Die Redakteure der Kindernothilfe Österreich berichten in diesem Blog regelmäßig über das aktuelle Geschehen bei der Kindernothilfe, Projektreisen sowie über Themen wie Patenschaft oder ehrenamtliches Engagement.

Philippinen: Frauenpower gegen Armut und Katastrophen

Danke an unsere Kollegin Gunhild Aiyub aus Deutschland für diesen interessanten Blogbeitrag zum Thema Selbsthilfegruppen! 

Die Kindernothilfe-Partner auf den Philippinen setzen sich seit zehn Jahren dafür ein, dass Frauen ein neues, starkes Selbstbewusstsein bekommen. Denn das befähigt nicht nur die Familie, sondern ganze Dörfer und Kommunen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Vor allem nach dem verheerenden Taifun Haiyan 2013 bemüht sich unsere Partnerorganisation SIKAT in der Region Guiuan darum, Selbsthilfegruppen für Frauen zu gründen. Sie sind eine Art Plattform, auf der Ideen entstehen, Träume verwirklicht und Strategien entwickelt werden. Unsere Korrespondentin Jenifer Girke war dort und hat sich umgesehen.

Lachende Frauen in einer Versammlung

Versammlung einer Selbsthilfegruppe auf den Philippinen

Das wirkliche Überleben begann danach

Es war der 8. November 2013. Die meisten Bewohner in der philippinischen Provinz Guiuan waren zu Hause, auf See zum Fischen oder in der Schule. Viele hatten die Warnungen nicht ernst genug genommen, schließlich sind sie heftige Naturkatastrophen gewohnt. Doch “Haiyan”, oder “Yolanda”, wie ihn die Einheimischen nennen, war anders. Er war stärker, grausamer und brutaler. Der Taifun zerstörte mit einer Geschwindigkeit von 379 km/h alles, was seiner Wucht nicht standhalten konnte. Richelles Zuhause hielt auch nicht stand: “Evakuiert?”, fragt die 33-Jährige mit einem ironischen Lächeln, “Nein, wir wurden hier nicht weggebracht, wir wurden auch nicht gerettet. Wir blieben einfach zu Hause.” Richelle, ihr Mann und die vier Kinder überlebten den Taifun, aber das wirkliche Überleben begann danach: “Nach dem Taifun hatten wir nichts mehr – kein Essen, kein Zuhause, keine Kleidung. Ich wusste wochenlang nicht, was ich meinen Kindern zu essen geben sollte. Selbst wenn wir Geld gehabt hätten, gab es nichts zum Kaufen.”

Zwei bunte Auslegerboote, eines davon aufgebockt, das andere im Wasser

Der Taifun Haiyan hat vielfach die getroffen, die ohnehin schon wenig hatten. Nicht nur der Fischfang lag danach brach.

Hilfe für entferntere Inseln

Viele lokale Hilfsorganisationen konzentrierten sich in den ersten Tagen nach Haiyan auf die Festland-Gebiete rund um die Stadt Tacloban. Sozialarbeiter berichten sogar davon, dass sich einige Nichtregierungsorganisationen weigerten, entsprechende Hilfe auf entferntere Inseln zu bringen – zu groß sei das Risiko eines nächsten Taifuns. Doch einen Plan zur Umsiedlung gab und gibt es nicht, bis heute, mit der Begründung, es fehle das Geld. Die Folge: Gebiete wie die Inseln Victory Island oder Camparang, auf der auch Richelle lebt, wurden sich selbst überlassen.

Wir sind mit unserer Partnerorganisation SIKAT schon jahrelang in der Provinz Guiuan im Einsatz. Neben Soforthilfe und Sicherstellung einer grundsätzlichen Versorgung ist es ein großes Anliegen, Menschen wie Richelle eine langfristige Perspektive zu geben, damit sie sich selbst eine Zukunft aufbauen können. Auch wenn Geld eine entscheidende Notwendigkeit ist, brauchen diese Menschen zunächst etwas anderes: Glauben an sich selbst und neuen Mut. Ohne Selbstbewusstsein und einen guten Plan, von dem die Betroffenen selbst überzeugt sind, nützen Geldspenden nur bedingt etwas. “Wir wollen in die Zukunft dieser Menschen investieren. Sie sollen nicht abhängig von dem Geld anderer sein, sondern sich befähigen, eigenes Geld zu verdienen”, erklärt der philippinische Kindernothilfe-Mitarbeiter Ken Cacao, der für die Region Samar zuständig ist.

Drei Frauen sind über die Kassenbücher einer Selbsthilfegruppe gebeugt

Eine Selbsthilfegruppe führt Buch über die Ersparnisse

„Pagkakaisa“ bei den Frauen schaffen

Die erste Selbsthilfegruppe (SHG) gründete die Kindernothilfe in der Kommune San Juan südwestlich von Manila. Sie trägt  den Namen “Pagkakaisa”, das bedeutet “Einigkeit”. Genau das ist das Ziel: Einigkeit schaffen, in der Familie, dem Dorf, der Kommune. Die Kindernothilfe-Koordinatorin auf den Philippinen, Daryl Leyesa, ist von dem Konzept überzeugt: “Es ist ein sehr effektiver Ansatz, der auf Stärkung der Menschenrechte basiert und sich stets nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen vor Ort richtet.” Nach zehn Jahren ist sehr deutlich, dass dieses Konzept erfolgreich hilft, den Beteiligten eine neue, hoffnungsvolle Perspektive zu geben: “Die SHGs  richten sich an die Ärmsten unserer Gesellschaft und zeigen ihnen, wie sie sich selbst stärken und damit aus der Armut befreien können”, so Leyesa.

Nach Haiyan richtete SIKAT sein Augenmerk verstärkt auf die Regionen, in denen viele Bürger durch die Katastrophe ihre Existenz verloren hatten. Hier brauchte es dringend ein neues Bewusstsein für Katastrophenschutz, eine bewusste Wahrnehmung der eigenen Verantwortung, aber auch der eigenen Fähigkeiten, mit der Gefahr von Taifunen und ähnlichen Geschehnissen umzugehen. Das ist es, was vor allem Ken Cacao in seiner täglichen Arbeit in diesen Gebieten antreibt. Er kümmert sich seit dem Taifun um die am stärksten betroffenen Gemeinden und besucht regelmäßig die Treffen der SHGs: “In allererster Linie geht es uns hier um die Stärkung der Gemeinschaft. Wenn diese Frauen lernen und verstehen, wie viel sie in ihrer eigenen Hand haben, dann entwickelt sich ein ganz neues Selbstbewusstsein und das stärkt das ganze Dorf. Ein gestärktes Dorf kann nicht nur Probleme wie Armut besser bekämpfen, sondern auch effektiver mit Naturkatastrophen umgehen. Das ist überlebenswichtig.”

eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Ausdruck für das neue Bewusstsein für Katastrophenschutz: eine Hochwasser-Gefahrenkarte

Dass man sich bei diesem Appell zunächst an Frauen richtet, ist eine logische Schlussfolgerung der gesellschaftlichen Situation, denn Frauen werden auf den Philippinen nach wie vor als minderwertige Bürger angesehen, deren Fähigkeiten stets auf innerfamiliäre Aufgaben reduziert werden. Deswegen sind es die Frauen, die oft unentdecktes Potenzial haben, aber nicht den Glauben daran, es auch nutzen zu können.

