Im Kindernothilfe-Trikot durch die Anden

Ecuador: Im Kindernothilfe-Trikot durch die Anden

Ecuador: Das Kindernothilfe-Trikot im Einsatz

Im Berufsleben koordiniert Mauricio Bonifaz unsere Projekte in Ecuador. Doch auch sonst ist er für uns unterwegs – als begeisterter Mountainbiker im orangenen Kindernothilfe-Trikot…

Die Tour de France ist in vollem Gange, und im fernen Ecuador haben sicher auch Mauricio Bonifaz und seine Freunde Paúl Cajas und Gabriel Cádenas die Fernseher eingeschaltet, um live dabei zu sein. Sie wissen nur zu gut, was die Radrennfahrer leisten, schließlich fahren sie selber Rennen – als Amateur-Mountainbiker. In ihrem Fall gibt es jedoch eine Besonderheit: Wenn sie im Sattel sitzen, fährt die Kindernothilfe immer mit.

Erst kürzlich haben sie sich neue Kindernothilfe-Trikots zugelegt, in strahlendem Orange und Himmelblau. Die hatten sie auch beim letzten Rennen an, das bis zum Vulkan Chimborazo führte. Dass das kein Spaziergang war, zeigen allein schon die Fotos. Im Bericht von Mauricio hört sich das so an:

„Dieses Rennen – es gilt als das schwerste in ganz Ecuador – war SPEKTAKULÄR! Es ging 39 Kilometer immer nur hoch, hoch, hoch auf das Andenhochland. Am Ende waren wir in den Ausläufern des Chimborazo, 4.830 Meter über dem Meeresspiegel. Dort bleibt einem leicht die Luft weg, nicht nur wegen der Anstrengung, sondern weil sie so dünn ist. Wir haben fast täglich für dieses Rennen trainiert, und trotzdem hatte ich auf der Hälfte der Strecke eine Schwächephase, die uns einige Plätze gekostet hat. Schließlich haben wir es jedoch geschafft, in drei Stunden und 48 Minuten voller Schweiß und Schmerzen.“

Ecuador: Das Trikot ist die Botschaft

Das Trikot ist die Botschaft beim schwersten Rennen des Landes

Seit vier Jahren in den Kindernothilfefarben

Schon 2001 entdeckte Mauricio seine Leidenschaft für den Mountainbike-Sport, nachdem er sich vorher eher für Leichtathletik begeistert hatte. Warum er sich die Rennstrapazen antut? Weil er es liebt, die eigenen körperlichen und mentalen Grenzen zu überschreiten. 1.900 positive Höhenmeter misst die – übrigens neu abgesteckte – Rennstrecke auf den Chimborazo. Die Zahl markiert die Summe der Anstiege auf der gesamten Distanz – nur dass die Höhendifferenz in diesem Fall fast an einem Stück bewältigt werden muss! Das macht die Leistung Mauricios und seiner beiden Renngefährten noch erstaunlicher.

Die Aufmerksamkeit, die sie als Radrennfahrer erhalten, nutzen sie für den guten Zweck. Seit vier Jahren fahren sie im Kindernothilfe-Trikot, die neue Version tragen sie mit besonderem Stolz. Es macht sie immer gut erkennbar – fast so gut wie das Gelbe Trikot der Tour de France.

Peru eineinhalb Monate nach den Regenfluten

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Kinder in den von der Katastrophe betroffenen Dörfern freuen sich über das Spielzeug, dass unser Partner ihnen mitgebracht hat.

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Kinder in den von der Katastrophe betroffenen Dörfern freuen sich über das Spielzeug, das unser Partner ihnen mitgebracht hat.

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Telefoninterview mit Carmen Alemán, Direktorin der peruanischen Kindernothilfe-Partnerorganisation APORTES, über die Lage im Norden des Landes und die von der Kindernothilfe finanzierte Humanitäre Hilfe

„Was sich hier abspielte, war für die Menschen in dieser Landschaft schlicht unvorstellbar! Niemand, auch nicht die ganz Alten, hatte jemals derartige Regenmassen und Überschwemmungen erlebt“: Carmen Alemán, die Direktorin der Kindernothilfe-Partnerorganisation APORTES, beschreibt die Lage in den Dörfern rund um die Kleinstadt Moro, 60 Kilometer östlich von Chimbote, in der Region Ancash, auch eineinhalb Monate nach den extremen Starkregenfällen immer noch als extrem prekär und angespannt. Aber sie schildert in diesem Telefoninterview auch Erfahrungen anrührender Solidarität der Betroffenen untereinander, die sie und das APORTES-Team vor Ort während ihrer Humanitäre-Hilfe-Einsätze in den zurückliegenden Wochen erlebten.

Mindestens 72 Menschen kamen durch Schlammlawinen und Erdrutsche im Gefolge der Überschwemmungen Mitte und Ende März in Peru ums Leben, 72.000 Personen verloren ihre Häuser und 600.000 weitere sind durch die Folgen der Katastrophe unmittelbar betroffen. Kindernothilfe stellte 75.000 Euro für Soforthilfe-Maßnahmen zur Verfügung.

Warum haben diese Regenfälle denn so verheerende Schäden angerichtet?

Carmen Alemán: Diese Landschaft im Norden Perus, entlang der Pazifikküste, ist normalerweise extrem trocken – es gibt nur ganz wenige Niederschläge. Bachläufe und Flussbetten führen so gut wie kein Wasser. Und es gibt wenig Vegetation. Wenn es regnet, nimmt die Erde keine Feuchtigkeit auf, das Wasser schießt ungebremst zu Tal. Durch die Klimaveränderungen – verstärkt durch das El Niño-Phänomen mit dem aufgeheizten Oberflächenwasser des Humboldt-Stroms – häufen sich extreme Wetterereignisse und entsprechende Katastrophen. Weder die Städte entlang der Küste – und schon gar nicht die kleinen Dörfer im Hinterland mit den Häusern aus Adobe (Lehmziegeln) – hielten diesen Wassermassen stand. Die Menschen in dieser Landschaft sind schlicht nicht auf Starkregen vorbereitet. Sie hatten gegenüber den unglaublichen Kräften der Wassermassen keine Chance.

Die Wassermassen haben die traditionellen Lehmziegelhäuser in den Dörfern einfach fortgespült.

Die Wassermassen haben die traditionellen Lehmziegelhäuser in den Dörfern einfach fortgespült.

Wie ist das APORTES-Team vorgegangen, um den Familien bei Moro beizustehen? Um warum konzentrierte sich dieser Humanitäre-Hilfe-Einsatz ausgerechnet auf diese Zone?

