Haiti: Die Kinder können wieder lachen

Zweieinhalb Monate nach Hurrikan Matthew erreichen uns gute Nachrichten aus Artinbonite in Haiti. Die Kinder in unseren Schutzzentren leben auf – und die Dorfbewohner sind begeistert. Unsere Partnerorganisation Amurt berichtet:

Rund 1.200 Kinder erreichen wir jeden Tag in unseren sechs Kinderschutzzentren, nur am Sonntag machen wir Pause.  In den Dörfern Coridon, Point des Mangles, Magazen, Las Caohn, Savannes Naje und Gran Savan kommt das Betreuungsangebot gut an. Diese ländliche Region wurden besonders schlimm von dem Unwetter betroffen.

Platz haben die Kinderschutzzentren in den örtlichen Schulen gefunden, die wir gemeinsam wieder hergerichtet haben. Hier können die Kinder spielen, musizieren, tanzen und Sport treiben. Außerdem spielen wir gemeinsam Theater und erzählen Geschichten. Ab Januar wollen wir sogar Yoga anbieten.

Ein Platz zum Fröhlichsein: Kinderschutzzentren in dem Teil Haitis, den Hurrikan Matthew besonders verheert hat

Ein Platz zum Fröhlichsein: Kinderschutzzentren in dem Teil Haitis, den Hurrikan Matthew besonders verheert hat

Das Essen für die Kinder kommt von lokalen Händlern und Bauern. Das Trinkwasser bringen Lastwagen herbei, aufbewahrt wird es in großen Plastiktanks. In drei  der Dörfer errichten wir nahe den Kinderschutzzentren insgesamt sechs öffentliche Toiletten, die auch von den Dorfbewohnern genutzt werden können – vorher gab es überhaupt keine Sanitätseinrichtungen dieser Art.

Die Betreuer kommen alle aus den Ortschaften selbst. Sie werden von uns zweimal im Monat geschult und kontinuierlich begleitet. Alle Betreuer zeigen großen Einsatz und leisten wirklich gute Arbeit.

Die Dorfgemeinschaften sind ausgesprochen begeistert von dem Angebot der Kinderschutzzentren. Allen ist klar, wie gut der Einfluss auf die psycho-soziale Entwicklung der Kinder ist. In Befragungen der Kinder und ihrer Eltern konnten wir große Fortschritte seit der Katastrophe feststellen: Die Kinder sind merklich gesünder und fröhlicher. Sie spielen und singen Lieder, die sie im Schutzzentrum gelernt haben. Auch Lehrer und Schuldirektoren betonen den positiven Effekt der Nachmittagsbetreuung im Projekt.

Wir sind sehr zufrieden mit den bisherigen Erfolgen. Gemeinsam haben wir viel erreicht, auch dank der Spenden aus Deutschland. Das macht uns zuversichtlich, dass wir mit unserer weiteren Arbeit dauerhaft viel erreichen können.

Alice im Wunderland als Kinder-Musical

Das Kinder-Musical "Alice im Wunderland": jetzt in Berlin in 22 Weihnachtsaufführungen zu sehen

Das Kinder-Musical „Alice im Wunderland“: jetzt in Berlin in 22 Weihnachtsaufführungen zu sehen

Die „Action!Kidz – Kinder gegen Kinderarbeit“ und das Kinder-Musical-Theater Berlin machen gemeinsame Sache: Zwischen dem 9. und 28. Dezember sind die Action!Kidz bei einigen Aufführungen von Alice im Wunderland in der Urania Berlin dabei und informieren die Musical-Besucher darüber, was man gegen ausbeuterische Kinderarbeit tun kann.

Und was passiert im Musical selbst? Mit der Premiere von „Alice im Wunderland“ entführt das Kinder-Musical-Theater Berlin Kinder und Erwachsene in eine musikalische Zauberwelt. Über 120 Kinder und Jugendliche besingen und ertanzen diese Wunderwelt in ihrer 11. Produktion.

Worum geht es? Das weiße Kaninchen führt Alice in das sagenhafte Wunderland, um den von der roten Königin unterdrückten Bewohnern zu helfen. Aber das Kaninchen muss sich etwas Außergewöhnliches  einfallen lassen, um Alice zu sich zu holen: Es programmiert dafür ihr Smartphone.

Ihr Smartphone? Ja, und es gibt noch viele weitere wunderbare Helfer in diesem modern erzählten Märchen. Mehr erfahrt ihr unter www.kinder-musical-theater-berlin.de.

Haiti: Interview mit Camina

161104-interview-camina-haiti(Port-à-Piment/Haiti) Anfang Oktober zieht Hurrikan Matthew über Haiti. Fast 14 Stunden wütet das Unwetter und hinterlässt vor allem im ländlichen Süden große Schäden. Wie kommen die Menschen – und besonders die Kinder – mittlerweile zurecht? Alinx Jean-Baptiste, der Landesdirektor für unsere Hilfsprojekte in Haiti, sprach fünf Wochen nach der Katastrophe mit der achtjährigen Camina aus Port-à-Piment.

