Haiti: Interview mit Camina

161104-interview-camina-haiti(Port-à-Piment/Haiti) Anfang Oktober zieht Hurrikan Matthew über Haiti. Fast 14 Stunden wütet das Unwetter und hinterlässt vor allem im ländlichen Süden große Schäden. Wie kommen die Menschen – und besonders die Kinder – mittlerweile zurecht? Alinx Jean-Baptiste, der Landesdirektor für unsere Hilfsprojekte in Haiti, sprach fünf Wochen nach der Katastrophe mit der achtjährigen Camina aus Port-à-Piment.

Wie geht es Dir und Deiner Familie – jetzt fünf Wochen nach dem Hurrikan „Matthew“?
Camina: Es geht uns ein wenig besser als direkt nach dem Hurrikan. Unser Haus wurde stark beschädigt. Der Sturm hat das ganze Dach weggerissen und dann hat es tagelang geregnet. Aber jetzt hat meine Mutter endlich eine Plane bekommen, die wir über das Haus spannen konnten.

Wie sieht es denn in Port-à-Piment inzwischen aus? Liegen immer noch so viele Trümmer von Häusern und umgeknickten Bäumen herum?
Camina: Es wird lange dauern, bis Port-à-Piment wieder wie früher aussieht. Es ist immer noch alles voll von den Steinen und Überresten der beschädigten Häuser. Aber die vom Hurrikan umgerissenen  Bäume sind von der Straße verschwunden. Die Leute machen damit Holzkohle, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Was machen Deine Freunde und du genau, wenn Ihr in das Kinderzentrum geht? Wie verbringst du den späten Nachmittag, wenn die Zeit im Kinderzentrum vorbei ist?
Camina: Im Kinderzentrum singen wir, tanzen, hören Geschichten und sagen Verse auf. In der Pause machen wir Seilspringen. Zum Glück gibt es dafür jetzt wieder genug Platz. Aber wir basteln auch zusammen: Gestern haben wir Papierblumen aus buntem Papier gemacht. Richtige Blumen gibt es in Port-à-Piment ja seit dem Hurrikan keine mehr. Nachmittags gehen wir nach Hause. Dann helfe ich meiner Mutter beim Saubermachen und Wegräumen der Trümmer.

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Hat die Schule inzwischen wieder begonnen?
Camina: Nein, dieser schreckliche Sturm hat unsere ganze Schule zerstört.

Haben Du und die anderen Kinder in Port-à-Piment genug zum Essen und Trinken?
Camina: Zum Glück gibt es im Kinderzentrum jeden Tag warmes Essen und genug zum Trinken. Alle Kinder, die dort hinkommen, werden versorgt.

Welche Hilfe gibt es denn sonst für die Menschen in Port-à-Piment?
Camina: Es gibt das Krankenhaus und die Kinderzentren.

Was können Menschen in anderen Ländern noch tun, um Euch zu helfen?
Camina: Es wäre so schön, wenn sie mithelfen könnten, dass es hier wieder so wird wie früher, vor dem Hurrikan.

Nepal Stories VIII: Die Gemüsebauern von Attarpur

Gemüseanbau: Stolze Gemüsebäuerin: Deu Kumari Shakya aus Attarpur in Nepal

Stolze Gemüsebäuerin: Deu Kumari Shakya aus Attarpur in Nepal

„Wir haben einfach drauflos gepflanzt“, sagt Deu Kumari Shakya im Rückblick. In ihrem Heimatdorf Attarpur in Nepal ist seit einigen Jahren das Gemüsefieber ausgebrochen. In mittlerweile 24 Gewächshäusern und 40 Folientunneln bauen die Frauen und Männer des Dorfes Tomaten, Erbsen, Chilischoten und viele andere Gemüsesorten an – zunächst ohne professionelle Anleitung. Unser Partner AMURT lieferte ihnen jetzt das langerwartete Know-How.

Die 51-jährige Deu Kumari war eine der ersten Frauen, die sich von der traditionellen Landwirtschaft – Weizen, Hirse und Mais – abwandte und anfing, immer neue Gemüsearten zu pflanzen. Die ersten Jahre mussten sie und die anderen Dorfbewohner dabei gänzlich ohne die nötigen Kenntnisse in Sachen Gemüseanbau zurechtkommen. „Es ist ein Wunder, dass wir keine Verluste gemacht haben“, gibt die Landwirtin selbst zu.

Unser Partner AMURT kam letztes Jahr im Zuge der Soforthilfe nach den Erdbeben in das kleine nepalesische Dorf. Dort warteten Menschen, die hochmotiviert waren – aber nicht wussten, wie sie aus ihrer Leidenschaft ein professionelles Geschäft machen konnten.

Die florierenden Gemüsegärten von Attarpur sind vor allem ein Gemeinschaftswerk.

Die florierenden Gemüsegärten von Attarpur sind vor allem ein Gemeinschaftswerk.

AMURT reagierte und bildete seitdem 28 Frauen und 2 Männer im nachhaltigen Gemüseanbau aus. Dazu gehörten Schulungen zu organischen Düngern, dem richtigen Einsatz von Pestiziden und der schnellen Bekämpfung von Krankheiten in den Gemüsegärten. Gerade der Schutz der Böden vor Auslaugung ist in der Region ein wichtiges Thema. Deshalb gibt es zwischen Dezember und Februar eine dreimonatige Brachzeit, in denen der Gemüseanbau zum Stillstand kommt.

Trotz der Brachzeit boomt das Geschäft mittlerweile. Deu Kumari allein rechnet damit, im nächsten Jahr etwa 50.000 Rupien (rund 420 Euro) Gewinn zu erzielen. Besonders stolz ist sie auf die 33 Kiwi-Pflanzen – die Neuzugänge unter den vielen Gemüsesorten, die in Attarpur angebaut werden.

Das Gemüsefieber im Dorf hält weiter an – dank AMURT können die Bewohner nun auch endlich davon leben!

Äthiopien: Keine Dürre mehr im Magen

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Im vergangenen Winter hat das Wetterphänomen El Niño in manchen Landesteilen heftige Dürren ausgelöst und damit gleich mehrere Ernten vernichtet. Für die betroffenen Kinder ist das eine doppelte Katastrophe: Neben Mangelernährung leiden sie auch noch unter monatelangem Schulausfall, weil die Beschaffung von Nahrungsmitteln einfach alle Kräfte in Anspruch nimmt.  Um die Not zu lindern, haben wir über mehrere Monate für fast 2.000 Kinder Schulmahlzeiten zur Verfügung gestellt.

