Die Redakteure der Kindernothilfe Österreich berichten in diesem Blog regelmäßig über das aktuelle Geschehen bei der Kindernothilfe, Projektreisen sowie über Themen wie Patenschaft oder ehrenamtliches Engagement.

Nicht nur auf die Saat, auf den fruchtbaren Boden kommt es an!*

Hilfe zur Selbsthilfe: Seit vielen Jahren arbeitet die Kindernothilfe mit dem Selbsthilfegruppen-Ansatz (SHG), der darauf abzielt, vor allem die ärmsten Frauen in den benachteiligten Projektregionen sozial, wirtschaftlich und politisch zu stärken, damit sie sich aus eigener Kraft aus der Armut befreien können. Das Wissen, das die Gruppen von uns bekommen, hilft ihnen, sich und ihren Kindern eigenständig ein besseres Leben zu ermöglichen. Außerdem treiben sie dadurch auch die Entwicklung ihrer ganzen Region voran.

 

Die persönliche Geschichte von Stella aus Sibanga

Sibanga in Ostuganda (Foto: Kindernothilfe Österreich)

Die Geschichte von Stella aus Sibanga, Ostuganda, zeigt das Potenzial, das im SHG-Ansatz steckt, um die schlechten sozioökonomischen Verhältnisse und damit die individuellen Lebensbedingungen der Menschen vor Ort zu verändern.

Stella lebte – wie die meisten ihrer Gemeindegenossinnen – mit ihrer Familie sehr lange unter schwierigsten Bedingungen. Bittere Armut, schlechte hygienische Zustände und die damit verbundene ständige Bedrohung, an Malaria und/oder HIV/Aids zu erkranken, harte landwirtschaftliche Arbeit mit nur geringer Ausbeute und fehlende Unterstützung gehörten zu ihrem Alltag. Die Hausfrau aus dem Bezirk Manafa hatte kaum Mitspracherecht bei hausinternen Entscheidungen, und es war ihr nur sehr schwer möglich, ihre Familie zu versorgen, geschweige denn ihren Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen.

Bub bei der Arbeit (Foto: Kindernothilfe Österreich)

Mit der Hoffnung auf Veränderung und dem Wunsch nach besseren Lebensumständen für sich und ihre Familie trat sie im Juli 2015 einer SHG in ihrer Region bei. Da ihr Mann der Arbeit der SHGs zunächst sehr skeptisch gegenüberstand, erzählte sie ihm nichts von der Teilnahme an den Gruppentreffen. Nach einiger Zeit konnte jedoch auch er von dem SHG-Ansatz und den sich daraus ergebenen positiven Entwicklungen für seine Familie überzeugt werden.

Obwohl Stella zunächst die jüngste und unerfahrenste Frau in ihrer Gruppe war, wurde ihr von den anderen Frauen sehr bald die Rolle der Sekretärin der Gruppe anvertraut.

Stella in ihrem eigenen kleinen Geschäft (Foto: Kindernothilfepartner)

Nachdem die Gruppe genug Geld angespart hatte, erhielt Stella einen Kleinkredit, um mit dem Verkauf von zunächst Holzkohle ein Geschäft zu starten. Nachdem sie dadurch ein erstes Einkommen generieren konnte, lieh sie sich noch einige weitere Male Geld von ihrer SHG. Mit dem geliehenen Kapital baute sie ihr Geschäft weiter aus und bietet inzwischen diverse Konsumgüter zum Verkauf an. Dadurch erwirtschaftet sie ihr eigenes Einkommen, mit dem sie sich und ihre Familie gut versorgen kann.

„Mir geht es viel besser. Ich habe einen Platz, an dem ich meine Probleme mit anderen teilen kann. Und ich bin endlich in der Lage, für meine Kinder zu sorgen.“

Das Sibanga – Butta Gemeinwesenentwicklungsprojekt

Selbsthilfegruppe im Sibanga-Butta-Projekt (Foto: Kindernothilfe Österreich)

Seit 2013 arbeiten wir mit unserem lokalen Partner, der in den 60er Jahren gegründeten Mbale Diözese, zusammen, um benachteiligte Frauen und Kinder der Region zu einem selbstbestimmten Weg aus der Armut zu befähigen und sie in ihren Rechten nachhaltig zu stärken. Gerade Witwen mit vielen Kindern sowie Waisen, die mit ihren Geschwistern einen eigenen Haushalt führen müssen, sollen von den Selbsthilfegruppen in Sibanga profitieren.

Die 97 bisher gegründeten Gruppen bestehen aus je ca. 15 Mitgliedern und treffen sich einmal wöchentlich, um sich untereinander auszutauschen, Ideen zu sammeln und sich gegenseitig Mut zu machen. So entsteht ein Vertrauensverbund, in dem man gemeinsam Probleme bespricht und löst. Die Teilnehmerinnen erfahren Solidarität und werden in ihrer Persönlichkeit gestärkt.

(Foto: Andreas Wagner)

Neben dem sozialen Aspekt des wöchentlichen Austausches geht es im SHG-Ansatz darum, den Frauen ein umfassendes Wissen zu den Themen Ernährung, Gesundheitsvorsorge, Bildung, Kinderrechte uvm. zu vermitteln und sie darin entsprechend zu schulen, damit sie langfristig eigenständig für ihre Kinder und Familien sorgen können. Auch an der wirtschaftlichen Entwicklung der Mitglieder wird aktiv gearbeitet. Abgesehen von der Vermittlung wirtschaftlicher Grundlagen und Grundkenntnissen im Bereich der Unternehmensgründung sparen die SHGs gemeinschaftlich Kleinstbeträge an, aus denen langsam aber sicher ein Kapitalstock entsteht. Dieser erlaubt dann die Vergabe von Minikrediten an die Gruppenmitglieder, um ihnen zum Beispiel die Gründung eines eigenen Geschäfts, einer Tierzucht oder den Kauf von Geräten und Werkzeugen für die tägliche Arbeit zu ermöglichen.

Heute gibt es durch unsere Arbeit bereits 30.000 Selbsthilfegruppen in 20 Ländern.

Mehr zu unserem Projekt in Sibanga „Uganda: Hilfe zur Selbsthilfe“

 

* Thomas Paul, Initiator der Kindernothilfe-Selbsthilfegruppen, Kindernothilfe Deutschland

Cir’andando pelos direitos – Gemeinsam für Rechte

Wenn Kindern die Identifikation mit ihrem Umfeld genommen wird, haben sie es schwer, Zukunftsperspektiven zu entwickeln.

