet “Einigkeit”. Genau das ist das Ziel: Einigkeit schaffen, in der Familie, dem Dorf, der Kommune. Die Kindernothilfe-Koordinatorin auf den Philippinen, Daryl Leyesa, ist von dem Konzept überzeugt: “Es ist ein sehr effektiver Ansatz, der auf Stärkung der Menschenrechte basiert und sich stets nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen vor Ort richtet.” Nach zehn Jahren ist sehr deutlich, dass dieses Konzept erfolgreich hilft, den Beteiligten eine neue, hoffnungsvolle Perspektive zu geben: “Die SHGs  richten sich an die Ärmsten unserer Gesellschaft und zeigen ihnen, wie sie sich selbst stärken und damit aus der Armut befreien können”, so Leyesa.

Nach Haiyan richtete SIKAT sein Augenmerk verstärkt auf die Regionen, in denen viele Bürger durch die Katastrophe ihre Existenz verloren hatten. Hier brauchte es dringend ein neues Bewusstsein für Katastrophenschutz, eine bewusste Wahrnehmung der eigenen Verantwortung, aber auch der eigenen Fähigkeiten, mit der Gefahr von Taifunen und ähnlichen Geschehnissen umzugehen. Das ist es, was vor allem Ken Cacao in seiner täglichen Arbeit in diesen Gebieten antreibt. Er kümmert sich seit dem Taifun um die am stärksten betroffenen Gemeinden und besucht regelmäßig die Treffen der SHGs: “In allererster Linie geht es uns hier um die Stärkung der Gemeinschaft. Wenn diese Frauen lernen und verstehen, wie viel sie in ihrer eigenen Hand haben, dann entwickelt sich ein ganz neues Selbstbewusstsein und das stärkt das ganze Dorf. Ein gestärktes Dorf kann nicht nur Probleme wie Armut besser bekämpfen, sondern auch effektiver mit Naturkatastrophen umgehen. Das ist überlebenswichtig.”

eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Ausdruck für das neue Bewusstsein für Katastrophenschutz: eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Dass man sich bei diesem Appell zunächst an Frauen richtet, ist eine logische Schlussfolgerung der gesellschaftlichen Situation, denn Frauen werden auf den Philippinen nach wie vor als minderwertige Bürger angesehen, deren Fähigkeiten stets auf innerfamiliäre Aufgaben reduziert werden. Deswegen sind es die Frauen, die oft unentdecktes Potenzial haben, aber nicht den Glauben daran, es auch nutzen zu können.

Richelles Schritt in eine positive Zukunft

So auch Richelle. Mit diesem neu geschöpften Antrieb hat sie sich  ein kleines Geschäft zu Hause aufgebaut: “Ich habe vier Kinder zu Hause, also kann ich nicht weit wegfahren, um zu arbeiten. Aber dann dachte ich mir, wenn ich nicht zur Arbeit kann, hole ich mir die Arbeit eben nach Hause.” Einmal im Monat kauft die Familienmutter Benzin auf dem Festland ein, füllt es zu Hause in kleine Plastikflaschen und verkauft es an die Fischer auf ihrer Insel. Das Startkapital dafür konnte sich Richelle aus dem Fond der Selbsthilfegruppe leihen. Man merkt, dass dieses Gefühl von ‘Ich kann auch etwas!’ noch ganz neu ist. Aber eines ist sicher: Es steht den Frauen richtig gut!

Richelle, einer der Frauen aus Guiuan, die in einer Selbsthilfegruppe aktiv und erfolgreich sind

Richelle konnte sich dank ihrer Selbsthilfegruppe ein kleines Geschäft zu Hause aufbauen

Südafrika: 28 Jahre nach dem Ende der Apartheid

Vor 28 Jahren beendete der damalige Präsident de Klerk mit seiner Rede die Apartheid in Südafrika. Von da an sollte die Trennung nach ethnischen Gruppen aufgehoben sein. Anlässlich des Jahrestages haben wir mit unserem Länderkoordinator in Südafrika, Phil Donnell, über die Zeit während und nach der Apartheid gesprochen. 

Interview: Sophie Rutter, Foto: Frank Peterschröder

Mädchen in einem Projekt in Durban, Südafrika. (Quelle: Frank Peterschröder)

Welche Auswirkungen hatte die Apartheid auf die Projekte der Kindernothilfe?

Die Apartheid wirkte sich in den 1980er Jahren auf verschiedene Weisen auf die Projekte unserer Partner aus. Beispielsweise das Recht auf Meinungsfreiheit und die Freiheit, entscheiden zu können, wo man leben und arbeiten möchte, wurden uns verwehrt. Projekte wurden gebremst, da es nicht immer möglich war, Geld von internationalen Spendern und Organisationen zu bekommen. Auch die Hilfe der Regierung für Projekte mit schwarzen Kindern war sehr eingeschränkt, wenn überhaupt existent. Das Sozialsystem, das wir heute kennen und uns, aber insbesondere die Ärmsten der Ärmsten, heute unterstützt, gab es damals leider nicht. Um die Projekte umzusetzen, mussten wir auf die Hilfe und Spenden der Gemeinschaft setzen, denn andere finanzielle Hilfen blieben während dieser Zeit oft aus.

Welche Auswirkungen hatte die offizielle Beendigung der Apartheid in den 1990er Jahren?

Für Südafrika bedeutete die Demokratie, dass die vorherigen Restriktionen aufgehoben wurden und es mehr Freiheiten für alle benachteiligte Gruppen gab. Wir als Kindernothilfe hatten durch die Beendigung auch mehr Möglichkeiten, inländische und ausländische Spendengelder für unsere Projekte zu gewinnen. Bis in die späten 1990er Jahren ermöglichte ein von der Regierung neu erstelltes Sozialsystem es uns, Millionen von benachteiligten Haushalten zu unterstützen und viele unserer Projekte umzusetzen. Einigen Projekten ist es nun möglich, mit anderen Nichtregierungsorganisationen und verschiedenen Regierungsabteilungen zusammen zu arbeiten. Somit kann eine größere Reichweite erreicht werden.

Spüren Sie die Apartheid noch heute? 

Ja, leider schon. Viele der sozial- und wirtschaftspolitischen Ausmaße der Apartheid sind heute noch von unseren Partnern und der Bevölkerung zu spüren.

