Die Redakteure der Kindernothilfe Österreich berichten in diesem Blog regelmäßig über das aktuelle Geschehen bei der Kindernothilfe, Projektreisen sowie über Themen wie Patenschaft oder ehrenamtliches Engagement.

Hoffnung für Thalente

Fast 40 Prozent der Bewohner der südafrikanischen Region KwaZulu Natal sind HIV-positiv. Die Kindernothilfe setzt sich hier für den Kampf gegen Aids ein und hilft Kindern wie der 13-jährigen Thalente.

Foto: Manfred Fesl

Thalente lebt mit ihrem Vater, ihrer Großmutter und den vier Geschwistern in einer Baracke im südafrikanischen Township Cato Manor. Hier, zehn Kilometer entfernt vom Zentrum Durbans, wohnen rund 93.000 Menschen dicht an dicht in einfachen Hütten – die Hygienebedingungen sind unzureichend, Arbeitslosigkeit, Drogen und Gewalt gehören zum Alltag. Thalentes Mutter ist an Aids gestorben, ihr Vater ist todkrank. Die Kinder und die gebrechliche Großmutter sind auf sich alleine gestellt.

Kein Einzelschicksal für die Region KwaZulu Natal im Osten Südafrikas: Fast 40 Prozent der Menschen sind hier HIV-positiv, viele davon Kinder und Jugendliche. Täglich kommen neue HIV-positive Babys zur Welt, täglich bleiben Kinder durch den Tod beider Elternteile als Aidswaisen zurück. Das Thema müsste also allgegenwärtig sein. Doch das ist es nicht. Vielmehr ist die schwere Krankheit immer noch ein Tabu.

iThemba Lethu – „ich habe eine Bestimmung“

Hier setzt die Kindernothilfe gemeinsam mit der lokalen Hilfsorganisation iThemba Lethu, übersetzt „Ich habe eine Bestimmung“, an: In sechs Schulen des Townships Cato Manor wird intensive Aids-Aufklärung betrieben – mehr als 500 Schüler zwischen 10 und 15 Jahren erhalten zwei Stunden wöchentlich speziellen Unterricht. Die Themen: HIV/Aids, Beziehungen, Sexualität.

In einer dieser Schulen sitzt auch Thalente. Dicht gedrängt lauschen die 13-Jährigen den Worten der Sozialarbeiterin. Ihr geht es nicht darum, den Jugendlichen zu vermitteln, wie HIV/Aids übertragen wird und wie man sich davor schützt – denn das wissen die meisten ohnehin. Vielmehr geht es darum aufzuzeigen, wie man selbstverantwortlich lebt. Wie man sich selbst wertschätzt, seine Meinung vertritt, auch wenn andere Gleichaltrige vielleicht anderer Meinung sind, wie man seine Grenzen definiert und auch klar aufzeigt. Es geht um die Weitergabe von Werten. „Wir müssen den Kindern zeigen, dass sie – entgegen allem, was sie täglich erleben – eine Hoffnung und eine Zukunft haben“, betont Projektdirektorin Karen Brokensha. „Und wir vermitteln den Kindern, dass sie Einfluss auf ihr Leben haben. HIV wird nicht von Moskitos übertragen, man ist dem Virus nicht ausgeliefert.“

Nachmittags haben die Kinder in offenen Treffen die Möglichkeit, sich mit ihren Problemen und Fragen zur Sexualität persönlich an die Projektmitarbeiter zu wenden. „Seit vier Jahren bin ich Teil von iThemba Lethu“, erzählt Thalente. „Die Projektmitarbeiter sind immer für uns da, wenn wir etwas brauchen, sie sind wie unsere Eltern“, betont die 13-Jährige. Ihr Leben hat sich durch das Kindernothilfe-Projekt deutlich verändert. „Ich habe wieder Hoffnung. Ich bin, wer ich bin – durch iThemba Lethu.“

Architekturstudenten in Chile beschäftigen sich mit dem Kindernothilfe-Wiederaufbauprogramm für Schulen in Haiti

Playa Ancha, Chile (14. November 2017): Kindernothilfe Lateinamerika-Referatsleiter Jürgen Schübelin erzählte in einer Gastvorlesung anlässlich des 60. Jubiläums des Instituts für Architektur an der Universität von Valparaíso über die Erfahrungen mit dem Wiederaufbau bzw. Neubau der beim Erdbeben 2010 in Haiti zerstörten Schulen von KNH-Partnern.

Ungewöhnlicher Lehrstoff: „Humanitäre Krisen und Architektur“

Anhand der Kindernothilfe-Projekte in Haiti nach der großen Erdbebenkatastrophe 2010 beschäftigten sich die Architekturstudenten mit den unterschiedlichen Strategien, Prozesse, technischen und logistischen Herausforderungen bei der Neuerrichtung sehr großer Schulen wie etwa der École Saint-François de Sales in Rivière Froide bei Carrefour (1400 Kinder) oder dem Collège Véréna in Delmás (1600 Kinder) im Vergleich zu dem ganz anders organisierten Wiederaufbauprogramm für die sechs zerstörten Schulen in den extrem unzugänglichen Gebirgsdörfern südlich von Carrefour.

Der Wiederaufbau der Bergschule von Daveau wurde selbst zum Lernstoff für die Schüler. Foto: Jürgen Schübelin

Die engen Bezüge zu Chile waren von Anfang an ein besonderes Merkmal dieses anspruchsvollen Wiederaufbauprogramms gewesen: Mit dem jungen chilenischen Architekten Alvaro Arriagada aus Santiago de Chile hatte die Kindernothilfe einen engagierten Experten für erdbebensicheres Bauen gefunden. Er ließ sich mit viel Enthusiasmus auf den KNH-Ansatz ein, Kinder, Jugendliche, LehrerInnen und Eltern, aber auch die Menschen in den Communities rund um die jeweiligen Projekte, ganz intensiv in die Planungen und die Umsetzung der insgesamt 13 zwischen 2010 und 2016 realisierten Bauvorhaben einzubeziehen. Durch das Geologenteam der Universidad de Chile, das im Auftrag der Kindernothilfe die komplexen geomorphologischen Untersuchungen vornahm, die den Fundament-Ausschachtungen für die Saint-François de Sales-Schule der Kleinen Schwestern in Rivière Froide vorgeschaltet werden mussten, gab es dann auch noch einen zweiten professionellen Bezug in das Andenland.

Darüber hinaus wurden ein rechtsbasierter Arbeitsansatz, also die konsequente Einbeziehung und Mitwirkung der mit dem jeweiligen Projekt in Verbindung stehenden Menschen, und auch der Aspekt des inklusiven Bauens (der Berücksichtigung der Rechte von Kindern mit Behinderungen) besonders berücksichtigt. Gerade in Humanitären Krisen und Extremsituationen, wie nach dem verheerenden Erdbeben 2010 in Haiti, bei dem rund 316.000 Menschen ums Leben gekommen waren, aber auch bei Katastrophen, wie sie die Menschen in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas in den zurückliegenden Jahren in schneller Abfolge erlebt hatten, kommen diesen Prinzipien große Bedeutung bei.

Der bislang größte humanitäre Einsatz in der Geschichte der Kindernothilfe

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtete zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe die Großbaustelle (Oktober 2014). Foto: Jürgen Schübelin

Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen Euro in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince, sowie in das Lehrerfortbildungs- und das Selbsthilfe-Gruppen-Programm der Kindernothilfe in dem Karbikstaat. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet. Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase nach dem Erdbeben im Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschul-Traktes des Collège Véréna in Delmás.

Feedback der Studenten

In der anschließenden Diskussion forderten die Architekturstudenten, dass das bedingungslose (Menschen)-Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung noch viel pointierter und konsequenter in den internationalen Konventionen, die sich mit Regeln für Humanitäre Hilfe-Einsätze beschäftigen, herausgearbeitet werden müsste. Dann könnte entsprechend der Prinzipien des do-no-harm-Ansatzes gearbeitet werden, laut dem humanitäre Hilfe-Interventionen „keinen Schaden anrichten“ bzw. dank einer konfliktsensiblen Planung und Durchführung zumindest nicht zur Vergrößerung von entstandenen Problemen und Notsituationen beitragen sollen.

Für ihr eigenes Curriculum bei der Ausbildung zu Architektinnen und Architekten wünschten sich die Studierenden der Universidad de Valparaíso eine viel intensivere Beschäftigung mit all den Fragen rund um Architektur und Menschenrechte.

 

60 Jahre „La Victoria“ – ein emblematischer Ort feiert Jubiläum

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika der Kindernothilfe, zum Jubiläum von „La Victoria“ in Santiago de Chile.

Dieses Jubiläum hat auch mit Kindernothilfe und der Geschichte der KNH-Chile-Arbeit zu tun! Die emblematische Armenviertel-Siedlung „La Victoria“ an der Südperipherie des Stadtzentrums von Santiago de Chile in der heutigen Kommune Pedro Aguirre Cerda feierte am 30. Oktober ihren 60. Gründungstag.

Lateinmerika 2005 (Foto: Jürgen Schübelin)

La Victoria ist zusammen mit Agüita de la Perdíz in Concepción (wo Kindernothilfe  ebenfalls engagiert ist), die älteste Armenviertelsiedlung Lateinamerikas, die aus einer toma, einer organisierten Landbesetzung durch wohnungslose Familien, hervorgegangen ist. Im Morgengrauen des 30. Oktober 1957 hatten die ersten pobladores (wie man in Chile Armenviertelbewohner nennt), Brachland im Sektor Chacra de Fería mit ihren Zelten und mitgebrachten Habseligkeiten in Beschlag genommen und dort als Zeichen dafür, dass sie durch ihre Aktion vom Staat ihr Recht auf menschenwürdiges Wohnen einfordern, die chilenische Flagge gehisst.

Die pobladores von La Victoria gingen mit ihrem Engagement und ihrer von langer Hand vorbereiteten Landbesetzung in die sozialwissenschaftliche Literatur Lateinamerikas ein. Victor Jara, der unvergessene chilenische Liedermacher und vom Pinochet-Regime ermordete Kulturaktivist hat die Geschichte von La Victoria und den Überlebenskampf seiner Bewohner in seinen Liedern besungen. Während der Zeit der Diktatur (1973 – 1990) war dieser Ort immer auch ein geographisches und politisches Zentrum des Widerstands und der Versuche, zumindest auf lokaler Ebene demokratische Freiräume am Leben zu erhalten. Einer der Armenviertelpriester aus La Victoria, André Jarlán, bezahlte dieses Engagement mit seinem Leben. Er starb am 4. September 1984 bei einer Polizeiaktion in La Victoria durch eine – angeblich verirrte – Kugel aus der Dienstwaffe eines Carabiñero.