Im nordostbrasilianischen Bundesstaat Bahia liegen die beiden Kommunen Retirolândia und Santaluz, die zu den ärmsten der Region zählen. Anhaltende Dürreperioden und fehlende Einkommensmöglichkeiten (85% verfügen über kein bzw. kaum Einkommen) gestalten das Leben der ortsansässigen Landbevölkerung zermürbend und aussichtslos. Erschwerend kommt hinzu, dass dringend notwendige Investitionen von staatlicher Seite nicht oder nur unzureichend getätigt werden. Dies gilt insbesondere für die institutionellen Angebote im Bildungssektor, die nicht ausreichend an die Bedürfnisse und Lebensrealität der Landbevölkerung angepasst sind.

„Gemeinsam für Rechte“
Foto: Kindernothilfepartner

Um speziell der jungen Generation neue Zukunftsperspektiven zu ermöglichen, wurde das Projekt „Cir’andando pelos direitos – Gemeinsam für Rechte“ unseres Partners MOC (Movimento de Organização Comunitária) ins Leben gerufen, das sich eine nachhaltige Verbesserung der Lebensumstände durch ländliche Gemeinwesenentwicklung, Grundbildung sowie Lobby- und Advocacyinitiativen zum Ziel gesetzt hat. Dafür werden nicht nur die benachteiligten, gefährdeten Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 18 Jahren und ihre kleinbäuerlichen Familien in die Arbeit vor Ort mit einbezogen, sondern auch Schulen und lokalpolitische Entscheidungsträger. In zahlreichen Kursen, Aktivitäten und Workshops setzen sie sich insbesondere mit den Themen Kinderrechte und Gemeindeentwicklung auseinander.

Kinder machen Radio und treten lautstark für ihre Rechte ein

Einweihung der Radiostation in Miranda
Foto: Kindernothilfepartner

In selbst gestalteten Radiobeiträgen, die über Lautsprecher auf der Straße ausgestrahlt werden, machen die Kinder auf kreative Art und Weise auf Missstände aufmerksam und fordern lautstark Verbesserungen ein. Wöchentlich stellen sie eigenverantwortlich Radioprogramme über ihre Realität vor Ort, ihre Rechte und Pflichten sowie Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen zusammen. Denn diese zu verstehen, einzufordern und wahrzunehmen, hilft ihnen dabei, ihr Leben zu ändern und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Die Sendungen sind sehr beliebt und haben eine enorme Resonanz im Projektgebiet: Hunderte von Jungen und Mädchen gehören zu ihrer Hörerschaft. Sie werden informiert und für Aktionen – z.B. zur Gewaltprävention – mobilisiert. Um dieses Engagement der Kinder und Jugendlichen weiter zu fördern wurden 2017 zwei neue Radiostationen eingerichtet. Die Gemeinde Miranda hat dafür sogar extra einen zusätzlichen Raum in einer Schule gebaut.

Auf die Frage, was die Kinder und Jugendlichen in der Gemeinde von diesem Projekt erwarten und welche Vorteile das Radio hat, klingen die Antworten voll Eifer und der Bereitschaft, neue Entdeckungen zu machen. „Es wird sehr gut sein!“ „Ich denke, wir werden es sehr mögen.“ „Es lässt uns mehr Beschäftigung haben.“ „Und du kannst viele verschiedene Dinge lernen.“

Kinder äußern ihre Meinung und werden aktiv

In gemeindeübergreifenden Workshops setzen sich Familien mit der Alltagsrealität in ihren Gemeinden auseinander und identifizieren Prozesse und Aktivitäten, die ihnen notwendig erscheinen, um die Rechte von Kindern zu garantieren. Anschließend werden sie den jungen Heranwachsenden vorgestellt, die nun ihrerseits aufgefordert sind, ihre Meinung dazu zu äußern und sich aktiv zu beteiligen.

Für den Projekterfolg ist es essentiell, dass die Mädchen und Buben zu jedem Zeitpunkt aktiv in die Durchführung, aber auch in die Auswertung der Projektaktivitäten eingebunden ist. Ihre Erfahrungen mit dem Projekt und dessen Einfluss auf ihre Gemeinde haben sie zunächst in Zeichnungen und Bildern festgehalten. Anschließend haben sie ihre Sicht auf das Projekt und die Projektarbeit erläutert und zur Diskussion gestellt. In einem weiteren Schritt haben die Mütter die Geschichten ihrer Kinder mit ihren eigenen Eindrücken und Erkenntnissen verbunden und ebenfalls illustriert und präsentiert. Der Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt. Manche Mütter fertigten Kissen an und bestickten sie mit Motiven aus ihrem Alltag. In einer Gemeinde wurde sogar eine Patchwork-Decke angefertigt. Diese Aktion war mehr als das Verstricken von Fäden oder Anfertigen einer Handarbeit; sie hat insbesondere zur Stärkung familiärer und zwischenmenschlicher Bindungen beigetragen.

Kinder intervenieren und nehmen Einfluss auf die Entwicklung in ihren Gemeinden

Erkenntnisse aus den Kursen und Workshops mit den Kindern und Jugendlichen werden in den neuen Entwicklungsplänen berücksichtigt. In Versammlungen mit Gemeindeorganisationen wird deutlich gemacht, wie wichtig die Intervention der jungen Menschen ist. Vor Vertretern der Gemeindeverwaltung können sie die wichtigsten Herausforderungen, die sie in ihren Gemeinschaften zur Gemeindeentwicklung und Umsetzung von Kinderrechten identifiziert haben, präsentieren und die aus ihrer Sicht erforderlichen Strategien und Aktionen zur Problembehebung zur Diskussion stellen.

Kommunikation ist nicht nur ein Menschenrecht, wie dieses Projekt in Brasilien deutlich zeigt. Es ist den jungen Menschen ein Werkzeug, mit dem sie einen Zugang zu ihrer eigenen Identität finden können, weil sie sich für ihre Radiosendungen mit ihrem Umfeld auseinandersetzen und beginnen, sich damit zu identifizieren. Und letztlich können sie ihre ganz eigenen Zukunftsperspektiven entwickeln und eigenverantwortlich in eine besser Zukunft starten.