Aus sozialer Sicht ist die Trennung nach ethnischen Gruppen immer noch dadurch bemerkbar, dass viele Menschen noch wie zur Zeit der Apartheid leben – nämlich geographisch getrennt voneinander. Nur wenige schwarze Südafrikaner haben den Aufstieg geschafft und können sich Grundstücke in hauptsächlich weißen Wohngebieten leisten. Viele Schulen, besonders in den ländlichen und halb-ländlichen Gebieten, werden nur von der gleichen ethnischen Gruppe besucht.

Wirtschaftlich gesehen gibt es auch noch große Probleme wie Armut und Arbeitslosigkeit, die insbesondere die schwarzen Südafrikaner betreffen. Obwohl viele NGOs und die Regierung schon über 20 Jahre an dieser Ungleichheit arbeiten, gibt es für die Südafrikaner kaum Veränderungen. Das Gleiche gilt für die weißen Südafrikaner, denn sie können ihr Leben immer noch im gehobenen Lebensstil genießen. Diese Diskriminierung motiviert aber die Partner vor Ort, weiterhin daran zu arbeiten, dass die heutigen Familien nicht mehr unter den früheren Umständen leiden müssen.

Leider kann die benachteiligte Bevölkerungsgruppe nicht auf die Hilfe aller Politiker zählen, denn vielen werden Korruption und andere Machenschaften vorgeworfen. Diese Zustände gab es auch schon während der Apartheid.

Obwohl die Apartheid in Südafrika nicht mehr existieren sollte, kann man leider immer noch die Diskriminierung und Trennung im Alltag spüren. Aber man kann durchaus eine Veränderung im Land erkennen, auch wenn nicht so viele, wie gewünscht. Es könnte noch einige Jahre dauern, bis die Ungleichheit im Land nicht mehr zu spüren ist.

Philippinen/Indonesien: Melinda, Marester und Andik

Unsere Korrespondentin Jenifer Girke war 2017 für uns in Indonesien und auf den Philippinen und hat viele interessante und starke Persönlichkeiten kennengelernt. Vor Ort hat sie wertvolle Eindrücke gewonnen und erfahren, wie unsere lokalen Partner die Lebenssituation der Menschen verbessern konnten. Die bewegenden Lebensgeschichten von Melinda, Marester von den Philippinen und Andik aus Indonesien haben wir in den vergangenen Wochen auf unseren Social Media-Kanälen vorgestellt. Hier sind alle drei Geschichten im Überblick.

Melinda: Der Traum vom eigenen Geschäft 

Melinda lebt in Guiuan/Eastern Samar auf den Philippinen, einer Provinz geprägt von Armut und regelmäßig wütenden Naturkatastrophen. Zuhause sorgt sie für ihren Mann und ihre zwei erwachsenen Söhne. Alle drei Männer sind arbeitslos und sie ist somit die Einzige, die den Lebensunterhalt bestreitet. Jede Woche trifft sich die 45-Jährige mit anderen Frauen zu einer von unserer Partnerorganisation Sikat Ngo initiierten Selbsthilfegruppe. Hier entstehen Ideen, wie die Frauen Geld verdienen und die Grundversorgung ihrer Kinder sicherstellen können. Ein grundlegendes Mittel der Selbsthilfegruppen (SHG) ist der Aufbau eines eigenen Fonds. So zahlen die Mitglieder einen kleinen Beitrag (z.B. 10 Peso = 17 Cent) in eine Kasse ein.  Aus dieser können sie sich dann einen Kredit auszahlen lassen, wenn beispielsweise Schulmaterialien oder Medikamente finanziert werden müssen. Damit sie wöchentlich Geld einzahlen kann, verkauft Melinda selbstgebackene Kokosnuss-Pfannkuchen. Langfristig hat sie allerdings etwas viel Größeres vor: „Ich spare, um Kapital für einen eigenen kleinen Laden zu sammeln.“ So möchte sie Schritt für Schritt den Weg in eine sichere Zukunft gehen. Denn die Familienmutter hat sich dazu entschlossen, für sich und ihre Männer zu kämpfen.

Marester: Durch die Selbsthilfegruppe gestärkt

Während des Treffens ihrer Selbsthilfegruppe erzählt Marester, wie gut ihr die Gemeinschaft tut. Hilfe aus der Gruppe anzunehmen, fällt den Frauen leichter, als sich von Außenstehenden oder einer Bank abhängig zu machen. Durch den gruppeneigenen Sozialfond hat jedes Mitglied die Möglichkeit, Geld zu leihen. Maresters Freundin konnte zum Beispiel zur Geburt ihres Kindes ins Krankenhaus gehen und so ihr Baby retten. Doch für die Frauen geht es nicht nur um finanzielle Hilfe: „Wir reden zuerst über unsere Probleme, dann diskutieren wir, wie viel Geld wir brauchen. Wir hören einander zu, trösten uns und bauen Beziehungen auf. Dadurch ist der Druck nicht so groß wie bei einer Bank, der es nur ums Geschäft geht. Und unsere Zinsen sind viel niedriger.“

Nach der Sitzung verrät mir die 34-Jährige außerdem, wie sehr die Selbsthilfegruppe ihr Leben verändert hat: „Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden. Früher dachte ich, meine einzige Aufgabe im Leben bestünde darin, zu Hause zu sein, meinem Mann zu gehorchen, Kinder zu kriegen und zu kochen. Doch in der Gruppe habe ich gelernt, welche Rechte ich als Frau und Mutter habe. Ich habe angefangen soziale Kontakte zu knüpfen, mich zu öffnen und nicht immer zu allem ‚Ja‘ zu sagen.“ Ihr Mann hat diese Veränderung natürlich wahrgenommen und wollte ihr zunächst verbieten weiterhin zu den Treffen zu gehen. Doch er sah auch, dass das Finanzsystem der Frauen Früchte trägt und so seiner Familie hilft. Wenn das Wetter zu stürmisch zum Fischen ist, er mit leerem Fangnetz nach Hause kommt und weder etwas zum Verkaufen noch etwas zu Essen für die vierköpfige Familie hat, leiht sich seine Frau aus dem SHG-Fond Geld – früher mussten sie in solchen Zeiten hungern. Ihr plötzliches Selbstbewusstsein beeindruckte ihren Mann und auch er fing bald an, neben der Arbeit den Kontakt zu anderen zu suchen, anstatt sich nach Feierabend zu Hause zu verkriechen. „Er machte es mir nach, weil er sah, dass es mir besser ging. Heute sind wir beide viel entspannter und ich bin eine glücklichere Mutter und Ehepartnerin. Vor allem aber bin ich eine selbstständige, starke Frau. Und genau das sollen meine Töchter von mir lernen.“