Richelles Schritt in eine positive Zukunft

So auch Richelle. Mit diesem neu geschöpften Antrieb hat sie sich  ein kleines Geschäft zu Hause aufgebaut: “Ich habe vier Kinder zu Hause, also kann ich nicht weit wegfahren, um zu arbeiten. Aber dann dachte ich mir, wenn ich nicht zur Arbeit kann, hole ich mir die Arbeit eben nach Hause.” Einmal im Monat kauft die Familienmutter Benzin auf dem Festland ein, füllt es zu Hause in kleine Plastikflaschen und verkauft es an die Fischer auf ihrer Insel. Das Startkapital dafür konnte sich Richelle aus dem Fond der Selbsthilfegruppe leihen. Man merkt, dass dieses Gefühl von ‘Ich kann auch etwas!’ noch ganz neu ist. Aber eines ist sicher: Es steht den Frauen richtig gut!

Richelle, einer der Frauen aus Guiuan, die in einer Selbsthilfegruppe aktiv und erfolgreich sind

Richelle konnte sich dank ihrer Selbsthilfegruppe ein kleines Geschäft zu Hause aufbauen

 

Mehr zu unserem Selbsthilfegruppen-Projekt auf den Philippinen: selbsthilfegruppenphilippinen.html

Honduras: Kindernothilfe Österreich fordert Gewaltverzicht und Einhaltung der Menschenrechte

Kindernothilfe Gewaltpräventions-programm in Honduras (Foto: Julia Burmann)

SPRICH, WENN DU DEN FRIEDEN WILLST, MIT DEINEN FEINDEN

Nach der umstrittenen Stimmenauszählung bei den Präsidentschaftswahlen in Honduras bleibt die Menschenrechtslage im mittelamerikanischen Land weiter angespannt. Am kommenden Wochenende will Juan Orlando Hernández – trotz Generalstreik und massiver Proteste – nun für eine weitere Amtszeit vereidigt werden.
Das Regime hat auf die Demonstrationen in den letzten Wochen mit Repressionen, vor allem durch das Militär, reagiert. Menschenrechtsorganisationen berichten von unrechtmäßigen Festnahmen und Misshandlungen durch staatliche Sicherheitskräfte. Mindestens 30 Menschen sind bei Protesten schon ums Leben gekommen. Unabhängige Medien und Menschenrechtsaktivisten, die über Unstimmigkeiten bei der Wahl und die anschließenden Demonstrationen berichtet haben, wurden ebenfalls mehrfach bedroht.
Auch die Kindernothilfe Österreich ist sehr besorgt über die dramatische Entwicklung in Honduras und appelliert an die Europäische Union, alle diplomatischen Mittel auszuschöpfen, um die verantwortlichen Behörden zum Verzicht auf unrechtmäßige Gewalt, auf die Wahrung der Menschrechte und den Schutz der Zivilbevölkerung zu verpflichten.
Die Kindernothilfe Österreich unterstützt in Honduras seit vielen Jahren Programme lokaler Partner zum Schutz von Kindern vor Gewalt und Armut.

 

Informationen zu unserem Einsatz in Honduras: www.kindernothilfe.at/Helfen/Spenden/Projekte+/Projektgebiete/Lateinamerika/Honduras.html

Post aus dem Kindernothilfe-Projekt iThemba Lethu im südafrikanischen Township Cato Manor

Luyanda, 15, hat ihre Eltern an Aids verloren. Seit zwei Jahren nimmt sie am Projekt der Kindernothilfe iThemba Lethu nahe der südafrikanischen Großstadt Durban teil und ist für ihre Chance, hier sein zu dürfen, sehr dankbar:

 

Ich bin seit zwei Jahren bei iThemba Lethu. Ich habe das Projekt letztes Jahr in der achten Schulstufe kennengelernt, als ich noch nicht wusste, wie sich die Welt um mich herum verändert und welchen Gefahren ich in der Schule begegnen könnte.
Die MitarbeiterInnen von iThemba Lethu haben mir eine andere Sicht auf das Leben gezeigt. Sie zeigten mir, dass man außer Karrierezielen auch andere Ziele im Leben haben kann. Und wie man sein Leben gestaltet – trotz beruflicher oder finanzieller Schwierigkeiten.
Man kann hier mit den MitarbeiterInnen über alles reden. Sie verstehen die Lebenswelt und die Gedanken von Heranwachsenden. iThemba Lethu hat mir viele Dinge bewusst gemacht, und dadurch hat sich mein Leben verändert. Ich verstehe, weshalb ich mich von negativen Einflüssen fernhalten muss und wie meine täglichen Entscheidungen meine Zukunft beeinflussen.
Ich hatte aufgrund des Umfeldes, aus dem ich komme, ein geringes Selbstwertgefühl. Ich sage nicht, dass ich bereits ein gutes Mädchen bin. Aber ich bin langsam auf dem Weg, eines zu werden.
Ich bin dankbar für all das, was mir iThemba Lethu gelernt hat. Unsere LehrerInnen unterrichten uns aus tiefstem Herzen und mit voller Hingabe. iThemba Lethu macht eine wundervolle Arbeit und ich hoffe, dass viele Kinder hier fürs Leben lernen können. Diese Organisation hat mir in den letzten zwei Jahren sehr geholfen. Sie unterstützt mich sehr dabei, erwachsen zu werden und jeden Tag mich persönlich zu verbessern.

Luyanda

 

Zum Projekt:

„I have a destiny – Ich habe eine Bestimmung“, lautet das Motto des Kindernothilfe-Projekts iThemba Lethu im südafrikanischen Township Cato Manor in der Nähe der Großstadt Durban. Das Leben hier ist geprägt von Hoffnungslosigkeit: 6,3 Millionen Menschen in Südafrika leben mit HIV, 60 Prozent davon sind Frauen. 2,3 Millionen Kinder sind als Folge von HIV/Aids bereits zu Waisen geworden.

„Wir müssen schon den Kindern vermitteln, dass sie – entgegen allem, was sie täglich hören und erleben – eine Hoffnung, eine Zukunft haben“, betont daher iThemba-Lethu-Projektdirektorin Karen Brokensha. Das von der Kindernothilfe unterstützte Projekt kümmert sich um Aidswaisen, hilft bei der Suche nach Adoptionseltern und legt einen großen Schwerpunkt auf Bildung und Prävention.

Mehr dazu auf unserer Webseite

 

 

Hoffnung für Thalente

Fast 40 Prozent der Bewohner der südafrikanischen Region KwaZulu Natal sind HIV-positiv. Die Kindernothilfe setzt sich hier für den Kampf gegen Aids ein und hilft Kindern wie der 13-jährigen Thalente.

Foto: Manfred Fesl

Thalente lebt mit ihrem Vater, ihrer Großmutter und den vier Geschwistern in einer Baracke im südafrikanischen Township Cato Manor. Hier, zehn Kilometer entfernt vom Zentrum Durbans, wohnen rund 93.000 Menschen dicht an dicht in einfachen Hütten – die Hygienebedingungen sind unzureichend, Arbeitslosigkeit, Drogen und Gewalt gehören zum Alltag. Thalentes Mutter ist an Aids gestorben, ihr Vater ist todkrank. Die Kinder und die gebrechliche Großmutter sind auf sich alleine gestellt.