Seit Anfang der achtziger Jahre engagieren sich die Kindernothilfe und ihre chilenische Partnerorganisation, die Fundación ANIDE, in Kooperation mit der örtlichen katholischen Kirchengemeinde, um die Arbeit des gleichnamigen Kinder-, Jugend- und Stadtteilprojekt Nuestra Señora de la Victoria (Projektnummer 92010) zu ermöglichen. Heute ist dieses Zentrum mit seiner engagierten Arbeit einer der wichtigsten Orte in La Victoria, um der wachsenden Gewalt im Stadtteil entgegen zutreten.

Kindertagestätte La Victoria (Foto: Jürgen Schübelin)

In den zurückliegenden Jahren kamen zudem erhebliche neue Herausforderungen auf das traditionsreiche Armenviertel und seine Bewohner zu: An kaum einem anderen Ort in Santiago war der Zuzug von Familien aus Haiti, die nach dem Erdbeben vom Januar 2010 und im Gefolge der anhaltenden Hunger- und Politik-Krisen in den Karibikstaat Zuflucht in Chile gesucht haben, so groß wie in La Victoria. Die Aufnahme dieser Neu-Hinzugekommenen organisierten die Nachbarschaftsorganisationen und das Nuestra Señora de la Victoria-Projektteam in bewährter Manier: Unaufgeregt und mit viel Erfahrung beim Bohren dicker Bretter.

Sauberes Trinkwasser für Haiti

Im Dezember 2016 stellte das bayrische Unternehmen „Ujeta GmbH“ (www.ujeta.com) der Organisation Kindernothilfe Österreich zehn Stück neue Wasserfilter „UJETA CARE“ samt Ersatzfilter und Zubehör für den Einsatz auf Haiti zur Verfügung.

Um die Bedingungen vor Ort kennenzulernen und das Personal auf die Geräte einschulen zu können, machte sich Michael Astl (Vertrieb UJETA) persönlich auf den Weg in das vom Hurrikan „Matthew“ zerstörte Gebiet.

Michael Astl schildert die Erlebnisse und Eindrücke aus seiner Sicht:

Die Anreise nach Port-au-Prince, der Hauptstadt des Karibikstaates Haiti, mit einem Zwischenstopp in Miami verlief relativ problemlos.

Sobald man das Flugzeug in Port-au-Prince verlässt, wird man schlagartig in eine andere Welt katapultiert. Schon allein die Fahrt vom Flughafen ins Hotel gibt Aufschluss über die Zustände, die hier herrschen. Müllberge, so weit das Auge reicht; die Straßen bestehen teilweise nur aus tiefen Schlaglöchern, welche notdürftig mit Holzbrettern überbrückt werden. In den Straßengräben brennt Plastikmüll, was einen beißenden, giftigen Rauch durch die Straßen ziehen lässt, der zum Teil bereits in den frühen Morgenstunden den Himmel über der Stadt verdunkelt und einem das Atmen erschwert.

Auch in den Gesichtern der Menschen dieser Stadt, die zwei Millionen Einwohner hat, liest man eine beklemmende Mischung aus Hoffnungslosigkeit und Lethargie. Nicht nur die allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten des Landes sind dafür verantwortlich, sondern auch zahlreiche Naturkatastrophen – wie Erdbeben und tropische Stürme – lassen das Land und seine Bewohner nicht zur Ruhe kommen.

Der Hurrikan „Matthew“ im Oktober 2016 forderte neben über 1.000 Todesopfern auch zahlreiche Verletze und traf zudem die ohnehin spärlich vorhandene Infrastruktur des Landes empfindlich.

Meine erste Priorität vor Ort war es, dafür Sorge zu tragen, dass die Luftfrachtsendung mit den Wasserfiltern zeitgerecht eintrifft und verzollt wird.

Nach stundenlangem, teils verdrießlichem Schrift- und Telefonverkehr mit der Airline wurde die Luftfrachtsendung, die sich zu diesem Zeitpunkt im Umschlaghub am Miami Int. Airport befand, endlich auf das nächste Flugzeug gebucht und bestätigt.

Vier Tage später war die Sendung endlich eingetroffen, doch der Zoll weigerte sich zunächst recht hartnäckig, mit der Importverzollung der Wasserfilter zu beginnen.

Zum Glück hatte der Leiter der Organisation „AMURT“ (Partner der Kindernothilfe) vor Ort ausgezeichnete Kontakte zu einem einheimischen Transportunternehmen, welches die Sache beschleunigte. Mit viel Mühe gelang es uns, die Abwicklung von 21 auf zehn Tage zu verkürzen. Immer noch sprechen wir von nur einer Einwegpalette – die Uhren in diesem Land ticken halt anders. Trotz der Tatsache, dass die Wasserfilter als Hilfsgüter deklariert waren, mussten wir Zollabgaben entrichten.

Da meine Aufenthaltszeit in Haiti auf wenige Tage beschränkt war, wurde schnell klar, dass es keine Möglichkeit gab, alle zehn Filter eigenhändig zu verteilen.

Glücklicherweise hatte ich in meinem Reisegepäck einen „UJETA- CARE“-Wasserfilter als „Backup-Plan“ mitgebracht. Somit war es möglich, die Schulungen am Gerät direkt durchzuführen, ohne die eigentliche Lieferung abwarten zu müssen.

Inmitten all dieser Widrigkeiten gibt es Leute, die sich mit viel Engagement und Herzlichkeit den Menschen, allen voran den Kindern, diesem schwer gebeutelten Land widmen. Das Team der Kindernothilfe und der Partnerorganisation AMURT arbeiten Hand in Hand, um in den am schlimmsten getroffenen Gebieten im Nordwesten des Landes die Kinder aus dem Elend zu befreien.

In den Kinderschutzzentren der Kindernothilfe werden traumatisierte Kinder therapeutisch und spielerisch unterstützt, um die Erlebnisse während der Naturkatastrophen besser verarbeiten und bewältigen zu können.

Mir wurde das spezielle Privileg zuteil, eines dieser Kinderschutzzentren zu besuchen und die Arbeit der Kindernothilfe live mitzuerleben.

Die Reise in den Nordwesten des Landes erfolgte in einem Geländewagen, dauerte etwa sechs Stunden und war aufgrund der katastrophalen Straßenverhältnisse extrem holprig und anstrengend. Mich wundert noch heute, wie der Geländewagen diese Fahrt überhaupt überstehen konnte.

Das Dorf Coridon im Nordwesten von Haiti.

Dank unseres talentierten Fahrers „Patrick“ kamen wir sicher und unversehrt in der Personalunterkunft in der Nähe von Coridon an.

Die Personalunterkunft, in der wir übernachtet hatten, war sehr einfach, aber zweckmäßig eingerichtet. Am nächsten Tag ging es dann frisch ausgeruht weiter in ein kleines Dorf namens Coridon.

Im dortigen Kinderschutzzentrum wurde ich freudig empfangen und wir begannen sogleich mit der Einschulung am Wasserfilter „UJETA CARE“.

Die Betreuer waren sehr an dem Wasserfilter interessiert, sauberes Trinkwasser war für alle Anwesenden ein wichtiges Thema.

Interessiert und geschickt bauten sie den „CARE“ auseinander und wieder zusammen, pumpten Wasser durch und machten sich mit der Grundfunktion des Gerätes unter meiner Anleitung vertraut.

Die Betreuer waren sehr an dem Wasserfilter interessiert.

Sie stellten viele Fragen und notierten sich die Antworten samt eigener Zeichnungen penibel. Selten war es mir vergönnt, ein derart interessiertes Publikum zu informieren. Kein Wunder, was für uns in Mitteleuropa selbstverständlich ist, nämlich sauberes Trinkwasser jederzeit zur Verfügung zu haben, stellt die Menschen dort vor große Herausforderungen. Besonders für die Entwicklung der Kinder ist der Zugang zu sauberem Wasser von größter Bedeutung.

Der „UJETA CARE“ ist stabil gebaut und beinhaltet kompakt verstaut alle Filterelemente und Bedienungseinzelteile. Der 10-Liter-Schmutzwasserbehälter ist abnehmbar und eignet sich mit seinem Tragegriff auch zur direkten Wasserentnahme aus Flüssen, Bächen, Seen, Tümpeln – oder wo auch immer.

Bedient wird der „CARE“ mittels einer Handpumpe, die fast keine Kraftaufwendung erfordert und daher auch für Kinder gut geeignet ist.

In einer Minute kann man mit dem „CARE“ etwa drei Liter sauberes Trinkwasser erzeugen. In einer Gegend, in der Cholera nach wie vor an der Tagesordnung steht, ist der „CARE“ mit seiner optimal abgestimmten Filterwirkung ein zuverlässiger Partner. Die Filtration erfolgt mittels einer ausgeklügelten und zertifizierten Kombination aus Aktivkohle und Feinmembranen. Somit ist sichergestellt, dass Parasiten, Krankheitserreger, Schwermetalle und Chemierückstände aus dem Wasser entfernt werden.

Die Kinder setzen das Gelernte gleich in die Praxis um.

Nach der Einschulung der Betreuer im Umgang mit dem „CARE“ durften sich die Kinder an dem Gerät versuchen und hatten sichtlich Freude daran. Mit Tanz und Gesang begrüßten sie mich und den „CARE“ sehr herzlich.

Die Kinder ließen es sich nicht zweimal sagen und begannen sofort Wasser aufzubereiten und zu trinken.

Sie genossen das wohlschmeckende, frische Wasser sichtlich und das Lachen in den Gesichtern der Kinder erfüllte auch mein Herz mit Freude und Stolz!

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Kindernothilfe in Haiti oder auch bei anderen Projekten weiterhin zu unterstützen und freuen uns auf eine Zusammenarbeit im Sinne der Menschen.

Im Auge des Hurrikans: Port-à-Piment

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika der Kindernothilfe, berichtet aus Haiti.