 

Mehr Infos zu unserem Projekt „Lernen fürs Leben“ in Bahias Kommunen Retirolândia und Santaluz auf unserer Webseite: www.kindernothilfe.at/lernenfuersleben

Afghanistan: Wie Malen und Zeichnen das Eis brechen kann

„Inklusion ist nicht nur eine gute Idee, sondern ein Menschenrecht. Inklusion bedeutet, dass kein Mensch ausgeschlossen, ausgegrenzt oder an den Rand gedrängt werden darf.“

Afghanistan „Schule fürs Leben“ (Foto: Kindernothilfepartner)

Ava [Name geändert] ist gehörlos. Als sie vor zwei Jahren in das Inklusionsprojekt SHIP (SERVE’s Hearing Impaired Project) aufgenommen wurde, weigerte sich das Mädchen zunächst, die Zeichensprache zu lernen und sich am Unterricht zu beteiligen. Ihre Mutter gab aber nicht auf und ging eine Zeit lang täglich mit in die Schule. Eines Tages sollten die SchülerInnen aufzeichnen, was ihnen viel bedeutete und Ava malte ein schönes Bild von ihrem kleinen Haus. Seit diesem Tag bleibt sie ohne ihre Mutter in der Schule. Sie spielt jetzt mit ihren KlassenkameradInnen und ihre Zeichensprache wird von Tag zu Tag besser. Ava möchte ihre Schulbildung abschließen und vielleicht sogar selbst Lehrerin für hörgeschädigte Kinder werden.

Avas Eltern sind erleichtert. Sie haben nun ein fröhliches Kind zuhause, das sich am Familienleben beteiligt. Auch sie sind schon recht gut in der Zeichensprache und nehmen regelmäßig an Elterntreffen teil, um sich mit anderen Familien, die ein ähnliches Schicksal haben, auszutauschen.

Behinderung ist keine Schande

Im kriegsgebeutelten Afghanistan leben überdurchschnittlich viele Menschen mit Behinderungen, verursacht durch Landminen- und Granatenverletzungen, schlechte Gesundheitsversorgung, Mangel- und Fehlernährung sowie Verheiratung innerhalb der Großfamilie. Obwohl das afghanische Bildungsministerium bereits vor einigen Jahren Richtlinien für inklusive Bildung verabschiedete, gilt ein Kind mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung in weiten Teilen des Landes nach wie vor als Schande für die Familie.

Unser lokaler Partner SERVE Afghanistan begann sein umfassendes Engagement für Kindern und jungen Erwachsenen mit Behinderung im Jahre 1972. Das Projekt SHIP richtet sich schwerpunktmäßig an hörbehinderte Mädchen und Buben sowie deren Familien in den Provinzen Nangarhat und Laghman östlich von Kabul. Es werden aber auch körperlich und geistig beeinträchtigte Kinder betreut und gefördert. Ziel ist es, die Lebensqualität durch Rehabilitation zu verbessern und Inklusion in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Gesellschaft und Wirtschaft zu erreichen.

hörbehinderte SchülerInnen im SHIP Projekt in Afghanistan (Foto: Kindernothilfepartner)

Die ProjektmitarbeiterInnen holen die Kinder und ihre Familien dort ab, wo sie stehen – um ihnen genau die Hilfe zuteil werden zu lassen, die sie benötigen. Sie zeigen auf, welche physischen und psychischen Möglichkeiten das Kind hat, und informieren über geeignete Fördermaßnahmen. Darüber hinaus ist es SERVE wichtig, dass die Kinder möglichst nicht zuhause versteckt werden, sondern ihre Eingliederung in eine Regelschule und die Gesellschaft gelingt. Denn neben Eltern und Schule ist die Beteiligung der Gemeinde einer der Grundpfeiler für Inklusion. SERVE hat Gemeinderehabilitationskomitees gegründet. Dort werden die Mitglieder regelmäßig geschult, um sie zu stärken und in die Lage zu versetzen, sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen einzusetzen. Nachhaltigkeit ist ein weiterer wichtiger Aspekt in der Projektarbeit. Unser Ansatz ist, möglichst viele verschiedene Akteure an der Projektplanung und -Implementierung zu beteiligen und sie zunehmend zu befähigen, die Aktivitäten eigenständig durchzuführen. SERVE unterstützt solange beratend, bis die Verantwortung für das Projekt schließlich ganz in die Hände der Gemeinde übergeben werden kann.

Inklusion ist der Weg zu einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben teilhaben, und in der die Erfüllung von Grundrechten geachtet wird. Dies bedeutet, den Weg in eine menschengerechte, nicht diskriminierende Gesellschaft zu ebnen, damit alle Menschen und insbesondere die vielfältigen, marginalisierten Gruppen, die überall auf der Welt ausgeschlossen werden, ihre Grundrechte wahrnehmen können.

Weitere Details zum Projekt „Schule fürs Leben“: www.kindernothilfe.at/schulefuersleben

 

Philippinen: Frauenpower gegen Armut und Katastrophen

Danke an unsere Kollegin Gunhild Aiyub aus Deutschland für diesen interessanten Blogbeitrag zum Thema Selbsthilfegruppen! 

Die Kindernothilfe-Partner auf den Philippinen setzen sich seit zehn Jahren dafür ein, dass Frauen ein neues, starkes Selbstbewusstsein bekommen. Denn das befähigt nicht nur die Familie, sondern ganze Dörfer und Kommunen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Vor allem nach dem verheerenden Taifun Haiyan 2013 bemüht sich unsere Partnerorganisation SIKAT in der Region Guiuan darum, Selbsthilfegruppen für Frauen zu gründen. Sie sind eine Art Plattform, auf der Ideen entstehen, Träume verwirklicht und Strategien entwickelt werden. Unsere Korrespondentin Jenifer Girke war dort und hat sich umgesehen.

Lachende Frauen in einer Versammlung

Versammlung einer Selbsthilfegruppe auf den Philippinen

Das wirkliche Überleben begann danach

Es war der 8. November 2013. Die meisten Bewohner in der philippinischen Provinz Guiuan waren zu Hause, auf See zum Fischen oder in der Schule. Viele hatten die Warnungen nicht ernst genug genommen, schließlich sind sie heftige Naturkatastrophen gewohnt. Doch “Haiyan”, oder “Yolanda”, wie ihn die Einheimischen nennen, war anders. Er war stärker, grausamer und brutaler. Der Taifun zerstörte mit einer Geschwindigkeit von 379 km/h alles, was seiner Wucht nicht standhalten konnte. Richelles Zuhause hielt auch nicht stand: “Evakuiert?”, fragt die 33-Jährige mit einem ironischen Lächeln, “Nein, wir wurden hier nicht weggebracht, wir wurden auch nicht gerettet. Wir blieben einfach zu Hause.” Richelle, ihr Mann und die vier Kinder überlebten den Taifun, aber das wirkliche Überleben begann danach: “Nach dem Taifun hatten wir nichts mehr – kein Essen, kein Zuhause, keine Kleidung. Ich wusste wochenlang nicht, was ich meinen Kindern zu essen geben sollte. Selbst wenn wir Geld gehabt hätten, gab es nichts zum Kaufen.”

