Nepal Stories I: Gemeinsame Hilfe trägt Früchte

Gute Stimmung herrschte unter den Schülern während der Pflanzaktion

Grüner wird’s nicht? Doch! Mehr als ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in der Region Sindhupalchok können sich die Schülerinnen und Schüler der Shanti-Udaya-Schule wieder um schöne Dinge wie den Schulgarten kümmern. Ab heute berichten wir hier im Blog in loser Folge darüber, wie die Menschen in Nepal dank unserer Unterstützung wieder Mut und Fuß fassen.

Es geht voran in Nepal:  Am 13. Juni, rechtzeitig vor Beginn der Mosunsaison, pflanzen die Schulkinder in Sindhupalchok 300 Setzlinge verschiedener regionaler Baumarten, darunter Pflaumen- und Birnbäume, Pinien und Himalaya-Zypressen. Das Team unseres Projektpartners AMURT, das sich seit der Naturkatastrophe um die Schule kümmert, stellte das frische Grün bereit. Neben den Schülern haben es sich auch die Lehrer und Partner nicht nehmen lassen, bei der Pflanzaktion Hand anzulegen.

Erwartungsvoll gehen die Schülerinnen an die Arbeit

Erwartungsvoll gehen die Schülerinnen an die Arbeit

„Der vom Erdbeben dezimierte Baumbestand rund um die Schule wird nicht nur aus Umweltschutzgründen aufgeforstet“, sagt Schulleiter Amir Lal Shrestha. „Wir pflanzen auch Obstbäume,  damit bessern wir das Schuleinkommen auf“. Der Achtklässler Ganesh Shrestha, der gerade einen Pflaumenbaum gepflanzt hat, findet noch etwas anderes wichtig: „Der Blick ins Grüne macht das Lernen leichter“. Die Kinder freuen sich schon auf den Monsun – eine Zeit, in der man den Bäumen fast beim Wachsen zusehen kann.

Erst mal ein Loch buddeln: Mit der Spitzhacke bereiten die Schüler den Boden vor

Erst mal ein Loch buddeln: Mit der Spitzhacke bereiten die Schüler den Boden vor

Chile: Der steinige Weg der mutigen Familien aus Agüita de la Perdiz

Quelle: Jürgen SchübelinText und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Der Name klingt fast poetisch El Agüita de la Perdiz (frei übersetzt: Der Ort, wo das Rebhuhn Wasser trinkt). Das ist in Lateinamerika oft so: idyllische, romantische Bezeichnungen für eine Realität, die äußerst brutal sein kann. 1957 waren zehn Familien auf der Suche nach Arbeit und einer Perspektive für sich und ihre Kinder vom Land nach Concepción gekommen. Dort fanden sie aber nur extreme Armut und keinerlei Möglichkeit, irgendwo menschenwürdig zu wohnen. Sie entschlossen sich zu einem mutigen Schritt: Sie besetzten in einem kleinen, engen Tal mit steilen Hängen ein Stück Land, das ihnen nicht gehörte. Sie rodeten das Unterholz, beseitigten Müll und Unrat und bauten mit Abfallmaterial, das sie in Concepción zusammentrugen – Wellblech, Holzreste, Pressspan, Pappe – winzige Hütten.

Die erste Selbsthilfeaktion in ganz Lateinamerika?
Dass dieser Verzweiflungsakt in die Geschichtsbücher eingehen würde, konnte niemand der Beteiligten ahnen. Heute streiten sich die Historiker in Chile und den Nachbarländern darüber, ob die toma, die Landnahme von Agüita de la Perdiz, die erste Selbsthilfeaktion dieser Art in ganz Lateinamerika war – oder vielleicht doch die zweite, nach La Victoria, im Südwesten der Hauptstadt Santiago, die praktisch zeitgleich stattfand. Victor Jara, den unvergessenen chilenischen Liedermacher und Sänger, der im September 1973 fünf Tage nach dem Pinochet-Putsch bestialisch ermordet wurde, beeindruckte die Geschichte der Familien aus Agüita de la Perdiz und ihrer Kinder jedenfalls derart, dass er ihnen in seinem Album La Población (Die Armensiedlung) eine Cueca mit dem Namen Sacando Pecho y Brazo (etwa: „In die Hände gespuckt und angepackt“) widmete. Darin ahmen die Musiker mit ihren Stimmen und Instrumenten den Bau der Hütten nach. Video

Staatliche Schikane
Quelle: Jürgen SchübelinEin Jahr nach der toma, am 13. April 1958, gelang es den Familien, ihre kleine Siedlung trotz aller Widrigkeiten offiziell bei der Stadtverwaltung Concepción einschreiben zu lassen. Damals regierte der Konservative Jorge Alessandri das südamerikanische Land. Seine soziale Basis bildeten u.a. die mächtigen Großgrundbesitzer. Eine selbstorganisierte Landnahme durch Wohnungslose, das war in ihren Augen so etwas wie ein Staatsverbrechen. Folglich tat dieser Staat dann auch alles, um den Menschen in Agüita de la Perdiz möglichst viele Steine in den Weg zu legen. Es gab kein Trinkwasser, keinen Strom, keine Abwasserentsorgung, keine Müllabfuhr und natürlich keine Straßen. Die Zeitungen und das Bürgertum in Chile nannten die nach und nach auch an anderen Orten entstehenden Notsiedlungen verächtlich callampas (aus dem Boden schießende Pilze).

Trotzdem wuchs die Zahl der Menschen, die in dem engen, steilen Tal nach einem Ort zum Wohnen suchten, bis 1973 auf fast 3.000. Am Ende waren ganz Concepción und seine Nachbarkommunen von derartigen Notsiedlungen umgeben. Und noch heute konzentriert sich auf die Provinz Concepción die größte Zahl an campamentos (selbsterrichteten Armensiedlungen) in ganz Chile. Aus diesen Gründerjahren stammt einer dieser Sätze, die man, wenn man in Agüita die steilen Treppen zu den Hütten und Häusern hochsteigt, immer wieder hört: „Wir sind hier wie eine Familie!“ Hätten die Menschen damals dem Druck nicht gemeinsam standgehalten, sich gegenseitig in allen Belangen unterstützt, gäbe es ihre Siedlung nicht mehr.

Besonders hart waren die ersten Jahre nach dem Militärputsch vom 11. September 1973. Dem Pinochet-Regime war die rebellische Siedlung, von der aus man in weniger als einer Viertelstunde zu Fuß zum Campus der Universität von Concepción und in die Innenstadt der zweitgrößten chilenischen Stadt gelangt, zutiefst verhasst. Die Militärs schikanierten die Familien mit allen Mitteln: Zwangsräumungen, Zerstörung der selbstgebauten Hütten, erzwungene Umsiedlungen von Familien in andere Viertel. Aber mit all dieser Repression konnten sie nicht verhindern, dass angesichts der extremen Armut im Land für jede aus Agüita vertriebene Familie sofort eine andere nachströmte.

Der erste Ort in ganz Chile mit demokratischen Strukturen während der Diktatur
Quelle: Jürgen Schübelin
In diese Zeit fällt die mutige Entscheidung der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde von Concepción, ausgerechnet an diesem Ort ein Zentrum zu gründen, um gegen die chronische Unterernährung von Babys und Kleinkindern anzukämpfen. Vier Jahre nach dem Putsch, am 5. September 1977, startete das Centro Comunitario Luterano Agüita de la Perdiz mit seiner Arbeit. Sehr schnell wurde klar, dass ein Ernährungsprogramm allein noch keine hinreichende Strategie bildet, um der extremen Armut und der Arbeitslosigkeit entgegen zu treten. Zu der Kinderkrippe kamen deshalb nach und nach ein Kindergarten, eine Kindertagesstätte und die intensive Arbeit mit den Eltern, um mit ihnen gemeinsam Einkommens- und Arbeitsperspektiven zu entwickeln. Los Sobrinitos (die kleinen Nichten und Neffen) nannten die Mitarbeiter und Eltern das Projekt.

Wie entscheidend es war, in diesen bleiernen Jahren unter dem Pinochet-Regime über einen – wenn auch nur sehr bescheiden ausgestatteten – geschützten Ort zu verfügen, um mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten zu können, Netzwerk-Fäden zusammen zu halten und zivilgesellschaftliches Engagement zu ermöglichen, zeigte sich Anfang der achtziger Jahre: Agüita de la Perdiz war der erste Ort in ganz Chile, dessen Bewohner mitten in der Diktatur freie, gleiche und geheime Wahlen für die Leitung ihrer Nachbarschaftsorganisation organisierten und abhielten.