Kein Einzelschicksal für die Region KwaZulu Natal im Osten Südafrikas: Fast 40 Prozent der Menschen sind hier HIV-positiv, viele davon Kinder und Jugendliche. Täglich kommen neue HIV-positive Babys zur Welt, täglich bleiben Kinder durch den Tod beider Elternteile als Aidswaisen zurück. Das Thema müsste also allgegenwärtig sein. Doch das ist es nicht. Vielmehr ist die schwere Krankheit immer noch ein Tabu.

iThemba Lethu – „ich habe eine Bestimmung“

Hier setzt die Kindernothilfe gemeinsam mit der lokalen Hilfsorganisation iThemba Lethu, übersetzt „Ich habe eine Bestimmung“, an: In sechs Schulen des Townships Cato Manor wird intensive Aids-Aufklärung betrieben – mehr als 500 Schüler zwischen 10 und 15 Jahren erhalten zwei Stunden wöchentlich speziellen Unterricht. Die Themen: HIV/Aids, Beziehungen, Sexualität.

In einer dieser Schulen sitzt auch Thalente. Dicht gedrängt lauschen die 13-Jährigen den Worten der Sozialarbeiterin. Ihr geht es nicht darum, den Jugendlichen zu vermitteln, wie HIV/Aids übertragen wird und wie man sich davor schützt – denn das wissen die meisten ohnehin. Vielmehr geht es darum aufzuzeigen, wie man selbstverantwortlich lebt. Wie man sich selbst wertschätzt, seine Meinung vertritt, auch wenn andere Gleichaltrige vielleicht anderer Meinung sind, wie man seine Grenzen definiert und auch klar aufzeigt. Es geht um die Weitergabe von Werten. „Wir müssen den Kindern zeigen, dass sie – entgegen allem, was sie täglich erleben – eine Hoffnung und eine Zukunft haben“, betont Projektdirektorin Karen Brokensha. „Und wir vermitteln den Kindern, dass sie Einfluss auf ihr Leben haben. HIV wird nicht von Moskitos übertragen, man ist dem Virus nicht ausgeliefert.“

Nachmittags haben die Kinder in offenen Treffen die Möglichkeit, sich mit ihren Problemen und Fragen zur Sexualität persönlich an die Projektmitarbeiter zu wenden. „Seit vier Jahren bin ich Teil von iThemba Lethu“, erzählt Thalente. „Die Projektmitarbeiter sind immer für uns da, wenn wir etwas brauchen, sie sind wie unsere Eltern“, betont die 13-Jährige. Ihr Leben hat sich durch das Kindernothilfe-Projekt deutlich verändert. „Ich habe wieder Hoffnung. Ich bin, wer ich bin – durch iThemba Lethu.“

Architekturstudenten in Chile beschäftigen sich mit dem Kindernothilfe-Wiederaufbauprogramm für Schulen in Haiti

Playa Ancha, Chile (14. November 2017): Kindernothilfe Lateinamerika-Referatsleiter Jürgen Schübelin erzählte in einer Gastvorlesung anlässlich des 60. Jubiläums des Instituts für Architektur an der Universität von Valparaíso über die Erfahrungen mit dem Wiederaufbau bzw. Neubau der beim Erdbeben 2010 in Haiti zerstörten Schulen von KNH-Partnern.

Ungewöhnlicher Lehrstoff: „Humanitäre Krisen und Architektur“

Anhand der Kindernothilfe-Projekte in Haiti nach der großen Erdbebenkatastrophe 2010 beschäftigten sich die Architekturstudenten mit den unterschiedlichen Strategien, Prozesse, technischen und logistischen Herausforderungen bei der Neuerrichtung sehr großer Schulen wie etwa der École Saint-François de Sales in Rivière Froide bei Carrefour (1400 Kinder) oder dem Collège Véréna in Delmás (1600 Kinder) im Vergleich zu dem ganz anders organisierten Wiederaufbauprogramm für die sechs zerstörten Schulen in den extrem unzugänglichen Gebirgsdörfern südlich von Carrefour.

Der Wiederaufbau der Bergschule von Daveau wurde selbst zum Lernstoff für die Schüler. Foto: Jürgen Schübelin

Die engen Bezüge zu Chile waren von Anfang an ein besonderes Merkmal dieses anspruchsvollen Wiederaufbauprogramms gewesen: Mit dem jungen chilenischen Architekten Alvaro Arriagada aus Santiago de Chile hatte die Kindernothilfe einen engagierten Experten für erdbebensicheres Bauen gefunden. Er ließ sich mit viel Enthusiasmus auf den KNH-Ansatz ein, Kinder, Jugendliche, LehrerInnen und Eltern, aber auch die Menschen in den Communities rund um die jeweiligen Projekte, ganz intensiv in die Planungen und die Umsetzung der insgesamt 13 zwischen 2010 und 2016 realisierten Bauvorhaben einzubeziehen. Durch das Geologenteam der Universidad de Chile, das im Auftrag der Kindernothilfe die komplexen geomorphologischen Untersuchungen vornahm, die den Fundament-Ausschachtungen für die Saint-François de Sales-Schule der Kleinen Schwestern in Rivière Froide vorgeschaltet werden mussten, gab es dann auch noch einen zweiten professionellen Bezug in das Andenland.

Darüber hinaus wurden ein rechtsbasierter Arbeitsansatz, also die konsequente Einbeziehung und Mitwirkung der mit dem jeweiligen Projekt in Verbindung stehenden Menschen, und auch der Aspekt des inklusiven Bauens (der Berücksichtigung der Rechte von Kindern mit Behinderungen) besonders berücksichtigt. Gerade in Humanitären Krisen und Extremsituationen, wie nach dem verheerenden Erdbeben 2010 in Haiti, bei dem rund 316.000 Menschen ums Leben gekommen waren, aber auch bei Katastrophen, wie sie die Menschen in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas in den zurückliegenden Jahren in schneller Abfolge erlebt hatten, kommen diesen Prinzipien große Bedeutung bei.

Der bislang größte humanitäre Einsatz in der Geschichte der Kindernothilfe

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtete zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe die Großbaustelle (Oktober 2014). Foto: Jürgen Schübelin

Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen Euro in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince, sowie in das Lehrerfortbildungs- und das Selbsthilfe-Gruppen-Programm der Kindernothilfe in dem Karbikstaat. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet. Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase nach dem Erdbeben im Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschul-Traktes des Collège Véréna in Delmás.

Feedback der Studenten

In der anschließenden Diskussion forderten die Architekturstudenten, dass das bedingungslose (Menschen)-Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung noch viel pointierter und konsequenter in den internationalen Konventionen, die sich mit Regeln für Humanitäre Hilfe-Einsätze beschäftigen, herausgearbeitet werden müsste. Dann könnte entsprechend der Prinzipien des do-no-harm-Ansatzes gearbeitet werden, laut dem humanitäre Hilfe-Interventionen „keinen Schaden anrichten“ bzw. dank einer konfliktsensiblen Planung und Durchführung zumindest nicht zur Vergrößerung von entstandenen Problemen und Notsituationen beitragen sollen.

Für ihr eigenes Curriculum bei der Ausbildung zu Architektinnen und Architekten wünschten sich die Studierenden der Universidad de Valparaíso eine viel intensivere Beschäftigung mit all den Fragen rund um Architektur und Menschenrechte.

 

60 Jahre „La Victoria“ – ein emblematischer Ort feiert Jubiläum

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika der Kindernothilfe, zum Jubiläum von „La Victoria“ in Santiago de Chile.