Zwei bunte Auslegerboote, eines davon aufgebockt, das andere im Wasser

Der Taifun Haiyan hat vielfach die getroffen, die ohnehin schon wenig hatten. Nicht nur der Fischfang lag danach brach.

Hilfe für entferntere Inseln

Viele lokale Hilfsorganisationen konzentrierten sich in den ersten Tagen nach Haiyan auf die Festland-Gebiete rund um die Stadt Tacloban. Sozialarbeiter berichten sogar davon, dass sich einige Nichtregierungsorganisationen weigerten, entsprechende Hilfe auf entferntere Inseln zu bringen – zu groß sei das Risiko eines nächsten Taifuns. Doch einen Plan zur Umsiedlung gab und gibt es nicht, bis heute, mit der Begründung, es fehle das Geld. Die Folge: Gebiete wie die Inseln Victory Island oder Camparang, auf der auch Richelle lebt, wurden sich selbst überlassen.

Wir sind mit unserer Partnerorganisation SIKAT schon jahrelang in der Provinz Guiuan im Einsatz. Neben Soforthilfe und Sicherstellung einer grundsätzlichen Versorgung ist es ein großes Anliegen, Menschen wie Richelle eine langfristige Perspektive zu geben, damit sie sich selbst eine Zukunft aufbauen können. Auch wenn Geld eine entscheidende Notwendigkeit ist, brauchen diese Menschen zunächst etwas anderes: Glauben an sich selbst und neuen Mut. Ohne Selbstbewusstsein und einen guten Plan, von dem die Betroffenen selbst überzeugt sind, nützen Geldspenden nur bedingt etwas. “Wir wollen in die Zukunft dieser Menschen investieren. Sie sollen nicht abhängig von dem Geld anderer sein, sondern sich befähigen, eigenes Geld zu verdienen”, erklärt der philippinische Kindernothilfe-Mitarbeiter Ken Cacao, der für die Region Samar zuständig ist.

Drei Frauen sind über die Kassenbücher einer Selbsthilfegruppe gebeugt

Eine Selbsthilfegruppe führt Buch über die Ersparnisse

„Pagkakaisa“ bei den Frauen schaffen

Die erste Selbsthilfegruppe (SHG) gründete die Kindernothilfe in der Kommune San Juan südwestlich von Manila. Sie trägt  den Namen “Pagkakaisa”, das bedeutet “Einigkeit”. Genau das ist das Ziel: Einigkeit schaffen, in der Familie, dem Dorf, der Kommune. Die Kindernothilfe-Koordinatorin auf den Philippinen, Daryl Leyesa, ist von dem Konzept überzeugt: “Es ist ein sehr effektiver Ansatz, der auf Stärkung der Menschenrechte basiert und sich stets nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen vor Ort richtet.” Nach zehn Jahren ist sehr deutlich, dass dieses Konzept erfolgreich hilft, den Beteiligten eine neue, hoffnungsvolle Perspektive zu geben: “Die SHGs  richten sich an die Ärmsten unserer Gesellschaft und zeigen ihnen, wie sie sich selbst stärken und damit aus der Armut befreien können”, so Leyesa.

Nach Haiyan richtete SIKAT sein Augenmerk verstärkt auf die Regionen, in denen viele Bürger durch die Katastrophe ihre Existenz verloren hatten. Hier brauchte es dringend ein neues Bewusstsein für Katastrophenschutz, eine bewusste Wahrnehmung der eigenen Verantwortung, aber auch der eigenen Fähigkeiten, mit der Gefahr von Taifunen und ähnlichen Geschehnissen umzugehen. Das ist es, was vor allem Ken Cacao in seiner täglichen Arbeit in diesen Gebieten antreibt. Er kümmert sich seit dem Taifun um die am stärksten betroffenen Gemeinden und besucht regelmäßig die Treffen der SHGs: “In allererster Linie geht es uns hier um die Stärkung der Gemeinschaft. Wenn diese Frauen lernen und verstehen, wie viel sie in ihrer eigenen Hand haben, dann entwickelt sich ein ganz neues Selbstbewusstsein und das stärkt das ganze Dorf. Ein gestärktes Dorf kann nicht nur Probleme wie Armut besser bekämpfen, sondern auch effektiver mit Naturkatastrophen umgehen. Das ist überlebenswichtig.”

eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Ausdruck für das neue Bewusstsein für Katastrophenschutz: eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Dass man sich bei diesem Appell zunächst an Frauen richtet, ist eine logische Schlussfolgerung der gesellschaftlichen Situation, denn Frauen werden auf den Philippinen nach wie vor als minderwertige Bürger angesehen, deren Fähigkeiten stets auf innerfamiliäre Aufgaben reduziert werden. Deswegen sind es die Frauen, die oft unentdecktes Potenzial haben, aber nicht den Glauben daran, es auch nutzen zu können.

Richelles Schritt in eine positive Zukunft

So auch Richelle. Mit diesem neu geschöpften Antrieb hat sie sich  ein kleines Geschäft zu Hause aufgebaut: “Ich habe vier Kinder zu Hause, also kann ich nicht weit wegfahren, um zu arbeiten. Aber dann dachte ich mir, wenn ich nicht zur Arbeit kann, hole ich mir die Arbeit eben nach Hause.” Einmal im Monat kauft die Familienmutter Benzin auf dem Festland ein, füllt es zu Hause in kleine Plastikflaschen und verkauft es an die Fischer auf ihrer Insel. Das Startkapital dafür konnte sich Richelle aus dem Fond der Selbsthilfegruppe leihen. Man merkt, dass dieses Gefühl von ‘Ich kann auch etwas!’ noch ganz neu ist. Aber eines ist sicher: Es steht den Frauen richtig gut!