Das Projekt ist das Herz des Stadtviertels
Die Erfahrung, alles erkämpfen zu müssen: das Recht, auf dem besetzten Stückchen Land bleiben zu dürfen, die erste Trinkwasserleitung, die selbstverlegten Stromanschlüsse und die Befestigung der calle Michimalongo, die das Viertel durchzieht, das alles hat die Menschen von Agüita de la Perdiz geprägt. Auch nachdem am 11. März 1990 endlich das Militärregime nach einem verlorenen Plebiszit abtrat und den Weg für den Übergang zur Demokratie freimachte, sahen sich die Familien in Agüita nicht plötzlich auf Rosen gebettet. 13 lange Jahre sollte es noch dauern, bis sich der chilenische Staat endlich dazu durchringen konnte, den Bewohnern dieser Siedlung auch die Eigentumstitel für die kleinen Grundstücke, auf denen ihre Hütten und Häuser stehen, zu gewähren.

Das Projektteam des Centro Comunitario unterstützte bei all diesen Auseinandersetzungen die Familien der 120 Kinder, die hier tagtäglich aus und eingehen, und ihre Nachbarn aus Agüita engagiert, kreativ und ohne Angst anzuecken. „Dieses Zentrum“, sagt eine Nachbarin in einem youtube-Interview, das Studenten der Universität von Concepción aufzeichneten, „das ist das Herz unseres Viertels. Es ist das Beste, was wir je erreicht haben.“

Ein neues Gebäude dank Kindernothilfe-Spender
Quelle: Jürgen Schübelin
Nach drei Jahrzehnten Arbeit unter wirklich extrem beengten Verhältnissen in mehreren ineinander verschachtelten Holzhütten konnte das Projekt 2008 endlich in ein neues, dreigeschossiges Gebäude umziehen, für das Kindernothilfe-Spender den größten Teil der benötigten Mittel aufgebracht hatten. Wer damals die Erzieherinnen erlebte, wie sie jeden Tag mit den Bauarbeitern stritten, um jeden Ansatz von Pfusch am Bau von vornherein zu unterbinden, dem wurde klar, mit welcher Ernsthaftigkeit um dieses Projekt gekämpft wurde. Der Standort blieb der gleiche – und die bauliche Qualität des neuen Zentrums war am Ende so gut, dass bei dem schweren Erdbeben vom 27. Februar 2010, das mit einer Stärke von 8,8 auf der Richter-Skala gewaltige Schäden in Concepción und Umgebung verursachte, außer ein wenig abblätternder Farbe und einigen umgestürzten Möbeln keine Beeinträchtigungen zu vermelden waren.

Trotzdem wurde dieses Erdbeben zur nächsten großen Bewährungsprobe für die Familien in Agüita de la Perdiz. Obwohl auch in der eigenen Siedlung viele Hütten und Häuser schwer beschädigt wurden, Mauern und Dächern einstürzten, organisierten die Nachbarn spontan eine eindrucksvolle Kleider-, Essens- und Geldsammlung, um den Bewohnern des Armenviertels Santa Clara in der Nachbarstadt Talcahuano beizustehen – dort hatte im Gefolge des terremoto auch noch ein Tsunami heftige Verwüstungen angerichtet und Todesopfer gefordert. Die vor allem von der Regionalverwaltung und einschlägigen Medien angeheizte Hysterie, dass Horden von Armenviertelbewohnern plündernd durch Concepción ziehen würden – mit der Konsequenz der Verhängung des Ausnahmezustands und vom Militär überwachten Ausgangssperren – traf die Familien in Agüita de la Perdiz bis ins Mark. Plötzlich standen sie alle wieder unter Generalverdacht, wie ganz am Anfang ihrer Geschichte, als potenzielle Diebe, Plünderer, Kriminelle.

Heute herrschen Unsicherheit und Misstrauen
Quelle: Jürgen Schübelin
„Heute ist unsere Arbeit natürlich anders als während der Diktaturzeit“, sagt Graciela Silva, die Direktorin des Centro Comunitario. Die Probleme sind andere – und auch die verschiedenen Manifestationen von Armut. Aber noch immer geht es um Ausgrenzung, um Das-nicht-dazu-Gehören, um Mechanismen, die das Wirtschafts- und Sozialmodell im Nach-Pinochet-Chile verfestigt hat, damit sich Menschen unter völlig prekären Arbeitsbedingungen – und immer überschuldet – tagaus-tagein verausgaben, um mit ihren Kindern irgendwie über die Runden zu kommen.

„Das hat auch den Zusammenhalt in der Gemeinschaft erodieren lassen“, erklärt Graciela. „Nur noch wenige möchten sich für das Gemeinwohl engagieren. Die Unsicherheit und das gegenseitige Misstrauen sind gewachsen.“ Einige Fälle von schwerer Kriminalität und Gewalt, die es zuletzt gegeben hat – und zwar im Zusammenhang mit dem organisierten Drogenhandel, der sich wie ein Krebsgeschwür in das Viertel frisst –, reichten aus, um die Nachbarschaft auseinanderbrechen zu lassen.

Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Situation der Kinder: Die Fälle häuslicher Gewalt sind wieder angestiegen. Besonders junge Paare und Familien leiden darunter, „was natürlich emotionale und psychische Störungen bei unseren Kindern verursacht“, berichtet Graciela Silva. Und: „Viele können sich nicht mehr wie früher auf ihre familiären Netzwerke verlassen.“

Engagement gegen die Gewalt
Quelle: Jürgen Schübelin
Das Centro Comunitario-Team hat auf diese Herausforderungen reagiert. Seit dem vergangenen Jahr arbeitet jetzt auch ein Psychologe im Projekt, spezialisiert auf die Arbeit mit Familien in Krisensituationen und soziale Brennpunkt-Konflikte. Die Erzieherinnen selbst haben sich intensiv weitergebildet, um mit schweren Kinderrechtsverletzungen, vor allem im Zusammenhang mit Gewalt in allen ihren Ausdrucksformen, die sie an den Mädchen und Jungen wahrnehmen, professionell umgehen zu können.

Der chilenische Staat, ist – obwohl seit Jahren eingefordert – noch immer nicht in der Lage, ein nationales Jugendschutzgesetz zu verabschieden. Folglich gibt es seitens der politisch Verantwortlichen auch keine Unterstützung für das Team um Graciela Silva, um über das Engagement für die Kinderrechte auch die Erwachsenen immer wieder zu motivieren, Konflikte ohne Gewalt zu lösen und erneut das notwendige Selbstwertgefühl zu entwickeln, das sie so dringend an ihre Kinder weitergeben müssten. „Als Nichtregierungsorganisation, die sich für Kinderrechte engagiert“, sagt die Direktorin des Centro Comunitario, „müssen wir dafür sorgen, dass Gewalt und Aggressivität, Zurückweisung und Vernachlässigung gegenüber Kindern nie als ‚normal‘ betrachtet werden, sondern es in Agüita de la Perdiz und anderswo immer Menschen gibt, die sich dagegen auflehnen und alles dafür geben, die Dinge, so wie sie sind, zu verändern“.

Wie das gelingen kann, haben die zehn pobladores-Familien vor 59 Jahren gezeigt, mit deren Mut und Entschlossenheit in Agüita de la Perdiz alles begann.

(Projekt 92040)

Quelle: Jürgen Schübelin

Uganda: Die Hoffnungsträger von Sakiya

Foto: James Ongu

In Sakiya wird jeder Quadratmeter Land genutzt, um etwas anzubauen. Foto: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, hat Projekte unserer Partner in Uganda besucht. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Freitag, 29. April 2016

Nur wenige Kilometer vor Mbale liegt Sakiya, ein kleines Dorf mit vereinzelten Häusern und Rundhütten, die wie braune Flecken inmitten der üppig grünenden Gärten wirken. Hier wird jeder Quadratmeter Land genutzt, um Bohnen, Tomaten, Kohlköpfen oder Mais anzubauen. Zweimal im Jahr kann geerntet werden – wenn die Regenzeit  mitspielt und das kostbare Nass im richtigen Maß mit sich bringt, nicht zu viel und nicht zu wenig.