Wie geht es Dir und Deiner Familie – jetzt fünf Wochen nach dem Hurrikan „Matthew“?
Camina: Es geht uns ein wenig besser als direkt nach dem Hurrikan. Unser Haus wurde stark beschädigt. Der Sturm hat das ganze Dach weggerissen und dann hat es tagelang geregnet. Aber jetzt hat meine Mutter endlich eine Plane bekommen, die wir über das Haus spannen konnten.

Wie sieht es denn in Port-à-Piment inzwischen aus? Liegen immer noch so viele Trümmer von Häusern und umgeknickten Bäumen herum?
Camina: Es wird lange dauern, bis Port-à-Piment wieder wie früher aussieht. Es ist immer noch alles voll von den Steinen und Überresten der beschädigten Häuser. Aber die vom Hurrikan umgerissenen  Bäume sind von der Straße verschwunden. Die Leute machen damit Holzkohle, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Was machen Deine Freunde und du genau, wenn Ihr in das Kinderzentrum geht? Wie verbringst du den späten Nachmittag, wenn die Zeit im Kinderzentrum vorbei ist?
Camina: Im Kinderzentrum singen wir, tanzen, hören Geschichten und sagen Verse auf. In der Pause machen wir Seilspringen. Zum Glück gibt es dafür jetzt wieder genug Platz. Aber wir basteln auch zusammen: Gestern haben wir Papierblumen aus buntem Papier gemacht. Richtige Blumen gibt es in Port-à-Piment ja seit dem Hurrikan keine mehr. Nachmittags gehen wir nach Hause. Dann helfe ich meiner Mutter beim Saubermachen und Wegräumen der Trümmer.

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Hat die Schule inzwischen wieder begonnen?
Camina: Nein, dieser schreckliche Sturm hat unsere ganze Schule zerstört.

Haben Du und die anderen Kinder in Port-à-Piment genug zum Essen und Trinken?
Camina: Zum Glück gibt es im Kinderzentrum jeden Tag warmes Essen und genug zum Trinken. Alle Kinder, die dort hinkommen, werden versorgt.

Welche Hilfe gibt es denn sonst für die Menschen in Port-à-Piment?
Camina: Es gibt das Krankenhaus und die Kinderzentren.

Was können Menschen in anderen Ländern noch tun, um Euch zu helfen?
Camina: Es wäre so schön, wenn sie mithelfen könnten, dass es hier wieder so wird wie früher, vor dem Hurrikan.

Nepal Stories VIII: Die Gemüsebauern von Attarpur

Gemüseanbau: Stolze Gemüsebäuerin: Deu Kumari Shakya aus Attarpur in Nepal

Stolze Gemüsebäuerin: Deu Kumari Shakya aus Attarpur in Nepal

„Wir haben einfach drauflos gepflanzt“, sagt Deu Kumari Shakya im Rückblick. In ihrem Heimatdorf Attarpur in Nepal ist seit einigen Jahren das Gemüsefieber ausgebrochen. In mittlerweile 24 Gewächshäusern und 40 Folientunneln bauen die Frauen und Männer des Dorfes Tomaten, Erbsen, Chilischoten und viele andere Gemüsesorten an – zunächst ohne professionelle Anleitung. Unser Partner AMURT lieferte ihnen jetzt das langerwartete Know-How.

Die 51-jährige Deu Kumari war eine der ersten Frauen, die sich von der traditionellen Landwirtschaft – Weizen, Hirse und Mais – abwandte und anfing, immer neue Gemüsearten zu pflanzen. Die ersten Jahre mussten sie und die anderen Dorfbewohner dabei gänzlich ohne die nötigen Kenntnisse in Sachen Gemüseanbau zurechtkommen. „Es ist ein Wunder, dass wir keine Verluste gemacht haben“, gibt die Landwirtin selbst zu.

Unser Partner AMURT kam letztes Jahr im Zuge der Soforthilfe nach den Erdbeben in das kleine nepalesische Dorf. Dort warteten Menschen, die hochmotiviert waren – aber nicht wussten, wie sie aus ihrer Leidenschaft ein professionelles Geschäft machen konnten.

Die florierenden Gemüsegärten von Attarpur sind vor allem ein Gemeinschaftswerk.

Die florierenden Gemüsegärten von Attarpur sind vor allem ein Gemeinschaftswerk.

AMURT reagierte und bildete seitdem 28 Frauen und 2 Männer im nachhaltigen Gemüseanbau aus. Dazu gehörten Schulungen zu organischen Düngern, dem richtigen Einsatz von Pestiziden und der schnellen Bekämpfung von Krankheiten in den Gemüsegärten. Gerade der Schutz der Böden vor Auslaugung ist in der Region ein wichtiges Thema. Deshalb gibt es zwischen Dezember und Februar eine dreimonatige Brachzeit, in denen der Gemüseanbau zum Stillstand kommt.

Trotz der Brachzeit boomt das Geschäft mittlerweile. Deu Kumari allein rechnet damit, im nächsten Jahr etwa 50.000 Rupien (rund 420 Euro) Gewinn zu erzielen. Besonders stolz ist sie auf die 33 Kiwi-Pflanzen – die Neuzugänge unter den vielen Gemüsesorten, die in Attarpur angebaut werden.