Carmen Alemán: Wir haben sehr schnell gesehen, dass sich – wie schon nach dem Erdbeben von Ica und Pisco damals im August 2007 – die Hilfsmaßnahmen der staatlichen Institutionen und vieler Nichtregierungsorganisationen vor allem auf die Städte fokussierten. Dort ist viel zu tun – das steht außer Frage –, aber Städte sind leicht erreichbar und dort gibt es auch viel Aufmerksamkeit und Medienberichterstattung. Die Orte im Hinterland geraten dabei oft ins Hintertreffen. Als APORTES-Team arbeiten wir nun schon seit einigen Jahren im Rahmen eines Projektes mit der Europäischen Union in den extrem armen ländlichen Zonen der Region Ancash. Sofort, als wir mitbekamen, was sich um Moro herum abgespielt hat, war uns klar, dass wir uns hier engagieren müssen. Das Problem während dieser entsetzlichen Tage Mitte März bestand darin, dass die meisten Orte durch Erdrutsche und Schlammlawinen von der Außenwelt abgeschnitten waren. Es gab keine Chance, zu den Menschen vorzudringen – Telefonleitungen existierten nicht und Handys hatten keine Verbindung mehr.

Und wie funktionierte denn dann die Kommunikation?

Carmen Alemán: Zusammen mit den Dorfgemeinschaften hatten wir seit zwei Jahren kleine Solar-Panels aufgestellt und Lokalradios aufgebaut. Über UKW-Frequenzen konnten uns die Ortsvorsteher, Lehrer und Leute aus den Organisationen vor Ort erreichen und darüber informieren, wie groß die Schäden sind und vor allem was fehlte. Über diese lokalen Strukturen identifizierten wir dann in 20 kleinen Dörfern – verteilt auf vier Täler – diejenigen 652 Familien, deren Adobe-Häuser eingestürzt oder stark beschädigt waren und die am dringendsten Hilfe benötigten. Alles in allem also rund 3.000 Personen.

Die bedürftigsten Familien auszuwählen war nicht leicht. Viele Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Die bedürftigsten Familien auszuwählen war nicht leicht. Viele Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Wie konnten diese Familien denn durch das APORTES-Team vor Ort erreicht werden?

Carmen Alemán: Das war die schwierigste logistische Herausforderung von allen. Die Wassermassen – sowie die Schlamm- und Gerölllawinen – hatten die Wege zerstört und viele Brücken weggerissen. Bis heute gibt es immer noch Orte, die mit Fahrzeugen nicht erreichbar sind. In einige Dörfer schafften wir es mit Vierradantrieb, in andere nur über die Berge mit Motorrädern – zum Teil auch mit Lastenmotorrädern, die uns halfen, Hilfsgüter zu transportieren. Und aus einigen Orten kamen die Frauen und Kinder zu Fuß zu den über Radio verabredeten Verteilstellen – zweieinhalb Stunden Fußmarsch hin, zweieinhalb Stunden zurück –, während die Männer zu Hause Schlamm und Geröll aus den Häusern schaufelten und versuchten, die Dächer zu reparieren.

Eine der vielen zerstörten Brücken im Überschwemmungsgebiet

Eine der vielen zerstörten Brücken im Überschwemmungsgebiet

Was brauchten die Menschen in dieser Situation denn am allerdringendsten?

Carmen Alemán: Genau das konnten wir am Radio mit den Verantwortlichen in den Dörfern besprechen. Sehr schnell wurde klar, dass es an unverderblichen Lebensmitteln fehlt, an Grundnahrungsmitteln, Milchpulver – aber dann vor allem auch an Hygieneartikeln wie Chlor, Seife, Waschpulver, Shampoo. Oder auch Trinkwasser in Fünfliter-Galonen. Viele Menschen berichteten uns, dass sie seit Tagen nur noch aufgefangenes Regenwasser getrunken hätten. In einer zweiten Verteilaktion, dann schon Ende März, Anfang April, konzentrierten wir uns auf Medikamente: Mittel gegen Durchfälle, Magen-Darm-Infektionen, gegen Hauterkrankungen im Gefolge der Arbeit im Schlamm und Wasser. Ganz wichtig war uns aber auch, bei jedem Besuch in einem der Dörfer immer auch Material für die Kinder dabei zu haben: Bälle zum Spielen, Hüpfseile, Malsachen. Das kam extrem gut an. Die Leute sagten uns: „Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken!“

Gerade den Kindern steckt der Schreck über das Erlebte noch in den Knochen. Das Spielzeug hilft ihnen, auf andere Gedanken zu kommen.

Gerade den Kindern steckt der Schreck über das Erlebte noch in den Knochen. Das Spielzeug hilft ihnen, auf andere Gedanken zu kommen.

Wie ging es den Kindern nach diesen dramatischen Wochen im März?

Carmen Alemán: Wir gewannen den Eindruck, dass viele Kinder noch unter Schock standen. Mädchen und Jungen erzählten uns, dass sie immer noch diesen schrecklichen Lärm der ins Tal schießenden Wassermassen im Ohr hätten, Geräusche, die dann entstehen, wenn Wasser Felsbrocken mit sich reißt und ganze Geröllhalden abstürzen. Die Mütter schilderten, dass die gesamte Familie aufschrecken würde, sobald es wieder zu regnen beginnt – und der Schreck über das Erlebte allen noch in den Knochen steckte. In einem der Dörfer haben die Menschen aus nächster Nähe miterlebt, wie ein Nachbar von den Fluten mitgerissen wurde und starb. Deswegen war es so wichtig zu spüren, wie gut es den Familien getan hat, die Kindernothilfe-APORTES-Hilfsaktion gemeinsam mit uns zu organisieren und bei der Verteilung einen entscheidenden Beitrag zu leisten.

Haben denn die Hilfsgüter für alle Betroffenen in diesen 20 kleinen Dörfern gereicht?

Carmen Alemán: Nein. Deswegen ist es in einer solchen Situation ja so entscheidend, dass uns die Menschen vor Ort helfen, diejenigen zu identifizieren, die am dringendsten Hilfe benötigen. Aber es hat uns alle vom APORTES-Team extrem berührt mitzuerleben, wie die Familien miteinander teilten, wenn die Hilfsgüter wirklich nicht ausreichten und wir die Lage deutlich desolater vorfanden als am Radio geschildert. Die Frauen schnürten einfach die von uns gepackten mitgebrachten 45 Pakete auf, machten aus einem kit zwei und sorgten so dafür, dass alle Familien etwas erhielten. Diese Solidarität innerhalb der Dorfgemeinschaft hat uns alle sehr beeindruckt.

Wie wird es jetzt in diesen kleinen Dörfern bei Moro weitergehen? Was hat sich APORTES überlegt?