Richelle, einer der Frauen aus Guiuan, die in einer Selbsthilfegruppe aktiv und erfolgreich sind

Richelle konnte sich dank ihrer Selbsthilfegruppe ein kleines Geschäft zu Hause aufbauen

 

Mehr zu unserem Selbsthilfegruppen-Projekt auf den Philippinen: selbsthilfegruppenphilippinen.html

Honduras: Kindernothilfe Österreich fordert Gewaltverzicht und Einhaltung der Menschenrechte

Kindernothilfe Gewaltpräventions-programm in Honduras (Foto: Julia Burmann)

SPRICH, WENN DU DEN FRIEDEN WILLST, MIT DEINEN FEINDEN

Nach der umstrittenen Stimmenauszählung bei den Präsidentschaftswahlen in Honduras bleibt die Menschenrechtslage im mittelamerikanischen Land weiter angespannt. Am kommenden Wochenende will Juan Orlando Hernández – trotz Generalstreik und massiver Proteste – nun für eine weitere Amtszeit vereidigt werden.
Das Regime hat auf die Demonstrationen in den letzten Wochen mit Repressionen, vor allem durch das Militär, reagiert. Menschenrechtsorganisationen berichten von unrechtmäßigen Festnahmen und Misshandlungen durch staatliche Sicherheitskräfte. Mindestens 30 Menschen sind bei Protesten schon ums Leben gekommen. Unabhängige Medien und Menschenrechtsaktivisten, die über Unstimmigkeiten bei der Wahl und die anschließenden Demonstrationen berichtet haben, wurden ebenfalls mehrfach bedroht.
Auch die Kindernothilfe Österreich ist sehr besorgt über die dramatische Entwicklung in Honduras und appelliert an die Europäische Union, alle diplomatischen Mittel auszuschöpfen, um die verantwortlichen Behörden zum Verzicht auf unrechtmäßige Gewalt, auf die Wahrung der Menschrechte und den Schutz der Zivilbevölkerung zu verpflichten.
Die Kindernothilfe Österreich unterstützt in Honduras seit vielen Jahren Programme lokaler Partner zum Schutz von Kindern vor Gewalt und Armut.

 

Informationen zu unserem Einsatz in Honduras: www.kindernothilfe.at/Helfen/Spenden/Projekte+/Projektgebiete/Lateinamerika/Honduras.html

Post aus dem Kindernothilfe-Projekt iThemba Lethu im südafrikanischen Township Cato Manor

Luyanda, 15, hat ihre Eltern an Aids verloren. Seit zwei Jahren nimmt sie am Projekt der Kindernothilfe iThemba Lethu nahe der südafrikanischen Großstadt Durban teil und ist für ihre Chance, hier sein zu dürfen, sehr dankbar:

 

Ich bin seit zwei Jahren bei iThemba Lethu. Ich habe das Projekt letztes Jahr in der achten Schulstufe kennengelernt, als ich noch nicht wusste, wie sich die Welt um mich herum verändert und welchen Gefahren ich in der Schule begegnen könnte.
Die MitarbeiterInnen von iThemba Lethu haben mir eine andere Sicht auf das Leben gezeigt. Sie zeigten mir, dass man außer Karrierezielen auch andere Ziele im Leben haben kann. Und wie man sein Leben gestaltet – trotz beruflicher oder finanzieller Schwierigkeiten.
Man kann hier mit den MitarbeiterInnen über alles reden. Sie verstehen die Lebenswelt und die Gedanken von Heranwachsenden. iThemba Lethu hat mir viele Dinge bewusst gemacht, und dadurch hat sich mein Leben verändert. Ich verstehe, weshalb ich mich von negativen Einflüssen fernhalten muss und wie meine täglichen Entscheidungen meine Zukunft beeinflussen.
Ich hatte aufgrund des Umfeldes, aus dem ich komme, ein geringes Selbstwertgefühl. Ich sage nicht, dass ich bereits ein gutes Mädchen bin. Aber ich bin langsam auf dem Weg, eines zu werden.
Ich bin dankbar für all das, was mir iThemba Lethu gelernt hat. Unsere LehrerInnen unterrichten uns aus tiefstem Herzen und mit voller Hingabe. iThemba Lethu macht eine wundervolle Arbeit und ich hoffe, dass viele Kinder hier fürs Leben lernen können. Diese Organisation hat mir in den letzten zwei Jahren sehr geholfen. Sie unterstützt mich sehr dabei, erwachsen zu werden und jeden Tag mich persönlich zu verbessern.

Luyanda

 

Zum Projekt:

„I have a destiny – Ich habe eine Bestimmung“, lautet das Motto des Kindernothilfe-Projekts iThemba Lethu im südafrikanischen Township Cato Manor in der Nähe der Großstadt Durban. Das Leben hier ist geprägt von Hoffnungslosigkeit: 6,3 Millionen Menschen in Südafrika leben mit HIV, 60 Prozent davon sind Frauen. 2,3 Millionen Kinder sind als Folge von HIV/Aids bereits zu Waisen geworden.

„Wir müssen schon den Kindern vermitteln, dass sie – entgegen allem, was sie täglich hören und erleben – eine Hoffnung, eine Zukunft haben“, betont daher iThemba-Lethu-Projektdirektorin Karen Brokensha. Das von der Kindernothilfe unterstützte Projekt kümmert sich um Aidswaisen, hilft bei der Suche nach Adoptionseltern und legt einen großen Schwerpunkt auf Bildung und Prävention.

Mehr dazu auf unserer Webseite

 

 

Hoffnung für Thalente

Fast 40 Prozent der Bewohner der südafrikanischen Region KwaZulu Natal sind HIV-positiv. Die Kindernothilfe setzt sich hier für den Kampf gegen Aids ein und hilft Kindern wie der 13-jährigen Thalente.

Foto: Manfred Fesl

Thalente lebt mit ihrem Vater, ihrer Großmutter und den vier Geschwistern in einer Baracke im südafrikanischen Township Cato Manor. Hier, zehn Kilometer entfernt vom Zentrum Durbans, wohnen rund 93.000 Menschen dicht an dicht in einfachen Hütten – die Hygienebedingungen sind unzureichend, Arbeitslosigkeit, Drogen und Gewalt gehören zum Alltag. Thalentes Mutter ist an Aids gestorben, ihr Vater ist todkrank. Die Kinder und die gebrechliche Großmutter sind auf sich alleine gestellt.