Das Gemüsefieber im Dorf hält weiter an – dank AMURT können die Bewohner nun auch endlich davon leben!

Äthiopien: Keine Dürre mehr im Magen

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Volles Haus und volle Mägen in der Schulmensa. Foto: Kindernothilfe-Partner

Im vergangenen Winter hat das Wetterphänomen El Niño in manchen Landesteilen heftige Dürren ausgelöst und damit gleich mehrere Ernten vernichtet. Für die betroffenen Kinder ist das eine doppelte Katastrophe: Neben Mangelernährung leiden sie auch noch unter monatelangem Schulausfall, weil die Beschaffung von Nahrungsmitteln einfach alle Kräfte in Anspruch nimmt.  Um die Not zu lindern, haben wir über mehrere Monate für fast 2.000 Kinder Schulmahlzeiten zur Verfügung gestellt.

Äthiopien wurde diesmal von El Niño, den Passatwinden mit dem unschuldigen Namen, besonders heftig getroffen. Die Winde trieben die Regenwolken in großen Teilen des Landes einfach aufs Meer hinaus. Die folgende Dürre führte in dem ostafrikanischen Land zu einer der größten Hungerkatastrophen der letzten Jahrzehnte. Die traf und trifft, wie so oft, besonders die Kinder.

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Mitglieder der Selbsthilfegruppe teilen Essen aus. Foto: Kindernothilfe-Partner

Kinder werden in der Dürrezeit zuhause gebraucht

Eines der Projekte im Rahmen unserer Soforthilfe in Äthiopien, das wir in diesem Jahr gemeinsam mit unserem Partner Rift Valley Children and Women Development Organization (RCWDO) auf die Beine gestellt haben, richtete sich deshalb direkt an die Kinder… und ihre leeren Mägen. Vier Schulen wurden täglich mit Essen bliefert. So bekamen seit März insgesamt 1.920 Kinder an vier Schulen jeweils zwei Mahlzeiten am Tag.

Die Schulen liegen in Ziway Dugda und Adami Tullu, zwei Woredas (Bezirken) im südlichen Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs – einer Gegend, in der El Niño besonders viel Schaden anrichtete. Viele Kinder der Region haben die Schule während der Dürrezeit abbrechen müssen – sie mussten zuhause helfen, Nahrung aufzutreiben.

Unterricht trotz El Niño

Das Projekt holte die Kinder während der eigentlichen Ferienzeit in die Schule zurück, gab ihnen eine tägliche Routine, sorgte für ihre Verpflegung und entlastete so auch ihre Familien. Unser Partner lieferte u. a. 85.000 Kilogramm Weizenmehl, 26.000 Kilogramm Hülsenfrüchte, jodiertes Salz und vor allem sauberes Trinkwasser an die Schulen.

Wertvolle Hilfe bei der Herstellung und Verteilung des Essens leisteten zehn lokale Selbsthilfegruppen. Die rund 200 Frauen, die darin organisiert sind, waren in erster Linie für die Zubereitung der Mahlzeiten zuständig. Durch die gemeinsame Aufgabe konnten sie zeigen, wie leistungsfähig sie sind, und wuchsen noch enger zusammen.

Ende August lief das Projekt aus. Die vier unterstützten Schulen konnten trotz El Niño ihren Betrieb wiederaufnehmen. Keines der 1.920 Kinder hatte in den kritischen Dürremonaten mit Unterernährung oder anderen akuten Krankheiten zu kämpfen. Auch vielen Familien konnten wir durch unsere Projektarbeit das Überleben sichern. Die gute Qualität des Schulessen war ein Verdienst der beteiligten Selbsthilfegruppen.

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Wolken sind in der äthiopischen Wüstenregion eine echte Seltenheit. Foto: Girmay Tilahun

Trotzdem ist die Not noch nicht vorbei. Wieder hat es in Ziway Dugda und Adami Tullu monatelang nicht geregnet, erneut sind die Ernten bedroht. Und das bedeutet: Die Hungergefahr ist nicht gebannt. Das hat auch politische Gründe, wie zuletzt Anfang dieser Woche die Süddeutsche Zeitung analysierte. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern unterstützen wir die Menschen in Äthiopien auch weiterhin – auch darin, in Zukunft gegen Naturkatastrophen wie diese besser gewappnet zu sein.

Fußball als Lebensretter

Torszene: Mädchen-Teams beim Fußballturnier in Sambias Hauptstadt Lusaka in Aktion

Torszene: Mädchen-Teams beim Fußballturnier in Sambias Hauptstadt Lusaka in Aktion

„Tooooor!“ Riesenjubel auf einem Fußballplatz in Lusaka, der Hauptstadt von Sambia. Die Mädchen des führenden Teams liegen sich freudestrahlend in den Armen. Doch auch die übrigen Kickerinnen sind nicht umsonst dabei. Beim Fußballturnier unserer Partnerorganisation Africa Direction (AD) gewinnt jedes der teilnehmenden Mädchen – nicht nur auf sportlicher Ebene.