Andik: Früher lebte er für Drogen, heute lebt er für die Kinder

Als Andik ein Teenager war, begannen seine Freunde Drogen zu nehmen. Wer nicht mitmachte galt als Feigling und wurde ausgelacht. Andik wollte dazugehören und probierte es aus: „Es fing harmlos an mit Kleber und Zigaretten, aber dann machte ich immer weiter – mit Pillen, Crystal Meth und schließlich Heroin.“ Andik führte ein Doppelleben: Er ging zur Schule, machte seinen Abschluss, fing an zu studieren und lebte bei seinen Eltern. Niemand merkte, dass er längst von den Drogen abhängig war. Während des Studiums fing er an zu dealen und die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Er brach daraufhin sein Studium ab und verlor sich in seinen Exzessen: „Irgendwann lag ich auf der Straße und dachte: Ok, das war es jetzt, ich werde hier sterben mit meiner Flasche und einer Nadel im Arm.“ Bis sein Freund Roni ihm von einem Training erzählte, das ihn unterstützen würde, sein Drogenproblem in den Griff zu bekommen. Jeder, der teilnimmt, werde bezahlt. „Ich war natürlich sofort dabei. Das Training interessierte mich nicht, aber ich brauchte Geld für meine Drogen.“ Nach dem ersten Training folgten weitere  und Andik wurde eingeladen, in Schulen über den Missbrauch von Drogen zu reden: „Die Wahrheit aber sah so aus: Ich erzählte den Kindern wie schlecht Drogen sind und fünf Minuten später setzte ich mir selbst den nächsten Schuss.“ Ein amerikanischer Unicef-Mitarbeiter, David, bemerkte, wie ernst  es um Andik stand. Er erzählte ihm von  einem neuen Auftrag in einem anderen Teil des Landes, der aber gut bezahlt werden würde. Der damals 29-Jährige sagte sofort zu: „Doch als ich dort ankam, wurden mir meine Kleidung und mein Handy abgenommen. Das war kein Auftrag. Das war ein Rehabilitationscenter! Mein Freund David trickste mich aus und rettete mir damit das Leben.“ In der Einrichtung wurde nicht nur Andiks Körper entgiftet, auch seine Einstellung veränderte sich – nach eineinhalb Jahren war er clean und schloss seine Therapie erfolgreich ab.

Dann hatte David tatsächlich ein Jobangebot für seinen Freund: „Ich fing an, in diesem Rehabilitationscenter Abhängige zu beraten und betreute verschiedene Entzugsprogramme.“ Dort hat er seine Frau kennengelernt, die in dem Center ein Praktikum absolvierte. „Mit unserer Verlobung traf ich die Entscheidung, eine andere Richtung einzuschlagen. Drogen waren über 15 Jahre lang Teil meines Lebens gewesen und ich war es leid, mich mit den Problemen zu beschäftigen, die sie in den Leben von Menschen anrichten. Zuerst in meinem eigenen, dann in denen derjenigen, die ich betreute. Außerdem verlor ich so viele Freunde wegen der Drogen – Roni und viele andere starben, die meisten von ihnen an HIV.“ Andik kündigte und war auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, bei der er weiterhin anderen helfen und seine Geschichte als Zeugnis einsetzen konnte. Er bewarb sich bei KDM und kann sich noch ganz genau an sein Vorstellungsgespräch erinnern: „Ich sagte ihnen sofort, dass ich zwar keine Ahnung von Straßenkindern habe, aber die Leidenschaft zu helfen und dass ich etwas Neues lernen will. Sie gaben mir eine Chance – das war für mich der Beginn eines neuen Lebens.“

Heute ist Andik 42 Jahre alt, glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und einen Job, der ihn Tag für Tag mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. „Ich sehe in diesen Kindern mich selbst. Hätte mir damals jemand gesagt, wie schlecht Drogen sind und wie schnell sie dein gesamtes Leben zerstören, wäre mein Leben vermutlich anders verlaufen. Doch jetzt kann ich diese Person für die Kinder sein. Ich bin die Stütze, die ich selbst nicht hatte. Das macht mich sehr glücklich.“

Den inneren Schweinhund überwinden – für einen guten Zweck

Besonders Anfang des Jahres ist die Motivation noch groß, die sportlichen Vorsätze fürs neue Jahr einzuhalten. Diese Motivation hat die Agentur GID-Projects mit Sitz in Neuss zum Anlass genommen, den ersten Neujahrslauf in Duisburg zu veranstalten. Die Kindernothilfe war mit an Bord.

Von Sophie Rutter, Kindernothilfe-Pressestelle

Es war kalt und grau, aber trotzdem war der Parkplatz am Wolfsee in Duisburg überfüllt. Ob hier etwas stattfindet, fragte der Busfahrer, der anscheinend nichts von der Veranstaltung mitbekommen hat. Auch nicht schlimm, denn schließlich fand heute, am Samstag den 6. Januar 2018, das erste Mal der Duisburger Neujahrslauf an der Sechs-Seen-Platte statt. Über 850 Läufer und Läuferinnen machten sich frühmorgens auf den Weg, um das Jahr 2018 aktiv zu beginnen und den inneren Schweinehund zu überwinden.

Toller Einsatz trotz erschwerter Bedingungen

Die Veranstalter (GID-Projects) mussten noch kurzerhand den Streckenverlauf ändern, da wegen Hochwasser ein Teil der geplanten Strecke nicht mehr passierbar war. Trotzdem liefen die motivierten Sportler und Sportlerinnen eine 3,2 km lange Strecke, die mindestens genauso idyllisch und malerisch war. Die Besonderheit war, dass jeder Läufer und jede Läuferin selbst entscheiden konnte, wie weit er oder sie noch laufen möchte. Um Punkt 9:30 Uhr ging‘s los. 90 Minuten hatten sie Zeit und liefen zwischen einer und sieben Runden. Anfangs kamen die Läufer und Läuferinnen nur schwer von der Stelle, die Masse entzerrte sich aber schon sehr bald. Vielleicht auch weil sich einige für eine kürzere Laufstrecke entschieden. Als Unterstützung, Zuschauer oder Mitläufer hatten viele  von ihnen Freunde und Familie mitgebracht.