Zerstörtes Fischerboot. Foto: Jürgen Schübelin

Zerstörtes Fischerboot. Foto: Jürgen Schübelin

Port-à-Piment (14.10.2016) „Mat(thäus) 4.10“ (Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen) und „Sèl Jezi“ (Nur Jesus) hatte der Fischer auf sein Boot geschrieben, das jetzt zerstört am Strand liegt. Er und seine Familie überlebten die apokalyptische Nacht vom 3. auf den 4. Oktober nur, weil sie auf den inständigen Rat ihres Schwagers hörten, der von Port-au-Prince aus per Handy unablässig gefordert hatte, sich in Sicherheit zu bringen. Am Ende retteten die Mauerreste einer vom Hurrikan Matthew schwer beschädigten Kirche den Menschen aus den Fischerhütten am Strand der Ortschaft Torbeck das Leben. „Wir haben die ganze Nacht gezittert und geweint“, sagt Noela (11), „alle dachten wir, dass wir jetzt sterben müssten. Die Nacht, der Sturm und der Regen hörten einfach nicht mehr auf.“

Als es am 4. Oktober endlich dämmerte, war von ihrer Welt und ihrem alten Leben nichts mehr übrig. Keine der Fischerhütten stand mehr, kein Baum, kein Haustier, kein Vogel hatte überlebt, die Boote am Strand zerschellt. Seit 1964 wurden die Menschen in Haiti nicht mehr von einem derart verheerenden Wirbelsturm heimgesucht.

Ein Bild der Zerstörung. Foto: Jürgen Schübelin

Ein Bild der Zerstörung. Foto: Jürgen Schübelin

Port-à-Piment – an der Südküste der Tiburon-Halbinsel – ist zusammen mit der etwas weiter nördlich gelegenen Stadt Jérémie so etwas wie das Epizentrum dieser Katastrophe. Über Port-à-Piment zog das Auge des Hurrikans mit quälend langsamen sieben Stundenkilometern. Hier verwüstete Matthew 90 Prozent aller Häuser und Hütten, die Schulen, den Friedhof und die Kirchen. Meterhohe Brecher zerfetzten regelrecht die Gebäude, die am nächsten am Strand standen. Als die Menschen in die etwas höher gelegene Baptisten-Kirche fliehen wollten, hatte die bereits kein Dach mehr. Pastor Joseph holte so viele völlig durchnässte und verängstigte Menschen wie sein Haus fassen konnte, zu sich herein: „Wir kauerten alle auf dem Boden, fassten uns an den Händen und beteten. Dabei regnete es unablässig. Der Regen kam nicht von oben, sondern mit dem Sturm vom Meer. Und er war salzig.“

Kinder

Foto: Jürgen Schübelin

Noch gibt es keine Klarheit darüber, wie viele Menschen bei dieser Katastrophe ums Leben kamen. Haitis Übergangsregierung versucht, die Zahlen möglichst niedrig zu halten, spricht von 450 Opfern. Unabhängige Journalisten, die alle Bürgermeister des Landes telefonisch befragt haben, kommen – ähnlich wie verschiedene UN-Organisationen – auf deutlich über 1000 Tote. Keinen Dissens gibt es indes darüber, dass an der Südküste des Landes mindestens 30.000 Häuser und Hütten zerstört wurden – und insgesamt mehr als 1,4 Millionen Menschen von den Folgen des Wirbelsturms betroffen sind.

Port-à-Piment war auch vor dieser entsetzlichen Hurrikan-Nacht immer schon ein bescheidener Ort gewesen, mit kleinen, im kreolischen Stil gebauten Häusern mit bunten Holztüren, zwei Kirchen, vielen Bäumen und einem wunderschönen, palmen-gesäumten Strand. Alles in Allem zählte die Stadt 35.000 Einwohner. Die Menschen lebten vom Fischfang, Landwirtschaft und ein bisschen Handwerk. Von all dem ist nichts übriggeblieben. Oder fast nichts.

Brasilien: Olympic Catastrophe und die Menschen mit Behinderungen

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika der Kindernothilfe e.V. in Deutschland.

José mit der Olympischen Fackel. Foto: Kindernothilfe

José mit der Olympischen Fackel. Foto: Kindernothilfe

Für José war es der größte Tag in seinem bisherigen Leben: Unter dem Jubel der Menschen auf der Straße, angefeuert von seiner Familie, seinen Schulkameraden und allen seinen Freunden trug der mehrfach behinderte Junge die Fackel mit dem olympischen Feuer durch seine Heimatstadt Gravatá. Für die lange Reise der Flamme aus dem griechischen Olympia bis zur Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele am 5. August im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro haben die Organisatoren mehrere Zwischenabschnitte in verschiedenen Städten eingeplant – eine davon in Gravatá – einer Kleinstadt mit 80.000 Einwohnern im Hinterland des nordostbrasilianischen Bundesstaates Pernambuco. Und hier kam José, 19 Jahre alt und begeisterter Sportler, ins Spiel. Seit vielen Jahren gehört der Junge zu den 180 Kindern und Jugendlichen, die in dem seit 1995 von Kindernothilfe unterstützten und von den Eltern behinderter Kinder als Selbsthilfezentrum gegründeten SERC-Projekt (Serviço de Estimulação e Rehabilitação da Criança) gefördert werden.  

Für das SERC-Team bedeutet die Geste, dass „ihr“ José, der sich seinen Platz im Leben mit jahrelangen Kraftanstrengungen – und dem Beistand vor allem seiner Familie, aber auch der engagierten Therapeuten aus dem Projekt – so mühsam hatte erkämpfen müssen, als Träger des Olympischen Feuers ausgewählt wurde, auch einen ganz wichtigen politischen Erfolg: „Jahrzehntelang war es in diesem Land unendlich schwierig“, sagt Catharina Freire, Sozialarbeiterin bei SERC, „dass Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Öffentlichkeit angemessen wahrgenommen werden – und ihr Recht auf Respekt und Teilhabe akzeptiert wird.“ Auch für José, den Träger des Olympischen Feuers, war das nicht anders. Für ihn, so sagt es der Junge selbst, sei diese Fackelträger-Ehre, „eine große Anerkennung und Genugtuung“ , auch, weil er als Kind viel zu oft hatte erleben müssen, wegen seiner Behinderung von Schulkameraden – aber auch immer wieder von Erwachsenen – verlacht, diskriminiert und gemoppt zu werden.

An starken, emotionalen Gesten, wie der Entscheidung, diesem sympathischen Jungen aus der Provinzstadt Gravatá das Olympische Feuer für einen Teil seiner Wegstrecke anzuvertrauen, fehlt es in Brasilien nicht – auch nicht an guten, modernen Gesetzen zur Förderung der Inklusion und Teilhabe von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderungen. Das Problem liegt – wie ganz oft in Lateinamerika – an den Abgründen, die sich zwischen Gesetzestexten und dem tagtäglichem Erleben auftun.

Rio de Janeiro ist vom 5. bis 21. August nicht nur der Austragungsort der 31. Olympischen Sommerspiele – sondern drei Wochen später – vom 7. bis 18. September – auch der Paralympics – mit Tausenden von Behindertensportlern aus der ganzen Welt. Haben es schon die Olympischen Spiele angesichts der desaströsen wirtschaftlichen Lage im Land und die schwersten politischen Krise, die Brasilien im Gefolge des mit  Populismus, Theatralik und aufgeheiztem Pathos durchgezogenen, vorläufigen Amtsenthebungsverfahren gegen die gewählte Präsidentin Dilma Rousseff durchlebt, extrem schwer, Interesse und Begeisterung bei den Menschen der Zwölf-Millionenstadt zu wecken, sieht es für die anschließenden Spiele der Menschen mit Behinderungen noch viel bescheidener aus.

Olympic Catastrophe – olympische Katastrophe – überschreibt die New York Times am 2. Juli eine Reportage über die Zustände in Rio – wenige Wochen vor Beginn der Spiele – nachdem die Staatsregierung den allgemeinen öffentlichen Notstand erklären musste, um noch einmal eine Last Minute-Überweisung in Höhe von 780 Millionen Euro von der Bundesregierung in Brasilia zu erhalten. Die Stadt und der gleichnamige Bundestaat ächzen unter der Last, die ihnen mit der Austragung der Spiele aufgebürdet wurde. Krankenhäusern – vor allen an der Peripherie, dort, wo die Armen leben – fehlen Medikamente, einige Zentren mussten den Betrieb ganz einstellen. Seit 100 Tagen streiken an einem Teil der öffentlichen Schulen die Lehrer, der Unterricht fällt aus. Pensionszahlungen an ehemalige Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung konnten nicht überwiesen werden und, so berichten brasilianische Zeitungen, 111.000 Familien aus Rio, überwiegend favela-Bewohnern, wurde die staatliche Sozialhilfe gestrichen.

Komplettiert wird das Bild durch die Zuspitzung der Gewaltprobleme vor allem an den Rändern der Stadt: Seit Jahresbeginn starben 43 Polizisten bei bewaffneten Auseinandersetzungen mit Kriminellen. Die Polizei von Rio ihrerseits tötete in diesem Zeitraum 238 Menschen – darunter auch nachweislich nicht mit Straftaten in Verbindung stehende Personen. Die Vereinten Nationen haben ihre tiefe Besorgnis über die Verschlechterung der Menschenrechtssituation in den favelas von Rio und vor allem den Anstieg der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zum Ausdruck gebracht. 85.000 Polizisten und Militärs werden jetzt zusätzlich mobilisiert, um die Olympischen Spiele und ihre erhofften 500.000 Besucher aus aller Welt zu schützen. Für dieses Mehr an Sicherheit rund um die Sportstätten und im Zentrum der Stadt müssen jedoch die Polizeiposten an der Peripherie ausgedünnt werden.

Weitergabe des Olympischen Feuers. Foto: Kindernothilfe

Weitergabe des Olympischen Feuers. Foto: Kindernothilfe

Im Schatten all dieser schlechten Nachrichten sind die Weltspiele der Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen noch weiter ins Hintertreffen geraten. Dabei sollte von den Paralympics ja gerade ein öffentlichkeitswirksames Signal ausgehen, um auf die Lebensleistung von Menschen mit Behinderungen – aber eben auch auf die Notwendigkeit des unermüdlichen Engagements für ihre Rechte – aufmerksam zu machen. 45,6 Millionen Personen haben bei der letzten landesweiten Volkszählung 2010 in Brasilien angegeben, mit einer Behinderung zu leben – die allermeisten von ihnen in Armut. Behinderung, sagen Armutsforscher in Lateinamerika, ist sowohl Ursache als auch Konsequenz von Armut. 82 Prozent aller Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen auf dem Subkontinent sind gleichzeitig arm oder extrem arm.