Bereits zum dritten Mal richtete AD das Fußballturnier für Mädchen aus der Stadtteilen Chilenje und Mtendere aus. Dabei hatten die Teilnehmerinnen Spaß und lernten auch etwas fürs Leben – beim Turnier macht unsere Partnerorganisation die Mädchen auf ihre Jugendarbeit aufmerksam, um ihnen auch langfristig helfen zu können.

Fußballturnier Sambia: Hier kommt jede zum Zug, egal ob mit Fußballschuhen oder ohne

Hier kommt jede zum Zug, egal ob mit Fußballschuhen oder ohne

Sambia ist eines der ärmsten Länder weltweit. Ein Drittel der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt – Mädchen und junge Frauen sind von Armut und Gewalt besonders betroffen: Frühschwangerschaften und Aids sind unter Mädchen die häufigste Todesursache. Mangelnde Chancen auf weiterführende Bildung und Perspektivlosigkeit verschlimmern noch die Situation.

Sport holt die Mädchen von der Straße

Genau um diese Probleme geht es im AD-Jugendzentrum in Chilenje, einem Stadtteil von Lusaka. Allerdings kommen fast nur Jungen. Das will DC ändern. Wie? Mit Sport, Beauty Contests und Aufklärungsveranstaltungen in Schulen, die sich speziell an Mädchen richten. Ist das Interesse einmal geweckt, finden die Betroffenen auch den Mut, über sich und ihr Leben zu sprechen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Fußballturnier Sambia: Das Training im Fußball-Camp leitete zum dritten Mal Ex-Fußballnationalspielerin Petra Landers

Das Training im Fußball-Camp leitete zum dritten Mal Ex-Fußballnationalspielerin Petra Landers

Das Fußballturnier war so ein Versuch, Mädchen für das AD-Jugendzentrum zu gewinnen. Schon vorher gab es die Möglichkeit, an einem fünftägigen Fußballcamp teilzunehmen. Coach war Petra Landers, eine ehemalige deutsche Nationalspielerin, die für diese Aufgabe bereits zum dritten Mal nach Lusaka geflogen ist. Parallel zur Fußballschule wurden die Mädchen von anderen Jugendlichen über ihre Rechte aufgeklärt. Dabei ging es etwa um die Risiken von Frühverheiratung, frühen Schwangerschaften und ungeschütztem Geschlechtsverkehr.

Darum ging es eigentlich beim Mädchen-Fußballturnier in Chilenje/Lusaka: Aufklärungsarbeit! Dabei ging es um Fragen wie: Was sind meine Rechte? Welche Hilfsangebote gibt es? Wo und mit wem kann ich mich austauschen?

Darum ging es eigentlich beim Mädchen-Fußballturnier in Chilenje/Lusaka: Aufklärungsarbeit! Dabei ging es um Fragen wie: Was sind meine Rechte? Welche Hilfsangebote gibt es? Wo und mit wem kann ich mich austauschen?

Turnier in jeder Hinsicht erfolgreich

Beim Turnier selbst hat AD Mädchen und Teams aus dem ganzen Umland erreicht. In einem VCT-Zelt (VCT steht für Voluntary Counselling and Testing) wurden 445 Jugendliche beraten und 356 auf HIV getestet. Teilnehmerinnen von drei Fußballteams aus Chilenje und Mtendere kommen jetzt regelmäßig ins Jugendzentrum. Sie nehmen aus dem Turnier nicht nur Spaß und Siege mit, sondern vor allem ein gestärktes Selbstvertrauen und ein wacheres Bewusstsein für die eigenen Rechte.

Fußballturnier Sambia: Die mobile Zeltstation für Beratung und HIV-Tests ist immer dabei und wird rege besucht.

Die mobile Zeltstation für Beratung und HIV-Tests ist immer dabei und wird rege besucht.

Nordwest-Haiti: Schutzzentren für 1.200 Kinder

Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Die Verwüstungen durch den Hurrikan „Matthew“ haben in Haiti Menschen getroffen, die schon vor der Katastrophe zu den Ärmsten der Armen gehörten. Jetzt ist die Welt komplett aus den Fugen geraten – vor allem für die Kinder. In speziell für sie eingerichteten Schutzzentren helfen wir ihnen, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten und wieder fröhlich zu sein. Ihre Unbeschwertheit steckt auch die Erwachsenen an, berichtet Demeter Russafov von unserem Partner AMURT:

Das Dorf Coridon im Nordwesten Haitis wurde besonders schwer vom Hurrikan getroffen. Deshalb haben wir dort das erste Kinderschutzzentrum eingerichtet. Die Mädchen und Jungen singen und spielen und werden pädagogisch betreut. Zu essen gibt es auch genug – die Frauen der örtlichen Selbsthilfegruppen kochen täglich für die Kinder.

Haiti: Strahlende Kinder in Coridon im Nordwesten Haitis

Ohne sie blieben die Mägen leer: Frauen der örtlichen Selbsthilfegruppen kochen täglich das Essen für die Kinder.

Insgesamt unterhalten wir im Department Artibonite im Nordwesten Haitis bereits vier Kinderschutzzentren: in Coridon, Point des Mangle, Gran Savanne und Savanne Naje. Zwei weitere nehmen nächste Woche ihren Betrieb auf. Das heißt, wir erreichen rund 1.200 Kinder allein in dieser Region Haitis.