Laufen für Straßenkinder in Äthiopien

Auch Kinderwagen und Hunde waren auf der Strecke zu sehen – und alle für einen guten Zweck: Die Veranstalter entschieden sich, pro Finisher einen Euro an die Kindernothilfe zu spenden. Mit 858 Finishern bedeutet das 858 Euro, die die Veranstalter erfreulicherweise auf 900 Euro aufrunden.  Darüber freut sich die Kindernothilfe sehr und möchte sich herzlich bei all den motivierten Teilnehmenden und dem Team bei GID-Projects bedanken. Die Spenden unterstützen ein Projekt in Dire Dawa, Äthiopien,  das Straßenkinder betreut und ihnen Kleidung, Bildung,  aber auch Hoffnung gibt. Die Gewinnerin der ersten Runde, Xenja Hartmuth vom MSV Duisburg 02 Leichtathletik e.V., freute sich, „dass man mit dem Lauf Kindern hilft, denen es nicht so gut geht wie uns“. Sie präsentierte uns stolz ihre Urkunde und die Preise, eine Sporttasche und Kopfhörer, die sie bei der gut besuchten Siegerehrung überreicht bekam. Auch die Pressesprecherin der Kindernothilfe, Angelika Böhling, ließ sich nicht von dem kalten Januarmorgen abhalten und lief mit. Angelika Böhling, zu erkennen an ihrer Kindernothilfe-Kappe, schaute sich die Veranstaltung ganz genau an, denn nächstes Jahr soll die Veranstaltung zusammen mit dem diesjährigen Veranstalter GID-Projects von der Kindernothilfe durchgeführt werden.

 

Begeisterung bei allen Beteiligten

Sie war begeistert von der Veranstaltung und freute sich sehr, dass man so viele Menschen mit dem Lauf ansprechen und motivieren konnte. Auch Paul Ermlich vom Veranstaltungsteam freute sich über die positive Resonanz.

Mitmachen stand im Mittelpunkt

Zur Stärkung standen Fruchtsaftschorle und frisches Obst bereit. Zusätzlich gab es für alle Teilnehmenden eine Gewinnertasse und eine Brötchentüte, denn schließlich sollte jeder belohnt werden. Für viele ging es nicht um die Zeit oder den Sieg, sondern vielmehr ums Mitmachen und darum, den inneren Schweinehund zu überwinden. Nach diesem erfolgreichen ersten Duisburger Neujahrslauf besteht großes Interesse an einer Wiederholung: Dafür wird gesorgt – keine Sorge.

„Morgens lernen, nachts betteln“: Straßenkinder in Jakarta

Indonesien boomt. Aber in Jakarta leiden tausende Mädchen und Jungen. Sie leben auf der Straße – freiwillig oder gezwungen, auf jeden Fall aber gefährdet und im Stich gelassen. Unsere Partnerorganisation KDM kümmert sich seit 1972 um diese Mädchen und Jungen. Dieser Beitrag stammt von unserer Korrespondentin Jenifer Girke, einer freien Journalistin aus Berlin, die eine Woche lang unsere Partnerorganisation in Jakarta begleitet hat.

Maruli hat als kleiner Junge seine Familie verloren und ist auf der Straße aufgewachsen. Doch dann bekam er die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Heute ist er ein selbstbewusster junger Mann.

Maruli hat als kleiner Junge seine Familie verloren und ist auf der Straße aufgewachsen. Doch dann bekam er die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Heute ist er ein selbstbewusster junger Mann.

Maruli verliert seine Familie

Marulis Vater hatte einen kleinen Marktstand in Jakarta. Er und sein Bruder gingen regelmäßig mit, mussten um Geld betteln, Menschen bestehlen oder stundenlang für Passanten singen. Eines Tages verlief sich Maruli im Trubel des Markttreibens. Er irrte stundenlang umher, weinte, geriet in Panik und schrie nach seinem Vater. Doch er fand ihn nicht. Nie weder. Das war das letzte Mal in Marulis Leben, dass er seine Familie gesehen hatte. Als „heimatloses, verlorenes Straßenkind“ zog er für Jahre von Stadtteil zu Stadtteil, lebte bei fremden Leuten „zu Hause“ oder mit anderen Jungs in den Gassen, bis er schließlich bei unserer Partnerorganisation Kampus Diakonia Modern (KDM) landete.

Obwohl er dort alles hatte, was er brauchte, lief er fünf Mal davon, um bei seinen Freunden auf der Straße zu sein. „Bei KDM wurde mir immer bewusst, dass ich keine Familie habe. Die meisten Kinder dort kamen aus schlechten Familien, aber sie kannten ihre Eltern wenigstens noch und wussten, wo sie wohnen.“ Maruli aber kann sich bis heute nicht einmal an den Namen seiner Eltern erinnern. Als Teenager war er oft frustriert darüber. Umso mehr bedeutet es dem 20-Jährigen zu wissen, wo er heute hingehört.

Endlich ein Zuhause

Maruli ist erfolgreicher Absolvent aller drei indonesischen Schulabschlüsse. Wer das schafft, hat Aussicht auf attraktive Arbeitsstellen oder kann sich an Universitäten bewerben. Maruli ist seit einem Jahr fest in einem Café angestellt. Hier arbeitet der 20-Jährige nicht nur, für ihn ist das Café sein Leben: „Elise und Jo, die Inhaber des Cafés sind keine gewöhnlichen Chefs. Ich wohne bei ihnen, wir kochen, essen, leben gemeinsam, sie kümmern sich um mich und ich baue das Café mit ihnen auf. Sie sind meine Familie geworden.“ Heute hat Maruli endlich eine Familie, die ihn liebt und die er nie wieder vergessen wird. „Hier werde ich sicherlich nicht weglaufen“, sagt er schmunzelnd.