Äthiopien wurde diesmal von El Niño, den Passatwinden mit dem unschuldigen Namen, besonders heftig getroffen. Die Winde trieben die Regenwolken in großen Teilen des Landes einfach aufs Meer hinaus. Die folgende Dürre führte in dem ostafrikanischen Land zu einer der größten Hungerkatastrophen der letzten Jahrzehnte. Die traf und trifft, wie so oft, besonders die Kinder.

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Kinder werden in der Dürrezeit zuhause gebraucht

Eines der Projekte im Rahmen unserer Soforthilfe in Äthiopien, das wir in diesem Jahr gemeinsam mit unserem Partner Rift Valley Children and Women Development Organization (RCWDO) auf die Beine gestellt haben, richtete sich deshalb direkt an die Kinder… und ihre leeren Mägen. Vier Schulen wurden täglich mit Essen bliefert. So bekamen seit März insgesamt 1.920 Kinder an vier Schulen jeweils zwei Mahlzeiten am Tag.

Die Schulen liegen in Ziway Dugda und Adami Tullu, zwei Woredas (Bezirken) im südlichen Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs – einer Gegend, in der El Niño besonders viel Schaden anrichtete. Viele Kinder der Region haben die Schule während der Dürrezeit abbrechen müssen – sie mussten zuhause helfen, Nahrung aufzutreiben.

Unterricht trotz El Niño

Das Projekt holte die Kinder während der eigentlichen Ferienzeit in die Schule zurück, gab ihnen eine tägliche Routine, sorgte für ihre Verpflegung und entlastete so auch ihre Familien. Unser Partner lieferte u. a. 85.000 Kilogramm Weizenmehl, 26.000 Kilogramm Hülsenfrüchte, jodiertes Salz und vor allem sauberes Trinkwasser an die Schulen.

Wertvolle Hilfe bei der Herstellung und Verteilung des Essens leisteten zehn lokale Selbsthilfegruppen. Die rund 200 Frauen, die darin organisiert sind, waren in erster Linie für die Zubereitung der Mahlzeiten zuständig. Durch die gemeinsame Aufgabe konnten sie zeigen, wie leistungsfähig sie sind, und wuchsen noch enger zusammen.

Ende August lief das Projekt aus. Die vier unterstützten Schulen konnten trotz El Niño ihren Betrieb wiederaufnehmen. Keines der 1.920 Kinder hatte in den kritischen Dürremonaten mit Unterernährung oder anderen akuten Krankheiten zu kämpfen. Auch vielen Familien konnten wir durch unsere Projektarbeit das Überleben sichern. Die gute Qualität des Schulessen war ein Verdienst der beteiligten Selbsthilfegruppen.

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Trotzdem ist die Not noch nicht vorbei. Wieder hat es in Ziway Dugda und Adami Tullu monatelang nicht geregnet, erneut sind die Ernten bedroht. Und das bedeutet: Die Hungergefahr ist nicht gebannt. Das hat auch politische Gründe, wie zuletzt Anfang dieser Woche die Süddeutsche Zeitung analysierte. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern unterstützen wir die Menschen in Äthiopien auch weiterhin – auch darin, in Zukunft gegen Naturkatastrophen wie diese besser gewappnet zu sein.

Fußball als Lebensretter

Torszene: Mädchen-Teams beim Fußballturnier in Sambias Hauptstadt Lusaka in Aktion

Torszene: Mädchen-Teams beim Fußballturnier in Sambias Hauptstadt Lusaka in Aktion

„Tooooor!“ Riesenjubel auf einem Fußballplatz in Lusaka, der Hauptstadt von Sambia. Die Mädchen des führenden Teams liegen sich freudestrahlend in den Armen. Doch auch die übrigen Kickerinnen sind nicht umsonst dabei. Beim Fußballturnier unserer Partnerorganisation Africa Direction (AD) gewinnt jedes der teilnehmenden Mädchen – nicht nur auf sportlicher Ebene.

Bereits zum dritten Mal richtete AD das Fußballturnier für Mädchen aus der Stadtteilen Chilenje und Mtendere aus. Dabei hatten die Teilnehmerinnen Spaß und lernten auch etwas fürs Leben – beim Turnier macht unsere Partnerorganisation die Mädchen auf ihre Jugendarbeit aufmerksam, um ihnen auch langfristig helfen zu können.

Fußballturnier Sambia: Hier kommt jede zum Zug, egal ob mit Fußballschuhen oder ohne

Hier kommt jede zum Zug, egal ob mit Fußballschuhen oder ohne

Sambia ist eines der ärmsten Länder weltweit. Ein Drittel der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt – Mädchen und junge Frauen sind von Armut und Gewalt besonders betroffen: Frühschwangerschaften und Aids sind unter Mädchen die häufigste Todesursache. Mangelnde Chancen auf weiterführende Bildung und Perspektivlosigkeit verschlimmern noch die Situation.

Sport holt die Mädchen von der Straße

Genau um diese Probleme geht es im AD-Jugendzentrum in Chilenje, einem Stadtteil von Lusaka. Allerdings kommen fast nur Jungen. Das will DC ändern. Wie? Mit Sport, Beauty Contests und Aufklärungsveranstaltungen in Schulen, die sich speziell an Mädchen richten. Ist das Interesse einmal geweckt, finden die Betroffenen auch den Mut, über sich und ihr Leben zu sprechen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Fußballturnier Sambia: Das Training im Fußball-Camp leitete zum dritten Mal Ex-Fußballnationalspielerin Petra Landers

Das Training im Fußball-Camp leitete zum dritten Mal Ex-Fußballnationalspielerin Petra Landers

Das Fußballturnier war so ein Versuch, Mädchen für das AD-Jugendzentrum zu gewinnen. Schon vorher gab es die Möglichkeit, an einem fünftägigen Fußballcamp teilzunehmen. Coach war Petra Landers, eine ehemalige deutsche Nationalspielerin, die für diese Aufgabe bereits zum dritten Mal nach Lusaka geflogen ist. Parallel zur Fußballschule wurden die Mädchen von anderen Jugendlichen über ihre Rechte aufgeklärt. Dabei ging es etwa um die Risiken von Frühverheiratung, frühen Schwangerschaften und ungeschütztem Geschlechtsverkehr.

Darum ging es eigentlich beim Mädchen-Fußballturnier in Chilenje/Lusaka: Aufklärungsarbeit! Dabei ging es um Fragen wie: Was sind meine Rechte? Welche Hilfsangebote gibt es? Wo und mit wem kann ich mich austauschen?

Darum ging es eigentlich beim Mädchen-Fußballturnier in Chilenje/Lusaka: Aufklärungsarbeit! Dabei ging es um Fragen wie: Was sind meine Rechte? Welche Hilfsangebote gibt es? Wo und mit wem kann ich mich austauschen?