Kein Einzelschicksal für die Region KwaZulu Natal im Osten Südafrikas: Fast 40 Prozent der Menschen sind hier HIV-positiv, viele davon Kinder und Jugendliche. Täglich kommen neue HIV-positive Babys zur Welt, täglich bleiben Kinder durch den Tod beider Elternteile als Aidswaisen zurück. Das Thema müsste also allgegenwärtig sein. Doch das ist es nicht. Vielmehr ist die schwere Krankheit immer noch ein Tabu.

iThemba Lethu – „ich habe eine Bestimmung“

Hier setzt die Kindernothilfe gemeinsam mit der lokalen Hilfsorganisation iThemba Lethu, übersetzt „Ich habe eine Bestimmung“, an: In sechs Schulen des Townships Cato Manor wird intensive Aids-Aufklärung betrieben – mehr als 500 Schüler zwischen 10 und 15 Jahren erhalten zwei Stunden wöchentlich speziellen Unterricht. Die Themen: HIV/Aids, Beziehungen, Sexualität.

In einer dieser Schulen sitzt auch Thalente. Dicht gedrängt lauschen die 13-Jährigen den Worten der Sozialarbeiterin. Ihr geht es nicht darum, den Jugendlichen zu vermitteln, wie HIV/Aids übertragen wird und wie man sich davor schützt – denn das wissen die meisten ohnehin. Vielmehr geht es darum aufzuzeigen, wie man selbstverantwortlich lebt. Wie man sich selbst wertschätzt, seine Meinung vertritt, auch wenn andere Gleichaltrige vielleicht anderer Meinung sind, wie man seine Grenzen definiert und auch klar aufzeigt. Es geht um die Weitergabe von Werten. „Wir müssen den Kindern zeigen, dass sie – entgegen allem, was sie täglich erleben – eine Hoffnung und eine Zukunft haben“, betont Projektdirektorin Karen Brokensha. „Und wir vermitteln den Kindern, dass sie Einfluss auf ihr Leben haben. HIV wird nicht von Moskitos übertragen, man ist dem Virus nicht ausgeliefert.“

Nachmittags haben die Kinder in offenen Treffen die Möglichkeit, sich mit ihren Problemen und Fragen zur Sexualität persönlich an die Projektmitarbeiter zu wenden. „Seit vier Jahren bin ich Teil von iThemba Lethu“, erzählt Thalente. „Die Projektmitarbeiter sind immer für uns da, wenn wir etwas brauchen, sie sind wie unsere Eltern“, betont die 13-Jährige. Ihr Leben hat sich durch das Kindernothilfe-Projekt deutlich verändert. „Ich habe wieder Hoffnung. Ich bin, wer ich bin – durch iThemba Lethu.“

Architekturstudenten in Chile beschäftigen sich mit dem Kindernothilfe-Wiederaufbauprogramm für Schulen in Haiti

Playa Ancha, Chile (14. November 2017): Kindernothilfe Lateinamerika-Referatsleiter Jürgen Schübelin erzählte in einer Gastvorlesung anlässlich des 60. Jubiläums des Instituts für Architektur an der Universität von Valparaíso über die Erfahrungen mit dem Wiederaufbau bzw. Neubau der beim Erdbeben 2010 in Haiti zerstörten Schulen von KNH-Partnern.

Ungewöhnlicher Lehrstoff: „Humanitäre Krisen und Architektur“

Anhand der Kindernothilfe-Projekte in Haiti nach der großen Erdbebenkatastrophe 2010 beschäftigten sich die Architekturstudenten mit den unterschiedlichen Strategien, Prozesse, technischen und logistischen Herausforderungen bei der Neuerrichtung sehr großer Schulen wie etwa der École Saint-François de Sales in Rivière Froide bei Carrefour (1400 Kinder) oder dem Collège Véréna in Delmás (1600 Kinder) im Vergleich zu dem ganz anders organisierten Wiederaufbauprogramm für die sechs zerstörten Schulen in den extrem unzugänglichen Gebirgsdörfern südlich von Carrefour.

Der Wiederaufbau der Bergschule von Daveau wurde selbst zum Lernstoff für die Schüler. Foto: Jürgen Schübelin

Die engen Bezüge zu Chile waren von Anfang an ein besonderes Merkmal dieses anspruchsvollen Wiederaufbauprogramms gewesen: Mit dem jungen chilenischen Architekten Alvaro Arriagada aus Santiago de Chile hatte die Kindernothilfe einen engagierten Experten für erdbebensicheres Bauen gefunden. Er ließ sich mit viel Enthusiasmus auf den KNH-Ansatz ein, Kinder, Jugendliche, LehrerInnen und Eltern, aber auch die Menschen in den Communities rund um die jeweiligen Projekte, ganz intensiv in die Planungen und die Umsetzung der insgesamt 13 zwischen 2010 und 2016 realisierten Bauvorhaben einzubeziehen. Durch das Geologenteam der Universidad de Chile, das im Auftrag der Kindernothilfe die komplexen geomorphologischen Untersuchungen vornahm, die den Fundament-Ausschachtungen für die Saint-François de Sales-Schule der Kleinen Schwestern in Rivière Froide vorgeschaltet werden mussten, gab es dann auch noch einen zweiten professionellen Bezug in das Andenland.

Darüber hinaus wurden ein rechtsbasierter Arbeitsansatz, also die konsequente Einbeziehung und Mitwirkung der mit dem jeweiligen Projekt in Verbindung stehenden Menschen, und auch der Aspekt des inklusiven Bauens (der Berücksichtigung der Rechte von Kindern mit Behinderungen) besonders berücksichtigt. Gerade in Humanitären Krisen und Extremsituationen, wie nach dem verheerenden Erdbeben 2010 in Haiti, bei dem rund 316.000 Menschen ums Leben gekommen waren, aber auch bei Katastrophen, wie sie die Menschen in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas in den zurückliegenden Jahren in schneller Abfolge erlebt hatten, kommen diesen Prinzipien große Bedeutung bei.

Der bislang größte humanitäre Einsatz in der Geschichte der Kindernothilfe

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtete zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe die Großbaustelle (Oktober 2014). Foto: Jürgen Schübelin

Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen Euro in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince, sowie in das Lehrerfortbildungs- und das Selbsthilfe-Gruppen-Programm der Kindernothilfe in dem Karbikstaat. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet. Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase nach dem Erdbeben im Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschul-Traktes des Collège Véréna in Delmás.