Carmen Alemán: Wir müssen realistischerweise sagen, dass die Menschen in diesen Orten von den staatlichen Wiederaufbaumaßnahmen im Norden Perus nicht oder nur sehr wenig profitieren werden. Die Anstrengungen konzentrieren sich auf Städte und größere Kommunen. Es wäre aber schon ein Erfolg, wenn die politisch Verantwortlichen vor Ort erreichen könnten, dass die Wege mit schwerem Gerät freigeräumt, Brücken repariert und die beschädigten Gemeindeschulen instandgesetzt werden. Wir als APORTES-Team würden sehr gerne mit den Dorfgemeinschaften zusammenarbeiten, die am stärksten beschädigten Häuser wieder aufzubauen – und zwar so, dass die traditionelle Lehmziegelbauweise durch Zement verstärkt wird – und die zerstörten Dächer neu gedeckt werden können. Wir haben einen Architekten gefunden, der uns bei diesem Vorhaben unterstützt. Das wäre kein Riesenprogramm, weil ja alles in Eigenbau geschieht, aber eine große Hilfe, um den Familien wieder zu einem bewohnbaren Zuhause zu verhelfen.

Transport von Hilfsgütern über eine Behelfsbrücke. Die Einschränkungen durch die Zerstörungen sind immer noch groß.

Transport von Hilfsgütern über eine Behelfsbrücke. Die Einschränkungen durch die Zerstörungen sind immer noch groß.

(Die Fragen stellte Jürgen Schübelin.)

APORTES ist seit dem Jahr 2000 Kindernothilfe-Partner. Die Organisation hat sich u.a. auf ländliche Gemeinwesen-Entwicklungs-Programme, aber auch Initiativen zum Schutz von Kindern vor Gewalt spezialisiert. Carmen Alemán, die APORTES-Direktorin, ist gelernte Betriebswirtin und hat zusätzlich ein Master-Studium in Sozialentwicklung absolviert.

Indien: Raghu hat das Zeug zum Motorradmechaniker

Text und Foto: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe

Chennai, 28.01.2017

Dürr ist Raghu (Name geändert) und verschwitzt. Er muss sich anstrengen, er will alles richtig machen. Raghu ist in der Probezeit. Vier Wochen hat er, um den Chef zu überzeugen, dass er das Zeug zum Motorradmechaniker hat. Jetzt hockt er auf der Straße vor einem Motor, den er auseinandergenommen hat, und säubert die Teile mit Öl und einem Pinsel. Werkstatt, das bedeutet in Chennai, der Megametropole in Südindien, etwas anderes als in Duisburg oder Berlin. Hier ist es ein abschließbarer Lagerraum für Ersatzteile und Werkzeug an der Straße. Gearbeitet, auseinandergeschraubt, repariert und wieder zusammengesetzt wird auf dem staubigen Bürgersteig und der Straße davor. Es ist erst Januar, und doch ist es schon heiß. Ein stechender Geruch nach Öl und Urin liegt schwer über der Werkstatt und den angrenzenden Betrieben.

So unscheinbar die Werkstatt aussieht, der Besitzer hat es geschafft. Er hat ein kleines Haus, und seine beiden Töchter haben studiert. Nein, in der nächsten Generation müssen sie nicht mehr mit ihren Händen arbeiten. Aber er bildet aus, um jungen Leuten aus den Slums eine Chance zu geben. Der Werkstattbesitzer gehört zum Netzwerk der Kindernothilfe-Partnerorganisation Codiac. Codiac, gegründet und weiter inspiriert von dem inzwischen 85-jährigen Architekten, Bauherren und Kindernothilfe-Unterstützer J.S. Rajasingh, vermittelt Kinder aus armen Familien in Ausbildungsplätze. Die Organisation knüpft Verbindungen zu kleinen Firmen, wählt die Jugendlichen aus, gibt einen Zuschuss zum Ausbildungsgeld und später vielleicht einen Kredit für den Start in die Selbständigkeit. 40 Firmen machen mit, fast 100 Jugendliche befinden sich zurzeit in der Ausbildung. 4.200 waren es insgesamt in den letzten Jahren. Die meisten Ausbildungen sind informell, fast alle Absolventen werden später in ihren Ausbildungsfirmen angestellt oder finden eine andere gut bezahlte Beschäftigung. Raghu hat Glück, er hat sogar in einem staatlich anerkannten Lehrbetrieb angefangen.

Aber vor dem anerkannten Ausbildungszertifikat muss er erst einmal beweisen, dass er zuverlässig und pünktlich und den Anforderungen der Ausbildung gewachsen ist. „Das wird schon“, sagt er und lächelt. Die Maschinen mag er, Mechaniker werden wollte er schon lange. Mit dem ersten Motor hat es auch schon wirklich gut geklappt, er hat ein Gefühl dafür. Nach der Probezeit kommen zwei Jahre Ausbildung. Und dann, so plant er, die eigene Werkstatt und eine Frau und Kinder und ein kleines Haus. Das wäre dann schon eine ganze Menge für einen aus den Elendsvierteln von Chennai. Und Raghu will es schaffen.

„Die Kindernothilfe ist mir ein Herzensanliegen“

Von Gunhild Aiyub, Kindernothilfe-Redakteurin

Lüder Lüers gehört zu den letzten Zeitzeugen der Kindernothilfe-Gründung. Er hat mit unterschrieben, als der Verein ins Leben gerufen wurde. Damals ahnte er noch nicht, dass dies sein ganzes Leben umkrempeln würde. Aus der ehrenamtlichen Vorstandsarbeit wurde schließlich ein mehrjähriger 24-Stunden-Job in Indien. Lüder Lüers hat die frühen Jahre der Kindernothilfe entscheidend mit geprägt. Mit 90 Jahren blickt er zurück.

Auf dem Tisch stapeln sich Fotoalben mit Erinnerungen – manche noch schwarzweiß, teils etwas unscharf, andere in verblichenen Farbtönen. Exotische handgeschnitzte Figuren auf Regalen und in Schränken, Gemälde von fremdländischen Menschen und Landschaften an den Wänden erzählen von einer tiefen Verbundenheit ihres Besitzers vor allem mit der indischen Kultur. Lüder Lüers, Gründungsmitglied der Kindernothilfe und langjähriges Vorstandsmitglied, sitzt in seinem gemütlichen Wohnzimmer und erzählt von früher. Wie alles begann, mit der Kindernothilfe und der Arbeit in Indien. „Als 1959 von Duisburg aus die ersten fünf Patenschaften für Kinder in Indien vermittelt wurden, hatte ich mein eigenes Büro für Gartenbau und Landschaftsplanung und keine Ahnung, dass ich einmal etwas mit diesen Kindern zu tun haben würde.“

Patenschaftsvermittlung am Küchentisch

Die Patenschaften vermittelte damals ein anderer Duisburger, Karl Bornmann. Aufgrund seiner Hunger-Erfahrungen im 2. Weltkrieg wollte er Kindern in Indien helfen. „Aktion Hungernde“ nannte er seine ehrenamtliche Initiative. Die Zahl der Patenschaften wuchs, immer mehr Menschen in Duisburg wollten helfen. Die Arbeit in der Bornmannschen Wohnung uferte aus: Briefe, Berichte und Werbeblätter mussten verfasst und Geld verwaltet werden. Seine Kinder schwirrten per Fahrrad durch die Stadt, um die Post zu verteilen. Es war abzusehen, dass sich dringend etwas ändern musste.