Turnier in jeder Hinsicht erfolgreich

Beim Turnier selbst hat AD Mädchen und Teams aus dem ganzen Umland erreicht. In einem VCT-Zelt (VCT steht für Voluntary Counselling and Testing) wurden 445 Jugendliche beraten und 356 auf HIV getestet. Teilnehmerinnen von drei Fußballteams aus Chilenje und Mtendere kommen jetzt regelmäßig ins Jugendzentrum. Sie nehmen aus dem Turnier nicht nur Spaß und Siege mit, sondern vor allem ein gestärktes Selbstvertrauen und ein wacheres Bewusstsein für die eigenen Rechte.

Fußballturnier Sambia: Die mobile Zeltstation für Beratung und HIV-Tests ist immer dabei und wird rege besucht.

Die mobile Zeltstation für Beratung und HIV-Tests ist immer dabei und wird rege besucht.

Nordwest-Haiti: Schutzzentren für 1.200 Kinder

Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Die Verwüstungen durch den Hurrikan „Matthew“ haben in Haiti Menschen getroffen, die schon vor der Katastrophe zu den Ärmsten der Armen gehörten. Jetzt ist die Welt komplett aus den Fugen geraten – vor allem für die Kinder. In speziell für sie eingerichteten Schutzzentren helfen wir ihnen, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten und wieder fröhlich zu sein. Ihre Unbeschwertheit steckt auch die Erwachsenen an, berichtet Demeter Russafov von unserem Partner AMURT:

Das Dorf Coridon im Nordwesten Haitis wurde besonders schwer vom Hurrikan getroffen. Deshalb haben wir dort das erste Kinderschutzzentrum eingerichtet. Die Mädchen und Jungen singen und spielen und werden pädagogisch betreut. Zu essen gibt es auch genug – die Frauen der örtlichen Selbsthilfegruppen kochen täglich für die Kinder.

Haiti: Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Ohne sie blieben die Mägen leer: Frauen der örtlichen Selbsthilfegruppen kochen täglich das Essen für die Kinder.

Insgesamt unterhalten wir im Department Artibonite im Nordwesten Haitis bereits vier Kinderschutzzentren: in Coridon, Point des Mangle, Gran Savanne und Savanne Naje. Zwei weitere nehmen nächste Woche ihren Betrieb auf. Das heißt, wir erreichen rund 1.200 Kinder allein in dieser Region Haitis.

Durch das Schutzzentrum in Coridon hat sich die Stimmung vor Ort in den letzten 14 Tagen deutlich aufgehellt – die Menschen blicken hoffnungsvoller in die Zukunft. Die Kinder wirken glücklich, das Dorf sieht trotz der Zerstörungen sauber und aufgeräumt aus.

Haiti: Es ist so wichtig, dass die Kinder ihren Lebensmut wiederfinden!

Es ist so wichtig, dass die Kinder ihren Lebensmut wiederfinden!

Derzeit bauen wir drei öffentliche Toiletten in verschiedenen Teilen des Dorfes. Außerdem haben wir feste Tage eingeführt, an denen sich die Bewohner zusammentun, um Straßen, Strand und öffentliche Plätze von den Trümmern freizuräumen. Wir haben das Dach der Schule repariert, eine der Wände wiederaufgebaut, die Küche fertiggestellt und die Zisterne repariert.

Das Dorf-Komitee, das uns dabei unterstützt, arbeitet sehr organisiert und zeigt viel Initiative. Es trifft sich regelmäßig, um die verschiedenen Aktivitäten zu steuern. Die Betreuer im Kinderschutzzentrum sind allesamt Ortsansässige, die mit großer Begeisterung daran gehen, das, was sie letzte Woche in einer vorbereitenden Schulung gelernt haben, nun umzusetzen.

Haiti: Die Betreuer der Kinder sind selbst Dorfbewohner und wurden in Schulungen auf ihre Arbeit vorbereitet.

Die Betreuer der Kinder sind selbst Dorfbewohner und wurden in Schulungen auf ihre Arbeit vorbereitet.

Überhaupt läuft in Coridon alles sehr koordiniert ab und der Wille, neu anzufangen, ist groß. Bei unseren Gesprächen mit den Eltern sind wir jedesmal beeindruckt davon, wie positiv sie das Kinderschutzkonzept aufnehmen und wie gut sie es finden, dass Ortsansässige ihre Kinder betreuen. Weitere Schulungen zur Kinderbetreuung sind geplant und stoßen auf großes Interesse.

Haiti: Alle Altersgruppen werden in den Kinderschutzzentren auf vielfältige Weise betreut.

Alle Altersgruppen werden in den Kinderschutzzentren auf vielfältige Weise betreut.

Der Erfolg zeigt Wirkung: Andere Dörfer möchten gern auch bei sich Kinderschutzzentren einrichten. Alle Beteiligten – Kinder wie Erwachsene – knüpfen daran hohe Erwartungen.

Neben den Dörfern an der Nordwestküste arbeiten wir auch im Süden Haitis mit der Strategie der „Child friendly Spaces“ (Kinderzentren). Dort – in dem am 4. Oktober von „Matthew“ zu 90 Prozent verwüsteten Ort Port-à-Piment – erreicht dieses Humanitäre Hilfe-Programm noch einmal über 500 weitere Kinder in insgesamt zehn Zentren.

In guten Händen: Kinder im Schutzzentrum in Coridon/Haiti

In guten Händen: Kinder im Schutzzentrum in Coridon

 

Libanon: Wenn 200 Dollar ein Loch in die Hosentasche brennen

Eine syrische Flüchtlingsfamilie im Libanon. (Quelle: Christoph Dehn)

Eine syrische Flüchtlingsfamilie im Libanon. (Quelle: Christoph Dehn)

Von Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, zurzeit in Beirut

13.11.2016

Ratternd spuckte der Geldautomat am Flughafen von Beirut zwei nagelneue Hundertdollarscheine aus. Die Scheine sind glatt und unbenutzt und fast schon bunt, verglichen mit den alten „Greenbacks“. Sie tragen einen unübersehbaren Sicherheitsstreifen, der die Backe des skeptisch blickenden Benjamin Franklin fast streift. Zu meiner Überraschung hatte der Automat mir die Wahl zwischen libanesischen Pfund und US-Dollar angeboten. Dollar seien praktischer, hatte Karl Anderson, der Programmkoordinator des Kindernothilfe-Partners AMURT, gesagt, sie würden überall im Land genauso akzeptiert wie die einheimische Währung.