Durch das Schutzzentrum in Coridon hat sich die Stimmung vor Ort in den letzten 14 Tagen deutlich aufgehellt – die Menschen blicken hoffnungsvoller in die Zukunft. Die Kinder wirken glücklich, das Dorf sieht trotz der Zerstörungen sauber und aufgeräumt aus.

Haiti: Es ist so wichtig, dass die Kinder ihren Lebensmut wiederfinden!

Es ist so wichtig, dass die Kinder ihren Lebensmut wiederfinden!

Derzeit bauen wir drei öffentliche Toiletten in verschiedenen Teilen des Dorfes. Außerdem haben wir feste Tage eingeführt, an denen sich die Bewohner zusammentun, um Straßen, Strand und öffentliche Plätze von den Trümmern freizuräumen. Wir haben das Dach der Schule repariert, eine der Wände wiederaufgebaut, die Küche fertiggestellt und die Zisterne repariert.

Das Dorf-Komitee, das uns dabei unterstützt, arbeitet sehr organisiert und zeigt viel Initiative. Es trifft sich regelmäßig, um die verschiedenen Aktivitäten zu steuern. Die Betreuer im Kinderschutzzentrum sind allesamt Ortsansässige, die mit großer Begeisterung daran gehen, das, was sie letzte Woche in einer vorbereitenden Schulung gelernt haben, nun umzusetzen.

Haiti: Die Betreuer der Kinder sind selbst Dorfbewohner und wurden in Schulungen auf ihre Arbeit vorbereitet.

Die Betreuer der Kinder sind selbst Dorfbewohner und wurden in Schulungen auf ihre Arbeit vorbereitet.

Überhaupt läuft in Coridon alles sehr koordiniert ab und der Wille, neu anzufangen, ist groß. Bei unseren Gesprächen mit den Eltern sind wir jedesmal beeindruckt davon, wie positiv sie das Kinderschutzkonzept aufnehmen und wie gut sie es finden, dass Ortsansässige ihre Kinder betreuen. Weitere Schulungen zur Kinderbetreuung sind geplant und stoßen auf großes Interesse.

Haiti: Alle Altersgruppen werden in den Kinderschutzzentren auf vielfältige Weise betreut.

Alle Altersgruppen werden in den Kinderschutzzentren auf vielfältige Weise betreut.

Der Erfolg zeigt Wirkung: Andere Dörfer möchten gern auch bei sich Kinderschutzzentren einrichten. Alle Beteiligten – Kinder wie Erwachsene – knüpfen daran hohe Erwartungen.

Neben den Dörfern an der Nordwestküste arbeiten wir auch im Süden Haitis mit der Strategie der „Child friendly Spaces“ (Kinderzentren). Dort – in dem am 4. Oktober von „Matthew“ zu 90 Prozent verwüsteten Ort Port-à-Piment – erreicht dieses Humanitäre Hilfe-Programm noch einmal über 500 weitere Kinder in insgesamt zehn Zentren.

In guten Händen: Kinder im Schutzzentrum in Coridon/Haiti

In guten Händen: Kinder im Schutzzentrum in Coridon

 

Libanon: Wenn 200 Dollar ein Loch in die Hosentasche brennen

Eine syrische Flüchtlingsfamilie im Libanon. (Quelle: Christoph Dehn)

Eine syrische Flüchtlingsfamilie im Libanon. (Quelle: Christoph Dehn)

Von Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, zurzeit in Beirut

13.11.2016

Ratternd spuckte der Geldautomat am Flughafen von Beirut zwei nagelneue Hundertdollarscheine aus. Die Scheine sind glatt und unbenutzt und fast schon bunt, verglichen mit den alten „Greenbacks“. Sie tragen einen unübersehbaren Sicherheitsstreifen, der die Backe des skeptisch blickenden Benjamin Franklin fast streift. Zu meiner Überraschung hatte der Automat mir die Wahl zwischen libanesischen Pfund und US-Dollar angeboten. Dollar seien praktischer, hatte Karl Anderson, der Programmkoordinator des Kindernothilfe-Partners AMURT, gesagt, sie würden überall im Land genauso akzeptiert wie die einheimische Währung.

Der Libanon ist ein kleines Land, eingezwängt zwischen der Türkei, Syrien, Israel und dem Mittelmeer. Einwohner hat das Land ungefähr so viele wie Berlin. Ursprünglich. Dann begann der Bürgerkrieg in Syrien, dem großen Nachbarland, das so lange Zeit über Politik und Wirtschaft des Landes bestimmt hatte. Mit dem Krieg kamen die syrischen Flüchtlinge. Wie viele es genau sind, weiß keiner, aber es wird wohl ein Viertel der heute fast sechs Millionen Menschen sein, die das kleine bergige Land bewohnen.