In der Kirche von Sakiya haben sich schon zwei Gruppen versammelt: Vertreterinnen der Selbsthilfegruppen aus verschiedenen Orten, die in einer CLA (Cluster Level Association) die Arbeit eben dieser Gruppen in der Region unterstützen. Und Jugendliche, die von der CLA in einem besonderen Projekt gefördert wurden. Sie alle stammen aus armen Familien, die ihnen keinerlei Unterstützung geben konnten. Sie hatten den Schulbesuch vorzeitig abgebrochen, weil es kein Geld für Essen, Kleidung oder Bücher gab, weil die Eltern starben und sie sich um die kleinen Geschwister kümmern mussten oder weil sie selbst schwanger wurden. Alle hatten sie keinerlei Perspektive, außer sich in das Heer der geschätzt 80 % arbeitslosen Jugendlichen in Uganda einzureihen, für ein Leben auf der Straße. Dass sie dort nicht mehr leben, liegt an den durchsetzungsstarken Frauen der CLA, der Dorfgemeinschaft und dem Kindernothilfe-Partner. Der Dorfvorsteher und die CLA suchten die Jugendlichen aus, sprachen sie an und luden sie ein. Nach den ersten Treffen entschied die Gruppe der Jugendlichen gemeinsam, womit sie sich beschäftigen wollten: Einige wählten zum Beispiel den Anbau von Gemüse. Das würde ihnen ein Einkommen generieren und gleichzeitig den Bedarf des Dorfs decken.

uganda9

Moses hat früher auf der Straße gelebt. Foto: James Ongu

Mit Hühnerzucht zum eigenen Auto

Moses entschied sich dafür, Hühner zu züchten.  Das war vor sechs Jahren. Mit einem Lächeln steht er jetzt vor uns und erzählt, was er in der Zwischenzeit erreicht hat: zwei Ziegen hat er, sein Haus ist statt mit Gras jetzt mit Wellblech gedeckt. Und – der Höhepunkt – er hat seit kurzem ein eigenes Auto! Die Eier seiner Hühner, die er verkauft, stehen bei ihm jetzt auch selber auf dem Speiseplan. Und Zucker kann er sich auch leisten, erzählt er. Fesch sieht er aus, wie er da vor uns steht. Stolz weist er uns auf den Pullunder hin, den er über seinem gestreiften Hemd trägt.

Uganda 3

Aidahs Pullover sind heiß begehrt. Foto: James Ongu

Die Strickerin von Sakiya

Auch seine Banknachbarin in der Kirche ist stolz darauf. Von ihr stammt der Pullunder. Aidah wurde vor drei Jahren schwanger. Da war sie 17 und musste die Schule verlassen. Als alleinerziehende Jugendliche ohne familiären Rückhalt  – ihre Eltern sind mittellose Taglöhner –  wurde sie von der CLA für das Projekt ausgewählt. Sie war nicht gesund, litt ständig unter der Kälte der nahen Berge. Und entschied sich deshalb, professionell stricken zu lernen. Die dicken Pullover sollten nicht nur ihre Kunden wärmen, sondern auch sie selbst. Zwei Monate lang besuchte sie mit Hilfe des Kindernothilfe-Partners eine Trainerin in der nächsten Stadt, lernte die Finessen des Arbeitens mit einer Strickmaschine kennen. Mit einem Grundstock aus dem Projekt und den Erträgen der ersten verkauften Pullover finanzierte sie eine eigene, neue Maschine. Wie die funktioniert, zeigt sie uns jetzt in der Kirche. Von den Schulen der Umgebung wird sie mittlerweile engagiert, um ganze Schulklassen mit Westen oder Pullovern zu versorgen. Mit einer Freundin teilt sie sich einen Stand auf dem lokalen Marktplatz, investiert einen Teil ihrer Strick-Einnahmen  in Zwiebeln und Kohl, die sie dort weiterverkauft. Und an die CLA, der sie ihre Ausbildung verdankt und die ihr beratend und begleitend zur Seite steht („wie eine Familie“), zahlt sie für jeden Kunden einen bestimmten Betrag. Denn auch andere Jugendliche sollen von dem Ausbildungsprogramm profitieren können. Einige hat sie selbst erst kürzlich im Stricken mit der Maschine unterrichtet.  „Aber nur solche, die weit genug weg wohnen“, lacht sie. Denn es soll ja keine Konkurrenz in der eigenen Region entstehen.

Uganda: Ein Theaterstück, das das Leben schrieb

Eine Familie leidet unter einem betrunkenen Ehemann. Foto: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, hat Projekte unserer Partner in Uganda besucht. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Donnerstag, 28. April 2016

„Mulembe“, begrüßen mich die Frauen im Chor auf Lumasaba, einer der vielen Sprachen Ugandas. Eine Stunde lang sind wir von der Distriktsstadt Mbale über vom Regen durchweichte, teilweise tief zerklüftete Erdpisten hierher nach Sibanga gefahren. Jetzt sitze ich mit gut 20 Frauen einer Selbsthilfegruppe (SHG) im Kreis, auf niedrigen Hockern, Matten oder auf den Boden gestreuten Blättern. Während sich über uns die nächsten regenschweren Wolken zusammenballen, stellen wir uns gegenseitig vor. Und dann spielen die Frauen Theater – kein fremdes Stück, sondern eines, das ihr Leben schrieb.  Als Bühne dienen zwei nebeneinander in den Sand gemalte große Kreise, in denen sie einmal das Vorher und daneben das Jetzt ihrer Mitgliedschaft in der Gruppe darstellen. Der ersten Bühne nähert sich heftig schwankend eine der Spielerinnen in ihrer Rolle als betrunkener Ehemann. Den Stuhl, den ihr die Ehefrau vor dem angedeuteten Zuhause anbietet, verfehlt sie um mehrere Armlängen. Die Fragen nach Essen für die Kinder, nach Geld für Strom, Schulgeld und Medizin prallen an ihr und ihrem Rausch ungehört ab.

Auf der zweiten Bühne sammeln sich währenddessen die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe im Kreis, erzählen sich die Ereignisse ihrer Woche und zahlen ihren wöchentlichen Sparbetrag in die Gruppenkasse ein, von der Schatzmeisterin im Einlagenbuch säuberlich notiert.  Meine Augen wandern von einem Schauplatz zum anderen. Hier die ratlos verzweifelte Ehefrau vor der Hütte mit den hungrigen Kindern und dem mittlerweile laut schnarchenden Mann. Dort die Frauen, die sich mit Darlehen aus der Gruppenkasse ein kleines Geschäft aufgebaut haben, sich gegenseitig beraten und nächste Ziele stecken.

Uganda - neu

Theaterstück mit Happy End: Die Frau wird in einer Selbsthilfegruppe aufgenommen. Foto: James Ongu

Und dann gibt es diesen Moment im Spiel, wo sich die beiden Kreise berühren.

Die Frau aus der Hütte begegnet einem Mitglied der Selbsthilfegruppe. Das hoffnungslose Elend der einen und die zuversichtliche Selbstsicherheit der anderen treffen aufeinander. Und verbinden sich. Das Selbsthilfegruppen-Mitglied erkennt in der anderen nämlich ihre eigene Geschichte. Wird von ihr an die eigene Vergangenheit erinnert, als sie selbst zu den Ärmsten der Armen gehörte, nicht wahrgenommen, nicht ernstgenommen,  ohne Mittel, ohne Stimme und ohne Perspektive.  So lädt sie die Fremde ein in ihre eigene Selbsthilfegruppe.

Als die Frauen an dieser Stelle des Stücks angekommen sind, fallen die ersten dicken Regentropfen, und wir flüchten mit unseren Stühlen und Matten ins Haus einer der SHG-Frauen.  Durchnässt und lachend drängen wir uns in den größeren der zwei Räume des Lehmbaus.

Es berührt mich immer wieder, welch unglaubliche Kraft in den Frauen durch die Selbsthilfegruppen freigelegt wird. Wie die wöchentlichen Treffen, die Bestärkung durch die Gruppe, wie das Sparmodell und das angebotene Training das Leben der Frauen – und das ihrer Familien! – vollkommen verändern können.  Die Frauen hier in Sibanga haben das erlebt und zeigen es mit ihrem Theaterspiel. Damit auch andere die Chance dazu bekommen.

Draußen verwischt währenddessen der Regen die in den Sand gemalten Kreise.

Simbabwe: Was macht einen Menschen aus?