Feedback der Studenten

In der anschließenden Diskussion forderten die Architekturstudenten, dass das bedingungslose (Menschen)-Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung noch viel pointierter und konsequenter in den internationalen Konventionen, die sich mit Regeln für Humanitäre Hilfe-Einsätze beschäftigen, herausgearbeitet werden müsste. Dann könnte entsprechend der Prinzipien des do-no-harm-Ansatzes gearbeitet werden, laut dem humanitäre Hilfe-Interventionen „keinen Schaden anrichten“ bzw. dank einer konfliktsensiblen Planung und Durchführung zumindest nicht zur Vergrößerung von entstandenen Problemen und Notsituationen beitragen sollen.

Für ihr eigenes Curriculum bei der Ausbildung zu Architektinnen und Architekten wünschten sich die Studierenden der Universidad de Valparaíso eine viel intensivere Beschäftigung mit all den Fragen rund um Architektur und Menschenrechte.

 

60 Jahre „La Victoria“ – ein emblematischer Ort feiert Jubiläum

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika der Kindernothilfe, zum Jubiläum von „La Victoria“ in Santiago de Chile.

Dieses Jubiläum hat auch mit Kindernothilfe und der Geschichte der KNH-Chile-Arbeit zu tun! Die emblematische Armenviertel-Siedlung „La Victoria“ an der Südperipherie des Stadtzentrums von Santiago de Chile in der heutigen Kommune Pedro Aguirre Cerda feierte am 30. Oktober ihren 60. Gründungstag.

Lateinmerika 2005 (Foto: Jürgen Schübelin)

La Victoria ist zusammen mit Agüita de la Perdíz in Concepción (wo Kindernothilfe  ebenfalls engagiert ist), die älteste Armenviertelsiedlung Lateinamerikas, die aus einer toma, einer organisierten Landbesetzung durch wohnungslose Familien, hervorgegangen ist. Im Morgengrauen des 30. Oktober 1957 hatten die ersten pobladores (wie man in Chile Armenviertelbewohner nennt), Brachland im Sektor Chacra de Fería mit ihren Zelten und mitgebrachten Habseligkeiten in Beschlag genommen und dort als Zeichen dafür, dass sie durch ihre Aktion vom Staat ihr Recht auf menschenwürdiges Wohnen einfordern, die chilenische Flagge gehisst.

Die pobladores von La Victoria gingen mit ihrem Engagement und ihrer von langer Hand vorbereiteten Landbesetzung in die sozialwissenschaftliche Literatur Lateinamerikas ein. Victor Jara, der unvergessene chilenische Liedermacher und vom Pinochet-Regime ermordete Kulturaktivist hat die Geschichte von La Victoria und den Überlebenskampf seiner Bewohner in seinen Liedern besungen. Während der Zeit der Diktatur (1973 – 1990) war dieser Ort immer auch ein geographisches und politisches Zentrum des Widerstands und der Versuche, zumindest auf lokaler Ebene demokratische Freiräume am Leben zu erhalten. Einer der Armenviertelpriester aus La Victoria, André Jarlán, bezahlte dieses Engagement mit seinem Leben. Er starb am 4. September 1984 bei einer Polizeiaktion in La Victoria durch eine – angeblich verirrte – Kugel aus der Dienstwaffe eines Carabiñero.

Seit Anfang der achtziger Jahre engagieren sich die Kindernothilfe und ihre chilenische Partnerorganisation, die Fundación ANIDE, in Kooperation mit der örtlichen katholischen Kirchengemeinde, um die Arbeit des gleichnamigen Kinder-, Jugend- und Stadtteilprojekt Nuestra Señora de la Victoria (Projektnummer 92010) zu ermöglichen. Heute ist dieses Zentrum mit seiner engagierten Arbeit einer der wichtigsten Orte in La Victoria, um der wachsenden Gewalt im Stadtteil entgegen zutreten.

Kindertagestätte La Victoria (Foto: Jürgen Schübelin)

In den zurückliegenden Jahren kamen zudem erhebliche neue Herausforderungen auf das traditionsreiche Armenviertel und seine Bewohner zu: An kaum einem anderen Ort in Santiago war der Zuzug von Familien aus Haiti, die nach dem Erdbeben vom Januar 2010 und im Gefolge der anhaltenden Hunger- und Politik-Krisen in den Karibikstaat Zuflucht in Chile gesucht haben, so groß wie in La Victoria. Die Aufnahme dieser Neu-Hinzugekommenen organisierten die Nachbarschaftsorganisationen und das Nuestra Señora de la Victoria-Projektteam in bewährter Manier: Unaufgeregt und mit viel Erfahrung beim Bohren dicker Bretter.

Sauberes Trinkwasser für Haiti

Im Dezember 2016 stellte das bayrische Unternehmen „Ujeta GmbH“ (www.ujeta.com) der Organisation Kindernothilfe Österreich zehn Stück neue Wasserfilter „UJETA CARE“ samt Ersatzfilter und Zubehör für den Einsatz auf Haiti zur Verfügung.

Um die Bedingungen vor Ort kennenzulernen und das Personal auf die Geräte einschulen zu können, machte sich Michael Astl (Vertrieb UJETA) persönlich auf den Weg in das vom Hurrikan „Matthew“ zerstörte Gebiet.

Michael Astl schildert die Erlebnisse und Eindrücke aus seiner Sicht:

Die Anreise nach Port-au-Prince, der Hauptstadt des Karibikstaates Haiti, mit einem Zwischenstopp in Miami verlief relativ problemlos.

Sobald man das Flugzeug in Port-au-Prince verlässt, wird man schlagartig in eine andere Welt katapultiert. Schon allein die Fahrt vom Flughafen ins Hotel gibt Aufschluss über die Zustände, die hier herrschen. Müllberge, so weit das Auge reicht; die Straßen bestehen teilweise nur aus tiefen Schlaglöchern, welche notdürftig mit Holzbrettern überbrückt werden. In den Straßengräben brennt Plastikmüll, was einen beißenden, giftigen Rauch durch die Straßen ziehen lässt, der zum Teil bereits in den frühen Morgenstunden den Himmel über der Stadt verdunkelt und einem das Atmen erschwert.

Auch in den Gesichtern der Menschen dieser Stadt, die zwei Millionen Einwohner hat, liest man eine beklemmende Mischung aus Hoffnungslosigkeit und Lethargie. Nicht nur die allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten des Landes sind dafür verantwortlich, sondern auch zahlreiche Naturkatastrophen – wie Erdbeben und tropische Stürme – lassen das Land und seine Bewohner nicht zur Ruhe kommen.