 

Besuch bei Flüchtlingsfamilien in Garagen und Verschlägen

Flüchtlingslager gibt es in vielen Gegenden des Libanon nicht. Die Regionalverwaltungen lassen sie nicht zu, das Beispiel der Jahrzehnte alten palästinensischen Lager im Land schreckt ab. Aber wo wohnen die Menschen, denen die Flucht aus dem mörderischen Krieg im großen Nachbarland gelungen ist? Wir besuchen einige Familien. Wir treffen sie in Garagen und Verschlägen. Manchmal teilen sich zwei Familien einen kleinen fensterlosen Lagerraum, abgeteilt mit Reißwolldecken. Es ist November, der Winter kommt. Diese Woche ist es noch ungewöhnlich warm, bald wird es Nachtfrost geben, der in die Knochen zieht in diesen zugigen ungeheizten Behelfswohnungen.

Dann treffen wir die Familie aus Homs in Syrien. Schwere Kämpfe, Artilleriebeschuss und Fassbomben haben die Stadt in ein Trümmerfeld verwandelt. Diese Familie ist noch entkommen, Vater, Mutter, ein Sohn, eine Tochter. Die zweite Tochter ist schon hier im Libanon geboren. Zwei Jahre alt ist sie jetzt. Sie leben in einem kahlen, kalten Raum, für den sie 100 US-Dollar Miete zahlen. Woher kommt die Miete? Reguläre Arbeit können syrische Flüchtlinge im Libanon kaum bekommen. Nur in der Landwirtschaft und als Reinigungskräfte sind sie offiziell zugelassen. Der Mann versucht sein Glück als Tagelöhner, legal, illegal – dafür gibt es 20 Dollar pro Tag, in guten Monaten hat er 15 Tage Arbeit.

Unbezahlbar – 100 Dollar für ein EEG

Das würde ja vielleicht irgendwie reichen. Aber es gibt ein Problem. Die ältere Tochter ist krank. Irgendetwas in ihrem Kopf stimmt nicht. Man merkt es an ihren Bewegungen. In der Schule wird sie gehänselt. Sie ist auf Medikamente angewiesen, und zur Kontrolle muss immer wieder ein Elektro-Enzephalogramm gemacht werden. Die nächste Untersuchung steht an, aber woher sollen die 100 Dollar kommen, die das EEG kostet. Für die letzten Medikamente hat die Mutter schon die Ohrringe der Tochter verkauft. Ich sehe mich in dem kahlen Raum um. Hier gibt es nichts mehr zu verkaufen.

In diesem Moment, die Mutter hat Tränen in den Augen, muss ich an die frischen, glatten 100-Dollarscheine in meinem Portemonnaie denken. Die Scheine brennen in meiner Tasche. Was, wenn ich einen herausziehen würde? Die nächste Untersuchung des kleinen Mädchens wäre gesichert. Und dann? Was ist mit all den anderen syrischen Kindern, um die sich unser Partner AMURT kümmert? Für die das Leben im Libanon ein beständiger Kampf ist, weil es an allem fehlt. Wie geht es den Mitarbeiterinnen des Outreach-Teams von AMURT, die jeden Tag fünf bis zehn Hausbesuche bei den Familien machen, Rat geben, Hilfe anbieten, Streit schlichten? Sie haben die strikte Anweisung, niemals Geld zu geben. Sie weisen auf andere Organisationen hin, die für je besondere Notlagen Hilfe geben. Sie gewinnen die Familien dafür, die Kinder wieder in die Schule zu schicken. Sie sorgen dafür, dass traumatisierte Kinder psychologische Behandlung bekommen. Für die Älteren gibt es Kurse in verschiedenen praktischen Fähigkeiten, mit denen sich Geld verdienen lässt. Bei „Earn and Learn“ lernen 52 junge Leute, zwei Drittel von ihnen Mädchen, die Grundlagen der Forstwirtschaft. Dafür bekommen sie 50 Dollar pro Woche, ein kleiner Beitrag zum Familieneinkommen. Aber das Outreach-Team gibt kein Geld. Könnte ich jetzt trotzdem… Die Geldscheine brennen in meiner Tasche. Ich tue es nicht.

Wir finden einen Weg zu helfen

Später sprechen wir mit dem Programmkoordinator über unseren Besuch bei der Familie aus Homs. Es sei gut, dass wir in der Situation kein Geld gegeben hätten. Aber nun denken wir zusammen darüber nach, wie AMURT in Zukunft bei solch kleinen Notlagen Hilfe geben kann. Ein Weg zeichnet sich ab, wir sind erleichtert.

So schnell wird das allerdings nicht gehen. Deshalb finden wir für das Mädchen aus Homs eine andere Möglichkeit. Schließlich sind wir ja nicht nur Vertreter unserer Organisationen. Das Schicksal der mittellosen Familie in dem kalten, kahlen Raum hat uns berührt. Wir finden einen Weg, privat und anonym zu helfen, ohne dass das für die Organisation zum Problem wird. Und in Zukunft wird es leichter sein, all die anderen Kindern zu unterstützen, denen es ähnlich geht.

Libanon: Bäume pflanzen, Hoffnung ernten

Libanon: Unser Auslandsvorstand Chrstoph Dehn packt bei der Pflanzaktion mit an.

Unser Auslandsvorstand Christoph Dehn packt bei der Pflanzaktion mit an.

Inmitten der immer neuen Schreckensnachrichten aus dem Syrienkrieg gehen hoffnungsvolle Meldungen aus der Region leicht unter. Die folgenden Bilder einer Baumpflanzaktion erreichten uns am Wochenende von unseren Vorständen Christoph Dehn und Jürgen Borchardt, die gerade unsere Projekte im Libanon besuchen.