Marvin

Marvin hat keine Geburtsurkunde. Ohne diese Bescheinigung darf er später nicht zur Schule gehen. Foto: Christoph Dehn

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, zurzeit in Simbabwe

Bulawayo, 05.05.2016

Was macht einen Menschen aus? Das ist in Simbabwe keine philosophische Frage. Die einfache Antwort lautet: die Geburtsurkunde. Denn ohne die Urkunde kann hier kein Kind in die Schule gehen. Wenn großzügige Direktoren den Schulbesuch dennoch gestatten, ist jedenfalls die Teilnahme an Prüfungen nicht erlaubt. Ein Kind ohne Geburtsurkunde darf auch nicht am Sportunterricht teilnehmen. Denn das wahre Alter zeigt nur diese Urkunde. Ein Schüler könnte sich also jünger machen und auf diese Weise Vorteile erschwindeln. Später geht es genau so weiter. Ohne Geburtsurkunde gibt es keinen Personalausweis, keinen Studienplatz, kein Konto, keinen Job in der öffentlichen Verwaltung und keinen Führerschein.

sim-Requirements

Der Kindernothilfe-Partner hilft bei der Beschaffung der Papiere. Foto: Christoph Dehn

Von den UN bestätigt: Jedes Kind hat das Recht auf eine Geburtsurkunde

Nun könnte man meinen, was soll’s, dann besorgt man sich eben eine Geburtsurkunde. Die UN-Kinderrechtskonvention nennt sogar ausdrücklich das Recht eines jeden Kindes auf einen Namen, eine Identität und eine Geburtsurkunde. Aber so einfach ist das eben in Simbabwe nicht. An diesem Morgen sind in der methodistischen Kirche von Mzilikazi, Bulawayo, fast zweihundert Menschen, meist Mütter und Großmütter, zusammengekommen. Der Kindernothilfe-Partner Justice for Children hat einen Beratungstag, eine mobile clinic, angekündigt. Es geht um Hilfe bei der Beantragung von Geburtsurkunden. Caleb, der Direktor, und Patience, die Programmverantwortliche, haben 155 Fragebögen mitgebracht, in die die Mütter und Großmütter die Daten zu ihrem Fall eintragen können. Die Bögen reichen lange nicht aus. Sieben Freiwillige nehmen die Einzelheiten jedes Kindes auf und überlegen mit den Frauen, wie es am besten weitergehen kann. Da ist Lydia mit ihrer Enkelin Mary, einem siebenjährigen Mädchen. Eines Tages im vergangenen Jahr kam Lydias Sohn mit seiner Frau und gab Mary bei seiner Mutter ab. Nur kurz, sie würden das Mädchen bald wieder abholen. Mary und ihre Oma haben seitdem nichts von den Eltern gehört. Vielleicht sind sie nach Südafrika gegangen oder nach Botswana. Vielleicht haben sie sich getrennt. Ob sie überhaupt noch am Leben sind? Aids hat schon so viele Eltern umgebracht. Obwohl Mary keine Geburtsurkunde hat, konnte die Großmutter die Schule überreden, sie aufzunehmen. Aber Prüfungen wird sie nicht machen können, und am Sportunterricht darf sie auch nicht teilnehmen.

Charity möchte für ihren Enkel Marvin eine Geburtsurkunde beantragen. Die Beraterin des Kindernothilfe-Partners hilft ihr dabei. Foto: Christoph Dehn

Eine Geburtsurkunde für Marvin

Bei einer anderen Beraterin sitzt gerade Charity mit ihrem Enkelkind Marvin. Marvin ist vier und hat noch einen zweijährigen Bruder Promise. Die Mutter lebt in Südafrika; ihre Ehe ging in die Brüche, der Mann ist psychisch labil, die Frau mit den Kindern überfordert. Marvin wurde in Südafrika geboren, unter falschem südafrikanischen Namen. Sonst hätte die Entbindung 7.000 Rand gekostet, etwa 450 Euro. Marvin kam illegal über die Grenze zu seiner Großmutter nach Simbabwe. Dafür hat die Großmutter 200 Rand an einen Schlepper gezahlt. Aber das Kind hat natürlich keine Geburtsurkunde und ist noch dazu illegal im Land. Und bald soll die Schule losgehen. Umsichtig erklärt die Beraterin von Justice for Children den mühsamen Weg zu einer Urkunde. Zunächst muss die Großmutter zur Grenzstation fahren und dort eine Provisional Restriction Notification beantragen, ein Papier, das Marvin das Recht gibt, nach Simbabwe einzureisen. Anschließend braucht sie von der Grenzstation den Admission of Entry Report, der bestätigt, dass Marvin tatsächlich eingereist ist und sich legal im Land aufhält. Dafür werden 20 Dollar fällig. 50 Dollar kostet die Beantragung einer Geburtsurkunde für Kinder, die außerhalb des Landes geboren wurden. Außerdem müssen die Geburtsurkunden und Personalausweise der Mutter, der Großmutter und, wenn möglich, auch des Vaters vorgelegt werden. All das zu besorgen, ist teuer, mühsam und zeitaufwändig. Aber wenigstens ist der Weg jetzt klar. Wenn alle Dokumente zusammen sind, kümmert sich Justice for Children um die Ausstellung der Urkunde. Und bis dahin schreiben sie einen Brief an die Schule und bitte um vorläufige Aufnahme; die Geburtsurkunde wird nachgeliefert.

Die Beraterin gibt Charity die Liste mit den benötigten Dokumenten. Die Erleichterung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Als wir fünf Stunden später zur Kirche zurückkehren, warten noch immer ein paar Frauen auf Beratung. Aber das Warten wird sich lohnen.

Uganda: Die Stimme der Frauen hat Gewicht

Ein Treffen der Umbrella-Federation im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Foto: James Ongu

Ein Treffen der Umbrella-Federation im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Foto: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht zurzeit Projekte in Uganda. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Mittwoch, 27.04.2016

Es ist Regenzeit, und in dem Distriktstädtchen Mbale im Nordosten Ugandas erlebe ich sie besonders intensiv. Schwere Wolken hängen tief über den Häusern,  alle paar Stunden schütten sie gewaltige Fluten auf die Erde. Auf den Feldern in der Region herrscht Hochbetrieb: Rindergespanne ziehen tiefe Furchen in den satten Ackerboden,  auf jedem noch so kleinen Stückchen Land sind Frauen mit Spitzhacke am Jäten.  Wer unterwegs vom Regen überrascht wird, sucht sich möglichst schnell einen trockenen Unterstand  oder macht es wie die Schulkinder und pflückt sich von der nächsten Bananenstaude ein großes Blatt als Regenschirm.

Einen Regenschirm der besonderen Art besuche ich heute. Drei Kindernothilfe-Partner, die im Mbale Distrikt in unterschiedlichen Regionen Projekte betreuen, haben sich 2012 zu einer „Umbrella Federation“ zusammengeschlossen. In diesem Verbund arbeiten jetzt 46 delegierte Frauen aus 23 Selbsthilfegruppen-Clustern zusammen, die insgesamt 374 Selbsthilfegruppen (SHG) vertreten.  „Wir sprechen für mehr als 7.000 Frauen“, erklärt die Präsidentin der Federation bei unserem Treffen im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Der Saal wurde ihnen für den heutigen Besuch vom Distriktkommissar zur Verfügung gestellt.

Die Delegierten haben zum Teil mehrere Stunden Anreise hinter sich, dennoch folgen sie den Ausführungen ihrer Präsidentin aufmerksam, unterstützen manche Erklärung mit Applaus oder zustimmendem Gelächter.  In den vier Jahren seit Gründung der Federation haben sie schon einiges erreicht, erfahre ich. So haben sie mittlerweile ein tragfähiges Netzwerk geknüpft, in dem die Regierungsstellen im Distrikt, in den Subdistrikten und genauso Polizei, Krankenhäuser und Schulen  eingebunden sind. Ihre Schulungen, in denen sie die Teilnehmer für Frauen- und Kinderrechte sensibilisieren, bewirkten unter anderem, dass vorher nur für Jungen zugängliche Schulen auch für Mädchen geöffnet wurden. Impfkampagnen,  überregionale Aktionstage wie der „Uganda Human Rights Day“, Kampagnen gegen Kinderarbeit, Bewässerungsprojekte, Errichtung neuer Gesundheitszentren, eine Sekundarschulgründung – die Liste ihrer bisherigen Erfolge ist lang.