Der Hurrikan „Matthew“ im Oktober 2016 forderte neben über 1.000 Todesopfern auch zahlreiche Verletze und traf zudem die ohnehin spärlich vorhandene Infrastruktur des Landes empfindlich.

Meine erste Priorität vor Ort war es, dafür Sorge zu tragen, dass die Luftfrachtsendung mit den Wasserfiltern zeitgerecht eintrifft und verzollt wird.

Nach stundenlangem, teils verdrießlichem Schrift- und Telefonverkehr mit der Airline wurde die Luftfrachtsendung, die sich zu diesem Zeitpunkt im Umschlaghub am Miami Int. Airport befand, endlich auf das nächste Flugzeug gebucht und bestätigt.

Vier Tage später war die Sendung endlich eingetroffen, doch der Zoll weigerte sich zunächst recht hartnäckig, mit der Importverzollung der Wasserfilter zu beginnen.

Zum Glück hatte der Leiter der Organisation „AMURT“ (Partner der Kindernothilfe) vor Ort ausgezeichnete Kontakte zu einem einheimischen Transportunternehmen, welches die Sache beschleunigte. Mit viel Mühe gelang es uns, die Abwicklung von 21 auf zehn Tage zu verkürzen. Immer noch sprechen wir von nur einer Einwegpalette – die Uhren in diesem Land ticken halt anders. Trotz der Tatsache, dass die Wasserfilter als Hilfsgüter deklariert waren, mussten wir Zollabgaben entrichten.

Da meine Aufenthaltszeit in Haiti auf wenige Tage beschränkt war, wurde schnell klar, dass es keine Möglichkeit gab, alle zehn Filter eigenhändig zu verteilen.

Glücklicherweise hatte ich in meinem Reisegepäck einen „UJETA- CARE“-Wasserfilter als „Backup-Plan“ mitgebracht. Somit war es möglich, die Schulungen am Gerät direkt durchzuführen, ohne die eigentliche Lieferung abwarten zu müssen.

Inmitten all dieser Widrigkeiten gibt es Leute, die sich mit viel Engagement und Herzlichkeit den Menschen, allen voran den Kindern, diesem schwer gebeutelten Land widmen. Das Team der Kindernothilfe und der Partnerorganisation AMURT arbeiten Hand in Hand, um in den am schlimmsten getroffenen Gebieten im Nordwesten des Landes die Kinder aus dem Elend zu befreien.

In den Kinderschutzzentren der Kindernothilfe werden traumatisierte Kinder therapeutisch und spielerisch unterstützt, um die Erlebnisse während der Naturkatastrophen besser verarbeiten und bewältigen zu können.

Mir wurde das spezielle Privileg zuteil, eines dieser Kinderschutzzentren zu besuchen und die Arbeit der Kindernothilfe live mitzuerleben.

Die Reise in den Nordwesten des Landes erfolgte in einem Geländewagen, dauerte etwa sechs Stunden und war aufgrund der katastrophalen Straßenverhältnisse extrem holprig und anstrengend. Mich wundert noch heute, wie der Geländewagen diese Fahrt überhaupt überstehen konnte.

Das Dorf Coridon im Nordwesten von Haiti.

Dank unseres talentierten Fahrers „Patrick“ kamen wir sicher und unversehrt in der Personalunterkunft in der Nähe von Coridon an.

Die Personalunterkunft, in der wir übernachtet hatten, war sehr einfach, aber zweckmäßig eingerichtet. Am nächsten Tag ging es dann frisch ausgeruht weiter in ein kleines Dorf namens Coridon.

Im dortigen Kinderschutzzentrum wurde ich freudig empfangen und wir begannen sogleich mit der Einschulung am Wasserfilter „UJETA CARE“.

Die Betreuer waren sehr an dem Wasserfilter interessiert, sauberes Trinkwasser war für alle Anwesenden ein wichtiges Thema.

Interessiert und geschickt bauten sie den „CARE“ auseinander und wieder zusammen, pumpten Wasser durch und machten sich mit der Grundfunktion des Gerätes unter meiner Anleitung vertraut.

Die Betreuer waren sehr an dem Wasserfilter interessiert.

Sie stellten viele Fragen und notierten sich die Antworten samt eigener Zeichnungen penibel. Selten war es mir vergönnt, ein derart interessiertes Publikum zu informieren. Kein Wunder, was für uns in Mitteleuropa selbstverständlich ist, nämlich sauberes Trinkwasser jederzeit zur Verfügung zu haben, stellt die Menschen dort vor große Herausforderungen. Besonders für die Entwicklung der Kinder ist der Zugang zu sauberem Wasser von größter Bedeutung.

Der „UJETA CARE“ ist stabil gebaut und beinhaltet kompakt verstaut alle Filterelemente und Bedienungseinzelteile. Der 10-Liter-Schmutzwasserbehälter ist abnehmbar und eignet sich mit seinem Tragegriff auch zur direkten Wasserentnahme aus Flüssen, Bächen, Seen, Tümpeln – oder wo auch immer.

Bedient wird der „CARE“ mittels einer Handpumpe, die fast keine Kraftaufwendung erfordert und daher auch für Kinder gut geeignet ist.

In einer Minute kann man mit dem „CARE“ etwa drei Liter sauberes Trinkwasser erzeugen. In einer Gegend, in der Cholera nach wie vor an der Tagesordnung steht, ist der „CARE“ mit seiner optimal abgestimmten Filterwirkung ein zuverlässiger Partner. Die Filtration erfolgt mittels einer ausgeklügelten und zertifizierten Kombination aus Aktivkohle und Feinmembranen. Somit ist sichergestellt, dass Parasiten, Krankheitserreger, Schwermetalle und Chemierückstände aus dem Wasser entfernt werden.

Die Kinder setzen das Gelernte gleich in die Praxis um.

Nach der Einschulung der Betreuer im Umgang mit dem „CARE“ durften sich die Kinder an dem Gerät versuchen und hatten sichtlich Freude daran. Mit Tanz und Gesang begrüßten sie mich und den „CARE“ sehr herzlich.

Die Kinder ließen es sich nicht zweimal sagen und begannen sofort Wasser aufzubereiten und zu trinken.

Sie genossen das wohlschmeckende, frische Wasser sichtlich und das Lachen in den Gesichtern der Kinder erfüllte auch mein Herz mit Freude und Stolz!

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Kindernothilfe in Haiti oder auch bei anderen Projekten weiterhin zu unterstützen und freuen uns auf eine Zusammenarbeit im Sinne der Menschen.