„Im Juni 1960 war ich zum Abendessen bei einem Freund eingeladen“, erinnert sich Lüder Lüers. „Während er die Kinder zu Bett brachte und seine Frau in der Küche Bratkartoffeln machte, saß ich im Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag ein Prospekt von der Aktion Hungernde, in der für Patenschaften geworben wurde. Auf dem Titelblatt standen die Worte aus dem Matthäus-Evangelium, die auch die Kindernothilfe später als Leitworte gewählt hat: ‚Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan‘. Das hat mich direkt angesprochen; meine Familie war im Krieg aus dem Osten geflüchtet und hatte alles Hab und Gut verloren. Ich besuchte Karl Bornmann, und am Ende war ich nicht nur Pate, sondern auch noch Übersetzer. Nach und nach wurde ich immer mehr in die Arbeit eingebunden.“

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Gründungsmitglieder der Kindernothilfe – oben links: Lüder Lüers. (Quelle: Kindernothilfe)

Die Gründung der Kindernothilfe

Die Arbeit der Aktion Hungernde weitete sich über Duisburg hinaus aus. Am 7. Januar 1961 verankerten Karl Bornmann, Lüder Lüers und vier weitere Herren ihre Tätigkeiten in einem größeren organisatorischen Rahmen: Sie gründeten den Verein „Kindernothilfe“. Lüers zeigt auf eines der Schwarzweiß-Fotos, die er auf dem Tisch ausgebreitet hat: Sechs ernste, in dunkle Anzüge und Krawatten gekleidete Männer, bis auf Lüers alle älteren Datums, blicken nachdenklich auf die Gründungsurkunde. „Im November 1962 wurde ich in den Vorstand der Kindernothilfe gewählt – ehrenamtlich, wie alle anderen auch. Die Sitzungen von Beirat und Vorstand fanden in Privatwohnungen statt. Es gab noch kein Büro, geschweige denn eine Geschäftsstelle. Die erste hauptamtliche Mitarbeiterin, Edith Brangs, hatte ihren Arbeitsplatz im Dachgeschoss der Druckerei Brendow in Ruhrort.“

„Wer geht denn jetzt nach Indien?“

Anfang 1963 beschloss der Kindernothilfe-Vorstand, dass es an der Zeit sei, in Indien nachschauen, ob die Gelder auch richtig eingesetzt wurden. Inzwischen verwaltete die Kindernothilfe 820 Patenschaften, davon 85 Prozent in Indien. Die beiden Vorstandsmitglieder Lüder Lüers und Adolf Kölle reisten sechs Wochen durch das Land. Vieles, was die Männer zu sehen bekamen, bewegte sie sehr. Manches, besonders die fachliche Ausbildung der Leiter und Mitarbeiter der Schülerwohnheime, in denen die Patenkinder untergebracht waren, war oft nicht überzeugend. „Nach unserer Rückkehr fragten wir uns im Vorstand: Wer geht denn jetzt nach Indien und ändert dort was? Irgendwann schauten alle mich an“, lacht Lüers. „Ich hatte mir die Frage auch schon gestellt, und ich sagte ja.“

Die Kindernothilfe war finanziell nicht in der Lage, einen Mitarbeiter nach Indien zu schicken und dort zu unterstützen. Lüers wurde schließlich über die Organisation „Dienste in Übersee“ als Entwicklungshelfer ausgesandt, um in einem ländlichen Entwicklungszentrum in Deenabandupuram Bewässerungsprojekte durchzuführen. In seiner Freizeit sollte er die Kindernothilfe-Projekte betreuen.

Alles hinzuschmeißen und für Jahre ins Ausland zu gehen, war damals noch ein größeres Wagnis als heute. Doch Lüers‘ Familie und Freunde reagierten positiv. Und auch Karl Bornmanns Tochter Ruth war nicht abgeschreckt, als Lüders Lüers ihr einen Heiratsantrag machte mit der wenig verlockenden Aussicht, mehrere Jahre in einem abgelegen ländlichen Gebiet leben zu müssen. Am 11. Juli 1965 reiste das Ehepaar nach Deenabandupuram, wo es sechs Jahre lang blieb. „Das war nicht einfach für meine junge Frau“, gibt Lüers zu. „Wir wohnten 120 Kilometer nordwestlich von Madras, in einem winzigen Dorf. Der nächste Ort war sieben Kilometer entfernt, wir mussten die Post jeden Tag mit dem Fahrrad dort abholen, es gab keine Zustellung bis zu uns.“

Büroarbeit bei 45 Grad im Schatten ohne Klimaanlage

Lüers reiste sehr viel herum. Er musste im Umkreis von 500 Kilometern 150 Bewässerungsbrunnen bauen. Darüber hinaus war er ständig auf Achse, um die Kindernothilfe-Projekte zu besuchen. „Anfangs ist meine Frau mit mir gefahren, bis sie schwanger wurde. Auch unser zweiter Sohn ist in Indien geboren. Unser Ältester sprach schon mit vier Jahren Tamil, Englisch und Deutsch. Er hat oft für mich übersetzt.“ 1967 eröffnete Lüers auf Bitten der Kindernothilfe in einem Raum seiner Wohnung ein Büro für die stetig wachsende Arbeit des Hilfswerks. „Unsere Mitarbeiter hatten ganz kleine Schreibtische, auf denen nur eine Schreibmaschine Platz hatte. Abends räumten sie die Tische an die Wand und rollten ihre Schlafmatten aus. Schlimm wurde es im Sommer. Wenn man bei 45 Grad im Schatten unter einem Ziegeldach sitzt, ohne Klimaanlage und Ventilatoren, dann läuft einem buchstäblich das Wasser den ganzen Körper herunter.“