52 Jugendliche, zwei Drittel davon Mädchen, lernen dort bei unserer Partnerorganisation AMURT die Grundlagen der Fortstwirtschaft. In ihrem Programm „Earn and Learn“ pflanzen sie auf einem kahlen Hügelrücken im Chouf-Gebirge 8.000 Pinien. Das Besondere: die jungen Leute zwischen 16 und 21 Jahren mussten alle wegen des Bürgerkriegs in Syrien ihre Heimat verlassen.

Die Mehrzahl der libanesischen Forstwirtschaftslehrlinge sind Frauen. Im Hintergrund unser Finanzvorstand Jürgen Borchardt (li.) und Carl Anderson von AMURT (re.)

Die Mehrzahl der Forstwirtschaftslehrlinge sind Frauen. Im Hintergrund unser Finanzvorstand Jürgen Borchardt (li.) und Karl Anderson von AMURT (re.)

Jetzt kam eigens der libanesische Landwirtschaftsminister Akram Chehayeb ins Chouf-Gebirge und hat gemeinsam mit den Flüchtlingen sowie Christoph Dehn und Jürgen Borchardt die ersten Bäume gepflanzt. In ein paar Jahren werden die Pinien den Hügel vor Erosion schützen, den Wasserhaushalt verbessern und die Pinienkerne der Gemeinde ein Einkommen geben. Und mit den Kurszertifikaten können die jungen Frauen und Männer eine Arbeit in der Land- und Forstwirtschaft finden.

Libanons Landwirtschaftsminister Akram Chehayeb hat es sich nicht nehmen lassen, bei der Baumpflanzaktion dabei zu sein

Libanons Landwirtschaftsminister Akram Chehayeb hat es sich nicht nehmen lassen, bei der Baumpflanzaktion dabei zu sein.

Haiti: Matthew und die vergessenen Orte

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut. (Alle Fotos: J. Schübelin)

(Anse-Rouge, Coridon – Nordwest-Haiti, 17.-19.10.2016) In jeder Katastrophe gibt es sie: die vergessenen Orte. Meistens Dörfer, manchmal ganze Landstriche. Keine Journalisten schaffen es bis hierher. Keine Fernsehkameras dokumentieren das Leid der Menschen. Niemand berichtet nach außen, was geschehen ist, und keine internationalen Helfer finden den Weg, geschweige denn irgendwelche Vertreter der eigenen Regierung.

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zurzeit in Haiti

Coridon ist so ein vergessener Ort. Ein Fischerdorf an der öden, kahlen Küste im Norden des Department Artibonite. Vor der Hurrikan Matthew-Katastrophe war dieser Landstrich die ärmste Region Haitis. Und jetzt? Jetzt ist sie die vergessendste. Die Menschen von Coridon und den ebenso heimgesuchten Nachbardörfern bis hinauf nach Anse-Rouge haben das unsägliche Pech, dass Matthew an der Südküste Haitis in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober den dramatischeren Auftritt hingelegt hat, die Küstenorte dort mit unglaublicher Wucht regelrecht zerfetzte. Seither ist das, was es an ohnehin sehr bescheidener internationaler und nationaler Aufmerksamkeit gibt – oder gerade noch gibt –, auf diesen Teil Haitis, den Süden, fokussiert.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Im Nordwesten, in Coridon, war es nicht der Wind. Hier tobten meterhohe Brecher und der Regen. Tagelanger extremer Starkregen, so wie er sich nur an den Rändern gewaltiger Hurrikan-Systeme bilden kann. Zuerst zerstörten die Meereswellen die Häuser und Hütten der Menschen entlang der Küstenlinie, dann kamen aus den Bergen die Schlamm- und Geröllmassen, riesige Mengen an Wasser: „Es war so laut wie Donner“, sagt Madame Claudine, „wir dachten alle, jetzt werden wir ins Meer geschwemmt.“

Mais, Bohnen, Gemüse wurden wie mit einem Hochdruckreiniger weggeschwemmt

Niemand hier an dieser Küste hat so etwas schon einmal erlebt. Keine der vorausgegangenen Hurrikan-Katastrophen war so verheerend wie diesmal Matthew.

Die gewaltigen Regenmengen zerstörten zuerst die Felder und die Gärten der Kleinbauern an den Berghängen, wuschen die dünne Erdkrume mit allem darauf Gepflanztem – Mais, Bohnen und ein bisschen Gemüse – wie unter einem Hochdruckreiniger weg. Unten im Tal vernichteten die Schlamm- und Wassermassen dann innerhalb von wenigen Stunden das, was die Menschen aus Coridon in Generationen aufgebaut hatten: ihre Salinen.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Drei Viertel des Salzes, das in Haiti konsumiert wird, kam aus diesen Salinen. Achtzig Prozent der Menschen in diesem Landstrich lebten von der Salzerzeugung. Produziert wurde nach einer archaischen, jahrtausendealten Methode, bei der jede Familie ein eigenes Salzbecken bewirtschaftet, dort das eingeleitete Meerwasser verdunsten lässt und dann die Salzkristalle aberntet. Knochenarbeit bei sengender Hitze.