Dieses Jubiläum hat auch mit Kindernothilfe und der Geschichte der KNH-Chile-Arbeit zu tun! Die emblematische Armenviertel-Siedlung „La Victoria“ an der Südperipherie des Stadtzentrums von Santiago de Chile in der heutigen Kommune Pedro Aguirre Cerda feierte am 30. Oktober ihren 60. Gründungstag.

Lateinmerika 2005 (Foto: Jürgen Schübelin)

La Victoria ist zusammen mit Agüita de la Perdíz in Concepción (wo Kindernothilfe  ebenfalls engagiert ist), die älteste Armenviertelsiedlung Lateinamerikas, die aus einer toma, einer organisierten Landbesetzung durch wohnungslose Familien, hervorgegangen ist. Im Morgengrauen des 30. Oktober 1957 hatten die ersten pobladores (wie man in Chile Armenviertelbewohner nennt), Brachland im Sektor Chacra de Fería mit ihren Zelten und mitgebrachten Habseligkeiten in Beschlag genommen und dort als Zeichen dafür, dass sie durch ihre Aktion vom Staat ihr Recht auf menschenwürdiges Wohnen einfordern, die chilenische Flagge gehisst.

Die pobladores von La Victoria gingen mit ihrem Engagement und ihrer von langer Hand vorbereiteten Landbesetzung in die sozialwissenschaftliche Literatur Lateinamerikas ein. Victor Jara, der unvergessene chilenische Liedermacher und vom Pinochet-Regime ermordete Kulturaktivist hat die Geschichte von La Victoria und den Überlebenskampf seiner Bewohner in seinen Liedern besungen. Während der Zeit der Diktatur (1973 – 1990) war dieser Ort immer auch ein geographisches und politisches Zentrum des Widerstands und der Versuche, zumindest auf lokaler Ebene demokratische Freiräume am Leben zu erhalten. Einer der Armenviertelpriester aus La Victoria, André Jarlán, bezahlte dieses Engagement mit seinem Leben. Er starb am 4. September 1984 bei einer Polizeiaktion in La Victoria durch eine – angeblich verirrte – Kugel aus der Dienstwaffe eines Carabiñero.

Seit Anfang der achtziger Jahre engagieren sich die Kindernothilfe und ihre chilenische Partnerorganisation, die Fundación ANIDE, in Kooperation mit der örtlichen katholischen Kirchengemeinde, um die Arbeit des gleichnamigen Kinder-, Jugend- und Stadtteilprojekt Nuestra Señora de la Victoria (Projektnummer 92010) zu ermöglichen. Heute ist dieses Zentrum mit seiner engagierten Arbeit einer der wichtigsten Orte in La Victoria, um der wachsenden Gewalt im Stadtteil entgegen zutreten.

Kindertagestätte La Victoria (Foto: Jürgen Schübelin)

In den zurückliegenden Jahren kamen zudem erhebliche neue Herausforderungen auf das traditionsreiche Armenviertel und seine Bewohner zu: An kaum einem anderen Ort in Santiago war der Zuzug von Familien aus Haiti, die nach dem Erdbeben vom Januar 2010 und im Gefolge der anhaltenden Hunger- und Politik-Krisen in den Karibikstaat Zuflucht in Chile gesucht haben, so groß wie in La Victoria. Die Aufnahme dieser Neu-Hinzugekommenen organisierten die Nachbarschaftsorganisationen und das Nuestra Señora de la Victoria-Projektteam in bewährter Manier: Unaufgeregt und mit viel Erfahrung beim Bohren dicker Bretter.

Sauberes Trinkwasser für Haiti

Im Dezember 2016 stellte das bayrische Unternehmen „Ujeta GmbH“ (www.ujeta.com) der Organisation Kindernothilfe Österreich zehn Stück neue Wasserfilter „UJETA CARE“ samt Ersatzfilter und Zubehör für den Einsatz auf Haiti zur Verfügung.

Um die Bedingungen vor Ort kennenzulernen und das Personal auf die Geräte einschulen zu können, machte sich Michael Astl (Vertrieb UJETA) persönlich auf den Weg in das vom Hurrikan „Matthew“ zerstörte Gebiet.

Michael Astl schildert die Erlebnisse und Eindrücke aus seiner Sicht:

Die Anreise nach Port-au-Prince, der Hauptstadt des Karibikstaates Haiti, mit einem Zwischenstopp in Miami verlief relativ problemlos.

Sobald man das Flugzeug in Port-au-Prince verlässt, wird man schlagartig in eine andere Welt katapultiert. Schon allein die Fahrt vom Flughafen ins Hotel gibt Aufschluss über die Zustände, die hier herrschen. Müllberge, so weit das Auge reicht; die Straßen bestehen teilweise nur aus tiefen Schlaglöchern, welche notdürftig mit Holzbrettern überbrückt werden. In den Straßengräben brennt Plastikmüll, was einen beißenden, giftigen Rauch durch die Straßen ziehen lässt, der zum Teil bereits in den frühen Morgenstunden den Himmel über der Stadt verdunkelt und einem das Atmen erschwert.

Auch in den Gesichtern der Menschen dieser Stadt, die zwei Millionen Einwohner hat, liest man eine beklemmende Mischung aus Hoffnungslosigkeit und Lethargie. Nicht nur die allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten des Landes sind dafür verantwortlich, sondern auch zahlreiche Naturkatastrophen – wie Erdbeben und tropische Stürme – lassen das Land und seine Bewohner nicht zur Ruhe kommen.

Der Hurrikan „Matthew“ im Oktober 2016 forderte neben über 1.000 Todesopfern auch zahlreiche Verletze und traf zudem die ohnehin spärlich vorhandene Infrastruktur des Landes empfindlich.

Meine erste Priorität vor Ort war es, dafür Sorge zu tragen, dass die Luftfrachtsendung mit den Wasserfiltern zeitgerecht eintrifft und verzollt wird.

Nach stundenlangem, teils verdrießlichem Schrift- und Telefonverkehr mit der Airline wurde die Luftfrachtsendung, die sich zu diesem Zeitpunkt im Umschlaghub am Miami Int. Airport befand, endlich auf das nächste Flugzeug gebucht und bestätigt.

Vier Tage später war die Sendung endlich eingetroffen, doch der Zoll weigerte sich zunächst recht hartnäckig, mit der Importverzollung der Wasserfilter zu beginnen.

Zum Glück hatte der Leiter der Organisation „AMURT“ (Partner der Kindernothilfe) vor Ort ausgezeichnete Kontakte zu einem einheimischen Transportunternehmen, welches die Sache beschleunigte. Mit viel Mühe gelang es uns, die Abwicklung von 21 auf zehn Tage zu verkürzen. Immer noch sprechen wir von nur einer Einwegpalette – die Uhren in diesem Land ticken halt anders. Trotz der Tatsache, dass die Wasserfilter als Hilfsgüter deklariert waren, mussten wir Zollabgaben entrichten.

Da meine Aufenthaltszeit in Haiti auf wenige Tage beschränkt war, wurde schnell klar, dass es keine Möglichkeit gab, alle zehn Filter eigenhändig zu verteilen.

Glücklicherweise hatte ich in meinem Reisegepäck einen „UJETA- CARE“-Wasserfilter als „Backup-Plan“ mitgebracht. Somit war es möglich, die Schulungen am Gerät direkt durchzuführen, ohne die eigentliche Lieferung abwarten zu müssen.