Die Kindernothilfe nahm immer mehr Schülerwohnheime in ihr Hilfsprogramm auf. 1969 wurde ihre erste Partnerorganisation gegründet: „Church of South India – Council for Child Care“, Lüers wurde ihr Exekutiv-Sekretär. Das Problem mit den inkompetenten Heimleitungen löste er gemeinsam mit dem neuen Partner: Es wurden Fachdozenten berufen, um alle Leiter und Mitarbeiter in einer zweijährigen Ausbildung zu qualifizieren. Während der 90-Jährige erzählt, Schönes und Schwieriges, Daten, Namen, Orte nennt, als wäre es erst gestern gewesen, hört man eines immer wieder heraus: Er fühlte sich von Gott in diese Aufgabe berufen. Er, der aus einer nazitreuen Familie stammte, war irgendwann ausgebrochen aus dieser kranken Ideologie. Er war Christ geworden und hatte nur noch den Wunsch gehabt, sich für Jesus einzusetzen. Zum Beispiel, indem er dafür sorgte, dass indische  Kinder der Kastenlosen versorgt wurden mit Kleidung, Nahrung, Bildung und einem Dach über dem Kopf. „Und wenn es Probleme gab, hat Gott mir zum richtigen Zeitpunkt Menschen in den Weg gestellt hat, die wir brauchten.“
Lüder Lüers in einem Projekt für gehörgeschädigte Jungen

Immer die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt getroffen

Sein Buchhalter in Deenabandupuram erkrankte an Tuberkulose, und Lüers traf Hunderte Kilometer entfernt einen ihm bekannten Missionar, der nach einer neuen Aufgabe suchte und Buchprüfer war. Ein Presseartikel über das gehörgeschädigte Kindernothilfe-Patenkind von Ministerpräsident Johannes Rau führte dazu, dass der Rektor des Rheinisch-Westfälischen-Berufskollegs, eine der besten Berufsschulen für Hörgeschädigte in Deutschland, zwölf Jahre lang seinen Urlaub in Indien verbrachte und in den Spezialprojekten Lehrer für hörgeschädigte Kinder ausbildete. Einmal traf Lüers zufällig die englische Missionarin Gertrud Hughes, die seit 30 Jahren in Indien arbeitete. Beide waren tief betroffen über die vielen bettelnden, poliogeschädigten Kindern. „Uns wurde schlagartig klar: Wir müssen etwas tun, damit sie eine Schulausbildung bekommen. So ist das erste Polio-Heim in Kanchipuram entstanden. Das sprach sich sehr schnell rum, so dass wir Ende 1990 zwölf solcher Heime in verschiedenen Gebieten Südindiens hatten.“

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Ruth und Lüder Lüers trafen die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. (Quelle: Kindernothilfe)

Nach sechs Jahren in Deenabandupuram blieben Lüers und seine Familie noch eineinhalb Jahre in Bangalore, wo er, finanziert von Dienste in Übersee, vollzeitlich für den indischen Kindernothilfe-Partner tätig war. Im Frühjahr 1973 kehrten sie nach Deutschland zurück. Die Kindernothilfe hatte inzwischen ihre eigene Geschäftsstelle in Duisburg-Buchholz bezogen, Projekte in weiteren Ländern waren hinzugekommen, die Zahl der Patenkinder belief sich auf rund 14.600. Lüder Lüers wurde stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Er knüpfte Kontakte zu Partnern in anderen Ländern und sorgte dafür, dass neue Projekte aufgenommen und die Arbeit immer weiter qualifiziert wurden. Ende Oktober 1991 ging er in Rente. Wenn man einen Verein gegründet und viele Jahre begleitet hat, hat man sicherlich ein ganz besonderes Verhältnis zu der Arbeit. Aber Lüers stellt klar: „Das ist nicht meine Kindernothilfe. Sie ist mir ein Herzensanliegen, aber sie hat das Recht und muss sich auch anders entwickeln als zu meiner Zeit.“

Erfolgreiche Patenschaften

Die Spuren vieler ehemaliger Patenkinder verfolgt er bis heute. Mit Stolz erzählt er die Geschichten, was aus diesem und jenem Kind geworden ist. Vor Jahren hat er wochenlang Indien und Äthiopien bereist und diese Geschichten aufgeschrieben. „Ein Mädchen aus einem Heim in Indien ist heute Ausbilderin für Krankenschwestern in London und finanziert ihre ganze Familie. Andere sind Dozenten und Professoren, Ärztinnen, Pfarrer, IT-Experten, Tischler, Schneiderinnen geworden. Sie können sich und ihre Familien ernähren und helfen jetzt ihrerseits vielen anderen Menschen. Ich wünsche der Kindernothilfe, dass sie ihrer Berufung treu bleibt und Not leidende Kinder und ihre Familien stark macht, damit sie ihre gottgegebene, menschengerechte Zukunft finden und die Hilfe, die sie selbst bekommen haben, weitergeben können.“

 

Tempelprostitution ist das falsche Wort

Text und Fotos: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe

Bangalore, 02.02.2017

„Tempelprostitution ist das falsche Wort dafür“, sagt David Selvaraj, der Gründer des Kindernothilfe-Partners Visthar, „Prostitution ist ein Geschäft, ein Austausch, in dem beide Seiten etwas geben und etwas nehmen. Devadasi, die Dienerinnen oder besser Sklavinnen Gottes, geben nur. Sie bekommen nichts für ihre Dienste.“ Natürlich sind Devadasi ursprünglich nicht für sexuelle Dienstleistungen dagewesen. Vielleicht muss man sich unter ihnen so etwas wie eine Kombination aus Nonne und klassischer Geisha vorstellen. Aber das waren die klassischen Zeiten, bevor die britischen Kolonialherren den indischen Königen und Fürsten ihre Macht und ihren Reichtum nahmen.

Devadasi werden in einer Tempelzeremonie feierlich einer Gottheit geweiht. Von da an gelten sie als verheiratet, als Ehefrauen der Gottheit. Zum Zeichen ihrer Verbindung tragen sie eine besondere Halskette und an den Zehen die Ringe der verheirateten Frau. Ihre Weihe verpflichtet sie jeden Dienstag und Freitag und an jedem Vollmond zu bestimmten Reinigungsriten. Außerdem nehmen sie an Beerdigungen und Hochzeiten teil. Ein besonderer Höhepunkt sind die Tempelfeste, die alle paar Jahre stattfinden. Doch davon später.