Maruli in der Küche des Cafés Dulce, in dem er nicht nur Arbeit, sondern auch eine Familie gefunden hat

Maruli in der Küche des Cafés Dulce, in dem er nicht nur Arbeit, sondern auch eine Familie gefunden hat

Es geht ums Überleben

Maruli ist nur ein Schicksal von vielen. Mittlerweile hat sich die Situation der Straßenkinder allerdings geändert. Die Stadt Jakarta startete mit Unterstützung von KDM und anderen Organisationen mehrere Kampagnen wie etwa „Stop giving money“ („Hört auf, Geld zu geben“). Damit soll verhindert werden, dass Eltern ihre bettelnden Kinder als lukrative Verdienstquelle ansehen. Trotzdem leben immer noch viele Mädchen und Jungen auf der Straße – teils auch, weil sie es zuhause nicht mehr aushalten. Dass Straßenkinder zum Alltag gehören, ist vor allem ein kulturelles Problem.

„Es gibt hier in Jakarta eine Reihe von Einrichtungen, die es dulden, wenn Kinder auf die Straße gehen, solange sie auch zur Schule gehen“, schimpft Sotar Sinaga, der 2009 als junger Lehrer zu KDM kam und heute unsere Partnerorganisation leitet. „Morgens lernen, nachts betteln! KDM macht da nicht mit – die Straße ist und bleibt lebensgefährlich. Es geht um das Überleben und um die Zukunft dieser Kinder!“

Fußball als Türöffner

Die Aufgaben- und Wirkungsbereiche von Nichtregierungsorganisationen in Jakarta ändern sich. Momentan erreicht KDM fast 400 Straßenkinder in der indonesischen Hauptstadt, hauptsächlich durch die Bildungseinrichtung, Workshops und Sportprojekte wie Fußballspielen. Statistisch gesehen sinkt zwar die Zahl der Straßenkinder in Jakarta, doch dafür steigt sie in umliegenden Städten, die sich direkt an die Metropole anschließen, etwa Bekasi oder Bogor. Diese Orte wachsen, die Bevölkerung steigt, der soziale Druck und neu entstehende Infrastrukturen schaffen die Bedingungen dafür, dass sich das Problem lediglich verlagert.

Auch die Strategien, wie man Straßenkinder anspricht und ihr Vertrauen gewinnt, müssen stets neu überdacht werden. Das Angebot einer Dusche oder einer warmen Mahlzeit reicht oft nicht mehr aus: „Das, was jeder liebt, ist Fußball. Letztlich sind das Kinder, die Spaß haben wollen. Mit unseren Coaches und Fußballprojekten erreichen wir die meisten von ihnen,“ erklärt Sinaga. Das merkt man auch, wenn man mit KDM-Kindern spricht: Mehr als jeder zweite Junge hat den Traum, einmal Fußballspieler zu werden. „Das ist zwar toll, aber sie könnten sich auch wünschen, Arzt, Richter oder Manager zu werden. Das kennen sie aber nicht. Sie kennen nur die Straße und durch unsere Arbeit auch Fußball. Das zeigt, wie wenig sich die Kinder zutrauen.“

Selbstvertrauen lernen

Genau das ist ein zentraler Baustein bei KDM. Hier lernen die Kinder vor allem eines kennen: sich selbst – und alle Gaben, Interessen und Fähigkeiten, die sie haben. Viele der Schützlinge erzählen, wie überrascht sie waren, als sie das erste Mal ein Bild gezeichnet haben und es gar nicht so schlecht aussah oder als sie ihren ersten Kuchen gebacken haben, der sogar richtig lecker schmeckte. In der Küche zu arbeiten, in einem Restaurant oder Café, ist nicht banal oder eine niedere Beschäftigung, wie oft behauptet wird.

Sotar Sinaga, der Leiter unseres Projektpartners, freut sich, dass es für Maruli wieder eine Zukunft gibt.

Sotar Sinaga, der Leiter unseres Projektpartners, freut sich, dass es für Maruli wieder eine Zukunft gibt.

„Du kannst beim Backen nicht das Ei vor dem Zucker mit dem Mehl vermischen und du solltest genau die Zeit im Blick haben und wissen, wie lange dein Kuchen oder Braten schon im Ofen ist“, betont Sinaga. „In der Küche lernen unsere Kinder ganz wichtige Grundlagen ihres Verhaltens: Geduld, Genauigkeit, Verantwortung, Konzentration. Und am Ende sind sie total stolz, weil sie ein Erfolgserlebnis haben – das sie sogar essen und genießen können“.

Die Eltern ins Boot holen

Das Wissen aus ihrer langjährigen Arbeit möchte KDM mit anderen Organisationen teilen. Die Mitarbeiter reisen dafür zu über zehn verschiedenen Inseln in ganz Indonesien, um dort über Kindesmissbrauch und Kindesschutz zu sprechen. Ein Problem, mit dem sie dabei immer wieder konfrontiert werden, ist die Uneinsichtigkeit der Eltern. Viele Eltern betrachten eine strenge Erziehung als Teil ihrer Kultur. Sie schlagen und misshandeln ihre Kinder, ohne sich irgendeiner Schuld bewusst zu sein. Die meisten kämen niemals auf die Idee, ihre Kinder zur Schule zu schicken – dort können sie ja kein Geld verdienen.

Um sich für das Thema stark zu machen, schickte KDM einen ihrer Schützlinge, die sechzehnjährige Nanda, als Repräsentantin zum Gipfel der zehn einflussreichsten Nationen Südostasiens (ASEAN) auf die Philippinen. „Ich habe denen ganz klar gesagt, dass das Problem die Eltern sind. Und dass sie härter arbeiten müssen, dass sie überhaupt arbeiten müssen, denn dann können sie Geld verdienen und sich um die Familie kümmern, die sie ja auch selbst gegründet haben, und wir Kinder müssten nicht mehr auf die Straße“, sagt der Teenager mit kräftiger Stimme und Überzeugung.

Uni-Lernstoff Kindernothilfe

Architekturstudenten in Chile beschäftigen sich mit dem Wiederaufbauprogramm der Kindernothilfe in Haiti

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide - fertigstellt im Oktober 2013.

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide – fertigstellt im Oktober 2013.

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Ungewöhnlicher Lehrstoff: Die Studierenden am Institut für Architektur an der Universität von Valparaíso beschäftigten sich am 14. November im Rahmen einer Gastvorlesung mit den Kindernothilfe-Lernerfahrungen beim Wiederaufbau- bzw. dem Neubau von Schulen, die bei der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti zerstört worden waren. Unter der Überschrift „Humanitäre Krisen und Architektur“ ging es bei der Festveranstaltung zum 60. Jubiläum des Instituts für Architektur an der Universität von Valparaíso im vollbesetzten Audimax der Fakultät für Architektur in Playa Ancha um die ganz unterschiedlichen Strategien, Prozesse, technischen und logistischen Herausforderungen – etwa bei der Neuerrichtung sehr großer Schulen wie der École Saint-François de Sales in Rivière Froide bei Carrefour (1.400 Kinder) oder dem Collège Véréna in Delmás (1.600 Kinder) – im Vergleich mit dem ganz anders organisierten Wiederaufbauprogramm für die sechs bei dem Erdbeben zerstörten Schulen in den extrem unzugänglichen Gebirgsdörfern südlich von Carrefour.