Die Präsidentin der Federation wurde sogar schon von Präsident Museveni empfangen. Foto: James Ongu

Die Präsidentin der Federation wurde sogar schon von Präsident Museveni empfangen. Foto: James Ongu

Mindestens genauso lang ist aber auch die Aufzählung der Herausforderungen:

Rund eine Million Waisen leben in Uganda. Entweder haben sie durch HIV und Aids einen oder beide Elternteile verloren, oder der langanhaltende Bürgerkrieg im Norden des Landes hat sie ihnen genommen. Im Mbale Distrikt ist vor allem die Zahl der Aidswaisen dramatisch hoch.  Sie sind bei den mehr als 11.000 Kindern aus den SHGs noch gar nicht mitgezählt. Aber die Federation-Frauen haben sie im Blick und im Herzen, organisieren Strukturen, wie die Gemeinden diese Kinder aufnehmen, schützen und stärken können.  Im Mai werden sie vier neue Cluster-Organisationen gründen und ihnen dann bei der Gründung neuer Selbsthilfegruppen unter die Arme greifen. Und gleichzeitig werden sie ihre Lobby- und Advocacyarbeit verstärken. Sie wissen: Ihre Stimme hat Gewicht, im Distrikt und auch national. Selbst der gerade erst für seine fünfte Amtszeit wiedergewählte Staatspräsident Museveni hat die Federation-Präsidentin schon empfangen.  „Wenn es hilft, würde ich auch wieder nach Kampala gehen“, erklärt die selbstbewusst. Ich glaube ihr sofort, dass sie für mehr staatliche Unterstützung auch diese Reise auf sich nehmen würde – obwohl sie in ihrem Dorf neben den eigenen Kindern noch eine ganze Reihe von bei sich aufgenommenen Waisenkindern zu versorgen hat. Und ich bin mir sicher, dass sie  empfangen werden würde. Die starken Frauen aus Mbale lässt auch ein Regierungschef nicht im Regen stehen.

Was macht Frauen in Uganda glücklich?

Katrin Weidemann bei einer Frauengruppe in Uganda. Foto: James Ongu

Fotos: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht zurzeit Projekte in Uganda. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Sonntag, 24.04.2016

Während meine Familie im winterlich kalten Deutschland friert (eine Freundin postet dazu: „Der kleine November möchte aus dem April abgeholt werden.“) fliege ich zu Projektbesuchen nach Uganda. James, unser Länderkoordinator, erwartet mich am Flughafen Entebbe. Für die 40 Kilometer Strecke von hier bis ins Stadtzentrum Kampala brauche er tagsüber durch die chronisch verstopften Straßen mindestens zwei Stunden, meint er. Jetzt, kurz vor Mitternacht, schaffen wir es in 30 Minuten in die Stadt. Die Sicherheitshinweise an der Hotelzufahrt sind eindeutig: „No firearms allowed beyond this point“ steht an der Schranke über dem Bild einer durchgestrichenen Pistole. Es wird tatsächlich eine ruhige Nacht.

Dienstag, 26.04.2016

Die Frage ist beliebt: Was macht dich glücklich? Auf Facebook erfahre ich, dass es Laura glücklich macht, dass der Pandabär auf Isländisch Bambusbjörn heißt.  In einem mitgebrachten Magazin entdecke ich die Bilder einiger Prominenter, die sich mit ihrem Lieblingsgegenstand fotografieren lassen, von der Massage-Fußbank über Opas Wecker bis zum Porzellanspiegelei. Diese Dinge machten sie glücklich.

Und hier im Osten Ugandas? In Abarilela besuche ich eine Selbsthilfegruppe und frage die Frauen, die sich unter einem großen Mangobaum treffen,  was sie glücklich macht. Sie erzählen mir, wie sich ihr Leben durch die Gruppe verändert hat – und was sie daran glücklich macht:

  • Sonja: Mein Aluminium-Kochtopf macht mich glücklich! Den habe ich mir geleistet vom Verkauf der Tomaten aus meinem Hausgarten.  Die selbstgebrannten Tontöpfe sind immer so schnell kaputtgegangen, ich habe früher manchmal nur auf Scherben gekocht.
  • Lisa: Dass ich hier vor euch aufrecht stehe und mich traue, etwas mit fester Stimme zu sagen und euch in die Augen zu schauen!
  • Grace:  Dass jetzt jedes Haus im Dorf eine eigene Latrine hat – vorher gab es nur zwei Latrinen für alle zusammen. Das haben wir als Gruppe geschafft! Und wir haben jetzt eine Müllgrube.
  • Anett: Wir helfen uns reihum dabei, das Unkraut auf unseren Feldern zu jäten. Alleine war das früher kaum zu schaffen, das ist viel zu viel. Zusammenzuarbeiten und das Ergebnis zu sehen macht mich stolz und glücklich. Und meinen Rücken kann ich jetzt abends noch aufrichten.
  • Margaret: Es macht mich glücklich, dass ich für meine Kinder Schulgeld zahlen kann. Mein Mann ist im vergangenen Jahr gestorben. Von der Gruppe bekam ich ein Darlehen für meine Geschäftsidee, Brot zu backen und zu verkaufen. Jetzt kann ich meine Kinder in die Schule schicken.
  • Joyce: Ich habe jetzt eine Matratze! Jede von uns hat durch die Ersparnisse der Gruppe eine eigene Matratze bekommen!
  • Lois: Winni aus unserer Gruppe hat in einem Kurs gelernt, einen Energiesparofen aus Lehm zu bauen. Sie hat für jede von uns so einen Ofen gebaut, auch für die Nachbarinnen. Es sind schon über fünfzig solche Öfen in unserem Dorf. Ich koche jetzt nicht mehr auf drei Steinen, sondern auf meinem Lehmofen. Es macht mich jeden Tag glücklich, dass ich damit nur noch die Hälfte an Feuerholz brauche und deshalb weniger Holz sammeln und schleppen muss.
  • Anna: Ich bin die älteste hier in der Gruppe. Die anderen Frauen haben für mich eine Rundhütte gebaut und mit Gras gedeckt. Und sie helfen mir bei der Arbeit auf dem Feld. Ich schlafe im Trockenen, habe zu essen und habe Freundinnen: Das macht mich glücklich.
Katrin Weidemann bei einer Frauengruppe in Uganda. Foto: James Ongu

Foto: James Ongu

Malawi: Blaue Türen, orange Eimer

Quelle: Christoph Dehn

Foto: Christoph Dehn

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, besucht zurzeit Projekte unserer Partner in Lilongwe, Malawi

26.04.2016

Eigentlich gibt es an der Kuchipala Primary School im Herzen von Malawi nichts. Es gibt keine Stühle und keine Tische für die Kinder und für die Lehrer kein Pult. In den Fenstern gibt es kein Glas. Von den zwei Kurbelradios für die Unterrichtssendungen ist eins kaputt. Natürlich gibt es keinen Strom. Es gibt auch kein Lehrerzimmer und keine Schulbibliothek. Der Direktor benutzt den winzigen Abstellraum als Büro. Es gibt acht Klassenräume, die vor vielen Jahren sicher einmal für alle Kinder gereicht haben. Aber jetzt werden hier 1.400 Mädchen und Jungen von 10 Lehrerinnen und 9 Lehrern in acht Klassenstufen unterrichtet.

Foto: Christoph Dehn

Foto: Christoph Dehn

Allein in der ersten Stufe gibt es 245 Kinder. Da muss der Unterricht für viele Kinder draußen im Freien unter einem der im Moment prächtig blühenden Bäume stattfinden. Wenn es regnet oder später im Jahr zu kalt wird, fällt die Schule aus. Auch die Lehrer haben nicht immer Lust auf Schule; der Direktor sagt, zu Unterrichtsbeginn um 7:30 Uhr ist meist die Hälfte von ihnen da.

Vor vier Jahren, berichtet der Direktor, war mal eine Kommission des Bildungsministeriums da, um zu prüfen, ob die Schule nicht Bänke und Tische bekommen müsste. Aber die Kommission stellte fest, dass die Klassenzimmer keine Türen haben. Viel zu unsicher, das Mobiliar könnte entwendet werden, die Klassenzimmer blieben leer. Inzwischen gibt es Türen, aber die Gelegenheit ist verpasst.

Nur 19 Kinder in der letzten Klasse

Und dann gibt es noch das andere Problem: in der ersten Klasse sind 245 Kinder angemeldet. Die letzte, die achte Klasse, besuchen nur noch 19 Jugendliche. Sicher gibt es in Malawi ein hohes Bevölkerungswachstum, jedes Jahr kommen mehr Kindern ins Schulalter als im Vorjahr. Aber dieser Schwund hat andere Gründe. Bildung hat auf dem Dorf wenig Wert. Noch weniger bedeutet Bildung, wenn das Essen knapp wird. Malawi hat zwei schlechte Ernten hinter sich. Zuerst fiel die Ernte im Frühjahr 2015 dürftig aus, dann gab es im vergangenen Jahr Überschwemmungen in einigen Gebieten und große Trockenheit in anderen, sodass auch die Ernte in diesem Frühjahr nicht über das Jahr reichen wird. Da werden die Kinder gebraucht, um das Überleben der Familie zu sichern. An den beiden wöchentlichen Markttagen müssen Kinder beim Verkauf helfen und gegen ein etwas Kleingeld Kunden die Taschen tragen. Aber nicht nur El Niño spielt eine Rolle. Manche Mädchen werden verheiratet oder schwanger, lange bevor sie die 8. Klasse abgeschlossen haben. Auch der frühe Tod von Eltern durch Aids reißt Kinder aus der Schule.