Pallavi wurde schon als Kind einer Göttin geweiht

Bei der Kindernothilfe-Partnerorganisation Visthar treffe ich Pallavi. Pallavi ist 23, eine lebhafte junge Frau mit einem strahlenden Lächeln, die seit Kurzem als Hausmutter im Bandhavi-Wohnheim von Visthar arbeitet. Dass sie zur Schule gehen und sogar studieren konnte, grenzt an ein Wunder. Pallavi hat Vater und Mutter und Geschwister. „Aber aufgewachsen bin ich wie eine Waise. Meine Großmutter war Devadasi. Sie wollte immer eine Tochter haben, bekam aber nur vier Söhne. Ich bin die erste Tochter ihres ältesten Sohns. Als ich drei Monate alt war, hat meine Großmutter mich meinen Eltern weggenommen und zusammen mit ihrem jüngsten Sohn großgezogen. Großmutter hat mich gestillt, bis ich zehn Jahre alt war. Überall musste ich mit ihr hin, ich hatte keine Freunde und durfte nur selten zur Schule.“ Dort in der Schule merkte sie auch erst, dass etwas an ihr anders war. Die Kinder hänselten sie wegen ihrer komischen weißen Halskette, die sonst doch nur verheiratete Frauen tragen. Sie fingen an, sie „Devadasi“ zu rufen. Erst da begann sie, ihre Großmutter zu fragen.

Und so kam es heraus: als Pallavi vier Monate alt war, einen Monat, nachdem sie aus ihrem Elternhaus gerissen worden war, hatte die Großmutter sie der Göttin Huligama geweiht. Seitdem trug sie die Halskette der Devadasi und lernte, sobald sie alt genug geworden war, die besonderen Riten, Gebete und Lieder. Bei alldem wusste sie nicht, zu welchem Leben die Großmutter sie bestimmt hatte. Sie wusste nicht, dass sie, die der Göttin verheiratet worden war, nie die Hochzeit mit einem Mann erleben würde. Kinder würde sie wohl bekommen von den Männern, denen sie in ihrem Dienst am Tempel würde zu Willen sein müssen. Vielleicht würde sie eine feste Beziehung mit einem Mann eingehen können, der sie zur Zweitfrau nehmen würde. Aber die Kinder würden ihren Namen tragen, nicht den des Vaters. Denn der Vatername berechtigt zu Unterhalt und Erbe. Ihre Kinder würden in der Schule als Hurenkinder gehänselt werden. Ihre Töchter würden wieder Devadasi werden und ihre Söhne würden es schwer haben.

Alle Devadasi sind Dalits – Kastenlose, Sklaven, Unberührbare

Was das alles noch schlimmer macht: Im indischen Bundesstaat Karnataka sind alle Devadasi Dalits. Dalits sind die fünfte, die unterste Kaste des indischen Kastensystems. Dalits sind die Kastenlosen, die Sklaven, die Unberührbaren, die nicht aus denselben Bechern trinken dürfen wie die Kastenhindus. Nicht einmal ihr Schatten soll andere Menschen berühren, um sie nicht zu verunreinigen. Einen Geschmack davon hatte ich beim Mittagessen bekommen. Zwei ehemalige Devadasi hatten uns aus ihrem Leben erzählt, uns mit zum Tempel genommen, uns an ihren Riten teilnehmen lassen. Darüber war es Mittag geworden, wir hatten Hunger und ein vegetarisches Restaurant aufgesucht. Kaum hatten wir uns um einen großen Tisch gesetzt, kam ein Kellner mit der erstaunten Frage: „Wollt ihr wirklich mit denen zusammen essen?“

Seit 1982 ist das Devadasi-Wesen in Karnataka verboten. Das Verbot ist in vielen Tempeln angeschlagen. Das war es auch in dem Tempel der beiden Frauen, die wir begleiten durften. Seit Kurzem ist die Wand, an der das Verbot stand, nun neu gestrichen. Das Verbot ist verschwunden; die Gottesdienerinnen waren es nie.

So schien Pallavis Leben vorherbestimmt und mit ihm das ihrer Kinder und Enkel. Als sie in der fünften Klasse war, wendete sich noch einmal alles zum Schlechteren. Ihre Großmutter starb, sie sollte ein kleines Stück Land erben. Aber die Brüder der Großmutter sagten, an das Erbe werde sie nur kommen, wenn sie die Pflichten der Devadasi weiter erfüllte. Dann hatte sie ihre erste Periode. Was danach kam, darüber will Pallavi nicht sprechen; die lebhafte junge Frau wird verlegen, sie hat Tränen in den Augen. In der Zeit hätte sie die Rituale nur hinter geschlossener Tür und verhängten Fenstern ausgeführt. Manchmal hätte sie die Schalen und Früchte, die Öllampen und Räucherstäbchen gegen die Wand geworfen. Da half es auch nicht, dass sie von ihrer Familie mit „Mutter“ angesprochen und als Göttin verehrt wurde. Für sie hörte sich das wie Hohn an. Noch jetzt, noch Jahre später hasst sie den Dienstag und den Freitag und den Vollmond. Vielleicht das Schlimmste – und auch davon erzählt sie stockend – war das Tempelfest, bei dem alle Devadasi nackt durch den Ort ziehen mussten, mit Zweigen des Neembaums und Gesängen.

Vielleicht hat ein Sportwettbewerb sie gerettet. Sie machte den ersten Platz. Das kam in die Zeitung, dadurch wurde die Mitarbeiterin einer Organisation, die gegen das Devadasi-Wesen arbeitet, auf sie aufmerksam. Die Sozialarbeiterin suchte sie, machte ihr ein Angebot und verhandelte mit der Familie. So kam Pallavi in die Internatsschule von Visthar. Visthar legt großen Wert darauf, das Selbstvertrauen der kleinen Tempeldienerinnen wieder aufzubauen, ihnen Entfaltungsmöglichkeiten zu geben und ihre verwundeten Seelen zu heilen. Pallavi konnte die Schule abschließen und auf dem Community College Theater und Tanz studieren.

Aber selbst bei Visthar war Pallavi noch nicht frei. Im Wohnheim legte sie ihre Devadasi-Kette ab, aber immer, wenn sie in ihr Dorf zu Besuch fuhr, hatte sie sie wieder um den Hals. Es dauerte lange, bis sie sich traute, ohne Kette heimzufahren. Dann, eines Tages war es so weit. Sie ging zu ihrem jüngsten Onkel, dem, mit dem sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen war, gab ihm die Kette und erklärte ernst, dass sie auf das Erbe ihrer Großmutter verzichtet. Da war sie endlich frei.

 

 

Haiti: Die Kinder können wieder lachen

Zweieinhalb Monate nach Hurrikan Matthew erreichen uns gute Nachrichten aus Artinbonite in Haiti. Die Kinder in unseren Schutzzentren leben auf – und die Dorfbewohner sind begeistert. Unsere Partnerorganisation Amurt berichtet:

Rund 1.200 Kinder erreichen wir jeden Tag in unseren sechs Kinderschutzzentren, nur am Sonntag machen wir Pause.  In den Dörfern Coridon, Point des Mangles, Magazen, Las Caohn, Savannes Naje und Gran Savan kommt das Betreuungsangebot gut an. Diese ländliche Region wurden besonders schlimm von dem Unwetter betroffen.