Der Enthusiasmus der politisch Verantwortlichen und wirtschaftlichen Eliten,  ausgerechnet diesen Personen und ihren Bedürfnissen Priorität einzuräumen und entsprechend Ressourcen zur Verfügung zu stellen, hält sich sehr in Grenzen. Obwohl die einschlägigen Gesetze und die internationalen Vereinbarungen, die die brasilianische Regierung unterzeichnet und das Parlament in Brasilia ratifiziert haben, in Sachen Inklusion eine klare Sprache sprechen, sind bis zum heutigen Tag lediglich 4,5 Prozent aller öffentlichen Schulen in dem größten und mächtigsten Land Lateinamerikas komplett behindertengerecht ausgestattet.

Aber es sind nicht nur die politisch Verantwortlichen und die Eliten, die Menschen mit Behinderungen ausgrenzen. Wer einmal miterlebt hat, wie es sich aus der Nähe anfühlt, wenn eine Mutter mit ihrer Tochter im Rollstuhl an einer Bushaltestelle einfach stehen gelassen wird, ein Busfahrer nach dem anderen abdreht, sobald er sie entdeckt , weil es zu viel Stress und Aufwand bedeutet, der Frau und ihrem Kind in das „öffentliche“ Verkehrsmittel zu verhelfen, kann nachvollziehen, warum Inklusionsexperten von Rio und anderen brasilianischen Großstädten als „feindlichem Terrain für Menschen mit Behinderungen“ sprechen.

Denn es kritisiert auch niemand von den anderen Fahrgästen den abdrehenden Busfahrer, der angesichts der chaotischen Verkehrsdichte nicht auch noch zusätzlich Zeit verlieren will, indem er einer Mutter mit ihrem behinderten Kind das Einsteigen ermöglicht. Rollstuhlfahrer stoßen unablässig an Hindernisse, ganz viele öffentliche Orte sind für sie überhaupt nicht zu erreichen. Es fehlt an Rampen – oder auch an Orientierungshilfe für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen.

Das Team des Kindernothilfe-Partners ARIL aus Limeira, einer Stadt mit 280.000 Einwohnern, zwei Autostunden von São Paulo – der zweiten brasilianischen Megapolis – entfernt, kennt all diese Probleme seit Jahrzehnten. Wer sich in Brasilien auf das Engagement für die Rechte von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen einlässt, akzeptiert, ganz dicke Bretter bohren zu müssen. Im Fall von ARIL – das ist die Abkürzung für Associação de Rehabilitação Infantil Limeirense – begann dieser Kampf bereits 1963, als sich Mütter von behinderten Kindern zu einem Selbsthilfeverein zusammenschlossen. Seit 1974 werden sie von der Kindernothilfe unterstützt. Heute betreut die Organisation tagsüber 550 Kinder mit ganz unterschiedlichen körperlichen und intellektuellen Beeinträchtigungen aller Altersstufen – vom Säuglings- bis zum Berufsbildungsalter.

José wird von seinen Freunden bejubelt. Foto: Kindernothilfe

José wird von seinen Freunden bejubelt. Foto: Kindernothilfe

Wenn es tatsächlich so ist, dass in Brasilien die Paralympics bisher in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und die Negativschlagzeilen über das vorolympische Desaster alle intendierte Sympathiewerbung im Keim ersticken, müssen wir eben selbst eine Olympiade organisieren, sagten sich Mitarbeiter, Eltern, Kinder und Jugendliche in dem Zentrum. OlypiadARIL 2016 nennt sich ihr interdisziplinärer Event, der im August und September mit finanzieller Förderung durch Kindernothilfe Österreich stattfindet. Mehrere Wochen lang geht es bei Volleyball, Basketball, Fußball, Leichtathletik, Schwimmen und Judo um ganz viel Spaß, sportliche Leistungen und natürlich auch Medaillen und Aufmerksamkeit. Daneben beschäftigen sich die 550 Kinder und Jugendlichen aus dem Projekt auch künstlerisch und musikalisch mit Sport und Olympia – und dabei vor allem den Leistungen von behinderten Menschen, um am Ende mit einem großen öffentlichen Schlussevent  ihre OlympiadARIL voller Stolz den Familien, Freundinnen und Freunde, allen Nachbarn, der Öffentlichkeit – aber auch den politisch Verantwortlichen in Limeira zu präsentieren.  

„Unsere Medaillen“, schreibt das ARIL-Team auf seiner homepage, „sind mehr als das Zeichen für Siege, sie sind das Ergebnis von ganz viel Arbeit, die voller Liebe geleistet wird“. Wie die Weltöffentlichkeit nach dem Verlöschen des olympischen Feuers über das Milliarden-Spektakel in Rio urteilen wird, steht in den Sternen. Darauf, dass es bei der OlympiadARIL in Limeira am Ende nur Gewinnerinnen und Gewinner geben wird, können sich die 550 Kinder und Jugendlichen aus diesem engagierten Projekt hingegen schon jetzt felsenfest verlassen.

Zum Weiterlesen auf Portugiesich:    http://www.aril.com.br/blog    – sowie  http://br.kindernothilfe.org/Rubrik/Onde+trabalhamos/Am%C3%A9rica+Latina/Brasil/Um+pouco+de+inf%C3%A2ncia+para+crian%C3%A7as+portadoras+de+defici%C3%AAncias.html

 

„Der Hunger beeinträchtigt die Gesundheit der Kinder massiv“

Monatelange Dürre, nun gefolgt von Starkregenfällen haben in Honduras zu einer dramatischen Ernährungskrise geführt. Die hohen Ernteverluste verursachen einen starken Anstieg der Lebensmittelpreise: die Ernährungssituation vor allem der ärmsten Familien ist dramatisch. Judy Müller-Goldenstedt, Kindernothilfe-Referentin für Mittelamerika, macht sich derzeit in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa direkt ein Bild von der Hungerkrise – und erzählt im Interview von ihren Eindrücken.

Frau Müller-Goldenstedt, wo genau in Honduras sind Sie in den vergangenen Tagen mit den Folgen dieser humanitären Krise, unter der mehrere Hunderttausend Menschen leiden, in Berührung gekommen?

Judy Müller-Goldenstedt: Dr. Elmer Villeda, der Leiter des Kindernothilfe-Büros in Tegucigalpa, und ich waren im Departamento Valle, im Südwesten des Landes, unterwegs – und zwar in den Gemeinden Candelaria und El Trapiche, wo die Ernteausfälle wirklich verheerende Folgen hatten.

Wie muss man sich die Lage in den Gebieten konkret vorstellen?

Judy Müller-Goldenstedt: Das ist eine Landschaft, in der es tagsüber bis zu 50 Grad heiß wird. Bereits seit mehreren Jahren fällt hier immer weniger Regen – es kommt zu Ernteausfällen. Die Armut zwingt die Kleinbauernfamilien, den Baumbestand immer weiter abzuholzen, um Brennmaterial zum Kochen zu haben. Die Folgen sind dramatisch: Es gibt praktisch kaum mehr Schatten, um Felder und Böden vor der Sonne zu schützen. Die Erde heizt sich auf, alles trocknet aus, die Ernteerträge brechen ein.

Haben die Menschen denn keine Vorräte, um diese Trockenperiode zu überbrücken?

Judy Müller-Goldenstedt: Genau das ist das Problem: Nein, alle Vorräte sind aufgebraucht. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft in dieser Zone ist eigentlich darauf ausgerichtet, dass zweimal im Jahr gesät und geerntet werden kann. Aber die Maisernte im Mai fiel so katastrophal aus, dass einfach nichts übrig blieb. Und dann gibt dieses benachteiligende und problematische Pachtsystem, das den Kleinbauern keine Chance lässt: Die Großgrundbesitzer, denen das Land gehört, verlangen von den Bauern, den Pachtzins für die kleinen Parzellen im Voraus zu entrichten. Erst danach darf ausgesät werden. Und auch von der Ernte muss ein Teil der Maispflanzen an die Eigentümer abgeliefert werden. Wer die Pacht nicht bezahlen kann, weil die vorausgegangene Ernte so kümmerlich ausgefallen ist, verliert das Land und hat keine Möglichkeit mehr, eine neue Aussaat auszubringen. All diesen Familien bleibt dann nicht anderes übrig, als sich als Tagelöhner zu verdingen. Die Crux ist: Für die Meisten gibt es in dieser Situation überhaupt keine Arbeit mehr. Vor allem Jugendliche – aber auch immer mehr Kinder – machen sich in dieser verzweifelten Lage auf den Weg entweder in die großen Städte oder gleich in den Norden – und versuchen sich auf den gefährlichen Schlepperrouten irgendwie in die USA durchzuschlagen.

Gibt es irgendeine Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

Judy Müller-Goldenstedt: Das Nothilfe-Projekt, mit dem Kindernothilfe seit Mitte November drei ihrer honduranischen Partner unterstützt, will es den betroffenen Kleinbauernfamilien ermöglichen, die Wochen bis zum Jahresende durchzustehen – in Erwartung der dann hoffentlich etwas besser ausfallenden zweiten Ernte. Unser Partner Vecinos Honduras, der seit vielen Jahren in dieser Zone engagiert ist und Kleinbauernfamilien dabei berät, ihre Anbaumethoden zu diversifizieren – beispielsweise durch das Anpflanzen von Mango-Bäumen oder die Produktion von Früchten und verschiedenen Gemüsesorten – arbeitet aber auch intensiv mit den Gemeindeorganisationen, den sogenannten patronatos, daran, die Wasserversorgung zu verbessern.

Wie genau wird in die Wasserversorgung investiert?

Judy Müller-Goldenstedt: Wir haben bei unserem Besuch in den Dörfern gesehen, wie im Rahmen dieses Projektes von den mitwirkenden Familien die zum Teil bis zu 25 Jahre alten Gemeindebrunnen ausgebessert sowie Wasserstellen und Zisternen gesäubert und neu eingefasst werden. Es geht dabei auch immer um die Verbesserung der Qualität des zur Verfügung stehenden Trinkwassers. Die Lebensmittel-Unterstützung im Rahmen dieses Humanitäre-Hilfe-Projektes gibt es nur für die, die mit Hand anlegen. Vecinos Honduras verschenkt nicht einfach Nahrung, sondern motiviert die Familien, sich in eigener Sache zu organisieren: Wir haben Gruppen von Erwachsenen kennengelernt, die beispielsweise die Wege und Zufahrtsmöglichkeiten zu den Dörfern ausbessern, Gestrüpp zurückschneiden, um besser durch zu kommen – und so die Dürre-Hilfe-Kampagne zu unterstützen. Für alle, die hier mitarbeiten, gibt es Unterstützung.