Der Libanon ist ein kleines Land, eingezwängt zwischen der Türkei, Syrien, Israel und dem Mittelmeer. Einwohner hat das Land ungefähr so viele wie Berlin. Ursprünglich. Dann begann der Bürgerkrieg in Syrien, dem großen Nachbarland, das so lange Zeit über Politik und Wirtschaft des Landes bestimmt hatte. Mit dem Krieg kamen die syrischen Flüchtlinge. Wie viele es genau sind, weiß keiner, aber es wird wohl ein Viertel der heute fast sechs Millionen Menschen sein, die das kleine bergige Land bewohnen.

 

Besuch bei Flüchtlingsfamilien in Garagen und Verschlägen

Flüchtlingslager gibt es in vielen Gegenden des Libanon nicht. Die Regionalverwaltungen lassen sie nicht zu, das Beispiel der Jahrzehnte alten palästinensischen Lager im Land schreckt ab. Aber wo wohnen die Menschen, denen die Flucht aus dem mörderischen Krieg im großen Nachbarland gelungen ist? Wir besuchen einige Familien. Wir treffen sie in Garagen und Verschlägen. Manchmal teilen sich zwei Familien einen kleinen fensterlosen Lagerraum, abgeteilt mit Reißwolldecken. Es ist November, der Winter kommt. Diese Woche ist es noch ungewöhnlich warm, bald wird es Nachtfrost geben, der in die Knochen zieht in diesen zugigen ungeheizten Behelfswohnungen.

Dann treffen wir die Familie aus Homs in Syrien. Schwere Kämpfe, Artilleriebeschuss und Fassbomben haben die Stadt in ein Trümmerfeld verwandelt. Diese Familie ist noch entkommen, Vater, Mutter, ein Sohn, eine Tochter. Die zweite Tochter ist schon hier im Libanon geboren. Zwei Jahre alt ist sie jetzt. Sie leben in einem kahlen, kalten Raum, für den sie 100 US-Dollar Miete zahlen. Woher kommt die Miete? Reguläre Arbeit können syrische Flüchtlinge im Libanon kaum bekommen. Nur in der Landwirtschaft und als Reinigungskräfte sind sie offiziell zugelassen. Der Mann versucht sein Glück als Tagelöhner, legal, illegal – dafür gibt es 20 Dollar pro Tag, in guten Monaten hat er 15 Tage Arbeit.

Unbezahlbar – 100 Dollar für ein EEG

Das würde ja vielleicht irgendwie reichen. Aber es gibt ein Problem. Die ältere Tochter ist krank. Irgendetwas in ihrem Kopf stimmt nicht. Man merkt es an ihren Bewegungen. In der Schule wird sie gehänselt. Sie ist auf Medikamente angewiesen, und zur Kontrolle muss immer wieder ein Elektro-Enzephalogramm gemacht werden. Die nächste Untersuchung steht an, aber woher sollen die 100 Dollar kommen, die das EEG kostet. Für die letzten Medikamente hat die Mutter schon die Ohrringe der Tochter verkauft. Ich sehe mich in dem kahlen Raum um. Hier gibt es nichts mehr zu verkaufen.

In diesem Moment, die Mutter hat Tränen in den Augen, muss ich an die frischen, glatten 100-Dollarscheine in meinem Portemonnaie denken. Die Scheine brennen in meiner Tasche. Was, wenn ich einen herausziehen würde? Die nächste Untersuchung des kleinen Mädchens wäre gesichert. Und dann? Was ist mit all den anderen syrischen Kindern, um die sich unser Partner AMURT kümmert? Für die das Leben im Libanon ein beständiger Kampf ist, weil es an allem fehlt. Wie geht es den Mitarbeiterinnen des Outreach-Teams von AMURT, die jeden Tag fünf bis zehn Hausbesuche bei den Familien machen, Rat geben, Hilfe anbieten, Streit schlichten? Sie haben die strikte Anweisung, niemals Geld zu geben. Sie weisen auf andere Organisationen hin, die für je besondere Notlagen Hilfe geben. Sie gewinnen die Familien dafür, die Kinder wieder in die Schule zu schicken. Sie sorgen dafür, dass traumatisierte Kinder psychologische Behandlung bekommen. Für die Älteren gibt es Kurse in verschiedenen praktischen Fähigkeiten, mit denen sich Geld verdienen lässt. Bei „Earn and Learn“ lernen 52 junge Leute, zwei Drittel von ihnen Mädchen, die Grundlagen der Forstwirtschaft. Dafür bekommen sie 50 Dollar pro Woche, ein kleiner Beitrag zum Familieneinkommen. Aber das Outreach-Team gibt kein Geld. Könnte ich jetzt trotzdem… Die Geldscheine brennen in meiner Tasche. Ich tue es nicht.

Wir finden einen Weg zu helfen

Später sprechen wir mit dem Programmkoordinator über unseren Besuch bei der Familie aus Homs. Es sei gut, dass wir in der Situation kein Geld gegeben hätten. Aber nun denken wir zusammen darüber nach, wie AMURT in Zukunft bei solch kleinen Notlagen Hilfe geben kann. Ein Weg zeichnet sich ab, wir sind erleichtert.

So schnell wird das allerdings nicht gehen. Deshalb finden wir für das Mädchen aus Homs eine andere Möglichkeit. Schließlich sind wir ja nicht nur Vertreter unserer Organisationen. Das Schicksal der mittellosen Familie in dem kalten, kahlen Raum hat uns berührt. Wir finden einen Weg, privat und anonym zu helfen, ohne dass das für die Organisation zum Problem wird. Und in Zukunft wird es leichter sein, all die anderen Kindern zu unterstützen, denen es ähnlich geht.

Libanon: Bäume pflanzen, Hoffnung ernten

Libanon: Unser Auslandsvorstand Chrstoph Dehn packt bei der Pflanzaktion mit an.

Unser Auslandsvorstand Chrstoph Dehn packt bei der Pflanzaktion mit an.

Inmitten der immer neuen Schreckensnachrichten aus dem Syrienkrieg gehen hoffnungsvolle Meldungen aus der Region leicht unter. Die folgenden Bilder einer Baumpflanzaktion erreichten uns am Wochenende von unseren Vorständen Christoph Dehn und Jürgen Borchardt, die gerade unsere Projekte im Libanon besuchen.

52 Jugendliche, zwei Drittel davon Mädchen, lernen dort bei unserer Partnerorganisation AMURT die Grundlagen der Fortstwirtschaft. In ihrem Programm „Earn and Learn“ pflanzen sie auf einem kahlen Hügelrücken im Chouf-Gebirge 8.000 Pinien. Das Besondere: die jungen Leute zwischen 16 und 21 Jahren mussten alle wegen des Bürgerkriegs in Syrien ihre Heimat verlassen.