Inmitten all dieser Widrigkeiten gibt es Leute, die sich mit viel Engagement und Herzlichkeit den Menschen, allen voran den Kindern, diesem schwer gebeutelten Land widmen. Das Team der Kindernothilfe und der Partnerorganisation AMURT arbeiten Hand in Hand, um in den am schlimmsten getroffenen Gebieten im Nordwesten des Landes die Kinder aus dem Elend zu befreien.

In den Kinderschutzzentren der Kindernothilfe werden traumatisierte Kinder therapeutisch und spielerisch unterstützt, um die Erlebnisse während der Naturkatastrophen besser verarbeiten und bewältigen zu können.

Mir wurde das spezielle Privileg zuteil, eines dieser Kinderschutzzentren zu besuchen und die Arbeit der Kindernothilfe live mitzuerleben.

Die Reise in den Nordwesten des Landes erfolgte in einem Geländewagen, dauerte etwa sechs Stunden und war aufgrund der katastrophalen Straßenverhältnisse extrem holprig und anstrengend. Mich wundert noch heute, wie der Geländewagen diese Fahrt überhaupt überstehen konnte.

Das Dorf Coridon im Nordwesten von Haiti.

Dank unseres talentierten Fahrers „Patrick“ kamen wir sicher und unversehrt in der Personalunterkunft in der Nähe von Coridon an.

Die Personalunterkunft, in der wir übernachtet hatten, war sehr einfach, aber zweckmäßig eingerichtet. Am nächsten Tag ging es dann frisch ausgeruht weiter in ein kleines Dorf namens Coridon.

Im dortigen Kinderschutzzentrum wurde ich freudig empfangen und wir begannen sogleich mit der Einschulung am Wasserfilter „UJETA CARE“.

Die Betreuer waren sehr an dem Wasserfilter interessiert, sauberes Trinkwasser war für alle Anwesenden ein wichtiges Thema.

Interessiert und geschickt bauten sie den „CARE“ auseinander und wieder zusammen, pumpten Wasser durch und machten sich mit der Grundfunktion des Gerätes unter meiner Anleitung vertraut.

Die Betreuer waren sehr an dem Wasserfilter interessiert.

Sie stellten viele Fragen und notierten sich die Antworten samt eigener Zeichnungen penibel. Selten war es mir vergönnt, ein derart interessiertes Publikum zu informieren. Kein Wunder, was für uns in Mitteleuropa selbstverständlich ist, nämlich sauberes Trinkwasser jederzeit zur Verfügung zu haben, stellt die Menschen dort vor große Herausforderungen. Besonders für die Entwicklung der Kinder ist der Zugang zu sauberem Wasser von größter Bedeutung.

Der „UJETA CARE“ ist stabil gebaut und beinhaltet kompakt verstaut alle Filterelemente und Bedienungseinzelteile. Der 10-Liter-Schmutzwasserbehälter ist abnehmbar und eignet sich mit seinem Tragegriff auch zur direkten Wasserentnahme aus Flüssen, Bächen, Seen, Tümpeln – oder wo auch immer.

Bedient wird der „CARE“ mittels einer Handpumpe, die fast keine Kraftaufwendung erfordert und daher auch für Kinder gut geeignet ist.

In einer Minute kann man mit dem „CARE“ etwa drei Liter sauberes Trinkwasser erzeugen. In einer Gegend, in der Cholera nach wie vor an der Tagesordnung steht, ist der „CARE“ mit seiner optimal abgestimmten Filterwirkung ein zuverlässiger Partner. Die Filtration erfolgt mittels einer ausgeklügelten und zertifizierten Kombination aus Aktivkohle und Feinmembranen. Somit ist sichergestellt, dass Parasiten, Krankheitserreger, Schwermetalle und Chemierückstände aus dem Wasser entfernt werden.

Die Kinder setzen das Gelernte gleich in die Praxis um.

Nach der Einschulung der Betreuer im Umgang mit dem „CARE“ durften sich die Kinder an dem Gerät versuchen und hatten sichtlich Freude daran. Mit Tanz und Gesang begrüßten sie mich und den „CARE“ sehr herzlich.

Die Kinder ließen es sich nicht zweimal sagen und begannen sofort Wasser aufzubereiten und zu trinken.

Sie genossen das wohlschmeckende, frische Wasser sichtlich und das Lachen in den Gesichtern der Kinder erfüllte auch mein Herz mit Freude und Stolz!

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Kindernothilfe in Haiti oder auch bei anderen Projekten weiterhin zu unterstützen und freuen uns auf eine Zusammenarbeit im Sinne der Menschen.

Im Auge des Hurrikans: Port-à-Piment

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika der Kindernothilfe, berichtet aus Haiti.

Zerstörtes Fischerboot. Foto: Jürgen Schübelin

Zerstörtes Fischerboot. Foto: Jürgen Schübelin

Port-à-Piment (14.10.2016) „Mat(thäus) 4.10“ (Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen) und „Sèl Jezi“ (Nur Jesus) hatte der Fischer auf sein Boot geschrieben, das jetzt zerstört am Strand liegt. Er und seine Familie überlebten die apokalyptische Nacht vom 3. auf den 4. Oktober nur, weil sie auf den inständigen Rat ihres Schwagers hörten, der von Port-au-Prince aus per Handy unablässig gefordert hatte, sich in Sicherheit zu bringen. Am Ende retteten die Mauerreste einer vom Hurrikan Matthew schwer beschädigten Kirche den Menschen aus den Fischerhütten am Strand der Ortschaft Torbeck das Leben. „Wir haben die ganze Nacht gezittert und geweint“, sagt Noela (11), „alle dachten wir, dass wir jetzt sterben müssten. Die Nacht, der Sturm und der Regen hörten einfach nicht mehr auf.“

Als es am 4. Oktober endlich dämmerte, war von ihrer Welt und ihrem alten Leben nichts mehr übrig. Keine der Fischerhütten stand mehr, kein Baum, kein Haustier, kein Vogel hatte überlebt, die Boote am Strand zerschellt. Seit 1964 wurden die Menschen in Haiti nicht mehr von einem derart verheerenden Wirbelsturm heimgesucht.

Ein Bild der Zerstörung. Foto: Jürgen Schübelin

Ein Bild der Zerstörung. Foto: Jürgen Schübelin

Port-à-Piment – an der Südküste der Tiburon-Halbinsel – ist zusammen mit der etwas weiter nördlich gelegenen Stadt Jérémie so etwas wie das Epizentrum dieser Katastrophe. Über Port-à-Piment zog das Auge des Hurrikans mit quälend langsamen sieben Stundenkilometern. Hier verwüstete Matthew 90 Prozent aller Häuser und Hütten, die Schulen, den Friedhof und die Kirchen. Meterhohe Brecher zerfetzten regelrecht die Gebäude, die am nächsten am Strand standen. Als die Menschen in die etwas höher gelegene Baptisten-Kirche fliehen wollten, hatte die bereits kein Dach mehr. Pastor Joseph holte so viele völlig durchnässte und verängstigte Menschen wie sein Haus fassen konnte, zu sich herein: „Wir kauerten alle auf dem Boden, fassten uns an den Händen und beteten. Dabei regnete es unablässig. Der Regen kam nicht von oben, sondern mit dem Sturm vom Meer. Und er war salzig.“

Kinder

Foto: Jürgen Schübelin

Noch gibt es keine Klarheit darüber, wie viele Menschen bei dieser Katastrophe ums Leben kamen. Haitis Übergangsregierung versucht, die Zahlen möglichst niedrig zu halten, spricht von 450 Opfern. Unabhängige Journalisten, die alle Bürgermeister des Landes telefonisch befragt haben, kommen – ähnlich wie verschiedene UN-Organisationen – auf deutlich über 1000 Tote. Keinen Dissens gibt es indes darüber, dass an der Südküste des Landes mindestens 30.000 Häuser und Hütten zerstört wurden – und insgesamt mehr als 1,4 Millionen Menschen von den Folgen des Wirbelsturms betroffen sind.