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Die engen Bezüge zu Chile waren von Anfang an ein besonderes Merkmal dieses anspruchsvollen Wiederaufbauprogramms gewesen: Mit dem jungen chilenischen Architekten Alvaro Arriagada aus Santiago de Chile hatte die Kindernothilfe einen engagierten Experten für erdbebensicheres Bauen gefunden, der sich mit viel Enthusiasmus auf den Kindernothilfe-Ansatz einließ, Kinder und Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, aber auch die Menschen in den Communities rund um die jeweiligen Projekte, ganz intensiv in die Planungen und die Umsetzung der insgesamt 13 zwischen 2010 und 2016 realisierten Bauvorhaben einzubeziehen. Und mit einem Geologenteam der Universidad de Chile, das im Auftrag der Kindernothilfe die komplexen geomorphologischen Untersuchungen vornahm, die den Fundament-Ausschachtungen für die Saint-François de Sales-Schule der Kleinen Schwestern in Rivière Froide vorgeschaltet werden mussten, gab es dann auch noch einen zweiten professionellen Bezug in das Andenland.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle - auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle – auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Wie wichtig gerade in Humanitären Krisen- und Extremsituationen – wie nach dem verheerenden Erdbeben 2010 in Haiti, bei dem (so der heutige Forschungsstand) wohl um die 316.000 Menschen ums Leben gekommen waren, aber auch bei Katastrophen, wie sie die Menschen in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas in den zurückliegenden Jahren in schneller Abfolge erlebt hatten – ein rechtsbasierter Arbeitsansatz ist, also die konsequente Einbeziehung und Mitwirkung der mit dem jeweiligen Projekt in Verbindung stehenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, aber auch der Aspekt des inklusiven Bauens (der Berücksichtigung der Rechte von Kindern mit Behinderungen), war eines der Kernthemen dieser Uni-Veranstaltung in Playa Ancha. In den internationalen Konventionen, die sich mit Regeln für Humanitäre Hilfe-Einsätze beschäftigen, müssten – so eine der Forderungen aus der anschließenden Diskussion mit den Studierenden – das bedingungslose (Menschen)-Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung noch viel pointierter und konsequenter herausgearbeitet werden, um entsprechend der Prinzipien des do-no-harm-Ansatzes (der Forderung, dass Humanitäre Hilfe-Interventionen „keinen Schaden anrichten“ bzw. dank einer konfliktsensiblen Planung und Durchführung zumindest nicht zur Vergrößerung von entstandenen Problemen und Notsituationen beitragen) zu arbeiten. Für ihr eigenes Curriculum bei der Ausbildung zu Architektinnen und Architekten wünschten sich die Studierenden der Universidad de Valparaíso eine viel intensivere Beschäftigung mit all den Fragen rund um Architektur und Menschenrechte.

Das Kindernothilfe-Engagement nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti war der bislang größte humanitäre Einsatz in der Kindernothilfe-Geschichte gewesen. Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince sowie in das Lehrerfortbildungs- und das Selbsthilfe-Gruppen-Programm der Kindernothilfe in dem Karbikstaat. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet. Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase nach dem Erdbeben im Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschul-Traktes des Collège Véréna in Delmás.

Musik als Lebenschance: Zehn Jugendliche aus der Escuela Popular de Artes auf Europa-Tournee

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
30. Oktober 2017

Minutenlanger stehender Applaus, ein fasziniertes, völlig begeistertes Publikum im Echternacher Konzerthaus Trifolion: Für die zehn jungen Musikerinnen und Musiker aus der Escuela Popular de Artes (EPA), dem langjährigen Partnerprojekt der Kindernothilfe aus Achupallas, einem Armenviertel oberhalb der chilenischen Küstenstadt Viña del Mar, war dieser Auftritt am 28. Oktober der denkwürdige Höhepunkt einer intensiven, vierzehntägigen Reise durch Deutschland und Luxemburg.

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Schon bei ihrem Einzug in das bis auf den letzten Platz besetzte Trifolion – mit Zampoñas und einem fetzigen, andinen Pasacalle – machten die zehn Jugendlichen, die zusammen mit zwei ihrer Lehrer als Botschafterinnen und Botschafter ihres vor mittlerweile fast 20 Jahren, 1998, gegründeten Musik- und Kulturprojektes nach Europa gekommen waren, deutlich, um was es ihnen an diesem Abend ging: Sie wollten mit ihrer musikalischen Power anstecken, ihr Publikum überzeugen, dass das für dieses Konzert und ihre Tournee gewählte Leitmotiv „Musik als Lebenschance“ längst Realität ist.

Die Musikerinnen von Salut Salon - auf dem Bild Angelika Bachmann - haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Die Musikerinnen von Salut Salon – auf dem Bild Angelika Bachmann – haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Vor 13 Jahren, im September 2004, war zuletzt eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus der EPA auf einer Konzertreise in Europa gewesen, damals unter anderem mit Unterstützung des Deutschen Musikrates und der Musikerinnen des Hamburger Ensembles Salut Salon, die bis heute zu den wichtigsten und engagiertesten Förderinnen dieses chilenischen Kultur- und Sozial-Projektes gehören. Unter anderem hatte es im September 2004, organisiert von der Kindernothilfe, auch einen großen Konzertauftritt in Duisburg gegeben.

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Inzwischen ist es längst eine neue Generation von Kindern und Jugendlichen aus Achupallas und anderen Armenvierteln rund um Viña, die den Staffelstab aufgenommen hat. Musikalisch hat sich das EPA-Projekt – das wurde bei dem Konzert im Echternacher Trifolion deutlich – in diesen Jahren eindrucksvoll weiterentwickelt. Im Mittelpunkt des fulminanten Auftritts der Jugendlichen, die sich selbst Orquestra Latinoamericana Escuela Popular de Artes nennen, stand am 28. Oktober eine musikalische Tour d’Horizon durch Lateinamerika und die Karibik mit Tangos aus Argentinien, einer Cueca aus Chile, Cumbia-Rhythmen aus Kolumbien, andiner Musik vom Altiplano, Latin Rock und schließlich afrokubanischem Jazz aus Kuba.