Platz haben die Kinderschutzzentren in den örtlichen Schulen gefunden, die wir gemeinsam wieder hergerichtet haben. Hier können die Kinder spielen, musizieren, tanzen und Sport treiben. Außerdem spielen wir gemeinsam Theater und erzählen Geschichten. Ab Januar wollen wir sogar Yoga anbieten.

Ein Platz zum Fröhlichsein: Kinderschutzzentren in dem Teil Haitis, den Hurrikan Matthew besonders verheert hat

Ein Platz zum Fröhlichsein: Kinderschutzzentren in dem Teil Haitis, den Hurrikan Matthew besonders verheert hat

Das Essen für die Kinder kommt von lokalen Händlern und Bauern. Das Trinkwasser bringen Lastwagen herbei, aufbewahrt wird es in großen Plastiktanks. In drei  der Dörfer errichten wir nahe den Kinderschutzzentren insgesamt sechs öffentliche Toiletten, die auch von den Dorfbewohnern genutzt werden können – vorher gab es überhaupt keine Sanitätseinrichtungen dieser Art.

Die Betreuer kommen alle aus den Ortschaften selbst. Sie werden von uns zweimal im Monat geschult und kontinuierlich begleitet. Alle Betreuer zeigen großen Einsatz und leisten wirklich gute Arbeit.

Die Dorfgemeinschaften sind ausgesprochen begeistert von dem Angebot der Kinderschutzzentren. Allen ist klar, wie gut der Einfluss auf die psycho-soziale Entwicklung der Kinder ist. In Befragungen der Kinder und ihrer Eltern konnten wir große Fortschritte seit der Katastrophe feststellen: Die Kinder sind merklich gesünder und fröhlicher. Sie spielen und singen Lieder, die sie im Schutzzentrum gelernt haben. Auch Lehrer und Schuldirektoren betonen den positiven Effekt der Nachmittagsbetreuung im Projekt.

Wir sind sehr zufrieden mit den bisherigen Erfolgen. Gemeinsam haben wir viel erreicht, auch dank der Spenden aus Deutschland. Das macht uns zuversichtlich, dass wir mit unserer weiteren Arbeit dauerhaft viel erreichen können.

Alice im Wunderland als Kinder-Musical

Das Kinder-Musical "Alice im Wunderland": jetzt in Berlin in 22 Weihnachtsaufführungen zu sehen

Das Kinder-Musical „Alice im Wunderland“: jetzt in Berlin in 22 Weihnachtsaufführungen zu sehen

Die „Action!Kidz – Kinder gegen Kinderarbeit“ und das Kinder-Musical-Theater Berlin machen gemeinsame Sache: Zwischen dem 9. und 28. Dezember sind die Action!Kidz bei einigen Aufführungen von Alice im Wunderland in der Urania Berlin dabei und informieren die Musical-Besucher darüber, was man gegen ausbeuterische Kinderarbeit tun kann.

Und was passiert im Musical selbst? Mit der Premiere von „Alice im Wunderland“ entführt das Kinder-Musical-Theater Berlin Kinder und Erwachsene in eine musikalische Zauberwelt. Über 120 Kinder und Jugendliche besingen und ertanzen diese Wunderwelt in ihrer 11. Produktion.

Worum geht es? Das weiße Kaninchen führt Alice in das sagenhafte Wunderland, um den von der roten Königin unterdrückten Bewohnern zu helfen. Aber das Kaninchen muss sich etwas Außergewöhnliches  einfallen lassen, um Alice zu sich zu holen: Es programmiert dafür ihr Smartphone.

Ihr Smartphone? Ja, und es gibt noch viele weitere wunderbare Helfer in diesem modern erzählten Märchen. Mehr erfahrt ihr unter www.kinder-musical-theater-berlin.de.

Haiti: Interview mit Camina

161104-interview-camina-haiti(Port-à-Piment/Haiti) Anfang Oktober zieht Hurrikan Matthew über Haiti. Fast 14 Stunden wütet das Unwetter und hinterlässt vor allem im ländlichen Süden große Schäden. Wie kommen die Menschen – und besonders die Kinder – mittlerweile zurecht? Alinx Jean-Baptiste, der Landesdirektor für unsere Hilfsprojekte in Haiti, sprach fünf Wochen nach der Katastrophe mit der achtjährigen Camina aus Port-à-Piment.

Wie geht es Dir und Deiner Familie – jetzt fünf Wochen nach dem Hurrikan „Matthew“?
Camina: Es geht uns ein wenig besser als direkt nach dem Hurrikan. Unser Haus wurde stark beschädigt. Der Sturm hat das ganze Dach weggerissen und dann hat es tagelang geregnet. Aber jetzt hat meine Mutter endlich eine Plane bekommen, die wir über das Haus spannen konnten.

Wie sieht es denn in Port-à-Piment inzwischen aus? Liegen immer noch so viele Trümmer von Häusern und umgeknickten Bäumen herum?
Camina: Es wird lange dauern, bis Port-à-Piment wieder wie früher aussieht. Es ist immer noch alles voll von den Steinen und Überresten der beschädigten Häuser. Aber die vom Hurrikan umgerissenen  Bäume sind von der Straße verschwunden. Die Leute machen damit Holzkohle, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Was machen Deine Freunde und du genau, wenn Ihr in das Kinderzentrum geht? Wie verbringst du den späten Nachmittag, wenn die Zeit im Kinderzentrum vorbei ist?
Camina: Im Kinderzentrum singen wir, tanzen, hören Geschichten und sagen Verse auf. In der Pause machen wir Seilspringen. Zum Glück gibt es dafür jetzt wieder genug Platz. Aber wir basteln auch zusammen: Gestern haben wir Papierblumen aus buntem Papier gemacht. Richtige Blumen gibt es in Port-à-Piment ja seit dem Hurrikan keine mehr. Nachmittags gehen wir nach Hause. Dann helfe ich meiner Mutter beim Saubermachen und Wegräumen der Trümmer.

portapimentweb

 

Hat die Schule inzwischen wieder begonnen?
Camina: Nein, dieser schreckliche Sturm hat unsere ganze Schule zerstört.

Haben Du und die anderen Kinder in Port-à-Piment genug zum Essen und Trinken?
Camina: Zum Glück gibt es im Kinderzentrum jeden Tag warmes Essen und genug zum Trinken. Alle Kinder, die dort hinkommen, werden versorgt.

Welche Hilfe gibt es denn sonst für die Menschen in Port-à-Piment?
Camina: Es gibt das Krankenhaus und die Kinderzentren.

Was können Menschen in anderen Ländern noch tun, um Euch zu helfen?
Camina: Es wäre so schön, wenn sie mithelfen könnten, dass es hier wieder so wird wie früher, vor dem Hurrikan.