Port-à-Piment war auch vor dieser entsetzlichen Hurrikan-Nacht immer schon ein bescheidener Ort gewesen, mit kleinen, im kreolischen Stil gebauten Häusern mit bunten Holztüren, zwei Kirchen, vielen Bäumen und einem wunderschönen, palmen-gesäumten Strand. Alles in Allem zählte die Stadt 35.000 Einwohner. Die Menschen lebten vom Fischfang, Landwirtschaft und ein bisschen Handwerk. Von all dem ist nichts übriggeblieben. Oder fast nichts.

Brasilien: Olympic Catastrophe und die Menschen mit Behinderungen

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika der Kindernothilfe e.V. in Deutschland.

José mit der Olympischen Fackel. Foto: Kindernothilfe

José mit der Olympischen Fackel. Foto: Kindernothilfe

Für José war es der größte Tag in seinem bisherigen Leben: Unter dem Jubel der Menschen auf der Straße, angefeuert von seiner Familie, seinen Schulkameraden und allen seinen Freunden trug der mehrfach behinderte Junge die Fackel mit dem olympischen Feuer durch seine Heimatstadt Gravatá. Für die lange Reise der Flamme aus dem griechischen Olympia bis zur Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele am 5. August im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro haben die Organisatoren mehrere Zwischenabschnitte in verschiedenen Städten eingeplant – eine davon in Gravatá – einer Kleinstadt mit 80.000 Einwohnern im Hinterland des nordostbrasilianischen Bundesstaates Pernambuco. Und hier kam José, 19 Jahre alt und begeisterter Sportler, ins Spiel. Seit vielen Jahren gehört der Junge zu den 180 Kindern und Jugendlichen, die in dem seit 1995 von Kindernothilfe unterstützten und von den Eltern behinderter Kinder als Selbsthilfezentrum gegründeten SERC-Projekt (Serviço de Estimulação e Rehabilitação da Criança) gefördert werden.  

Für das SERC-Team bedeutet die Geste, dass „ihr“ José, der sich seinen Platz im Leben mit jahrelangen Kraftanstrengungen – und dem Beistand vor allem seiner Familie, aber auch der engagierten Therapeuten aus dem Projekt – so mühsam hatte erkämpfen müssen, als Träger des Olympischen Feuers ausgewählt wurde, auch einen ganz wichtigen politischen Erfolg: „Jahrzehntelang war es in diesem Land unendlich schwierig“, sagt Catharina Freire, Sozialarbeiterin bei SERC, „dass Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Öffentlichkeit angemessen wahrgenommen werden – und ihr Recht auf Respekt und Teilhabe akzeptiert wird.“ Auch für José, den Träger des Olympischen Feuers, war das nicht anders. Für ihn, so sagt es der Junge selbst, sei diese Fackelträger-Ehre, „eine große Anerkennung und Genugtuung“ , auch, weil er als Kind viel zu oft hatte erleben müssen, wegen seiner Behinderung von Schulkameraden – aber auch immer wieder von Erwachsenen – verlacht, diskriminiert und gemoppt zu werden.

An starken, emotionalen Gesten, wie der Entscheidung, diesem sympathischen Jungen aus der Provinzstadt Gravatá das Olympische Feuer für einen Teil seiner Wegstrecke anzuvertrauen, fehlt es in Brasilien nicht – auch nicht an guten, modernen Gesetzen zur Förderung der Inklusion und Teilhabe von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderungen. Das Problem liegt – wie ganz oft in Lateinamerika – an den Abgründen, die sich zwischen Gesetzestexten und dem tagtäglichem Erleben auftun.

Rio de Janeiro ist vom 5. bis 21. August nicht nur der Austragungsort der 31. Olympischen Sommerspiele – sondern drei Wochen später – vom 7. bis 18. September – auch der Paralympics – mit Tausenden von Behindertensportlern aus der ganzen Welt. Haben es schon die Olympischen Spiele angesichts der desaströsen wirtschaftlichen Lage im Land und die schwersten politischen Krise, die Brasilien im Gefolge des mit  Populismus, Theatralik und aufgeheiztem Pathos durchgezogenen, vorläufigen Amtsenthebungsverfahren gegen die gewählte Präsidentin Dilma Rousseff durchlebt, extrem schwer, Interesse und Begeisterung bei den Menschen der Zwölf-Millionenstadt zu wecken, sieht es für die anschließenden Spiele der Menschen mit Behinderungen noch viel bescheidener aus.

Olympic Catastrophe – olympische Katastrophe – überschreibt die New York Times am 2. Juli eine Reportage über die Zustände in Rio – wenige Wochen vor Beginn der Spiele – nachdem die Staatsregierung den allgemeinen öffentlichen Notstand erklären musste, um noch einmal eine Last Minute-Überweisung in Höhe von 780 Millionen Euro von der Bundesregierung in Brasilia zu erhalten. Die Stadt und der gleichnamige Bundestaat ächzen unter der Last, die ihnen mit der Austragung der Spiele aufgebürdet wurde. Krankenhäusern – vor allen an der Peripherie, dort, wo die Armen leben – fehlen Medikamente, einige Zentren mussten den Betrieb ganz einstellen. Seit 100 Tagen streiken an einem Teil der öffentlichen Schulen die Lehrer, der Unterricht fällt aus. Pensionszahlungen an ehemalige Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung konnten nicht überwiesen werden und, so berichten brasilianische Zeitungen, 111.000 Familien aus Rio, überwiegend favela-Bewohnern, wurde die staatliche Sozialhilfe gestrichen.

Komplettiert wird das Bild durch die Zuspitzung der Gewaltprobleme vor allem an den Rändern der Stadt: Seit Jahresbeginn starben 43 Polizisten bei bewaffneten Auseinandersetzungen mit Kriminellen. Die Polizei von Rio ihrerseits tötete in diesem Zeitraum 238 Menschen – darunter auch nachweislich nicht mit Straftaten in Verbindung stehende Personen. Die Vereinten Nationen haben ihre tiefe Besorgnis über die Verschlechterung der Menschenrechtssituation in den favelas von Rio und vor allem den Anstieg der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zum Ausdruck gebracht. 85.000 Polizisten und Militärs werden jetzt zusätzlich mobilisiert, um die Olympischen Spiele und ihre erhofften 500.000 Besucher aus aller Welt zu schützen. Für dieses Mehr an Sicherheit rund um die Sportstätten und im Zentrum der Stadt müssen jedoch die Polizeiposten an der Peripherie ausgedünnt werden.