Der Höhepunkt: Violetas Parras Lied Gracias a la Vida (1966) unter Mitwirkung der beiden Gründer der Escuela Popular de Artes, Michaela Weyand und Eduardo Cisternas, die heute in Deutschland leben und das Projekt von Wissen im Westerwald aus unterstützen sowie von über 50 engagierten Jugendlichen aus der regionalen Musikschule von Echternach und des luxemburgischen Conservatoire du Nord aus Ettelbrück.

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d'Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d’Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Ermöglicht wurde dieser denkwürdige Benefiz-Event zugunsten der Escuela Popular de Artes im Konzerthaus von Echternach durch die rührige luxemburgische Lateinamerika-Initiative Niños de la Tierra aus Bettembourg, die das EPA-Projekt seit seiner Gründung auch über manche Durststrecken hinweg unterstützt und – zusammen mit der Kindernothilfe – 2004/2005 einen erheblichen Teil der Mittel für den Neubau des Musikschulgebäudes in Achupallas aufgebracht hatte.

Auch der chilenische Staat engagiert sich – nach langen Kämpfen – mittlerweile finanziell, um die vielfältige Sozial-, Musik- und Kulturarbeit der EPA mit den jährlich über 150 Kindern und Jugendlichen aus Achupallas aufrechterhalten zu können. Aus der ursprünglichen Idee einer sozial integrativen Musikschule inmitten eines Armen- und Brennpunkt-Viertels ist längst eine Kulturinitiative geworden, die weit über den Stadtteil hinaus ausstrahlt – und nicht nur den an den Kursen mitwirkenden Kindern, ihren Familien und Nachbarn Perspektiven, Teilhabemöglichkeiten und Selbstbewusstsein gibt – sondern auch dazu beigetragen hat, das Image von Achupallas nachdrücklich zu verändern.

Dabei war, und auch das machte dieser Konzertabend in Echternach deutlich, die Strategie, Kinder und Jugendliche aus einem chilenischen Armenviertel für Musik zu begeistern, von Anfang an immer auch ausgesprochen politisch, ein „Akt des Widerstands“, wie es Marco Hoffmann, der Präsident von Niños de la Tierra, in seiner Begrüßungsrede auf den Punkt brachte. Viele neue Freunde und weitere Mitstreiter haben die jungen Musikerinnen und Musiker aus Achupallas mit ihrem grandiosen Auftritt auf alle Fälle gewonnen.

60 Jahre „La Victoria“ – ein geschichtsträchtiger Ort feiert Jubiläum

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
1. November 2017

Dieses Jubiläum hat auch mit der Kindernothilfe und der Geschichte der Kindernothilfe-Chile-Arbeit zu tun! Die emblematische Armenviertel-Siedlung „La Victoria“ an der Südperipherie des Stadtzentrums von Santiago de Chile in der heutigen Kommune Pedro Aguirre Cerda feierte am 30. Oktober ihren 60. Gründungstag.

La Victoria ist zusammen mit Agüita de la Perdíz in Concepción (wo Kindernothilfe ebenfalls engagiert ist), die älteste Armenviertelsiedlung Lateinamerikas, die aus einer toma, einer organisierten Landbesetzung durch wohnungslose Familien, hervorgegangen ist. Im Morgengrauen des 30. Oktober 1957 hatten die ersten pobladores (wie man in Chile Armenviertelbewohner nennt), Brachland im Sektor Chacra de Fería mit ihren Zelten und mitgebrachten Habseligkeiten in Beschlag genommen und dort als Zeichen dafür, dass sie durch ihre Aktion vom Staat ihr Recht auf menschenwürdiges Wohnen einfordern, die chilenische Flagge gehisst.

Die pobladores von La Victoria gingen mit ihrem Engagement und ihrer von langer Hand vorbereiteten Landbesetzung in die sozialwissenschaftliche Literatur Lateinamerikas ein. Victor Jara, der unvergessene chilenische Liedermacher und vom Pinochet-Regime ermordete Kulturaktivist, hat die Geschichte von La Victoria und den Überlebenskampf seiner Bewohner in seinen Liedern besungen. Während der Zeit der Diktatur (1973-1990) war dieser Ort immer auch ein geographisches und politisches Zentrum des Widerstands und der Versuche, zumindest auf lokaler Ebene demokratische Freiräume am Leben zu erhalten. Einer der Armenviertelpriester aus La Victoria, André Jarlán, bezahlte dieses Engagement mit seinem Leben. Er starb am 4. September 1984 bei einer Polizeiaktion in La Victoria durch eine – angeblich verirrte – Kugel aus der Dienstwaffe eines Carabiñero.

Seit Anfang der achtziger Jahre engagieren sich die Kindernothilfe und ihre chilenische Partnerorganisation, die Fundación ANIDE, in Kooperation mit der örtlichen katholischen Kirchengemeinde, um die Arbeit des gleichnamigen Kinder-, Jugend- und Stadtteilprojekt Nuestra Señora de la Victoria (Projektnummer 92010) zu ermöglichen. Heute ist dieses Zentrum mit seiner engagierten Arbeit einer der wichtigsten Orte in La Victoria, um der wachsenden Gewalt im Stadtteil entgegen zutreten.

In den zurückliegenden Jahren kamen zudem erhebliche neue Herausforderungen auf das traditionsreiche Armenviertel und seine Bewohner zu: An kaum einem anderen Ort in Santiago war der Zuzug von Familien aus Haiti, die nach dem Erdbeben vom Januar 2010 und im Gefolge der anhaltenden Hunger- und Politik-Krisen in den Karibikstaat Zuflucht in Chile gesucht haben, so groß wie in La Victoria. Die Aufnahme dieser Neu-Hinzugekommenen organisierten die Nachbarschaftsorganisationen und das Nuestra Señora de la Victoria-Projektteam in bewährter Manier: unaufgeregt und mit viel Erfahrung beim Bohren dicker Bretter.

Swasiland: Auch nach dem Ende der Dürre hungern Menschen

Ende Juli besuchte Enock Dlamini, Direktor unserer swasiländischen Partnerorganisation ACAT, unsere Geschäftsstelle und berichtete über die aktuelle Situation nach der Dürre.