Die Mehrzahl der libanesischen Forstwirtschaftslehrlinge sind Frauen. Im Hintergrund unser Finanzvorstand Jürgen Borchardt (li.) und Carl Anderson von AMURT (re.)

Die Mehrzahl der Forstwirtschaftslehrlinge sind Frauen. Im Hintergrund unser Finanzvorstand Jürgen Borchardt (li.) und Carl Anderson von AMURT (re.)

Jetzt kam eigens der libanesische Landwirtschaftsminister Akram Chehayeb ins Chouf-Gebirge und hat gemeinsam mit den Flüchtlingen sowie Christoph Dehn und Jürgen Borchardt die ersten Bäume gepflanzt. In ein paar Jahren werden die Pinien den Hügel vor Erosion schützen, den Wasserhaushalt verbessern und die Pinienkerne der Gemeinde ein Einkommen geben. Und mit den Kurszertifikaten können die jungen Frauen und Männer eine Arbeit in der Land- und Forstwirtschaft finden.

Libanons Landwirtschaftsminister Akram Chehayeb hat es sich nicht nehmen lassen, bei der Baumpflanzaktion dabei zu sein

Libanons Landwirtschaftsminister Akram Chehayeb hat es sich nicht nehmen lassen, bei der Baumpflanzaktion dabei zu sein.

Haiti: Matthew und die vergessenen Orte

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut. (Alle Fotos: J. Schübelin)

(Anse-Rouge, Coridon – Nordwest-Haiti, 17.-19.10.2016) In jeder Katastrophe gibt es sie: die vergessenen Orte. Meistens Dörfer, manchmal ganze Landstriche. Keine Journalisten schaffen es bis hierher. Keine Fernsehkameras dokumentieren das Leid der Menschen. Niemand berichtet nach außen, was geschehen ist, und keine internationalen Helfer finden den Weg, geschweige denn irgendwelche Vertreter der eigenen Regierung.

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zurzeit in Haiti

Coridon ist so ein vergessener Ort. Ein Fischerdorf an der öden, kahlen Küste im Norden des Department Artibonite. Vor der Hurrikan Matthew-Katastrophe war dieser Landstrich die ärmste Region Haitis. Und jetzt? Jetzt ist sie die vergessendste. Die Menschen von Coridon und den ebenso heimgesuchten Nachbardörfern bis hinauf nach Anse-Rouge haben das unsägliche Pech, dass Matthew an der Südküste Haitis in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober den dramatischeren Auftritt hingelegt hat, die Küstenorte dort mit unglaublicher Wucht regelrecht zerfetzte. Seither ist das, was es an ohnehin sehr bescheidener internationaler und nationaler Aufmerksamkeit gibt – oder gerade noch gibt –, auf diesen Teil Haitis, den Süden, fokussiert.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Im Nordwesten, in Coridon, war es nicht der Wind. Hier tobten meterhohe Brecher und der Regen. Tagelanger extremer Starkregen, so wie er sich nur an den Rändern gewaltiger Hurrikan-Systeme bilden kann. Zuerst zerstörten die Meereswellen die Häuser und Hütten der Menschen entlang der Küstenlinie, dann kamen aus den Bergen die Schlamm- und Geröllmassen, riesige Mengen an Wasser: „Es war so laut wie Donner“, sagt Madame Claudine, „wir dachten alle, jetzt werden wir ins Meer geschwemmt.“

Mais, Bohnen, Gemüse wurden wie mit einem Hochdruckreiniger weggeschwemmt

Niemand hier an dieser Küste hat so etwas schon einmal erlebt. Keine der vorausgegangenen Hurrikan-Katastrophen war so verheerend wie diesmal Matthew.

Die gewaltigen Regenmengen zerstörten zuerst die Felder und die Gärten der Kleinbauern an den Berghängen, wuschen die dünne Erdkrume mit allem darauf Gepflanztem – Mais, Bohnen und ein bisschen Gemüse – wie unter einem Hochdruckreiniger weg. Unten im Tal vernichteten die Schlamm- und Wassermassen dann innerhalb von wenigen Stunden das, was die Menschen aus Coridon in Generationen aufgebaut hatten: ihre Salinen.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Drei Viertel des Salzes, das in Haiti konsumiert wird, kam aus diesen Salinen. Achtzig Prozent der Menschen in diesem Landstrich lebten von der Salzerzeugung. Produziert wurde nach einer archaischen, jahrtausendealten Methode, bei der jede Familie ein eigenes Salzbecken bewirtschaftet, dort das eingeleitete Meerwasser verdunsten lässt und dann die Salzkristalle aberntet. Knochenarbeit bei sengender Hitze.

Die Salinen von Coridon sind Geschichte

Auf googlemaps gibt es die Salinen von Coridon immer noch. Aus dem All sehen sie vergrößert aus wie ein kunstvoll ineinander gefügtes Mosaik – mit Steinchen in vielen verschiedenen Farben. Aber dieses Bild ist Geschichte.

http://www.maplandia.com/haiti/artibonite/coridon

 Matthew hat diese gesamte Salinen-Landschaft in eine trostlose, graue und braune Einöde verwandelt. Die kleinen Deiche, die die verschiedenen Becken voneinander trennten, sind zerstört, die Salinen unter Tonnen von Schlamm und Wasser begraben.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

 

Die Fischer aus dem Dorf hat es nicht weniger hart getroffen. Die meisten ihrer Boote wurden durch die meterhohen Wellen beschädigt oder ganz zerstört, Netze, Reusen, Segel vernichtet.

Die ersten Menschen sterben an Cholera

Aber das größte Problem für die Menschen in Coridon und seine Nachbardörfer ist seit zwei Wochen das fehlende Trinkwasser. Eine Wasserleitung aus den Bergen, im Rahmen eines anderen Humanitäre-Hilfe-Projektes gebaut, wurde einfach weggerissen. Jetzt versuchen sich die Menschen dadurch zu helfen, dass sie mit aneinandergefügten Wellblechresten etwas Regenwasser auffangen. Fast jede Nacht hat es in der zurückliegenden Woche extrem stark geregnet. Noch immer steht das Wasser im ganzen Dorf. Drei Personen seien an der Küste von Artibonite in den vergangenen Tagen an Cholera gestorben, berichtet ein Polizist aus Anse-Rouge. Überprüfen lässt sich das nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Und, als wäre dieses Panorama noch nicht apokalyptisch genug, das Karibische Meer hat sich im Golf de la Gonâve in der Hurrikan Matthew-Nacht bitterlich an den Menschen gerächt und Tonnen von erbärmlich stinkendem Müll, vor allem Plastikflaschen und Styroporreste, auf den Strand zurückgeworfen.