Toiletten ohne Türen

Die Kindernothilfe-Partnerorganisation Word Alive Commission for Relief and Development (WACRAD) hat sich zum Ziel gesetzt, alle Kinder im Schulalter in ihrem Projektgebiet in die Schule und bis zum Abschluss zu bringen. Keine leichte Aufgabe. Aber es gibt Hoffnung. Auf Anregung von WACRAD ist an der Kuchipala Primary School ein Kinderrechtsclub entstanden. Ich treffe die Clubmitglieder in einem leeren Klassenzimmer. Die Schülerinnen und Schüler breiten bunte Tücher auf den Boden, um sich zu setzen, wie sie es vom Unterricht gewohnt sind. Bei einem Training von WACRAD haben sie gelernt, was Kinderrechte sind. Jetzt helfen sie mit, die Rechte Wirklichkeit werden zu lassen. Ich frage nach: Was heißt das denn? Mit Begeisterung erzählen sie, wie sie in einer Umfrage mit ihrem Vorschlagsbriefkasten herausgefunden haben, was das größte Problem an der Schule ist: Es gibt keine Mädchentoiletten. Ja, Toiletten gibt es schon, die stehen ein paar Dutzend Meter neben der Schule. Aber die haben keine Türen, und der Schulweg führt direkt daran vorbei. Andauernd sehen Leute in die Toiletten. Klar, dass die Mädchen schon deswegen manchmal nicht in die Schule gehen.

Kinder packen ihre Probleme selbst an

Foto: Christoph Dehn

Foto: Christoph Dehn

Aber was tun? Da kam ein Sportwettkampf wie gerufen. Der Kinderrechteclub macht den 2. Platz und gewann 80.000 Kwacha, etwa 100 Euro. Das war der Grundstock für den Bau von zwei Mädchentoiletten mit richtigen blauen Türen. Die Schule gab Ziegel dazu, Eltern halfen mit, und nun gibt es einen wichtigen Grund weniger für die Mädchen, die Schule abzubrechen. Das Geld reichte dann sogar noch, um große rote Eimer mit Wasserhähnen zu kaufen. Mit Brunnenwasser gefüllt, können die Kinder sie gut gebrauchen: zum Trinken beim Unterricht, zum Reinigen auf den Toiletten.

Vielleicht gibt es an der Kuchipala Primary School doch etwas sehr Wichtiges. Dort gibt es Kinder, die mit ein wenig Unterstützung angefangen haben, ihre Situation genau anzusehen und am Maßstab der Kinderrechte zu prüfen. Und sie nehmen beherzt in die Hand, was sie verändern können.

Ecuador nach dem Erdbeben: Hilfe für die Kinder von Muisne

Der kleine Ort Muisne an der Nordwestküste von Ecuador

Der kleine Ort Muisne an der Nordwestküste von Ecuador

Eine Woche ist es her, dass ein extrem schweres Erdbeben die beiden Küstenprovinzen Manabí und Esmeraldas im Nordwesten von Ecuador verwüstete. Wahrscheinlich starben 700 Menschen, Zehntausende wurden obdachlos. Inzwischen wird immer deutlicher, wie ungleich sich die zur Verfügung stehende Hilfe verteilt – und wie dringend es ist, den Überlebenden auch abseits der großen Städte beizustehen.

Die Kindernothilfe entschied mit ihrer lokalen Partnerorganisation Fundación Juan Pablo II bereits 48 Stunden nach der Katastrophe, sich auf Muisne, einen Ort am Pazifischen Ozean mit 11.000 Einwohnern, zu konzentrieren. Muisine wurde zu zwei Dritteln zerstört und hatte bereits vor dem Beben mit extremen Armutsproblemen zu kämpfen. „Espacio Seguro“ (deutsch: „Sicherer Ort“) heißt das Projekt, durch das 350 Mädchen und Jungen zwischen drei und zwölf Jahren begleitet und betreut werden. Mauricio Bonifaz, der Koordinator der Kindernothilfe in Ecuador, ist seit Freitag, 22. April, vor Ort. Mit ihm telefonierte Jürgen Schübelin, der Leiter des Kindernothilfe-Referats Lateinamerika und Karibik.

Kindernothilfe: Wie geht es den Kindern von Muisne eine Woche nach dieser Katastrophe?

Mauricio Bonifaz: Ein Junge wollte unbedingt, dass wir zu dem Haus gehen, in dem er und seine Familie bis Samstag gelebt hatten. Nur zwei der Außenmauern standen noch. Das Schlimmste war, dass die Erde gar nicht mehr aufgehört hat zu schwanken“, sagte er. Schon während unseres ersten Besuches kam es zu mehreren Nachbeben, sofort begannen Kinder und Erwachsene zu weinen. Andere wurden ganz still oder zitterten.

Zwei Drittel der Häuser von Muisne hat das erdbeben zerstört

Zwei Drittel der Häuser von Muisne hat das erdbeben zerstört

Kindernothilfe: Wo sind die Menschen von Muisne jetzt?

Mauricio Bonifaz: Dieser Ort besteht aus zwei Teilen: Einer Insel, auf der 6.500 Personen leben – und dem Festlandteil, mit 4.500 Einwohnern. Dazwischen ein 400 bis 500 Meter breiter Fluss, der nur mit Booten und einer kleinen Fähre überquert werden kann. Von allen Häusern und Hütten, die es in Muisne gab, sind rund zwei Drittel eingestürzt oder akut einsturzgefährdet. Pfahlbauten rutschten einfach ins Meer. Wir schätzen, dass es mindestens 6.000 Obdachlose gibt. Ein Teil von ihnen ist in Notlagern untergebracht, zum Beispiel in einer kleinen Schule oder in Zelten. Derzeit entsteht ein weiteres großes Lager auf einem freien Gelände etwas außerhalb von Muisne.

Kindernothilfe: Wie werden sie betreut und versorgt?

Mauricio Bonifaz: Die staatlichen Institutionen sind in Muisne bisher kaum präsent. Wir beobachten, dass ganz viel Hilfe in die Küstenstädte von Manabí und die Touristenorte mit den Hotels kanalisiert wird. Von dort aus berichten auch die Fernsehkanäle und andere Medien intensiv. Die eher abgelegen Zonen in der Provinz Esmeraldas – wie die Küste bei Muisne – erhalten hingegen kaum Aufmerksamkeit. Hier werden zwar auch etwas Lebensmittel und Wasser verteilt – und das Umweltministerium versucht, den Aufbau eines neuen Großlagers für 6.000 Personen zu koordinieren. Aber es fehlt ganz eindeutig an Sicherheitskräften und medizinischem Personal. Fairerweise muss man sagen, dass diese Katastrophe eine Dimension erreicht, auf die dieses Land einfach nicht vorbereitet war. Viele Menschen können die Insel auch deswegen nicht verlassen und Hilfe suchen, weil sie nicht über die 25 Cent verfügen, die eine Überfahrt kostet.

Kindernothilfe: Wo genau befindet sich das Espacio Seguro-Projekt, das von Kindernothilfe unterstützt wird?

Mauricio Bonifaz: Wir dürfen auf dem Gelände eines der Lager einen Bereich für die Arbeit mit den Kindern reservieren. Jetzt geht es darum, dass alle Erwachsenen in dem Notlager akzeptieren, dass sie auf diese Areal keine Zelte und Notquartiere aus Planen errichten können. Ganz wichtig für uns ist dabei Lucety Delgado, eine tolle, beeindruckende Persönlichkeit, auf die die Menschen hören! Lucety Delgado ist bereits über 60 Jahre alt und arbeitet seit drei Jahrzehnten als Lehrerin in der Inselschule von Muisne. Ihr ist es zu verdanken, dass sich die Menschen praktisch sofort nach dem Erdbeben zu organisieren begonnen haben – und sie hat sich sehr für das „Espacio Seguro“-Projekt stark gemacht.

Die Menschen leben in Notlagern. Ein Kinderschutzzentrum kommt nun hinzu

Die Menschen leben in Notlagern. Ein Kinderschutzzentrum kommt nun hinzu

Kindernothilfe: Was braucht es denn jetzt am dringendsten an professionellen Ressourcen und Material?