Wie haben Sie die Situation der Kinder in Candelaria und El Trapiche erlebt?

Judy Müller-Goldenstedt: Der Hunger und die Mangelernährung – aber auch die gravierenden Probleme im Zusammenhang mit der Trinkwasserversorgung – beeinträchtigen die Gesundheit der Kinder massiv! Hinzu kommt, dass die meisten Hütten der Kleinbauernfamilien, die oft nur aus einem einzigen Raum mit Lehmboden bestehen, über keine Toiletten und Latrinen verfügen. Zum Austreten muss man hinters Haus in die Büsche. Diese Situation sorgt für hygienische Probleme, führt schnell zu gefährlichen Durchfallerkrankungen – und bildet eine latente Gefahr vor allem für die Kinder. Hinzu kamen in den zurückliegenden Wochen zahlreiche Infektionsfälle mit dem Chikungunya-Virus, das ja vor allem für Menschen mit einem ohnedies geschwächten Immunsystem gefährlich ist.

Und was ist mit dem honduranischen Staat? Ich welcher Form stehen Behörden und öffentliche Katastrophenschutz-Einrichtungen den Menschen in den Gemeinden, die Sie besucht haben, während dieser Krise bei?

Judy Müller-Goldenstedt: In Candelaria und El Trapiche ist bislang keinerlei Hilfe von einer staatlichen Institution eingetroffen. Teilweise wurde in einigen Städten Lebensmittel verteilt, aber die Kleinbauernfamilien auf dem Land, die die Unterstützung am dringendsten benötigen würden, gingen bislang völlig leer aus. Die Menschen registrieren das und fühlen sich von den Politikern und der öffentlichen Verwaltung völlig im Stich gelassen.

Die Kindernothilfe startete ihre Hilfskampagne für die von der Dürrekrise am meisten betroffenen Regionen in Honduras Mitte November. Wie schnell wird es möglich sein, erste Ergebnisse und Wirkungen zu belegen?

Judy Müller-Goldenstedt: Sehr schnell. Die Ausbesserung der Brunnen und Zisternen hat bereits begonnen – unter engagierter Beteiligung der Familien aus den Gemeinden. Das vor Ort mitzuerleben, war für uns bei dem Besuch in Candelaria und El Trapiche wirklich sehr beeindruckend. Und die Verteilung der Lebensmittelrationen, mit denen die Zeit bis zur Ernte am Jahresende überbrückt werden soll, ist ebenfalls schon im November angelaufen. Mir sagen die Leute immer wieder, wie dankbar sie der Kindernothilfe sind, dass wir so schnell und entschlossen reagiert haben. Uns allen ist natürlich klar, dass es eine solche Krise, die sich in einem Land abspielt, das ohnedies kaum in unseren Medien vorkommt, sehr schwer hat, die dringend notwendige internationale Aufmerksamkeit zu erreichen. Trotzdem müssen wir zusammen mit unseren honduranischen Partnern und den Familien aus Candelaria, El Trapiche und allen anderen betroffenen Gemeinden darum kämpfen, diese schweren Monate zu überstehen – und dürfen die Menschen, die für sich und ihre Kinder so dringend auf eine bessere Zukunft hoffen, nicht im Stich lassen.

Judy Müller-Goldenstedt ist die Mittelamerika-Referentin der Kindernothilfe.
Die Fragen stellte: Jürgen Schübelin, Referatsleiter für Südamerika.

2 Wochen, 10 Projekte: Vor Ort in Kindertagesstätten in Chile

Kindernothilfe Mitarbeiterin Katharina Schabasser mit Kindern in einem Gemeindezentrum in Chile. Foto: Jürgen Schübelin

Kindernothilfe Mitarbeiterin Katharina Schabasser mit Kindern in einem Gemeindezentrum in Chile. Foto: Schübelin

Zwei Wochen waren wir nun in Chile unterwegs: Insgesamt haben wir – Jürgen Schübelin (Kindernothilfe Deutschland), Claudia Vera, Jose Horacio Wood (beides Mitarbeiter vom Kindernothilfe-Projektpartner ANIDE) und ich – zehn Projekte besucht. Bei jedem Besuch war ich von der professionellen und engagierten Arbeit, die für die Kinder und Jugendlichen geleistet wird, beeindruckt. Ich möchte in diesem Beitrag über die Arbeit der von uns besuchten Gemeindezentren, die auch als Kindertagesstätten genutzt werden, berichten.

Text von Katharina Schabasser, Paten- und Spendenbetreuung Kindernothilfe Österreich

Kinder in der Kindertagestätte

Im Gemeindezentrum werden die Kleinen liebevoll betreut. Foto: Schübelin

Orte voller Freude inmitten der Armut

In den Gemeindezentren erhalten die Kleinsten wichtige frühkindliche Förderung und liebevolle Betreuung. In kleinen Gruppen wird gespielt, gesungen und herumgetobt. Gesunde Mahlzeiten ergänzen die Betreuung und ermöglichen den Kindern eine gute Entwicklung.

Am auffälligsten ist, dass sich die Gemeindezentren von der umliegenden Umgebung und den Häusern der Familien recht deutlich unterscheiden: Die Räume sind hell, freundlich und bunt gestaltet. Die Betreuerinnen achten auf einen respektvollen, herzlichen Umgang mit den Buben und Mädchen. Auch die älteren Kinder kommen nach der Schule zur Nachmittagsbetreuung. Gemeinsam werden die Hausübungen erledigt, sie bekommen Hilfe bei Lernschwierigkeiten oder können auch einfach nur spielen oder lesen.

In einigen Gemeindezentren gibt es auch Computerräume, in denen tagsüber die älteren Kinder Informatikkurse besuchen können und abends dann ihre Eltern kommen, um ebenfalls zu lernen, wie man mit dem Computer umgeht.

Gesunde Ernährung für die Kinder. Foto: Jürgen Schübelin

Gesunde Mahlzeiten für die Kinder – und das jeden Tag. Foto: Schübelin

Erleichterung für die Eltern
Immer wieder höre ich berührende Geschichten von den anwesenden Müttern und Vätern. Sie sind so froh, dass ihre Kinder hier gut umsorgt werden – so können sie beruhigt zur Arbeit gehen.

Für viele Mütter sind die Gemeindezentren wichtige Treffpunkte – sie helfen mit, wo sie nur können. Die ProjektmitarbeiterInnen beraten die Eltern, wenn sie Rat in Erziehungsfragen benötigen. Im Gespräch mit den Eltern höre ich immer wieder von positiven Veränderungen, die durch einen liebevollen, gewaltfreien Umgang im Projekt auch in den Familien Einzug halten.

Der Großteil der Kinder muss ohne ihre Väter aufwachsen, in einigen Regionen sind 80 Prozent der Frauen alleinerziehend. Sie arbeiten von früh bis spät, um sich und ihre Kinder über Wasser zu halten. Staatliche Leistungen sind in Chile auf ein Minimum reduziert. Jeder ist seines Glückes Schmied, doch für die Kinder in den Armenvierteln geht es kaum aufwärts – schlechte Bildungsstandards an den öffentlichen Schulen und extrem teure (Universitäts-)Ausbildungen verhindern den sozialen Aufstieg.

Die älteren Kinder werden bei Hausaufgaben und beim Lernen unterstützt. Foto: Schabasser

Die älteren Kinder werden bei Hausaufgaben und beim Lernen unterstützt. Foto: Schabasser

Ohne Hilfe sind besondes ältere Kinder gefährdet

Die älteren Kinder tragen allzu oft die Verantwortung für die Betreuung ihrer jüngeren Geschwister, bis die Eltern spätabends von der Arbeit kommen. Die Schul- vorbereitungen kommen dann natürlich zu kurz.

Die Nachmittagsbetreuung in den Zentren entlastet somit auch die älteren Geschwister und bietet ihnen Unterstützung beim Abschluss der Schulausbildung.

Spielerisches Lernen macht Freude. Foto: Schabasser

Spielerisches Lernen macht Freude. Foto: Schabasser

Würden die Kinder nicht nachmittags in den Zentren betreut werden, müssten sie entweder alleine zu Hause sein oder wären auf den Straßen der Wohnviertel unterwegs. Eine schlechte Alternative, denn Drogenhandel und bewaffnete Konflikte machen die Straße zu einem gefährlichen Ort.

Gesundes Essen aus eigenem Anbau
In den Gemeindezentren gibt es die Möglichkeit, in kleinen Gärten eigenes Gemüse anzubauen – etwas ganz Neues für viele Kinder, denn in den kleinen Häuschen, in denen sie auf engstem Raum wohnen, gibt es keinen Garten. Auch Grünflächen sind rar in den Poblaciones genannten Armenvierteln.

Einfach Kind sein und sich keine Sorgen machen, das genießen die Kinder im Gemeindezentrum. Foto: Schabasser

Einfach Kind sein und sich keine Sorgen machen müssen, das genießen die Kinder im Gemeindezentrum besonders. Foto: Schabasser

Besondere Lichtblicke für die Kinder sind Ausflüge in Museen, ins Schwimmbad oder in den Park. So wollen die ProjektmitarbeiterInnen den Kindern auch die Welt außerhalb ihres gewohnten Umfeldes zeigen.

Immer präsent ist auch das Thema Kinderrechte, denn jedes Kind hat das Recht auf Schutz vor Gewalt, auf Bildung und Betreuung, gesunde Nahrung und auf Mitsprache. Die Kinderrechte werden den Buben und Mädchen kindgerecht näher gebracht. Sie sollen wissen, dass es zum Beispiel nicht in Ordnung ist, wenn ein Lehrer oder ein Familienmitglied sie schlägt. Die Kinder lernen, wem sie sich anvertrauen können, falls ihre Rechte bedroht sind. So gelingt es auch im Alltag, die Kinder besser zu schützen.

Besuchte Projekte: Belen El Cobre 92014, Hermanos en Cristo 92025, Agüita de la Perdiz 92040, La Victoria 92010 und La Caleta 92053.

In meinem nächsten Beitrag werde ich mehr von der Arbeit für Buben und Mädchen, die arbeiten müssen, berichten.