Überall auf der Welt entwickeln die Überlebenden unterschiedliche Formen, um mit derartigen Katastrophen umzugehen. In Coridon wollen sie alle fotografiert werden. Jede Familie vor ihrem zerstörten Haus, mit den Kindern, den beschädigten Boote, den vernichteten Salinen. Als ob die Kamera irgendetwas wiedergutmachen könnte. Aber vielleicht ist es einfach die Hoffnung, dass die Welt außerhalb doch davon erfährt, was hier geschehen ist.

Hilfe zuerst für die Kinder

Lenoix, der Agraringenieur der Kindernothilfe-Partnerorganisation AMURT, hat es geschafft, inmitten des Chaos eine Gemeindeversammlung einzuberufen. Behutsam erläutert er, wie die Kinderzentren, die child friendly spaces, mit denen AMURT in dieser Woche startet, funktionieren werden. Er erklärt, wie sehr es darauf ankommt, dass alle Familien mithelfen, zuerst die Kinder versorgen zu können. Mit den Kindern anzufangen, darin sind sich alle Teilnehmer der Versammlung einig, das ist ganz wichtig, aber dann müssten auch die alten Menschen, die schwangeren Mütter und die Frauen, die den ganz kleinen Babys noch die Brust geben, drankommen. Lenoix versichert der Runde, dass AMURT ihren Rat beherzigen werde.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar - die Kinder werden zuerst versorgt.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar – die Kinder werden zuerst versorgt.

Mit den Frauen aus den Kindernothilfe-Selbsthilfegruppen (groupes d’entraide) hat er bereits gesprochen. Sie, die ebenfalls alles verloren haben, werden die Zubereitung der Mahlzeiten für die Kinder übernehmen und für ihre Arbeit bezahlt werden – cash for work nennt sich dieses Prinzip, durch das es möglich sein wird, die betroffenen Familien mit etwas Barmitteln auszustatten.

Chance für eine bessere Salzproduktion

Die allergrößte Herausforderung besteht jedoch darin, mitzuhelfen, so schnell wie irgend möglich die Salzproduktion wieder in Gang zu bringen, die Salinenbecken vom Schlamm und Regenwasser zu befreien und die Trenndeiche wieder aufzubauen. „Vielleicht haben wir ja eine Chance“, sagt Demeter Russafov, der Haiti-Landesdirektor von AMURT, „inmitten dieser Katastrophe einige der Familien davon zu überzeugen, die Salzfelder diesmal anders anzulegen, mehrere, miteinander verbundene Becken gemeinsam zu bewirtschaften und dadurch Salz in besserer Qualität zu erzeugen.“ Demeters Enthusiasmus steckt an, einige interessierte Familien hat er bereits gefunden.

Für Madame Claudine vor ihrem zerstörten Haus am Strand gibt es noch eine andere Priorität: „Helft mir bitte“, sagt sie beim Abschied, „wieder ein Dach zu haben, unter dem meine Kinder und ich schlafen können.“

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.

„Die Leidenschaft, für Kinder zu arbeiten – das verbindet uns!“

Projektreise Südafrika: Austausch zwischen deutschen und südafrikanischen Ehrenamtlichen bei DurbanVon Niklas Alof, Referat Bildung und Öffentlichkeitsarbeit, zurzeit mit Kindernothilfe-Ehrenamtlichen auf Projektbesuch in Südafrika

Es ist der dritte Projektbesuch unserer Reise. Wir sind in unserem kleinen Bus auf dem Weg in eine ländliche Region namens Umbumbulu, ca. 45 Kilometer außerhalb von Durban. Es regnet und ist erstaunlich kalt, auch machen sich die vielen Eindrücke der letzten Tage bemerkbar, die auf uns eingeprasselt sind.

Die Stimmung ist nicht mehr ganz so euphorisch wie an den Tagen zuvor. Besonders die große Ungleichheit, die einem in Südafrika begegnet, geht vielen von uns wirklich nah. Einerseits sieht man prachtvolle Straßenzüge und Villen, hat eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur und bestaunt tolle Landschaften. Andererseits kommt man innerhalb weniger Minuten, weniger Kilometer in Gebiete, die man zwar aus Berichten und Bildern kennt, deren reale Existenz aber überwältigend ist. Die Armut und Ausgrenzung, die die Menschen in den Townships und den ländlichen Regionen erfahren ist, krass. Manche leben in kleinen vom Staat finanzierten Steinhäusern, andere bauen sich aus Wellblech und anderen Behelfsmitteln kleine Hütten. Es gibt manchmal Strom über Solaranlagen, Toiletten sind teilweise auch zu erkennen. Es sind Dixi-Klos oder selbstgebaute Hütten.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir bei einer kleinen Schule an; ein Mitarbeiter des Kindernothilfe-Partners Sinani empfängt uns und führt uns in einen Raum, in dem eine 15-köpfige Gruppe von ehrenamtlichen Community Childcare Workers (vergleichbar mit Jugendarbeitern) auf uns wartet. Langsam treten wir ein, die sprachlichen und kulturellen Hürden lassen sich nicht leugnen, alle sind etwas schüchtern und warten ab. Wir setzen uns in einen großen Kreis, begrüßen einander und stellen uns vor. Alles wirkt leicht steif und zurückhaltend. Nach ein paar offiziellen Worten der Begrüßung von beiden Seiten können Fragen gestellt werden. Jetzt wird die Runde lebhaft – von unserer Seite kommen viele Fragen: Welche Hauptprobleme begegnen euch bei der Arbeit mit den Kindern? Wie kommt ihr mit den Eltern in Kontakt, wie kooperieren diese? Wie viele Haushalte werden von Kindern geführt? Wie vereinbart ihr eure ehrenamtliche Arbeit mit euren anderen Jobs und Aufgaben?