Nepal Stories VIII: Die Gemüsebauern von Attarpur

Gemüseanbau: Stolze Gemüsebäuerin: Deu Kumari Shakya aus Attarpur in Nepal

Stolze Gemüsebäuerin: Deu Kumari Shakya aus Attarpur in Nepal

„Wir haben einfach drauflos gepflanzt“, sagt Deu Kumari Shakya im Rückblick. In ihrem Heimatdorf Attarpur in Nepal ist seit einigen Jahren das Gemüsefieber ausgebrochen. In mittlerweile 24 Gewächshäusern und 40 Folientunneln bauen die Frauen und Männer des Dorfes Tomaten, Erbsen, Chilischoten und viele andere Gemüsesorten an – zunächst ohne professionelle Anleitung. Unser Partner AMURT lieferte ihnen jetzt das langerwartete Know-How.

Die 51-jährige Deu Kumari war eine der ersten Frauen, die sich von der traditionellen Landwirtschaft – Weizen, Hirse und Mais – abwandte und anfing, immer neue Gemüsearten zu pflanzen. Die ersten Jahre mussten sie und die anderen Dorfbewohner dabei gänzlich ohne die nötigen Kenntnisse in Sachen Gemüseanbau zurechtkommen. „Es ist ein Wunder, dass wir keine Verluste gemacht haben“, gibt die Landwirtin selbst zu.

Unser Partner AMURT kam letztes Jahr im Zuge der Soforthilfe nach den Erdbeben in das kleine nepalesische Dorf. Dort warteten Menschen, die hochmotiviert waren – aber nicht wussten, wie sie aus ihrer Leidenschaft ein professionelles Geschäft machen konnten.

Die florierenden Gemüsegärten von Attarpur sind vor allem ein Gemeinschaftswerk.

Die florierenden Gemüsegärten von Attarpur sind vor allem ein Gemeinschaftswerk.

AMURT reagierte und bildete seitdem 28 Frauen und 2 Männer im nachhaltigen Gemüseanbau aus. Dazu gehörten Schulungen zu organischen Düngern, dem richtigen Einsatz von Pestiziden und der schnellen Bekämpfung von Krankheiten in den Gemüsegärten. Gerade der Schutz der Böden vor Auslaugung ist in der Region ein wichtiges Thema. Deshalb gibt es zwischen Dezember und Februar eine dreimonatige Brachzeit, in denen der Gemüseanbau zum Stillstand kommt.

Trotz der Brachzeit boomt das Geschäft mittlerweile. Deu Kumari allein rechnet damit, im nächsten Jahr etwa 50.000 Rupien (rund 420 Euro) Gewinn zu erzielen. Besonders stolz ist sie auf die 33 Kiwi-Pflanzen – die Neuzugänge unter den vielen Gemüsesorten, die in Attarpur angebaut werden.

Das Gemüsefieber im Dorf hält weiter an – dank AMURT können die Bewohner nun auch endlich davon leben!

Äthiopien: Keine Dürre mehr im Magen

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Im vergangenen Winter hat das Wetterphänomen El Niño in manchen Landesteilen heftige Dürren ausgelöst und damit gleich mehrere Ernten vernichtet. Für die betroffenen Kinder ist das eine doppelte Katastrophe: Neben Mangelernährung leiden sie auch noch unter monatelangem Schulausfall, weil die Beschaffung von Nahrungsmitteln einfach alle Kräfte in Anspruch nimmt.  Um die Not zu lindern, haben wir über mehrere Monate für fast 2.000 Kinder Schulmahlzeiten zur Verfügung gestellt.

Äthiopien wurde diesmal von El Niño, den Passatwinden mit dem unschuldigen Namen, besonders heftig getroffen. Die Winde trieben die Regenwolken in großen Teilen des Landes einfach aufs Meer hinaus. Die folgende Dürre führte in dem ostafrikanischen Land zu einer der größten Hungerkatastrophen der letzten Jahrzehnte. Die traf und trifft, wie so oft, besonders die Kinder.

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Kinder werden in der Dürrezeit zuhause gebraucht

Eines der Projekte im Rahmen unserer Soforthilfe in Äthiopien, das wir in diesem Jahr gemeinsam mit unserem Partner Rift Valley Children and Women Development Organization (RCWDO) auf die Beine gestellt haben, richtete sich deshalb direkt an die Kinder… und ihre leeren Mägen. Vier Schulen wurden täglich mit Essen bliefert. So bekamen seit März insgesamt 1.920 Kinder an vier Schulen jeweils zwei Mahlzeiten am Tag.

Die Schulen liegen in Ziway Dugda und Adami Tullu, zwei Woredas (Bezirken) im südlichen Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs – einer Gegend, in der El Niño besonders viel Schaden anrichtete. Viele Kinder der Region haben die Schule während der Dürrezeit abbrechen müssen – sie mussten zuhause helfen, Nahrung aufzutreiben.

Unterricht trotz El Niño

Das Projekt holte die Kinder während der eigentlichen Ferienzeit in die Schule zurück, gab ihnen eine tägliche Routine, sorgte für ihre Verpflegung und entlastete so auch ihre Familien. Unser Partner lieferte u. a. 85.000 Kilogramm Weizenmehl, 26.000 Kilogramm Hülsenfrüchte, jodiertes Salz und vor allem sauberes Trinkwasser an die Schulen.

Wertvolle Hilfe bei der Herstellung und Verteilung des Essens leisteten zehn lokale Selbsthilfegruppen. Die rund 200 Frauen, die darin organisiert sind, waren in erster Linie für die Zubereitung der Mahlzeiten zuständig. Durch die gemeinsame Aufgabe konnten sie zeigen, wie leistungsfähig sie sind, und wuchsen noch enger zusammen.

Ende August lief das Projekt aus. Die vier unterstützten Schulen konnten trotz El Niño ihren Betrieb wiederaufnehmen. Keines der 1.920 Kinder hatte in den kritischen Dürremonaten mit Unterernährung oder anderen akuten Krankheiten zu kämpfen. Auch vielen Familien konnten wir durch unsere Projektarbeit das Überleben sichern. Die gute Qualität des Schulessen war ein Verdienst der beteiligten Selbsthilfegruppen.

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Trotzdem ist die Not noch nicht vorbei. Wieder hat es in Ziway Dugda und Adami Tullu monatelang nicht geregnet, erneut sind die Ernten bedroht. Und das bedeutet: Die Hungergefahr ist nicht gebannt. Das hat auch politische Gründe, wie zuletzt Anfang dieser Woche die Süddeutsche Zeitung analysierte. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern unterstützen wir die Menschen in Äthiopien auch weiterhin – auch darin, in Zukunft gegen Naturkatastrophen wie diese besser gewappnet zu sein.