Weitergabe des Olympischen Feuers. Foto: Kindernothilfe

Weitergabe des Olympischen Feuers. Foto: Kindernothilfe

Im Schatten all dieser schlechten Nachrichten sind die Weltspiele der Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen noch weiter ins Hintertreffen geraten. Dabei sollte von den Paralympics ja gerade ein öffentlichkeitswirksames Signal ausgehen, um auf die Lebensleistung von Menschen mit Behinderungen – aber eben auch auf die Notwendigkeit des unermüdlichen Engagements für ihre Rechte – aufmerksam zu machen. 45,6 Millionen Personen haben bei der letzten landesweiten Volkszählung 2010 in Brasilien angegeben, mit einer Behinderung zu leben – die allermeisten von ihnen in Armut. Behinderung, sagen Armutsforscher in Lateinamerika, ist sowohl Ursache als auch Konsequenz von Armut. 82 Prozent aller Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen auf dem Subkontinent sind gleichzeitig arm oder extrem arm.

Der Enthusiasmus der politisch Verantwortlichen und wirtschaftlichen Eliten,  ausgerechnet diesen Personen und ihren Bedürfnissen Priorität einzuräumen und entsprechend Ressourcen zur Verfügung zu stellen, hält sich sehr in Grenzen. Obwohl die einschlägigen Gesetze und die internationalen Vereinbarungen, die die brasilianische Regierung unterzeichnet und das Parlament in Brasilia ratifiziert haben, in Sachen Inklusion eine klare Sprache sprechen, sind bis zum heutigen Tag lediglich 4,5 Prozent aller öffentlichen Schulen in dem größten und mächtigsten Land Lateinamerikas komplett behindertengerecht ausgestattet.

Aber es sind nicht nur die politisch Verantwortlichen und die Eliten, die Menschen mit Behinderungen ausgrenzen. Wer einmal miterlebt hat, wie es sich aus der Nähe anfühlt, wenn eine Mutter mit ihrer Tochter im Rollstuhl an einer Bushaltestelle einfach stehen gelassen wird, ein Busfahrer nach dem anderen abdreht, sobald er sie entdeckt , weil es zu viel Stress und Aufwand bedeutet, der Frau und ihrem Kind in das „öffentliche“ Verkehrsmittel zu verhelfen, kann nachvollziehen, warum Inklusionsexperten von Rio und anderen brasilianischen Großstädten als „feindlichem Terrain für Menschen mit Behinderungen“ sprechen.

Denn es kritisiert auch niemand von den anderen Fahrgästen den abdrehenden Busfahrer, der angesichts der chaotischen Verkehrsdichte nicht auch noch zusätzlich Zeit verlieren will, indem er einer Mutter mit ihrem behinderten Kind das Einsteigen ermöglicht. Rollstuhlfahrer stoßen unablässig an Hindernisse, ganz viele öffentliche Orte sind für sie überhaupt nicht zu erreichen. Es fehlt an Rampen – oder auch an Orientierungshilfe für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen.

Das Team des Kindernothilfe-Partners ARIL aus Limeira, einer Stadt mit 280.000 Einwohnern, zwei Autostunden von São Paulo – der zweiten brasilianischen Megapolis – entfernt, kennt all diese Probleme seit Jahrzehnten. Wer sich in Brasilien auf das Engagement für die Rechte von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen einlässt, akzeptiert, ganz dicke Bretter bohren zu müssen. Im Fall von ARIL – das ist die Abkürzung für Associação de Rehabilitação Infantil Limeirense – begann dieser Kampf bereits 1963, als sich Mütter von behinderten Kindern zu einem Selbsthilfeverein zusammenschlossen. Seit 1974 werden sie von der Kindernothilfe unterstützt. Heute betreut die Organisation tagsüber 550 Kinder mit ganz unterschiedlichen körperlichen und intellektuellen Beeinträchtigungen aller Altersstufen – vom Säuglings- bis zum Berufsbildungsalter.

José wird von seinen Freunden bejubelt. Foto: Kindernothilfe

José wird von seinen Freunden bejubelt. Foto: Kindernothilfe

Wenn es tatsächlich so ist, dass in Brasilien die Paralympics bisher in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und die Negativschlagzeilen über das vorolympische Desaster alle intendierte Sympathiewerbung im Keim ersticken, müssen wir eben selbst eine Olympiade organisieren, sagten sich Mitarbeiter, Eltern, Kinder und Jugendliche in dem Zentrum. OlypiadARIL 2016 nennt sich ihr interdisziplinärer Event, der im August und September mit finanzieller Förderung durch Kindernothilfe Österreich stattfindet. Mehrere Wochen lang geht es bei Volleyball, Basketball, Fußball, Leichtathletik, Schwimmen und Judo um ganz viel Spaß, sportliche Leistungen und natürlich auch Medaillen und Aufmerksamkeit. Daneben beschäftigen sich die 550 Kinder und Jugendlichen aus dem Projekt auch künstlerisch und musikalisch mit Sport und Olympia – und dabei vor allem den Leistungen von behinderten Menschen, um am Ende mit einem großen öffentlichen Schlussevent  ihre OlympiadARIL voller Stolz den Familien, Freundinnen und Freunde, allen Nachbarn, der Öffentlichkeit – aber auch den politisch Verantwortlichen in Limeira zu präsentieren.  

„Unsere Medaillen“, schreibt das ARIL-Team auf seiner homepage, „sind mehr als das Zeichen für Siege, sie sind das Ergebnis von ganz viel Arbeit, die voller Liebe geleistet wird“. Wie die Weltöffentlichkeit nach dem Verlöschen des olympischen Feuers über das Milliarden-Spektakel in Rio urteilen wird, steht in den Sternen. Darauf, dass es bei der OlympiadARIL in Limeira am Ende nur Gewinnerinnen und Gewinner geben wird, können sich die 550 Kinder und Jugendlichen aus diesem engagierten Projekt hingegen schon jetzt felsenfest verlassen.

Zum Weiterlesen auf Portugiesich:    http://www.aril.com.br/blog    – sowie  http://br.kindernothilfe.org/Rubrik/Onde+trabalhamos/Am%C3%A9rica+Latina/Brasil/Um+pouco+de+inf%C3%A2ncia+para+crian%C3%A7as+portadoras+de+defici%C3%AAncias.html

 

„Der Hunger beeinträchtigt die Gesundheit der Kinder massiv“

Monatelange Dürre, nun gefolgt von Starkregenfällen haben in Honduras zu einer dramatischen Ernährungskrise geführt. Die hohen Ernteverluste verursachen einen starken Anstieg der Lebensmittelpreise: die Ernährungssituation vor allem der ärmsten Familien ist dramatisch. Judy Müller-Goldenstedt, Kindernothilfe-Referentin für Mittelamerika, macht sich derzeit in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa direkt ein Bild von der Hungerkrise – und erzählt im Interview von ihren Eindrücken.

Frau Müller-Goldenstedt, wo genau in Honduras sind Sie in den vergangenen Tagen mit den Folgen dieser humanitären Krise, unter der mehrere Hunderttausend Menschen leiden, in Berührung gekommen?

Judy Müller-Goldenstedt: Dr. Elmer Villeda, der Leiter des Kindernothilfe-Büros in Tegucigalpa, und ich waren im Departamento Valle, im Südwesten des Landes, unterwegs – und zwar in den Gemeinden Candelaria und El Trapiche, wo die Ernteausfälle wirklich verheerende Folgen hatten.

Wie muss man sich die Lage in den Gebieten konkret vorstellen?