Die Salinen von Coridon sind Geschichte

Auf googlemaps gibt es die Salinen von Coridon immer noch. Aus dem All sehen sie vergrößert aus wie ein kunstvoll ineinander gefügtes Mosaik – mit Steinchen in vielen verschiedenen Farben. Aber dieses Bild ist Geschichte.

http://www.maplandia.com/haiti/artibonite/coridon

 Matthew hat diese gesamte Salinen-Landschaft in eine trostlose, graue und braune Einöde verwandelt. Die kleinen Deiche, die die verschiedenen Becken voneinander trennten, sind zerstört, die Salinen unter Tonnen von Schlamm und Wasser begraben.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

 

Die Fischer aus dem Dorf hat es nicht weniger hart getroffen. Die meisten ihrer Boote wurden durch die meterhohen Wellen beschädigt oder ganz zerstört, Netze, Reusen, Segel vernichtet.

Die ersten Menschen sterben an Cholera

Aber das größte Problem für die Menschen in Coridon und seine Nachbardörfer ist seit zwei Wochen das fehlende Trinkwasser. Eine Wasserleitung aus den Bergen, im Rahmen eines anderen Humanitäre-Hilfe-Projektes gebaut, wurde einfach weggerissen. Jetzt versuchen sich die Menschen dadurch zu helfen, dass sie mit aneinandergefügten Wellblechresten etwas Regenwasser auffangen. Fast jede Nacht hat es in der zurückliegenden Woche extrem stark geregnet. Noch immer steht das Wasser im ganzen Dorf. Drei Personen seien an der Küste von Artibonite in den vergangenen Tagen an Cholera gestorben, berichtet ein Polizist aus Anse-Rouge. Überprüfen lässt sich das nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Und, als wäre dieses Panorama noch nicht apokalyptisch genug, das Karibische Meer hat sich im Golf de la Gonâve in der Hurrikan Matthew-Nacht bitterlich an den Menschen gerächt und Tonnen von erbärmlich stinkendem Müll, vor allem Plastikflaschen und Styroporreste, auf den Strand zurückgeworfen.

Überall auf der Welt entwickeln die Überlebenden unterschiedliche Formen, um mit derartigen Katastrophen umzugehen. In Coridon wollen sie alle fotografiert werden. Jede Familie vor ihrem zerstörten Haus, mit den Kindern, den beschädigten Boote, den vernichteten Salinen. Als ob die Kamera irgendetwas wiedergutmachen könnte. Aber vielleicht ist es einfach die Hoffnung, dass die Welt außerhalb doch davon erfährt, was hier geschehen ist.

Hilfe zuerst für die Kinder

Lenoix, der Agraringenieur der Kindernothilfe-Partnerorganisation AMURT, hat es geschafft, inmitten des Chaos eine Gemeindeversammlung einzuberufen. Behutsam erläutert er, wie die Kinderzentren, die child friendly spaces, mit denen AMURT in dieser Woche startet, funktionieren werden. Er erklärt, wie sehr es darauf ankommt, dass alle Familien mithelfen, zuerst die Kinder versorgen zu können. Mit den Kindern anzufangen, darin sind sich alle Teilnehmer der Versammlung einig, das ist ganz wichtig, aber dann müssten auch die alten Menschen, die schwangeren Mütter und die Frauen, die den ganz kleinen Babys noch die Brust geben, drankommen. Lenoix versichert der Runde, dass AMURT ihren Rat beherzigen werde.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar - die Kinder werden zuerst versorgt.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar – die Kinder werden zuerst versorgt.

Mit den Frauen aus den Kindernothilfe-Selbsthilfegruppen (groupes d’entraide) hat er bereits gesprochen. Sie, die ebenfalls alles verloren haben, werden die Zubereitung der Mahlzeiten für die Kinder übernehmen und für ihre Arbeit bezahlt werden – cash for work nennt sich dieses Prinzip, durch das es möglich sein wird, die betroffenen Familien mit etwas Barmitteln auszustatten.

Chance für eine bessere Salzproduktion

Die allergrößte Herausforderung besteht jedoch darin, mitzuhelfen, so schnell wie irgend möglich die Salzproduktion wieder in Gang zu bringen, die Salinenbecken vom Schlamm und Regenwasser zu befreien und die Trenndeiche wieder aufzubauen. „Vielleicht haben wir ja eine Chance“, sagt Demeter Russafov, der Haiti-Landesdirektor von AMURT, „inmitten dieser Katastrophe einige der Familien davon zu überzeugen, die Salzfelder diesmal anders anzulegen, mehrere, miteinander verbundene Becken gemeinsam zu bewirtschaften und dadurch Salz in besserer Qualität zu erzeugen.“ Demeters Enthusiasmus steckt an, einige interessierte Familien hat er bereits gefunden.

Für Madame Claudine vor ihrem zerstörten Haus am Strand gibt es noch eine andere Priorität: „Helft mir bitte“, sagt sie beim Abschied, „wieder ein Dach zu haben, unter dem meine Kinder und ich schlafen können.“

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.