„Die verheerende Dürre vom vergangenen Jahr wurde durch den Zyklon Dineo im Februar gemildert, aber noch immer hungern Menschen“, berichtete Enock Dlamini. „Die Regierung hat ihre Soforthilfe Ende Juni gestoppt – wir aber kümmern uns nach wie vor um Kinder. Bei der Notversorgung mit Lebensmitteln werden die Belange der Kinder oft vergessen. So bekommen Familien z. B. als Soforthilfe einen Sack Mais. Sie essen dann tagelang nur Mais – das führt aber bei Kindern zu Mangelerscheinungen.“

ACAT hat in den Dürregebieten kleine Nachbarschaftskindergärten, sogenannte Neighbourhood Care Points (NCPs), mit Mais, Bohnen und Öl versorgt. Sie werden von Freiwilligen aus der Ortsgemeinde betrieben. 3.000 Kinder, meist Aidswaisen, konnte ACAT auf diese Weise mit einer Mahlzeit am Tag versorgen. Frauen aus der Umgebung bereiten hier abwechselnd das Essen zu, ehrenamtlich. „Für viele Waisen sind sie ein Mutterersatz, denn sie geben ihnen Essen und Liebe“, so Enock Dlamini. „Die Unterstützung der NCPs werden wir fortführen. Die bedürftigen Familien, die wir während der Dürrekatastrophe betreut haben, konnten wir mit den Entwicklungsprogrammen von ACAT vernetzen, so dass sie jetzt die Chance haben, aus der Armut herauszukommen.“

Der Mais in der Badewanne

Um die Lebensmittelknappheit vor allem in den niedrig gelegenen Landesteilen zu stoppen, leitet ACAT die Menschen an, kleine Gärten anzulegen. „Das geht selbst in der Stadt!“ Enock Dlamini zeigte Fotos von einer alten Badewanne, in der meterhoher Mais wächst, und von Autoreifen gefüllt mit Erde, die als Gemüsebeet dienen. Dunkelgrüne Regentonnen aus Plastik oder selbst gemauerte aus Beton fangen das Regenwasser auf, Abwässer vom Kochen eignen sich ebenfalls zum Bewässern.

Die Wetterprognosen für Swasiland machen Mut – Enock Dlamini: „Es soll besser werden als im vergangenen Jahr.“

Volontäre als Aidsaufklärer

Swasiland hat weltweit die höchste HIV-Infektionsrate (28,8 Prozent der 1,3 Millionen Einwohner), und die Menschen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von gerade mal 49 Jahren. „Ich frage einen Jugendlichen nie: Lebst du bei einen Eltern?“, sagte Enock Dlamini. „Die Gefahr ist groß, dass die Eltern des Jugendlichen tot sind und er weinend zusammenbricht.“ ACAT schult freiwillige Helfer, die von Dorf zu Dorf gehen, die Bevölkerung über die Krankheit aufklären und zeigen, wie sie Erkrankte und ihre Angehörigen betreuen können.

Mehr zu unserer Arbeit in Swasiland

Im Kindernothilfe-Trikot durch die Anden

Ecuador: Im Kindernothilfe-Trikot durch die Anden

Ecuador: Das Kindernothilfe-Trikot im Einsatz

Im Berufsleben koordiniert Mauricio Bonifaz unsere Projekte in Ecuador. Doch auch sonst ist er für uns unterwegs – als begeisterter Mountainbiker im orangenen Kindernothilfe-Trikot…

Die Tour de France ist in vollem Gange, und im fernen Ecuador haben sicher auch Mauricio Bonifaz und seine Freunde Paúl Cajas und Gabriel Cádenas die Fernseher eingeschaltet, um live dabei zu sein. Sie wissen nur zu gut, was die Radrennfahrer leisten, schließlich fahren sie selber Rennen – als Amateur-Mountainbiker. In ihrem Fall gibt es jedoch eine Besonderheit: Wenn sie im Sattel sitzen, fährt die Kindernothilfe immer mit.

Erst kürzlich haben sie sich neue Kindernothilfe-Trikots zugelegt, in strahlendem Orange und Himmelblau. Die hatten sie auch beim letzten Rennen an, das bis zum Vulkan Chimborazo führte. Dass das kein Spaziergang war, zeigen allein schon die Fotos. Im Bericht von Mauricio hört sich das so an:

„Dieses Rennen – es gilt als das schwerste in ganz Ecuador – war SPEKTAKULÄR! Es ging 39 Kilometer immer nur hoch, hoch, hoch auf das Andenhochland. Am Ende waren wir in den Ausläufern des Chimborazo, 4.830 Meter über dem Meeresspiegel. Dort bleibt einem leicht die Luft weg, nicht nur wegen der Anstrengung, sondern weil sie so dünn ist. Wir haben fast täglich für dieses Rennen trainiert, und trotzdem hatte ich auf der Hälfte der Strecke eine Schwächephase, die uns einige Plätze gekostet hat. Schließlich haben wir es jedoch geschafft, in drei Stunden und 48 Minuten voller Schweiß und Schmerzen.“

Ecuador: Das Trikot ist die Botschaft

Das Trikot ist die Botschaft beim schwersten Rennen des Landes

Seit vier Jahren in den Kindernothilfefarben

Schon 2001 entdeckte Mauricio seine Leidenschaft für den Mountainbike-Sport, nachdem er sich vorher eher für Leichtathletik begeistert hatte. Warum er sich die Rennstrapazen antut? Weil er es liebt, die eigenen körperlichen und mentalen Grenzen zu überschreiten. 1.900 positive Höhenmeter misst die – übrigens neu abgesteckte – Rennstrecke auf den Chimborazo. Die Zahl markiert die Summe der Anstiege auf der gesamten Distanz – nur dass die Höhendifferenz in diesem Fall fast an einem Stück bewältigt werden muss! Das macht die Leistung Mauricios und seiner beiden Renngefährten noch erstaunlicher.

Die Aufmerksamkeit, die sie als Radrennfahrer erhalten, nutzen sie für den guten Zweck. Seit vier Jahren fahren sie im Kindernothilfe-Trikot, die neue Version tragen sie mit besonderem Stolz. Es macht sie immer gut erkennbar – fast so gut wie das Gelbe Trikot der Tour de France.