Judy Müller-Goldenstedt: Das ist eine Landschaft, in der es tagsüber bis zu 50 Grad heiß wird. Bereits seit mehreren Jahren fällt hier immer weniger Regen – es kommt zu Ernteausfällen. Die Armut zwingt die Kleinbauernfamilien, den Baumbestand immer weiter abzuholzen, um Brennmaterial zum Kochen zu haben. Die Folgen sind dramatisch: Es gibt praktisch kaum mehr Schatten, um Felder und Böden vor der Sonne zu schützen. Die Erde heizt sich auf, alles trocknet aus, die Ernteerträge brechen ein.

Haben die Menschen denn keine Vorräte, um diese Trockenperiode zu überbrücken?

Judy Müller-Goldenstedt: Genau das ist das Problem: Nein, alle Vorräte sind aufgebraucht. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft in dieser Zone ist eigentlich darauf ausgerichtet, dass zweimal im Jahr gesät und geerntet werden kann. Aber die Maisernte im Mai fiel so katastrophal aus, dass einfach nichts übrig blieb. Und dann gibt dieses benachteiligende und problematische Pachtsystem, das den Kleinbauern keine Chance lässt: Die Großgrundbesitzer, denen das Land gehört, verlangen von den Bauern, den Pachtzins für die kleinen Parzellen im Voraus zu entrichten. Erst danach darf ausgesät werden. Und auch von der Ernte muss ein Teil der Maispflanzen an die Eigentümer abgeliefert werden. Wer die Pacht nicht bezahlen kann, weil die vorausgegangene Ernte so kümmerlich ausgefallen ist, verliert das Land und hat keine Möglichkeit mehr, eine neue Aussaat auszubringen. All diesen Familien bleibt dann nicht anderes übrig, als sich als Tagelöhner zu verdingen. Die Crux ist: Für die Meisten gibt es in dieser Situation überhaupt keine Arbeit mehr. Vor allem Jugendliche – aber auch immer mehr Kinder – machen sich in dieser verzweifelten Lage auf den Weg entweder in die großen Städte oder gleich in den Norden – und versuchen sich auf den gefährlichen Schlepperrouten irgendwie in die USA durchzuschlagen.

Gibt es irgendeine Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

Judy Müller-Goldenstedt: Das Nothilfe-Projekt, mit dem Kindernothilfe seit Mitte November drei ihrer honduranischen Partner unterstützt, will es den betroffenen Kleinbauernfamilien ermöglichen, die Wochen bis zum Jahresende durchzustehen – in Erwartung der dann hoffentlich etwas besser ausfallenden zweiten Ernte. Unser Partner Vecinos Honduras, der seit vielen Jahren in dieser Zone engagiert ist und Kleinbauernfamilien dabei berät, ihre Anbaumethoden zu diversifizieren – beispielsweise durch das Anpflanzen von Mango-Bäumen oder die Produktion von Früchten und verschiedenen Gemüsesorten – arbeitet aber auch intensiv mit den Gemeindeorganisationen, den sogenannten patronatos, daran, die Wasserversorgung zu verbessern.

Wie genau wird in die Wasserversorgung investiert?

Judy Müller-Goldenstedt: Wir haben bei unserem Besuch in den Dörfern gesehen, wie im Rahmen dieses Projektes von den mitwirkenden Familien die zum Teil bis zu 25 Jahre alten Gemeindebrunnen ausgebessert sowie Wasserstellen und Zisternen gesäubert und neu eingefasst werden. Es geht dabei auch immer um die Verbesserung der Qualität des zur Verfügung stehenden Trinkwassers. Die Lebensmittel-Unterstützung im Rahmen dieses Humanitäre-Hilfe-Projektes gibt es nur für die, die mit Hand anlegen. Vecinos Honduras verschenkt nicht einfach Nahrung, sondern motiviert die Familien, sich in eigener Sache zu organisieren: Wir haben Gruppen von Erwachsenen kennengelernt, die beispielsweise die Wege und Zufahrtsmöglichkeiten zu den Dörfern ausbessern, Gestrüpp zurückschneiden, um besser durch zu kommen – und so die Dürre-Hilfe-Kampagne zu unterstützen. Für alle, die hier mitarbeiten, gibt es Unterstützung.

Wie haben Sie die Situation der Kinder in Candelaria und El Trapiche erlebt?

Judy Müller-Goldenstedt: Der Hunger und die Mangelernährung – aber auch die gravierenden Probleme im Zusammenhang mit der Trinkwasserversorgung – beeinträchtigen die Gesundheit der Kinder massiv! Hinzu kommt, dass die meisten Hütten der Kleinbauernfamilien, die oft nur aus einem einzigen Raum mit Lehmboden bestehen, über keine Toiletten und Latrinen verfügen. Zum Austreten muss man hinters Haus in die Büsche. Diese Situation sorgt für hygienische Probleme, führt schnell zu gefährlichen Durchfallerkrankungen – und bildet eine latente Gefahr vor allem für die Kinder. Hinzu kamen in den zurückliegenden Wochen zahlreiche Infektionsfälle mit dem Chikungunya-Virus, das ja vor allem für Menschen mit einem ohnedies geschwächten Immunsystem gefährlich ist.

Und was ist mit dem honduranischen Staat? Ich welcher Form stehen Behörden und öffentliche Katastrophenschutz-Einrichtungen den Menschen in den Gemeinden, die Sie besucht haben, während dieser Krise bei?

Judy Müller-Goldenstedt: In Candelaria und El Trapiche ist bislang keinerlei Hilfe von einer staatlichen Institution eingetroffen. Teilweise wurde in einigen Städten Lebensmittel verteilt, aber die Kleinbauernfamilien auf dem Land, die die Unterstützung am dringendsten benötigen würden, gingen bislang völlig leer aus. Die Menschen registrieren das und fühlen sich von den Politikern und der öffentlichen Verwaltung völlig im Stich gelassen.

Die Kindernothilfe startete ihre Hilfskampagne für die von der Dürrekrise am meisten betroffenen Regionen in Honduras Mitte November. Wie schnell wird es möglich sein, erste Ergebnisse und Wirkungen zu belegen?

Judy Müller-Goldenstedt: Sehr schnell. Die Ausbesserung der Brunnen und Zisternen hat bereits begonnen – unter engagierter Beteiligung der Familien aus den Gemeinden. Das vor Ort mitzuerleben, war für uns bei dem Besuch in Candelaria und El Trapiche wirklich sehr beeindruckend. Und die Verteilung der Lebensmittelrationen, mit denen die Zeit bis zur Ernte am Jahresende überbrückt werden soll, ist ebenfalls schon im November angelaufen. Mir sagen die Leute immer wieder, wie dankbar sie der Kindernothilfe sind, dass wir so schnell und entschlossen reagiert haben. Uns allen ist natürlich klar, dass es eine solche Krise, die sich in einem Land abspielt, das ohnedies kaum in unseren Medien vorkommt, sehr schwer hat, die dringend notwendige internationale Aufmerksamkeit zu erreichen. Trotzdem müssen wir zusammen mit unseren honduranischen Partnern und den Familien aus Candelaria, El Trapiche und allen anderen betroffenen Gemeinden darum kämpfen, diese schweren Monate zu überstehen – und dürfen die Menschen, die für sich und ihre Kinder so dringend auf eine bessere Zukunft hoffen, nicht im Stich lassen.

Judy Müller-Goldenstedt ist die Mittelamerika-Referentin der Kindernothilfe.
Die Fragen stellte: Jürgen Schübelin, Referatsleiter für Südamerika.