Bis dahin – Katharina

Mehr erfahren über die Arbeit der Kindernothilfe

Chile: Auf den verbrannten Hügeln von Valparaíso

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika der Kindernothilfe e.V. in Deutschland, zurzeit Santiago de Chile                                                                             

Wellblechwand mit handschriftlichen Zetteln daran, im Hintergrund ein Berghang mit verbrannten Hütten.

Hilferufe nach der Brandkatastrophe. Foto: Jürgen Schübelin

Jürgen Schübelin besuchte Familien, die bei der Brandkatastrophe im April ihr Zuhause verloren haben.

Die Adresse steht auf einem Blatt Papier – Los Chonos 86 B – an einen Wellblechzaun geklebt, dazu eine Handy-Nummer. Darüber ein Hilferuf: „Eine Hütte –  dringend! Bitte! Unsere Kinder brauchen ein Dach über dem Kopf.“ Seit vier Wochen lebt Familie Díaz nun schon in einer provisorischen Behausung aus Plastikplanen und einem winzigen Zelt. Alles, was das gewaltige Feuer vom 12. und 13. April von ihrem kleinen Haus auf dem Cerro Las Cañas übrig gelassen hatte, sind 15 von der Hitze verformte und verbeulte Wellblechplatten, feinsäuberlich aufgestapelt. Sieben Mal haben sie bereits die endlosen Fragebögen und Formulare ausgefüllt, um eine Notunterkunft zu erhalten. Bislang ist nichts geschehen.

Estrella Díaz, die an jenem apokalyptischen Samstagabend allein mit ihren Kindern zu Hause war, schaffte es im letzten Moment, mit ihren kleinen Jungs die enge, kurvige  Straße hinunterzurennen, ehe die Flammenwand sie erfassen konnte. Ein älteres Ehepaar in der Nachbarschaft hatte weniger Glück und starb in dem kleinen Häuschen, das jahrelang sein Zuhause gewesen war. „Es ging alles so entsetzlich schnell“, berichtet eine der Nachbarinnen, „innerhalb einer Minute erfasste das Feuer hier in unserer Straße zehn Häuser hintereinander. Wir hatten keinerlei Chance, irgendetwas zu retten.“

Die Dimension dieser gewaltigen Feuersbrunst, die in drei Tagen 13.000 Hektar Wald- und Wohnflächen vernichtete, wird erst aus der Nähe fassbar. Foto: Jürgen Schübelin

Die Dimension dieser gewaltigen Feuersbrunst, die in drei Tagen 13.000 Hektar Wald- und Wohnflächen vernichtete, wird erst aus der Nähe fassbar. Foto: Jürgen Schübelin

Auch etwas mehr als einen Monat nach dem verheerenden Großbrand, der 15 Menschenleben gekostet und über 13.000 Bewohner der Viertel auf sechs Hügeln oberhalb der chilenischen Hafenstadt Valparaíso obdachlos gemacht hatte, ist das Chaos und auch eine gewisse Willkür bei der Verteilung von staatlicher Hilfe und Unterstützung augenfällig. Die Katastrophe hat erneut auf schmerzhafte Weise deutlich gemacht, wie begrenzt, prekär und unkoordiniert die Kriseninterventionsmechanismen der zuständigen staatlichen Institutionen funktionieren.Die Menschen auf den vom Feuer verwüsteten Hügeln von Valparaíso haben dafür ein feines Gespür: Auf ihren Transparenten danken sie den freiwilligen Feuerwehrleuten für ihren heroischen Einsatz, den Studenten, die zu Tausenden unmittelbar, nachdem nach dramatischen 72 Stunden die Flammen endlich gelöscht waren, bei der Schuttbeseitigung und dem Abtragen der Ruinen mithalfen – oder den Gewerkschaften und anderen sozialen Organisationen, die als Erste landesweite Kampagnen zur Versorgung der Überlebenden mit Kleidung, Decken und Nahrung organisierten und die Spenden nach Valparaíso schafften. Ein Dank an die Regierung und die zuständigen staatlichen Stellen ist hingegen auf keiner der zahlreichen auf Pappkartons und Mauerreste geschriebenen Botschaften zu finden.

Viele Familien hausen in aus Plastikplanen und Zelten gebauten Notunterkünften. Foto: Jürgen Schübelin

Viele Familien hausen in aus Plastikplanen und Zelten gebauten Notunterkünften. Foto: Jürgen Schübelin

Kentyi Cheung, Psychologe, erfahrener Straßensozialarbeiter und seit dreieinhalb  Wochen im Auftrag des Kindernothilfe-Partners ACHNU verantwortlicher Koordinator des Humanitäre Hilfe-Projektes in der Katastrophenzone von Valparaíso (9200CZ), bringt es auf den Punkt: „Der chilenische Staat lädt die Verantwortung für die Unterstützung und Betreuung der traumatisierten Menschen bei den sozialen Organisationen, den vielen Freiwilligen oder auch dem Personal der öffentlichen Schulen ab.“ So wurde etwa den Lehrerinnen und Lehrern der unmittelbar neben der Großbrandzone auf dem Cerro Las Cañas liegenden David-Ben-Gurion-Schule kurzerhand die Verteilung der Baumaterialien für die provisorischen Hütten übertragen – selbstverständlich zusätzlich zum inzwischen wieder laufenden Unterrichtsbetrieb.Indes drängen die Menschen mit aller Gewalt aus den albergues, den Notunterkünften unten auf dem plan (dem flachen Teil von Valparaíso), zurück auf die Hügel. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass das Feuer gezielt gelegt worden sei, um den Immobilienspekulanten den Zugriff auf die dicht besiedelten Cerros mit dem grandiosen Blick über die Bucht von Valparaíso zu ermöglichen. Obwohl Chiles Präsidentin Michelle Bachelet erklärt hatte, dass ihre Regierung diesmal alles unternehmen werde, um – wie nach dem Erdbeben vom 27. Januar 2010 in der Provinz Concepción geschehen – zu verhindern, dass Immobilien-Haie sich mit teilweise kriminellen Methoden die Grundstücke überschuldeter und verzweifelter Erdbebenüberlebender für einen Apfel und Ei unter den Nagel rissen, ist die Angst mit Händen zu greifen, dass in Valparaíso am Ende genau das doch erneut geschehen könnte.

Ein steiler Berghang, an dem Hütten aus Sperrholzplatten errichtet werden.

Auf den Fundamenten der vom Feuer zerstörten Häuser errichten die Anwohner ihre provisorischen Behausungen. Foto: Jürgen Schübelin

Deshalb wurden in den zurückliegenden zwei Wochen von Bewohnern der Katastrophenzone – unterstützt von unermüdlichen, meist sehr jungen Freiwilligen –  bereits Hunderte mediaguas, kleine aus nur einem Raum bestehende Holzhütten errichtet, um den Platz zu besetzen, auf dem zuvor die von dem Feuer vernichteten Häuser und Unterkünfte standen. Mit einem Meer aus chilenischen Fahnen, Transparenten und selbst gemalten Schildern mit den Namen der Familien und ihrer Anschrift markieren die damnificados, die durch den Großbrand obdachlos Gewordenen, die kleinen Flächen an den steilen Hängen und ihren Anspruch darauf, hier auch in Zukunft leben zu können.

Die tief eingeschnittenen kleinen Täler der Hügel von Valparaíso wirkten wie Kamine, um die Flammen zusätzlich anzufachen. Foto: Jürgen Schübelin

Die tief eingeschnittenen kleinen Täler der Hügel von Valparaíso wirkten wie Kamine, um die Flammen zusätzlich anzufachen. Foto: Jürgen Schübelin

Das Ausmaß der Verwüstungen dieser Feuerwalze kann nur nachvollziehen, wer zu Fuß stundenlang auf den sechs abgebrannten Hügel unterwegs ist. Das Inferno vernichtete innerhalb von Minuten alles, was sich die Menschen in Jahren aufgebaut hatten. Die kleinen engen Täler, die die Hügel oberhalb von Valparaíso durchfurchen, wirkten wir Kamine, durch die der Wind vom Pazifik her den Flammen immer wieder neu anfachte. Und die zahlreichen Eukalyptus-Bäume verwandelten sich mit ihren ätherischen Harzen in riesige Fackeln, die die gewaltige Hitzeentwicklung noch verstärkten. Von all dem ist in weiten Teilen nur der blanke Boden übriggeblieben, ohne jegliche Vegetation, völlig schutzlos dem starken Regen während der jetzt beginnenden Wintermonate und den entsprechenden Erdrutschrisiken ausgesetzt.

 In dem kleinen Gemeindezentrum von Las Cañas hat der Kindernothilfe-Partner ACHNU eines der Kinderzentren eingerichtet. Foto: Jürgen Schübelin

In dem kleinen Gemeindezentrum von Las Cañas hat der Kindernothilfe-Partner ACHNU eines der Kinderzentren eingerichtet. Foto: Jürgen Schübelin

Wie sehr der Schock über das Erlebte den Menschen von den Cerros in den Knochen sitzt, wird deutlich, wenn man mit den Kindern im Centro Comunitario Las Cañas zusammen ist. Dort hat der Kindernothilfe-Partner ACHNU in Zusammenarbeit mit ANIDE, einem weiteren Kindernothilfe-Partner, bereits wenige Tage nach dem Großbrand damit begonnen, ein Kinderzentrum aufzubauen, in dem zurzeit 120 Mädchen und Jungen betreut werden, die mit ihren Familien wieder auf den Hügel zurückgekehrt sind. Das kleine Gemeindezentrum ist das einzige Gebäude in ganzen Umkreis, das kein Raub der Flammen wurde. Während Freiwillige im Auftrag der Nachbarschaftsorganisation auf den Fluren und dem kleinen Sportplatz gespendete Hilfsgüter sortieren und ihre Verteilung vorbereiten, arbeitet das ACHNU-Team in einem der Räume mit den Kindern, die an diesem Vormittag gekommen sind, um sich von Jeanette und Jota, zwei Theaterleuten, kleine Geschichten vorspielen zu lassen, in denen es in Variationen immer um das gleiche Thema geht, nämlich darum, dass Kinder es den Erwachsenen zeigen – und in absolut aussichtslosen Lagen mit kreativen und pfiffigen Einfällen in der Lage sind, das Blatt zu wenden. Mitten im Spiel hängen sich zwei Jungs wie die Kletten an Jeanette, die sie behutsam wieder an ihren Platz begleitet. Hinterher gibt es etwas zu essen und Kakao zu trinken, dann stürmen die Kinder mit einem der Betreuer und einem zerknautschten Fußball aus dem Raum, um auf den paar freien Metern zwischen den gespendeten Kleidungsstücken und einem improvisierten Büro der Nachbarschaftsorganisation zu kicken.