Mauricio Bonifaz: Zu dem Team der Fundación Juan Pablo II, die ihren Sitz 82 Kilometer von Muisne entfernt in der Provinzhauptstadt Esmeraldas hat, gehören sehr engagierte, erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die den Aufbau dieses Kinderzentrums in Muisne in die Hand genommen haben. Sie haben unter anderem viel Expertise in der Arbeit mit Kindern mit Behinderungen, die jetzt hier dringend benötigt wird. Allein in dem Lager mit dem “Espacio Seguro“ haben wir sechs Kinder mit schweren Behinderungen kennengelernt. Eines von ihnen wurde bei dem Erdbeben verletzt. An Material benötigen wir im Moment am dringendsten ein Großzelt, damit die Kinder Schatten haben und nicht im Regen sitzen. Tagsüber ist es hier extrem heiß und schwül, aber zwischendrin schüttet es eben auch. Ganz entscheidend in dieser Phase: Die Kinder brauchen Aufmerksamkeit, Zuwendung, eben einen „sicheren Ort“, damit sie sich etwas von dem Stress lösen können, unter dem die Erwachsenen stehen. Das bedeutet dann für die Familien insgesamt eine wichtige Entlastung.

Kindernothilfe: Die Kolleginnen und Kollegen, die an diesem Projekt mitwirken, werden nicht überall gleichzeitig sein können. Wie kann es trotzdem gelingen, alle Kinder aus Muisne, die jetzt mit ihrem Familien obdachlos geworden sind, angemessen zu schützen?

Mauricio Bonifaz: Wir haben jetzt schon damit begonnen, mit denen, die den Aufbau dieser Notlager koordinieren, intensiv über den Schutz der Kinder vor Gewalt und Missbrauch zu sprechen. Es wurden Sicherheitsregeln vereinbart und Lucety Delgado, diese tolle Lehrerin, hat mit den Elternkomitees der Inselschule geredet. Auch Vertreter der Nachbarschaftsorganisationen, die versuchen, die Familien in den Notunterkünften zusammen zu halten, haben ein Auge auf die Kinder. Aber natürlich braucht es zusätzlich Polizei, um den Menschen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Der Staat muss hier seiner Verantwortung gerecht werden!

Die Wucht der Erdstöße zeigt sich überall in Muisne

Die Wucht der Erdstöße zeigt sich überall in Muisne

Kindernothilfe: Wie ist es insgesamt um die Solidarität innerhalb Ecuador bestellt?

Was uns wirklich beeindruckt, ist, wie die Familien zusammenarbeiten und versuchen, auch im Lager die Nachbarschaftsgemeinschaften zusammen zu halten und sich gegenseitig zu helfen. Das ist auch ein wichtiger Schutz für die Kinder. In zwei Tagen werden dann auch Kollegen der Kindernothilfe-Partnerorganisation JUCONI aus Guayaquil mit einem kleinen Lastwagen zu uns stoßen und weiteres Arbeitsmaterial mitbringen. Überhaupt ist es überwältigend, wie solidarisch die Menschen hier in Ecuador mit dieser humanitären Krise umgehen. Ehe wir in Riobamba aufbrachen, um über zehn Stunden lang hier runter zur Küste zu fahren, brachten uns Bauernfamilien aus den Kindernothilfe-Hochlandprojekten Lebensmittel, Mais, Kartoffeln, Bohnen, Eier, Kleidungsstücke, Spielsachen für die Kinder und Windeln, um sie hierher nach Muisne mitzubringen. Das hat uns tief berührt.

Spenden unter dem Stichwort „Erdbeben Ecuador“ werden weiterhin dringend erbeten auf

Spendenkonto Kindernothilfe e.V.

Bank für Kirche und Diakonie eG (KD-Bank)

IBAN: DE92 3506 0190 0000 4545 40

BIC: GENODED1DKD

Mauricio Bonifaz arbeitet seit elf Jahren für die Kindernothilfe. 2015 übernahm er die Leitung des KNH-Büros in Riobamba. Der 37-jährige Betriebswirt hat ein Masterstudium in Sozialprojekt-Management und Menschenrechts-Bildung absolviert.

 

Somaliland: Ein ungewöhnlicher Hochzeitsschmaus

Katrin Weidemann besucht die engagierten Frauen einer Selbsthilfegruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann besucht die engagierten Frauen einer Selbsthilfegruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht Projekte in Somaliland und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Mittwoch, 24. Februar 2016, nachmittags

Der Nachmittag führt uns in die Wüste. Anfangs durch den dicken Stadtverkehr Hargeisas, dann durch Vororte mit Wellblechhütten und zusammengeflickten Zelten.  Unser Allradauto durchquert mühelos ausgetrocknete Flussbette, in denen sich statt Wasser alte Plastikflaschen, Kanister und anderer Unrat sammeln. In den Dornenbüschen am Ufer haben sich Mülltüten verfangen und leuchten wie bunte Blüten zwischen den staubigen Ästen.  Auf den letzten Kilometern über weiche Sandpisten begegnet uns nur ab und an eine Kamelherde.

Ein Treffen einer Frauen-Selbsthilfegruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

„Dalsan“ – grünes Land –  haben die Frauen ihre Gruppe genannt. (Quelle: Karl Pfahler)

Dann erreichen wir die Frauen. Auf Matten sitzen die Mitglieder der Selbsthilfegruppe im Kreis, das spärliche Gestrüpp um sie herum gibt keinen Schatten, aber bietet wenigstens etwas Schutz gegen den leichten Wind, der die Sandkörner durch die Luft wirbelt. „Dalsan“ steht auf dem großen Plakat in ihrer Mitte, und darunter sehe ich das Bild eines üppig grünenden Baums, der seiner Umgebung reichen Schatten spendet. Dalsan, grünes Land, haben die Frauen ihre Gruppe getauft und damit ihren wöchentlichen Treffen ein Motto und ihrer Arbeit ein Ziel gegeben. Sie, die in der steinig kargen Landschaft am Rande der Wüste leben, wünschen sich ein Leben wie auf grünem Land: ein Leben, das Frucht bringt, in dem sich – auch im übertragenen Sinn – ertragreich ackern lässt, das aber auch Zeiten kennt, die dem Ausruhen im kühlen Schatten eines schützenden Baums gleichen.

Der Schatz in der Blechkiste

Die Geldkiste der Frauengruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Die Geldkassette der Frauengruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Dass sie selbst etwas in ihrem Leben verändern können, das vermochten sich die Frauen bei der Gründung ihrer Gruppe im November 2014 nicht vorstellen. „Wir hier können doch nichts erreichen.“ Jede Woche einen Sparbetrag zurücklegen? Sich gegenseitig davon Darlehen als Anschubfinanzierung für ein eigenes kleines Geschäftsmodell geben? Nein, erinnert sich Fatuma, die von Anfang an dabei ist, wir dachten, das Geld sehen wir nie wieder. Was, wenn eine mit dem ganzen Geld weggeht? „It´s impossible!“ Sie schüttelt nachträglich noch den Kopf, wenn sie daran zurückdenkt. 3.000 Somali-Shillings, umgerechnet ein halber US-Dollar, war der Betrag, den jede von ihnen dennoch wöchentlich in die große Blechkiste legte, trotz mancher Skepsis. „Now we understand“, lacht Fatuma und zeigt in die Runde.

Zum dritten Mal hat jede der Frauen mittlerweile die Möglichkeit, ein Darlehen aus der Gruppenkasse für drei Monate abzurufen. Zwei von ihnen haben mit ihrem Darlehen einen kleinen Laden eröffnet, eine ist jetzt als „milkwoman“ unterwegs, andere verkaufen Salz oder Wasser, kochen Tee in einem Kiosk oder handeln mit Weihrauch. Über vier Millionen Somali-Shillings (umgerechnet rund 600 US-Dollar) haben sie bereits als Gesamtkapital angesammelt, die Blechbüchse mit den Einlagen hüten sie im rollierenden System. Neben ihrem Wirtschaftskapital bestücken sie auch noch einen Extratopf für „social savings“. Damit unterstützen sie einzelne Frauen in schwierigen Lagen: bei Krankheit, um Arztkosten und Medizin zu bezahlen, nach einer Geburt oder wenn es einen Todesfall in einer Familie gibt.