Projektreise Südafrika: gelegenheit zum intensiven Austausch mit südafrikanischen Ehrenamtlichen

Gelegenheit zum intensiven Austausch mit südafrikanischen Ehrenamtlichen

Die Erfahrungen der ehrenamtlichen Mitarbeiter beeindrucken und machen betroffen

Die Gewalterfahrungen der Kinder sind so vielfältig, dass man sie kaum aufzählen kann, hören wir aus den Antworten. „Gewalt in der Familie und der Großfamilie, in der direkten Umgebung, es gibt sehr gefährdete Kinder in den Communities, viele wurden durch HIV und Aids zu Waisen“, zählen die Jugendarbeiter auf. Aids und seine Folgen sind ein riesiges Arbeitsfeld für die freiwilligen Mitarbeiter. „Ich machte einen Hausbesuch bei einer Familie“, berichtet eine Ehrenamtliche, „und treffe dort auf 15 Waisenkinder, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte.“ In diesem Gebiet werden schätzungsweise nahezu ein Drittel der Haushalte von Kindern geführt. Eine unvorstellbare Zahl! Viele der Kinder haben – auch aufgrund ihrer kulturellen Erziehung – nicht gelernt, ihre Gewalt- und Verlusterfahrungen zu verarbeiten. Manche können durch die Jugendarbeiter erstmals eine enge Beziehung aufbauen und über ihre Trauer und Probleme sprechen. Dabei gehen die Sinani-Ehrenamtlichen sehr vorsichtig vor. Keines der Kinder soll dadurch stigmatisiert werden, dass es sich öffnet und seine Probleme aufzeigt. Auch soll diese Offenheit nicht zu Konflikten mit den Eltern führen. So besuchen die Jugendarbeiter auch immer wieder die Eltern, berichten von ihrer Arbeit, versuchen sie zu überzeugen.

Die Eltern begegnen den Ehrenamtlichen anfangs mit großer Skepsis. Es erfordert Offenheit und Mut, dem eigenen Kind zu mehr Freiheit und Selbstbewusstsein zu verhelfen. „Aber“, so berichten sie, „der nachhaltige Erfolg überzeugt dann doch viele von ihnen. Die Kinder werden besser in der Schule, entwickeln sich gut, blühen auf. Auch bekommen sie durch die Betreuung eine Mahlzeit – nicht zuletzt eine gute Art, Eltern zu überzeugen.“

Die Sinani-Jugendarbeiter verbinden ihre ehrenamtliche Arbeit mit all ihren anderen Jobs, ihrer eigen Familie, ihren eigenen Aufgaben. Sie sagen, dass sie sich Schlupflöcher suchen, in denen sie ihre Arbeit machen können, sei es auch ein Samstag.

Die Kinder haben viel Spaß und sind blühen auf.

Die Kinder haben viel Spaß und sind blühen auf.

Tausende Kilometer voneinander entfernt und doch eine gemeinsame Vision

Eine Mitarbeiterin spricht aus, was alle Anwesenden verbindet: „Man braucht Leidenschaft, um sich für hilfsbedürftige Kinder einzusetzen. Das ist kein einfacher Job – es ist eine Aufgabe, die Leben verändern kann!“ Ein toller Moment für alle, die hier zusammensitzen, denn wir sehen, wir leben zwar Tausende von Kilometern voneinander entfernt und doch haben wir die gemeinsame Vision: Lasst uns Kinder zu ihren Rechten verhelfen!

Die Stimmung ist mittlerweile viel lockerer, es entsteht ein reger Austausch. Auch wir können berichten, welche Arbeit in Deutschland ehrenamtlich geleistet wird. Wie wir immer wieder Menschen davon überzeugen wollen, sich für andere einzusetzen. Wie wir immer wieder Menschen bewegen möchten, über ihren eigenen Tellerrand zu schauen. Das verbindet, und es ist toll zu wissen, dass es diese Verbindung quer über die halbe Erdkugel gibt.

Die Kindernothilfe-Ehrenamtlichen bei ihrem Projektbesuch.

Die Kindernothilfe-Ehrenamtlichen bei ihrem Projektbesuch.

Es werden nun fleißig Selfies und Fotos jeder Art gemacht. Wir stehen zusammen, unterhalten uns irgendwie auf Englisch, Zulu und Deutsch, manche übersetzen. Ein toller Spirit macht sich breit! Dafür sind wir da. Wir wollen direkt erleben, wie die Arbeit vor Ort läuft. Wir wollen sehen, welche Menschen dahinter stecken. Und das passiert ganz wunderbar an diesem kalten und regnerischen Tag in der Nähe von Durban: Wir verstehen einander, wir stärken und motivieren uns. Für Kinder. Weltweit.

Honduras-Tagebuch: „Das ist nicht euer Land, ihr Arschlöcher!“

Honduras: Carlos' GeschichteVon Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, Tegucigalpa, 15.10.2016

Carlos wollte weg aus Honduras. Dort gab es für ihn nur Schläge und Ausbeutung, die Schule musste er frühzeitig verlassen. Sein Ziel: die USA, das „gelobte Land“. Doch an der Grenze wurde er erwischt und wieder zurück nach Honduras gekarrt. Heute lebt er in der Casa Alianza und ist „jeden Tag ein bisschen glücklicher“.

Als die Schüsse fielen, lag Carlos ganz hinten auf dem Dach des Güterwaggons. Das rettete ihm wahrscheinlich das Leben. Er wurde übersehen. Weiter vorn hatten die Bewaffneten gerade einen Mann erschossen und vom Dach geworfen. Ein paar andere wurden lebend vom Dach des fahrenden Zuges gestoßen. Die Bewaffneten verschwanden mit ihnen. Carlos weiß nicht, was mit ihnen geschah. Aber schwer ist das nicht erraten.

Jedes Jahr macht sich ein kleines Heer von Verzweifelten und Bedrohten auf die Wanderung aus Mittelamerika, aus Nicaragua, Honduras, El Salvador und Guatemala. Sie wollen in die USA, hoffen, die Grenzen unentdeckt zu überwinden und in den Vereinigten Staaten ein Leben ohne Hunger und Gewalt zu beginnen. Unter den Migranten sind auch mehrere zehntausend Kinder und Jugendliche, viele von ihnen allein, ohne Eltern und erwachsene Begleiter. Einer von ihnen war Carlos (Name geändert).

Zuhause fehlte jede Perspektive

Carlos kommt aus einem Dorf in der hunduranischen Provinz. Er hat fünf Geschwister. Vier hat die Mutter in die Familie eingebracht. Carlos und seine jüngere Schwester sind gemeinsame Kinder der Eltern. Der Vater ist Gelegenheitsarbeiter. Wenn samstags der Lohn ausgezahlt wurde, kaufte die Familie ein. Meist gab es dann bis zum folgenden Donnerstag etwas zu essen. Freitags gab es nichts, erst Samstagabend konnte die Familie wieder essen. Als er acht Jahre alt war, bekam Carlos eine Schaufel und eine Hacke und musste anfangen zu arbeiten. Oft war sein Lohn nötig, damit die Familie überhaupt zu essen hatte. Darüber kam die Schule zu kurz. Nach der achten Klasse der neunjährigen Grundschule war Schluss. Carlos musste ganz arbeiten.