Gabriela, eine der Psychologinnen aus dem Team des Kindernothilfe-Partners ACHNU ist jeden Tag unterwegs, um mit den Kindern und Eltern, die auf die Hügel zurückgekehrt sind, zu sprechen. Foto: Jürgen Schübelin

Gabriela, eine der Psychologinnen aus dem Team des Kindernothilfe-Partners ACHNU ist jeden Tag unterwegs, um mit den Kindern und Eltern, die auf die Hügel zurückgekehrt sind, zu sprechen. Foto: Jürgen Schübelin

Gabriela, eine der Psychologinnen aus dem ACHNU-Team, kennt diesen Hyperaktivismus, aber auch Phasen von Apathie und Aggressivität inzwischen genau: Die Kinder leben immer noch in einem permanenten Ausnahmezustand. Ihre Welt, so wie sie vor dem Feuer aussah, gibt es nicht mehr. Das auf sechs Monate angelegte Programm, das Kindernothilfe unterstützt, will erreichen, die betroffenen Kinder psychisch zu stabilisieren und ihnen zu helfen, ihre traumatischen Erlebnisse während und nach der Katastrophe zu verarbeiten.Dazu gehört aber auch eine enge Kooperation mit den Lehrerinnen und Lehrern an den Schulen rund um die niedergebrannte Fläche – und deren Weiterbildung, um im Unterricht mit Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Verletzungen der Kinder angemessen umgehen zu können. Wie dringend notwendig die Unterstützung der Lehrerkollegien und Schulleitungen ist, machen die ACHNU-Erfahrungen der zurückliegenden Wochen deutlich: „Wir haben miterlebt, wie Kinder vom  Cerro Las Cañas plötzlich mutterseelenallein in Schulen in ganz anderen, weit entfernten Stadtteilen von Valparaíso geschickt wurden“,  berichtet Kentyi Cheung vom ACHNU-Team, „und darauf extrem verunsichert und eingeschüchtert reagierten.“ Ein kleiner Junge aus dem ACHNU-Betreuungsprogramm versteckte sich sogar morgens, um nicht in eine fremde Schule zu müssen. „Alles, was für die Kinder in dieser Situation zusätzlichen Stress bedeutet, was sie zusätzlich verunsichert“, ist Kentyi überzeugt, „müssen wir unbedingt verhindern.“Zwei weitere Kinderzentren wird ACHNU in den kommenden Tagen eröffnen – insgesamt sollen durch dieses Humanitäre Hilfe-Projekt, dem das ACHNU-Team den Namen „Sichere Räume für Kinder“ (Espacios Seguros para Niños) gegeben hat, 2.000 Mädchen und Jungen erreicht werden. Das Problem ist bislang, auf den Hügeln Räume zu finden, in denen mit den Kindern gearbeitet werden kann. Deshalb finden ganz viele der Aktivitäten, solange die Witterung es zulässt, draußen statt.

Auch stabil und solide errichtete Häuser konnten den Flammen nicht standhalten. Foto: Jürgen Schübelin

Auch stabil und solide errichtete Häuser konnten den Flammen nicht standhalten. Foto: Jürgen Schübelin

In den von der Regierung einberufenen Expertenrunden wird erbittert über einen Masterplan für den Wiederaufbau gestritten. Der Bürgermeister von Valparaíso und der Regierungspräsident der V. Region, zu der die Hafenstadt gehört, liefern sich öffentlich Gefechte über die jeweiligen Zuständigkeiten. Im Hintergrund hat längst das Feilschen um die Kuchenstücke an den in Aussicht gestellten staatlichen Fördermittel begonnen. Währenddessen durchleiden die Kinder und Erwachsenen auf den sechs abgebrannten Hügeln eine ganz schwierige Zeit: „Wir sind mitten in einer Krisenphase nach dem Ende der ersten Hilfseuphorie“, erklärt der ACHNU-Psychologe Kentyi Cheung, „Valparaíso ist wieder aus den chilenischen Medien verschwunden. Jetzt dreht sich alles um die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft. Das verletzt die Menschen.“ Die Regierung hat die Freiwilligeneinsätze weitgehend gestoppt – mit der Begründung, dass nicht genügend mobile Toiletten zur Verfügung stünden. Es fehlen Helfer, um die verbleibenden Ruinenreste und den Brandschutt zu entsorgen und beim Errichten der Behelfsbehausungen mit Hand anzulegen. Und für viele Familien, die bisher in einem eigenen kleinen Haus gelebt haben und sich jetzt in einer winzigen Hütte aus eilig zusammengezimmerten Pressspanplatten wiederfinden, „ist das einfach nur Stress pur“, fügt Kentyi hinzu.

Das achtköpfige ACHNU-Team ist jeden Tag auf den Hügeln unterwegs, erklärt den Erwachsenen, worin die Arbeit mit den Mädchen und Jungen in den Kinderzentren besteht, tröstet und berät, wie man sich in dieser Situation im Dschungel der staatlichen Zuständigkeiten zurechtfinden kann, stellt Kontakte zu anderen Institutionen her und motiviert, sich gerade jetzt an den Nachbarschaftsorganisationen zu beteiligen, um Stimme und Gewicht beim Wiederaufbau einbringen zu können. Gabriela, die zweite Psychologin im Team, setzte außerdem eine Idee um, die bei den Familien auf den verwüsteten Cerros extrem gut ankommt: Sie hat liebevoll alle Mädchen und Jungen aus dem Kinderzentrum, aber auch Eltern und Geschwister portraitiert, und den Familien Farbabzüge geschenkt, weil mit dem Hab und Gut in den Häusern und Hütten ja auch alle fotographischen Erinnerungen an das frühere Leben vernichtet wurden.

So können auch Sie helfen: http://www.kindernothilfe.at/online_spenden.html

Spendenkonto:
Erste Bank Kto.-Nr. 310028-03031 BLZ 20111
BIC GIBAATWW IBAN AT142011131002803031

¡Hola! aus Chile

Kindernothilfe Österreich Mitarbeiterin Katharina Schabasser begleitet Jürgen Schübelin (Lateinamerika Referatsleiter Kindernothilfe Deutschland) nach Chile, um dort die Arbeit in den Projekten und den Projektpartner ANIDE kennen zu lernen.

Chile_Basteln im Kinderzentrum

Kindgerechte Betreuung, Lernen und Spielen – all das ist im Kinderzentrum für die Kinder aus benachteiligten Familien möglich. Foto: Schübelin

Mein Tag beginnt mit dem Besuch bei der Organisation ANIDE und ihren MitarbeiterInnen. Sehr freundlich werden Jürgen und ich begrüßt, und ich erhalte eine Einführung in die Arbeitsbereiche der ANIDE MitarbeiterInnen und erfahre mehr über die sechs anwesenden Team-Mitglieder.

Die Kindernothilfe blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit ANIDE zurück – die Hauptaufgabe von ANIDE ist die Hilfe und Unterstützung von Kindern, die in Armutssituationen leben und/oder von Gewalt betroffen sind. Im Gespräch mit dem Leiter von ANIDE, Jose Horacio Wood, und seiner Kollegin Claudia Vera erhalte ich einen Einblick in die Realität vieler Kinder in Chile: Die Erziehungsmethoden der meisten Eltern sind autoritär und streng. Beinahe alle Kinder machen Erfahrungen mit Gewalt – sei es körperliche, seelische oder sexuelle Gewalt. Dies prägt die Kinder nachhaltig und somit auch die Gesellschaft Chiles. Besonders schlimm ist die Situation der Kinder in den Armenvierteln, den so genannten Poblaciones, die es auch in der Hauptstadt Santiago gibt.

Kinder- und Jugendzentrum „Belen el Cobre“schenkt den Kindern Hoffnung

ANIDE betreut in Kooperation mit der Kindernothilfe unterschiedliche Projekte, die sich dem Schutz der Kinder vor Gewalt, Ausbeutung und Diskriminierung verschrieben haben. Zu einem dieser Projekte, „Belen el Cobre“ fahren wir gleich. Das Kinder- und Jugendzentrum ist ein wichtiger Treffpunkt und Zufluchtsort für Kinder, Jugendliche und auch viele Eltern aus dem Armenviertel Penalolen.

Beim Betreten des großen Zentrums fällt mir sofort die bunte Gestaltung des Kindergartens und der ganzen Anlage auf. Die Wände des Kindergartens und des Gemeindezentrums sind bunt bemalt, auch einen kleinen Garten gibt es.

Es ist der 2. Mai, wie auch in Österreich ein Fenstertag, deshalb sind weniger Kinder hier als sonst. Fahren viele österreichische Familien über das verlängerte Wochenende aufs Land oder nutzen die Zeit für Ausflüge mit der Familie, so hat die Abwesenheit der Kinder hier in Penalolen andere Gründe: viele der Kinder sind mit ihren Eltern unterwegs, um auf den Straßen etwas zu verkaufen.

Trotzdem treffen wir beim Besuch der unterschiedlichen Gruppenräume des Kindergartens kleine Buben und Mädchen bei der gemeinsamen Jause: Sie sitzen an den winzigen Tischchen, essen zur Feier des Tages Kuchen und trinken Milch.

Ein Ort, an dem sich die Kinder wohl fühlen

Jeder der bunt geschmückten Gruppenräume hat ein anderes Thema und macht die Kinder mit unterschiedlichen Bereichen der chilenischen Kultur vertraut: sie lernen über die Mapuche (die indigenen Einwohner Chiles) oder die Bewohner der Osterinseln. Neben bunten Kinderplakaten zu diesen Themen sehe ich auch Plakate, auf denen die Kinder Themen wie Körperpflege oder gesunde Ernährung erarbeitet haben. Mein Kollege Jürgen Schübelin setzt sich zu den Kindern an den Tisch und unterhält sich mit ihnen. Zuerst noch etwas schüchtern, aber dann doch auskunftsfreudig, erzählen sie, wie sie heißen und was sie heute so gelernt haben.

Chile_Gemüsegarten des Kinderzentrums

Im Gemüsgarten des Kinderzentrums lernen die Kinder viel über gesunde Ernährung. Was angebaut wird, wird dann auch gemeinsam verspeist. Foto: Schabasser

Danach gehen wir zum kleinen Garten, der neben dem Innenhof mit den bunten Schaukeln und Klettergerüsten liegt. Die Erzieherinnen erklären uns, dass sie hier mit den Kindern Salat, Tomaten und Kräuter anbauen. Es gibt auch kleine Komposthaufen, in denen Küchenabfälle und Laub zu fruchtbarer Erde gemacht werden. Die wenigsten Familien hier haben einen eigenen Gemüsegarten – umso wertvoller und lehrreicher ist die Beschäftigung mit Pflanzen und Kräutern im kleinen Garten des Projekts.