Auch für ihre Kinder „grünt“ das Leben mittlerweile

Die Frauen haben Ideen und die Power, Veränderungen in ihrem Umfeld zu bewirken. (Quelle: Karl Pfahler)

Die Frauen haben Ideen und die Power, Veränderungen in ihrem Umfeld zu bewirken. (Quelle: Karl Pfahler)

Ihre Situation hat sich deutlich verbessert, seit ihre Mütter in der Selbsthilfegruppe sind. Fatuma kann – anders als früher – mittlerweile drei ihrer fünf Kinder zur Schule schicken, die jüngsten sind noch zu klein. Auch die anderen Frauen finanzieren mit ihren Einnahmen den Schulbesuch ihrer Kinder: Uniformen, Hefte, Stifte und den Bustransport zur Schule – bei acht oder zehn Kindern keine unerheblichen Ausgaben! Und natürlich profitieren die Kinder von dem, was ihre Mütter im begleitenden Training in der Gruppe zu Themen wie Hygiene, Gesundheit oder Ernährung lernen: So steht auf vielen Speiseplänen mittlerweile regelmäßig auch Milch und Obst.

Auf der To-do-Liste weit oben: der Bau von besseren Häusern. (Quelle: Karl Pfahler)

Auf der To-do-Liste weit oben: der Bau von besseren Häusern. (Quelle: Karl Pfahler)

Was die Frauen seit November 2014 bereits geschafft haben, ist beeindruckend. Und ihre Pläne für die Zukunft sind nicht minder ehrgeizig. Zugang zu Wasser, steht auf ihrer Liste ganz oben: Das muss bis jetzt von weit entfernt herangeschafft werden. Den Bau besserer Häuser wollen sie in Angriff nehmen: Manche sind in Wellblechhütten untergebracht, die bei der immensen Hitze tagsüber kaum zu betreten sind. Auch die lang versprochene Straße zu ihrer Siedlung soll endlich gebaut werden. Und weil es weit und breit keine Sekundarschule für ihre Kinder gibt,  hat die Gruppe zwei Frauen abgesandt in die Regionalvertretung der Selbsthilfegruppen: Dort, auf der Clusterlevel-Ebene (CLA), sollen sich Frauen wie Fatuma stark machen, dass die Regierung tätig wird.

Frauen mischen die Regionalregierung auf

Beim Treffen mit den CLA-Vertreterinnen später am Nachmittag treffen wir Fatuma wieder. Sie braucht beide Hände, um aufzuzeigen, welche Aufgaben alle vor ihnen liegen. Da ist eben der Schulbau. Ein medizinisches Training für die Frauen wollen sie organisieren, damit sie sich und ihre Familien bei kleineren Verletzungen und Krankheiten besser versorgen können. Und einen richtigen Arzt brauchen sie in der Region für die schlimmeren Leiden. Auch Angebote für ihre Söhne, ein Handwerk zu lernen, fehlen bisher. „Die sitzen jetzt nur zu Hause und haben nichts zu tun.“  Einen Termin bei der Regionalregierung haben sie schon vereinbart. Und in die Ministerien nach Hargeisa sei es ja auch nicht so weit, meint Fatuma und reckt ihr Kinn energisch nach vorn.

Ich bin beeindruckt von ihrer Energie und ihrem Tatendrang. Und traue mich, sie schließlich auch nach ihrem Mann zu fragen. Was der denn von ihrem Engagement hält? Fatuma gluckst und stößt ihre Nachbarin mit dem Ellbogen an. Beide brechen in lautes Gelächter aus. „Unsere Männer waren anfangs SEHR skeptisch“, bringen sie schließlich heraus. „Als wir die ersten Male zur Selbsthilfegruppe gingen, waren sie nicht einverstanden. Was macht ihr da, fragte mein Mann. Warum bringst du da Geld hin?“ Mittlerweile, und jetzt schwillt ihr Gelächter noch mehr an, mittlerweile wäre es ihr Mann, der sie jede Woche erinnert, ja nicht ihre Gruppe zu versäumen. „Er sieht, dass die Kinder neue Kleider haben. Er bekommt besseres Essen. Das gefällt den Männern!“

Das kostbarste Essen im ganzen Land

Feierlich wird das Gefäß mit dem kostbaren Inhalt ausgepackt. (Quelle: Karl Pfahler)

Feierlich wird das Gefäß mit dem kostbaren Inhalt ausgepackt. (Quelle: Karl Pfahler)

Dass bei aller Arbeit und allem Engagement auch die Frauen zu feiern verstehen, das zeigen sie uns zum Abschluss unseres Besuchs. Tanzend und singend haben sich gut 200 Frauen aus den acht in der CLA zusammengeschlossenen Gruppen vor dem Gemeindecenter versammelt. Ihr auf- und abschwellende Gesang wird immer wieder unterbrochen durch lautes Trillern und viel Gelächter, es herrscht Volksfestcharakter. Als Ehrengast darf ich auf der schattigen Veranda des Zentrums Platz nehmen. Während mir ein Deutschlandfähnchen in die Hand gedrückt wird, mit dem ich der Menge bitte fröhlich zurückwinken möge, bringen zwei Frauen die großartige Überraschung für uns Besucher: ein in weiße Tücher gewickeltes, mit roter Schnur mehrfach umwickelt und verknotetes, trommelförmiges Teil, die Hero.

Der Schleier, der darüber liegt, soll zeigen: Hier handelt es sich um eine Braut. Und tatsächlich, wird mir erklärt, ist das, was sich im Inneren des Behältnisses befindet, das kostbarste und beste Essen, das in ganz Somaliland zu finden ist. Es wird speziell für Hochzeiten hergestellt, und ein Löffel davon würde genügen, dem Bräutigam Kraft für eine lange Nacht zu geben.

In diesem Gefäß befindet sich der Hochzeitsschmaus. (Quelle: Karl Pfahler)

In dieser „Hero“ befindet sich der Hochzeitsschmaus. (Quelle: Karl Pfahler)

Zusammen mit einem Mitarbeiter unserer lokalen Partnerorganisation darf ich das Paket öffnen und zuerst einmal Knoten für Knoten der roten Schnur lösen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das bei Hochzeiten eine erste gemeinsame Aufgabe für das junge Paar ist (und hoffe, dass meine Mitwirkung an der Auswickelaktion nicht als Zustimmung verstanden wird, dass ich dem jungen Mann neben mir nun auf immer und ewig verbunden bin). Als der letzte Knoten gelöst und das weiße Tuch entfernt ist, kommt ein mit Leder und Muscheln verzierter Korb zum Vorschein. Auch der wird geöffnet und gibt den Blick frei auf eine Haube, die von ihrer Farbe und Zusammensetzung an Kamel-Dung erinnert. In Wirklichkeit ist sie aber eine feste Dattelmasse, die den kostbaren Inhalt luftdicht verschließt. Der junge Mann neben mir zückt ein Messer und schneidet mit wenigen Schnitten die Spitze der Haube ab.  Jetzt kann ich ins Innere sehen: Dort schwimmen in einem See von lokaler Butter kleine Teile von gedörrtem Kamelfleisch.

Alles in Butter – nicht nur im Hochzeitsschmaus

Eine Delikatesse: Eine Masse aus Datteln umhüllt in Butter schwimmendes Kamelfleisch. (Quelle: Karl Pfahler)

Eine Delikatesse: Eine Masse aus Datteln umhüllt in Butter schwimmendes Kamelfleisch. (Quelle: Karl Pfahler)

Auch wenn mir keine Hochzeitsnacht bevorsteht, bin ich bereit, davon zu probieren. Aber, da bin ich mir mit meinen Nachbarn einig: ein Löffel genügt ja. Ein Jahr lang, wird mir erklärt, hält das Hochzeitsessen unter der Dattelmasse. So wie es im Korb verpackt ist, kann es gut z.B. auf einem Kamel befestigt und mit auf Reisen genommen werden. Und wenn die rechte Braut gefunden ist, dann zückt der Bräutigam das Messer. Es ist angesichts der FGM-Thematik ein verstörendes Bild, das sich plötzlich hier im Festmahl widerspiegelt. Denn angesichts der Infibulation der Frauen ist es traditionell tatsächlich erste Aufgabe des Ehemanns in der Hochzeitsnacht, ein Messer zu gebrauchen.

Es wird schon dunkel, als wir das Fest der Frauen verlassen. Ich kann ihr Trillern und ihr Lachen noch lange hören. Mit Vergnügen haben sie den Inhalt der Hero unter sich aufgeteilt. Zumindest für heute, anlässlich unseres Besuchs, konnten sie es genießen. Heute war auch für sie beim Öffnen der Hero alles in Butter.