All die Jahre war es zu Hause auch nicht lustig. Die Eltern stritten sich häufig, der Streit geriet immer wieder zur Schlägerei zwischen den Eltern. Auch die Kinder wurden oft geschlagen, von beiden Eltern. Kein Leben, mit dem sich ein Junge gern zufrieden gibt. Aber Carlos hatte einen Freund, nennen wir ihn Eduardo. Eduardo hatte es schon einmal versucht, und er war bis McAllen in Texas gekommen, bevor er aufgegriffen und nach Honduras deportiert wurde. In den USA, da gebe es Geld und Arbeit und Freiheit. Carlos war 17, ohne Schulabschluss, ohne Arbeit und ohne Perspektive, als er beschloss, in die USA auszuwandern.

Der Weg in die USA

Er hatte 1.000 Lempiras zusammengespart, etwa 40 Euro. Damit kam er gut voran. Aber an der Grenze zwischen Guatemela und Mexiko waren die Ersparnisse verbraucht. Jetzt gab es kaum mehr etwas zu essen und auch kein Geld für Busfahrten. Sechs Tage lief Carlos zu Fuß, bis er die Eisenbahnlinie erreichte. Als er ankam, bluteten seine Füße, seine Leisten waren entzündet und schmerzten, er war dehydriert. Aber ab hier sollte es mit dem Zug weitergehen. Nicht mit einem Passagierzug natürlich, sondern auf dem Dach eines Güterzugs, der bei den Migranten „Das Ungeheuer“ heißt. 35 Menschen saßen und lagen auf dem Dach seines Waggons, als die Schüsse fielen.

Die mexikanischen Drogenkartelle haben die Migranten auf dem Weg aus Mittelamerika in die USA als lukrative Einkommensquelle entdeckt. Sie nehmen die Menschen in Gruppen gefangen und erpressen die Familien um Lösegeld. Die Höhe schwankt, viele der Gefangenen kommen ja nicht aus wohlhabenden Familien. Aber 5.000 US-Dollar dürften ein normaler Preis für die Freilassung sein. Wenn niemand zahlt, wird die Geisel erschossen.

In der Nähe von Tierra Blanca stieg Carlos mit den übrigen Passagieren vom Zug. Kaum war er abgestiegen, näherte sich ein Wagen und hielt an. Zwei Männer und eine Frau stiegen aus. Die Männer zerrten die Frau ins hohe Gras. Dann hörte Carlos Schüsse und sah die Männer ohne die Frau zurückkommen und davonfahren. Eine Geisel, für die niemand gezahlt hatte?

Mit einer kleinen Gruppe lief Carlos weiter. Bevor sie auf den Zug gestiegen waren, hatten sie sich ein wenig Geld erbettelt. Davon wollten sie nun in einer Cafeteria etwas essen. Keine gute Idee. Denn offenbar bekam die Wirtin mit, dass sie untereinander beratschlagten, wie sie weiter vorgehen sollten. Jedenfalls war ganz schnell die Grenzpolizei da. „Das hier ist nicht euer Land, ihr Arschlöcher!“, brüllten die Polizisten. Obwohl die Migranten versuchten zu fliehen, wurden sie alle geschnappt, gefesselt und ins Gefängnis gebracht.

Tage voller Angst: Zurück nach Honduras

Drei Tage Beschimpfungen und Flüche im Gefängnis, dazu verdorbenes Essen, Tage voller Angst. Am zweiten Tag kam der honduranische Konsul vorbei und kündigte an, dass sie am nächsten Tag abgeschoben würden. Am dritten Tag gegen Mitternacht fuhren Busse vor. Die geschnappten Migranten wurden in die Busse verstaut und nur mit kurzen Toilettenpausen 15 Stunden lang nach Honduras zurückgefahren.

In der Nähe von San Pedro Sula, dem honduranischen Wirtschaftszentrum im Norden des Landes, gibt es ein Ankunftszentrum für abgeschobene Migranten. Dreimal in der Woche kommen hier die Buskonvois an. 6.000 minderjährige Migranten sind in den ersten 9 Monaten dieses Jahres bereits ausgeladen worden. Die Kindernothilfe-Partnerorganisation Casa Alianza kümmert sich dort vor allem um die unbegleiteten Minderjährigen. Auch Carlos erhielt die Telefonnummer von Casa Alianza und den Rat, sich dort zu melden.

Aber Carlos hatte etwas anderes im Sinn. Er wollte nach Hause, in sein Dorf, zu seinen Eltern und Geschwistern. Nur dass ihm nach seiner misslungenen Auswanderung alles noch grauer und hoffnungsloser vorkam. Der Wochenlohn war immer noch zu niedrig, um damit die Grundbedürfnisse für mehr als eine halbe Woche zu decken, der Streit zwischen den Eltern ging immer weiter. Dann wurde die Mutter ernsthaft krank, und Carlos wurde klar, dass zwar die Auswanderung nicht geklappt hatte, dass er aber an seinem Leben etwas grundsätzlich ändern musste.

Casa Alianza: Unterstützung für Jungen und Mädchen

Er erinnerte sich an die Telefonnummer von Casa Alianza. „Der Anruf zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht.“, sagt Carlos. Er solle nach Tegucigalpa kommen, in das Zentrum von Casa Alianza, dort könne er wohnen, essen, die Schule abschließen, eine Ausbildung machen. In dem von der Kindernothilfe unterstützten Zentrum von Casa Alianza leben derzeit 105 Jungen und Mädchen, die schwere Erfahrungen hinter sich haben. Mit verschiedenen Formen von Therapie, Schule, Ausbildung und viel Zuwendung werden hier Straßenkinder, Missbrauchte und gescheiterte Migranten wieder aufgebaut und für ein gutes Leben fit gemacht.

Honduras: Casa Alianza gibt Kindern und Jugendlichen eine Zukunft

Casa Alianza gibt Kindern und Jugendlichen eine Zukunft

Jetzt, etwas über ein Jahr später, sitzt Carlos vor mir mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Er hat inzwischen die neunte Klasse abgeschlossen und damit den Schulabschluss geschafft. Im Moment ist er in der nahen Don Bosco-Schule in einer Kurzausbildung zum Trockenbauer. Aber das soll nur ein Zwischenschritt sein. Eigentlich will er Arzt werden. Mit etwas Hilfe von Casa Alianza könnte das schon klappen. Zumindest kann er hier wohnen bleiben, bis er 21 ist.

Ich frage Carlos, ob ich seine ganze Geschichte aufschreiben darf. Er lacht und sagt, ja, bitte, ich möchte, dass viele erfahren, wie es mir ergangen ist, damit es ihnen erspart bleibt. Und dann sagt er: „Ich bin jetzt jeden Tag ein bisschen glücklicher.“