Gemüsegarten_c_JürgenSchübelin

Beim Anbau mitzuhelfen macht den Kindern viel Freude und sie zeigen stolz, was sie anbauen. Foto: Schübelin

Direkt neben dem Garten ist ein kleiner Werkraum. Hier werken die älteren Kinder mit Ton und einige Mütter stellen auch kleine Krüge und Behälter her. Den Kindern macht das Arbeiten mit Ton Spaß. Es fördert ihre Kreativität, denn daheim haben sie selten die Möglichkeit zu basteln – zu klein sind die Häuschen der meisten Familien und es fehlt das Geld für Bastelmaterial.

Schade finden wir, dass wir heute nur so wenig vom Kindergarten und Schulbetrieb mitbekommen und fragen, ob wir am Ende unseres Aufenthalts in Santiago nochmals vorbei kommen können – ja, das können wir 🙂 !

Kinderzentrum als Lebensmittelpunkt für die Kinder und Familien

Von der Projektleiterin Vivian und der erzieherischen Leiterin Hilda werden wir in einen anderen Teil der Anlage geführt. In einem der Räume erwarten uns ElternvertreterInnen, Vertreter der Jugendgruppe und Erzieherinnen sowie einer der Sozialarbeiter, der für die Jugendarbeit zuständig ist.

In großer Runde sitzen wir im Sesselkreis und alle Personen beginnen sich vorzustellen. Schon nach den Erzählungen der ersten Personen beginne ich zu verstehen, warum das Zentrum „Belen el Cobre“ einen zentralen Stellenwert für das Viertel hier hat. Viele der anwesenden Eltern und Erzieherinnen haben selbst hier den Kindergarten besucht und am Freizeitprogramm teilgenommen. Heute sind ihre eigenen Kinder hier oder sie arbeiten selbst für die Kinder.

Die Betreuung der Kindergartenkinder hat hohes Niveau. Ich erfahre, dass in öffentlichen Kindergärten, aber auch in den meisten privaten Einrichtungen, die Zahl pro Kindergruppe bei 30 Kindern liegt und so keine individuelle, umfassende Förderung für das einzelne Kind möglich ist. Hier in „Belen el Cobre“ aber sind die Gruppen klein, maximal 12 Kinder in der Kleinkindergruppe und in der Vorschulgruppe maximal 20 Kinder. Die kleinen Gruppen sichern, dass die Betreuerinnen wirklich auf die einzelnen Kinder eingehen können und sie optimal gefördert werden.

Ein anwesendes Ehepaar schildert, dass die Kinder hier im positiven Sinn anders sind, wenn sie den Kindergarten verlassen und in die Schule aufgenommen werden (schon die Vorschulkinder müssen sich in den Schulen um eine Aufnahme bewerben – schon in jüngstem Alter werden die Kinder also bewertet und sogar abgelehnt). Die Kinder sind selbstbewusst und durch die gute, umfassende Förderung sehr gut auf den Unterricht vorbereitet.

Ohne Bildung keine Perspektive

Das Unterrichtsniveau in den öffentlichen Schulen Chiles ist unzureichend und schlecht. Es wird mit unzeitgemäßen pädagogischen Methoden gearbeitet und oftmals ist das einzige „Lehrmittel“ die Tafel – keine Bücher, keine Lernspiele, keine Filme oder ähnliches. Die vorgegebenen Ziele des Lehrplans erreicht die Hälfte der SchülerInnen nicht. Viele verlassen zu früh, völlig frustriert und natürlich ohne gut lesen, schreiben oder rechnen zu können die Schule.

Chile_Kinder im Kinderzentrum

Durch die Bildungsmöglichkeit im Projekt schaffen viele die Wiederaufnahme in eine reguläre Schule. Foto: Schabasser

Viele Jugendliche aus Penalolen haben genau das gemacht: Sie haben die Schule verlassen und stehen nun ohne Perspektive da. Die Sozialarbeiter kümmern sich genau um diese Mädchen und Buben. In kleinen Gruppen erarbeiten sie gemeinsam versäumten Lernstoff. Das wichtigste dabei ist: jeder lernt in seinem eigenen Tempo. So kommt die Freude am Lernen wieder und der Wiedereintritt in die Schule gelingt vielen.

Nach der Präsentation der Projektarbeit und der Geschichte des „Belen el Cobre“ kommt ein weiteres Highlight: Eine Gruppe von jugendlichen Buben stellt stolz ihre Aktivitäten des vorangegangenen Jahres vor. Die Buben sind Teil der „Grupo Motor“, einer Gruppe von Jugendlichen, die die anderen Jugendlichen nach außen vertreten, also sozusagen als Sprachrohr tätig sind.

Chile_Kinder zeigen was sie lernen

Die Kinder zeigen stolz, an welchen Aktivitäten sie durch das Projekt teilnehmen. Foto: Schabasser

Die Jugendlichen in der Umgebung sind sich bewusst, dass sie nicht die gleichen Rechte und Chancen haben, die Gleichaltrige aus gutbetuchten Haushalten haben. Die schlechte Qualität ihrer Schulbildung ist für zukünftige Arbeitgeber deutlich erkennbar: der Besuch einer öffentlichen Schule, schlechte Ausdrucksfähigkeit und Präsentation der eigenen Fähigkeiten sind eindeutige Hürden bei der Jobsuche. Um studieren zu können, müssen sich die jungen Erwachsenen hoch verschulden und teilweise jahrelang Kredite abbezahlen, mit deren Summe sie auch ein Haus kaufen könnten.

Wollen kein Opfer mehr sein – Kinder wehren sich gegen Diskriminierung

Wir fragen die Buben, wo ihre Rechte noch verletzt worden sind. Einer der Buben erzählt daraufhin, dass er von Polizisten nach seinem Busausweis befragt wurde und sie die Echtheit seiner Dokumente angezweifelt hätten. Sie haben ihn beschimpft, angepöbelt und geschubst. Solche negativen Erfahrungen müssen viele der Jugendlichen aus den Armenvierteln machen. Die Erfahrung, machtlos zu sein und zum Opfer zu werden, ist schlimm.

Umso motivierter sind die Jugendlichen, hier etwas an ihrer Situation zu ändern – sie veranstalten Workshops zum Thema Kinderrechte, nehmen an nationalen und internationalen Versammlungen teil und machen auf kreativem Wege auf ihre Anliegen aufmerksam. Ich persönlich finde den Flashmob, den die Jugendlichen letztes Jahr veranstaltet haben, besonders originell: viele Kinder haben sich mit bunten Transparenten  getroffen und an wichtigen Orten im Viertel ihr Recht auf Bildung lautstark eingefordert.

Es ist nicht zu übersehen, dass das Projekt einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Bildung für die Kinder leistet. Durch die Projektarbeit erhalten die Kinder die Chance auf eine bessere Zukunft. Und das betrifft auch den Umgang der Eltern mit ihren Kindern: Die Eltern haben ihr eigenes Verhalten gegenüber ihren Kindern überdacht und nehmen auf deren Wünsche und Bedürfnisse besser Rücksicht. Das Bewusstsein über die Wichtigkeit von Bildung, der Zusammenhalt im Viertel und ein guter, respektvoller Umgang miteinander werden den Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern vermittelt.

Ein Kind zeigt uns sein Zuhause

Nach dem Besuch im Projekt lädt uns einer der Jugendlichen aus der „Grupo Motor“ zu sich nach Hause ein. Ganz in der Nähe befindet sich das kleine Häuschen, in dem Martin mit seinem Bruder und seinen Eltern lebt.

Das Häuschen, das aus zwei Räumen und einer kleinen Küche besteht, hat der Vater im Rahmen eines Projekts zum sozialen Wohnbau erworben. Er zahlt den Kredit dafür schon seit 12 Jahren ab, acht weitere Jahre liegen noch vor ihm. Martins Mutter ist froh, dass ihre zwei Söhne viel Zeit im „Belen el Cobre“ verbringen, denn dort sind sie gut aufgehoben. Die Familie hat schwere Zeiten hinter sich: gerade eben hat der Vater nach langer Arbeitslosigkeit wieder Arbeit gefunden. Ergriffen zeigt er uns das Bild seines jüngsten Sohnes, der als Kleinkind verstorben ist. Er kam mit einer Behinderung zur Welt und erkrankte an einer Infektion, die er nicht überlebte.

Dieser Schicksalsschlag hat die Familie sehr mitgenommen, der Vater erkrankte an einer schweren Depression und verlor seinen Job. Auch Martins Mutter verlor ihre Anstellung als Haushälterin nach 20 Jahren, als sie ihren jüngsten Sohn zur Welt brachte. Der 16-jährige Martin und sein Bruder haben in dieser Zeit Hilfe und Zuflucht im Projekt gefunden. Heute schöpfen sie wieder Hoffnung, denn Martins Vater geht es besser und er hat wieder Arbeit gefunden!

Es ist schon dunkel draußen als wir das kleine Haus verlassen und durch das Viertel zurück zum Auto gehen. Ich beginne zu verstehen, wie eine Kindheit hier aussieht und mit welchen Herausforderungen die Familien konfrontiert sind. Auf engstem Raum leben die Familien in einfachen, kleinen Häuschen zusammen. Es mangelt an ordentlichen Spielplätzen und einem sinnvollen Freizeitangebot. Umso wichtiger finde ich die Möglichkeit, dass Kinder wie Martin und sein Bruder ihre Zeit in „Belen el Cobre“ verbringen können.

Im Kinderzentrum_Foto:Schabasser

Im Kinderzentrum können die Kinder einfach Kind sein – spielen, lachen, Spaß haben und ihre Alltagssorgen vergessen. Foto: Schabasser

In den nächsten Tagen fahren wir in den Süden Chiles und werden in Temuco und Concepcion weitere Projekte besuchen – sie widmen sich der Hilfe für Kinder in den Mapuche Gemeinden und  auch Kindern, die von kommerzieller, sexueller Ausbeutung betroffen sind oder waren.

Viele Grüße aus Santiago sendet,

Katharina

Zu Projekten der Kindernothilfe in Chile